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Dr. Thomas Fandel
Kleine Pfaffengasse 16, 67346 Speyer

 

 

Zur Verfolgung katholischer und evangelischer Pfarrer in der Pfalz in der NS-Zeit

Vortrag am 9. November 2010 bei einer Gedenkveranstaltung in Dahn

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wer über das Thema „Kirche(n) und Drittes Reich“ sprechen will, kann sich dabei nicht nur auf die Verfolgung von Pfarrern beschränken. Zweifelsohne wurden Pfarrer im „Dritten Reich“ ausgegrenzt, schikaniert, verfolgt, manche verloren sogar ihr Leben. Doch das ist nur ein Aspekt. Neben Widerstand und Verfolgung gab es auch Anpassung, Versagen, ja sogar Kollaboration. Das muss gerade an einem 9. November – 72 Jahre nach der Reichspogromnacht – deutlich gesagt werden. Deshalb wird mein Vortrag beides berücksichtigen: Verfolgung, aber auch Versagen von evangelischen und katholischen Pfarrern in der Pfalz.

 

In einem ersten Teil möchte ich schlaglichtartig Grundlegendes zum Verhältnis der beiden großen christlichen Kirchen in der Pfalz zum Nationalsozialismus insgesamt bieten. Es handelt sich dabei um ein Thema, das nach wie vor zu den umstrittensten Feldern der historischen Forschung und noch mehr der öffentlichen Diskussion gehört. Bedauerlicherweise wird die öffentliche Meinung auf diesem Gebiet weniger von der differenzierten historischen Fachdiskussion geprägt. Gehör finden vielmehr häufig Publikationen, die von Fachhistorikern einstimmig abgelehnt werden, in ihrer Einseitigkeit aber herrschende Klischees zu bestätigen scheinen. Erinnert sei nur an die Publikationen von Daniel Goldhagen oder John Cornwell.

 

Aufgrund der vorgegebenen Zeit möchte ich mich dabei im Folgenden auf die Ausgangslage 1933, die Diskussion um die Frage „Widerstand oder nicht“ sowie das Verhältnis zu den Juden beschränken.

 

In einem zweiten großen Teil wird es um die Opfer gehen, um Pfälzer Theologen, die von den braunen Machthabern und ihren Anhängern schikaniert, misshandelt, ins Gefängnis oder KZ gesperrt wurden. Ihr Schicksal ist heute vielfach vergessen. Dabei führt gerade die Beschäftigung mit diesen Menschen den brutalen Charakter der NS-Herrschaft deutlich vor Augen und lenkt den Blick auf die Täter.

 

Mich hat bei der Vorbereitung auf diesen Vortrag eine Predigt sehr beeindruckt, die ein katholischer Pfarrer im Juli 1945 in St. Ingbert hielt. Diese Predigt ist hinsichtlich der Beschäftigung mit der NS-Zeit nach wie vor aktuell. Pfarrer Friedrich Seitz aus Schallodenbach bei Otterberg, von 1940 bis 1945 selbst in Dachau inhaftiert, sagte damals: „Wenn mein eigener Körper einmal eines Tages in allen Regenbogenfarben geschimmert hat, so war ich das und kein anderer, und wenn ich selbst einmal 10 Minuten auf der Erde lag, und diese Henkersknechte mit ihren Stiefeln auf mir herum getrampelt  haben, und meine Kameraden schon die Sterbegebete gestammelt haben, so weiß ich doch, dass ich das war und kein anderer. Das sind keine Märchen, das ist keine Propaganda, das ist die Wahrheit, und wer heut das nicht glaubt, o ich wünscht ihm, er habe es nur für einige Tage miterlebt. Ich stehe hier und gebe davon Zeugnis. Adolf Hitler sagte einst: Alles, was in Deutschland geschieht, dafür bin ich verantwortlich. Er war unterrichtet und alles war von oben her geduldet und wäre unter uns einer, der heute noch diese Sache entschuldigt, der gehörte auch in die Reihe dieser Mörder.“

 

 

Überblick

 

Zunächst die generellen Bemerkungen.

Wenn wir über die Kirchen und den Nationalsozialismus sprechen, dann muss man – und dies gilt ganz besonders für die Pfalz – deutlich zwischen den beiden großen Konfessionen unterscheiden. Die „Grundtatsache“ der konfessionellen Spaltung Deutschlands zeigte auch im politischen Raum Auswirkungen. In einer Zeit, in der nicht das Gemeinsame, sondern das Trennende der beiden Konfessionen als maßgeblich erachtet wurde, konnten die Nationalsozialisten konfessionelle Vorbehalte für ihre Zwecke instrumentalisieren. Der Historiker Manfred Kittel hat es einmal zugespitzt so formuliert: „Wer vom konfessionellen Konflikt schweigen möchte, kann vom Scheitern Weimars nicht reden.“

 

Katholischerseits bestand bis zum Regierungsantritt Hitlers eine klare Ablehnung der NSDAP: Die Bischöfe verurteilten den Nationalsozialismus aus weltanschaulichen Gründen, wie sie schon den Sozialismus und Liberalismus verurteilt hatten, und die kirchengebundenen Katholiken folgten dieser Vorgabe weitgehend. Zwar gaben im Laufe der Weimarer Republik auch immer mehr Katholiken der Partei Hitlers ihre Stimme – und zwar vor allem jüngere Männer –, doch letztlich blieb es dabei: Für viele Katholiken kam eine Stimmabgabe für Hitler von vornherein nicht in Frage. Die Wahlergebnisse sowohl auf Reichsebene als auch in der Pfalz machten deutlich, dass die Konfession ein ganz entscheidender Faktor für Erfolg oder Nichterfolg der NSDAP bei Wahlen war. Ihre pfalzweit schlechtesten Ergebnisse erzielte die NSDAP im zu fast 90 Prozent katholischen Bezirk Speyer, während sie in den mehrheitlich evangelischen Bezirken Kirchheimbolanden, Kusel und Rockenhausen besonders gut abschnitt.

 

Geht man auf die Mikroebene und vergleicht benachbarte Dörfer mit ähnlicher Sozialstruktur tritt die Bedeutung des konfessionellen Faktors noch deutlicher hervor. Ein Extrembeispiel aus der Nähe Dahns sind die Gemeinden Darstein und Hauenstein. Das protestantische Darstein votierte 1930 als erste Gemeinde in Deutschland zu 100 Prozent pro NSDAP. Dagegen war das katholische Hauenstein eine Bastion des politischen Katholizismus und stellte im März 1933 mit 92,6 Prozent pro Zentrum bzw. Bayerische Volkspartei ebenfalls ein deutschlandweites Rekordergebnis (für Gemeinden über 1000 Einwohner) auf.

 

Viele katholische Gemeindepfarrer lehnten die NSDAP nicht nur aus weltanschaulichen Gründen ab. Die katholischen Parteien – also Zentrum und Bayerische Volkspartei – wurden nicht nur von der Kanzel aus unterstützt. Vielfach griffen Geistliche als politische Funktionäre direkt in das tagespolitische Geschehen ein. Auch in der Pfalz kam es zu erbitterten Feindschaften zwischen katholischen Pfarrern und NSDAP-Funktionären.

 

In Dahn darf natürlich der Hinweis auf den Kapuzinerpater Ingbert Naab (* 1885 in Dahn) nicht fehlen. Naab ist ein herausragendes Beispiel für den Kampf der katholischen Publizistik gegen die NSDAP. Berühmt sein offener Brief an Hitler 1932. Darin wurde unter anderem auf Hitlers Forderung eingegangen, ihm zwölf Jahre Zeit zum Regieren zu geben. Dazu Pater Naab: „Ja, gebt ihm zwölf Jahre und er wird Deutschland so zerstören, dass Ihr es nicht mehr kennt.“

 

Ganz anders dagegen die protestantische Perspektive in der Endphase der Weimarer Blick: In ihrer überwiegenden Mehrheit hielten die protestantischen Pfarrer Zurückhaltung in parteipolitischen Fragen von Amts wegen für angemessen. Allerdings blieb der Öffentlichkeit nicht verborgen, dass der pfälzische Protestantismus – und mit ihm auch die Pfarrerschaft – immer stärker zur NSDAP tendierte. Politische Hoffnungen drängten theologische Bedenken in den Hintergrund. In ihrer Begeisterung für das – wie man es damals nannte – „Aufbrechen des nationalen Willens“ im Nationalsozialismus waren nicht wenige Theologen der Überzeugung, dass ihnen die Aufgabe zufiel, so der evangelische Pfarrer von Schönau 1930, „die Hitler-Bewegung, die religiöse Kräfte in ihrer Bedeutung an­erkennt, in bewusst christlichem Geist vom Evangelium her zu beeinflussen, solange noch alles im Fluss ist“.

 

In dieser Meinung bestärkt wurden die Pfarrer nicht nur durch den kirchenpolitischen Kurs der NSDAP auf Reichsebene. Der pfälzische Gauleiter Josef Bürckel, ein Katholik, verbot für seinen Machtbereich strengstens alle Erörterungen, die geeignet waren, NSDAP-Gegnern Belege für eine Christentumsfeindlichkeit des Nationalsozialismus zu liefern. Der Gauleiter gab sich in der Öffentlichkeit demonstrativ religiös und präsentierte die NSDAP als Retterin vor der von vielen Christen gefürchteten „bolschewistischen Gefahr”.

 

Attraktiv war der Nationalsozialismus für viele Protestanten nicht nur aus innen- und außenpolitischen Motiven. Er war zudem die politische Kraft, der man am ehesten zutraute, die Macht des in Bayern – und damit auch in der Pfalz – besonders einflussreichen politischen Katholizismus zu brechen. Selbst ein so kritisch über die NSDAP urteilender Theologe wie der Schriftleiter des „Pfälzischen Pfarrerblattes”, Kirchenrat Risch, erwartete sich vom Nationalsozialismus einen Damm „gegen die Übermacht der Zentrumspolitik und des Bolschewismus“.

 

Entsprechend der verschiedenartigen Ausgangssituation unterschieden sich die Reaktionen katholischer und protestantischer Pfarrer in der Pfalz auf die politische Umwälzung des Jahres 1933 erheblich. Die geschlossene Teilnahme von NS-Gliederungen an den Gottesdiensten, der deutliche Rückgang der Kirchenaustritte, zahlreiche Wiedereintritte in die Kirche sowie das Verbot kirchenfeindlicher Organisationen schienen die großen Hoffnungen zu bestätigen, die viele protestantische Pfarrer gehegt hatten. Zwar hinterfragten einige Theologen schon 1933 kritisch die Motivation der vermeintlich aufgebrochenen Kirchlichkeit. Doch konnte an dem öffentlichen Prestigegewinn  kein Zweifel bestehen, den die evangelische Kirche zunächst verbuchen konnte.

 

Allerdings sorgte es für erhebliche Irritationen, dass die neue politische Führung in die Wahlen zur Landessynode und den Presbyterien eingriff, die 1933 in der Pfälzischen Landeskirche anstanden. An der allgemeinen nationalen Euphorie in den Gemeinden konnte dies jedoch nur wenig ändern. Lediglich für die ohnehin nur sehr wenigen religiös-sozialistischen Pfarrer sowie einige Theologen, die sich als NSDAP-Gegner exponiert hatten, stellte die Machtübernahme der Nationalsozialisten eine Bedrohung dar. Darüber hinaus verließ 1934 Pfarrverweser Walter Mannweiler die Pfalz und wechselte in die Schweiz, da er als „nicht-arisch“ galt. Ansonsten herrschte nach wie vor die Überzeugung vor, die evangelische Kirche brauche die NSDAP nur in ihrem Sinne zu beeinflussen, um antichristliche Strömungen innerhalb der Partei zum Verschwinden zu bringen.

 

Die Führung der Pfälzischen Landeskirche, die Mehrzahl der Pfarrer und die pfälzische Gauleitung setzten – unbeschadet der heftigen kirchenpolitischen Auseinandersetzungen auf Reichsebene – auf eine harmonische Zusammenarbeit von Protestantismus und Nationalsozialismus  Der „Alte Kämpfer“ Ludwig Diehl symbolisierte als Landesbischof ab 1934 die weitgehend reibungslose Einbindung der Pfälzer Protestanten in das „Dritte Reich”. Auch in der Pfarrerschaft fanden sich viele Parteimitglieder: Für insgesamt 107 der rund 490 Theologen, die sich zwischen 1933 und 1940 im Dienst der Landeskirche befanden, lässt sich eine Parteimitgliedschaft nachweisen. Das bedeutet, dass etwa jeder fünfte evangelische Pfarrer in der Pfalz NSDAP-Mitglied war, wobei besonders die hohe Zahl junger Parteigenossen auffällt. 1934 beschloss die Landessynode, die Zugehörigkeit zur SA, SS oder einer anderen NS-Organisation zur Voraussetzung zur Zulassung zum theologischen Examen zu machen – eine Auflage, die allerdings schnell hinfällig wurde, weil Theologen in der Partei und deren Gliederungen nicht mehr erwünscht waren.

 

Das entscheidende Problem des Jahres 1933 war für die protestantischen Pfarrer – im Gegensatz zum katholischen Klerus – nicht die Bestimmung des Verhältnisses zu den neuen politischen Machthabern. Im Vordergrund stand vielmehr die Ablösung der beiden zuvor in der Pfalz dominierenden kirchenpolitischen Richtungen – des liberalen Protestantenvereins und der konservativen Positiven Vereinigung – durch die Deutschen Christen. Die Deutschen Christen wurden von vielen Pfarrern mehr als Einigungsbewegung innerhalb der Deutschen Evangelischen Kirche denn als nationalsozialistische Kirchenpartei wahrgenommen, was sie aber definitiv waren. Deshalb schloss sich etwas mehr als die Hälfte aller pfälzischen Theologen zumindest vorübergehend der neuen Gruppierung an.

 

Erst nach der Abstimmung über die Rückkehr des Saarlands in das Deutsche Reich 1935 mussten die evangelischen Pfarrer erkennen, dass die vermeintliche Wertschätzung ihrer Kirche lediglich auf zeitweilige politische Notwendigkeiten zurückzuführen gewesen war. Dass nicht die Linie der pfälzischen Gauleitung maßgeblich für die kirchenpolitische und weltanschauliche Entwicklung in Deutschland war, wurde den evangelischen Pfarrern spätestens 1937 endgültig klar. Dieses Jahr war in der Pfalz durch einen zunehmenden Einfluss der Gestapo und verstärkte Kirchenaustritte von Parteifunktionären bestimmt.

 

Dennoch kam es nur in Einzelfällen zu einer grundlegenden Umstellung der politischen Linie der evangelischen Pfarrer, wie ein Blick auf die Vertreter der Bekennenden Kirche in der pfälzischen Pfarrerschaft verdeutlicht. Im September 1934 hatten sich Pfarrer verschiedener kirchenpolitischer Richtungen zusammengefunden, um sich zur Pfälzischen Pfarrbruderschaft zusammenzuschließen. Die Pfarrbruderschaft, die im August 1938 rund 29 Prozent der Pfarrerschaft in ihren Reihen vereinigte, war – ebenso wie die Bekennende Kirche in anderen Landeskirchen – keineswegs eine wie auch immer geartete politische Opposition gegen das NS-Regime. Ziel war vielmehr ein koordiniertes Auftreten gegen das deutsch-christliche Kirchenregiment von Landesbischof Diehl.

 

Wie wenig es der Pfälzischen Pfarrbruderschaft um eine oppositionelle Haltung zu Staat und Partei ging, zeigte auch die Bereitschaft, 1936 in die deutsch-christlich dominierte Kirchenregierung einzutreten. Im gleichen Jahr lieferte die überwältigende Mehrheit der Pfarrbrüder einen vom Landeskirchenrat geforderten Nachweis der „arischen“ Abstammung der Theologen und ihrer Ehefrauen. Nur zehn, zumeist jüngere Mitglieder der Pfarrbruderschaft verweigerten diesen Nachweis, den sie innerhalb der Kirche – nicht innerhalb des staatlichen Rahmens – ablehnten.

 

Auf der anderen Seite waren radikale deutsch-christliche Positionen innerhalb der pfälzischen Pfarrerschaft ebenfalls nur selten anzutreffen. Dies zeigten die Reaktionen auf das Auftreten der nationalkirchlichen Bewegung ab Ende 1936. Nur etwa ein Dutzend Theologen warb in der Pfalz für die Nationalkirche, die unter dem Etikett „überkonfessionelles Christentum“ letztlich eine völlig nazifizierte Kirche bedeutet hätte. Gegen die Nationalkirche bekannten sich in Sondergottesdiensten Anhänger aller anderen kirchenpolitischen Gruppierungen zu ihrem angestammten Glauben.

 

Bedeutete der Umbruch 1933 für den Protestantismus in der Pfalz also vor allem eine innerkirchliche Herausforderung, so mussten die Katholiken nach der Veränderung der politischen Verhältnisse zunächst ihre Beziehungen zu den neuen Machthabern klären: Der Führer einer bislang abgelehnten politischen Bewegung war nun Reichskanzler – ihm war nach christlicher Auffassung grundsätzlich Gehorsam zu schulden. Eine neue Grundlage erhielt das Verhältnis von katholischer Kirche und NSDAP durch eine Erklärung der deutschen Bischöfe vom 28. März 1933. Die Erklärung hob die bisherigen Verbote und Warnungen auf, nahm allerdings „die in unseren früheren Maßnahmen liegende Verurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer“ nicht zurück. Die Stellungnahme der Bischöfe wurde von einer breiten Öffentlichkeit als vollständige Zurücknahme der bisherigen bischöflichen Haltung wahrgenommen. Sie erfolgte als Reaktion auf die Regierungserklärung Hitlers vom 23. März 1933. In dieser hatte der Reichskanzler die beiden christlichen Konfessionen als „wichtigste Faktoren der Erhaltung unseres Volkstums“ bezeichnet und zugesichert, die Regierung werde „in Schule und Erziehung den christlichen Konfessionen den ihnen zukommenden Einfluss einräumen und sicherstellen“.

 

Die Bereitschaft der katholischen Kirche, sich einer Mitarbeit unter diesen neuen Bedingungen nicht zu verschließen, signalisierte in aller Deutlichkeit die Teilnahme vieler Geistlicher an den Feiern am 1. Mai 1933. In Speyer nahm Bischof Sebastian persönlich mit seinem Generalvikar an dem Aufmarsch teil.

 

Hoffnungen im katholischen Lager, durch eine Mitarbeit an gesellschaftlichen Aufgaben das Vertrauen der NSDAP zu gewinnen, erwiesen sich jedoch schnell als Illusion. Im Juni 1933  machten die Nationalsozialisten gegen konservative NS-Gegner mobil. In der ganzen Pfalz wurden auch katholische Geistliche in „Schutzhaft“ genommen, misshandelt oder zur Flucht aus ihren Pfarreien gezwungen. Um die Haftentlassung der Pfarrer zu erreichen, willigte Bischof Sebastian in ein Abkommen mit der Gauleitung ein, in dem den Priestern strengste Zurückhaltung in politischen Fragen auferlegt wurde. Kurz darauf wurde das Reichskonkordat abgeschlossen, das ebenfalls eine Entpolitisierung des Klerus vorsah.

 

Geistliche, die zu einer offensiven weltanschaulichen und durchaus auch politischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bereit gewesen wären (und von ihnen gab es im Bistum Speyer einige), sahen sich nicht nur durch nationalsozialistischen Terror unter Druck gesetzt. Die Kirchenführung in Speyer forderte von ihnen äußerste Zurückhaltung in politischen Fragen. So teilte die kirchliche Behörde dem Pfarrer von Schweigen-Rechtenbach, Simon Burnikel, bereits in einem Schreiben vom 16. März 1933 mit: „In einer so erregten Zeit wie der unsrigen ist bei Berührung politischer Dinge auf der Kanzel äußerste Vorsicht, kluge Mäßigung und Zurückhaltung für den Seelsorger mehr denn je geboten, wenn er sich nicht unnötiger Weise großen Unannehmlichkeiten aus­setzen und ein gedeihliches, weiteres Wirken gefährden will.“ Nach weiteren Beschwer­den der NSDAP machte das Bischöfliche Ordinariat Burnikel am 7. Juni 1934 zur Auflage, „die Be­handlung politischer Verhältnisse bis auf weiteres gänzlich zu unterlassen“.

 

Das Vorgehen des Bischöflichen Ordinariates hatte nichts mit irgendwelchen Sympathien für den Nationalsozialismus zu tun. Ein zu starkes politisches Engagement von Geistlichen, das sich nicht allein auf die kulturpolitischen Forderungen der Kirche beschränkte, hatte der Bischof stets abgelehnt. Gerade in politisch unsicheren Zeiten ging es ihm darum, die Seelsorge aufrechtzuerhalten. Die Geistlichen sollten sich auf ihre eigentliche Kernaufgabe konzentrieren und diese bestand darin, so der katholische Historiker Joachim Kuropka, „den Gläubigen zu helfen, in den Himmel zu kommen“.

 

Für Sebastian hatte die Gewährleistung einer geregelten Seelsorge unbedingten Vorrang, Konfrontationen mit den nationalsozialistischen Machthabern waren zu vermeiden, wenn nicht Kernbereiche kirchlichen Selbstverständnisses angegriffen wurden.

 

Fast alle katholischen Pfarrer hielten sich nach der Umbruchssituation 1933 an die Vorgaben der Kirchenleitung. So hieß es im Monatsbericht des Regierungspräsidenten der Pfalz vom 8. Februar 1938: „Die bisherigen Kirchenüberwachungen haben ergeben, dass sich die Geistlichen in Predigten und Ansprachen vorsichtig ausdrücken, so dass es nur in seltenen Fällen zu einem Verstoß gegen das Strafgesetz kommt. Die Pfarrer äußern sich so, dass ihre Anhänger sie verstehen, ohne dass polizeilich oder strafrechtlich gegen sie eingeschritten werden kann.”

 

Nach dem Abschluss des Reichskonkordats trat eine gewisse Beruhigung des Verhältnisses von katholischer Kirche und NSDAP in der Pfalz ein. Dies war in erster Linie auf die bevorstehende Abstimmung im Saargebiet zurückzuführen. Gauleiter Bürckel unterband rigoros antikirchliche Bestrebungen und vertagte die Frage der Gemeinschaftsschule bis auf weiteres.

 

Es war aber nicht nur das Entgegenkommen der pfälzischen NS-Führung, das Bischof Sebastian sowie viele Pfarrer bewog, sich für eine Rückkehr des Saargebietes ins Deutsche Reich einzusetzen. Für die überwiegende Mehrheit der saarländischen Katholiken war alles andere als die Option für Deutschland undenkbar, wäre als nationaler Verrat empfunden worden. Umso bemerkenswerter – und bezeichnend für das Verhältnis von katholischen Geistlichen und NS-Regime – ist es, dass dennoch eine nicht unerhebliche Zahl von Pfarrern unter den gegebenen Bedingungen gegen den Anschluss der Region an Deutschland eingestellt war, da sie nicht in das „Dritte Reich“ eingegliedert werden wollten. Für sechs Geistliche aus den Pfarreien des Saargebietes, die zur Diözese Speyer gehörten, war der Ausgang der Abstimmung sogar Anlass, sich ins Exil zu begeben. Der Stimmung der Bevölkerung entsprach jedoch nicht die Haltung dieser Priester, sondern vielmehr die Auffassung der Bischöfe Sebastian und Bornewasser (Trier), die politische Zurückhaltung, zugleich aber eine klare nationale Haltung der Geistlichen gefordert hatten. Ein Blick auf das Abstimmungsergebnis belegt dies in aller Deutlichkeit: Die mehrheitlich katholischen Saarländer entschieden sich mit einer überwältigen Mehrheit von 90,73 Prozent der Stimmen für eine Rückkehr in das Deutsche Reich.

 

Nach der Abstimmung konnte das NS-Regime Rücksichtnahmen auf die Kirche weitgehend fallen lassen. Eine gewisse Ausnahme bildete noch einmal das Jahr 1936 wegen der Olympischen Spiele in Deutschland. 1937 kam es zu einer dramatischen Verschlechterung des Verhältnisses von Kirche und NSDAP.

 

Ende 1936/Anfang 1937 wurde die katholische Bevölkerung auf den zu erwartenden Angriff auf das konfessionelle Volksschulsystem vor allem durch Predigten vorbereitet. Zusätzliche Brisanz erhielt die Schulfrage durch eine lokale Auseinandersetzung um den Rang von Hitlerbildern und Kreuzen, den sogenannten Frankenholzer Schulkreuzstreit. Der Schulstreik in der saarpfälzischen Gemeinde, der eine Inhaftierung katholischer Männer nach sich zog, war kein „Akt katholischen Widerstandes“, der eine Aufkündigung politischer Loyalitäten anzeigte. Dennoch trafen seine Auswirkungen Gauleiter Bürckel an einem äußerst empfindlichen Punkt. Bischof Sebastian machte den Vorfall in der ganzen Diözese publik und ließ keinen Zweifel daran bestehen, dass Frankenholz eben kein Einzelfall, sondern vielmehr symptomatisch für die Gesamtentwicklung im Deutschen Reich war. Diese Entwicklung lief daraus hinaus, den christlichen Glauben durch den Nationalsozialismus zu ersetzen.

 

Gauleiter Bürckel gelang mit der erfolgreichen Durchführung der Abstimmung über die Einführung der Gemeinschaftsschule am 20. März 1937 ein wichtiger Sieg über die katholische Kirche. Zwar kam das klare Ergebnis pro Gemeinschaftsschule auch durch Druck und Manipulationen zustande. (Bezeichnenderweise wurde die Abstimmung blitzartig angesetzt, um den Pfarrern möglichst keine Gelegenheit zur Reaktion zu geben.) Dennoch zeigte die Abstimmung, dass die Bereitschaft der meisten Katholiken, sich Forderungen der NSDAP zu widersetzen, dort an ihre Grenze stieß, wo konkrete Nachteile – vor allem wirtschaftlicher Art – drohten.

 

Für die Pfalz war das Wochenende des 20./21. März 1937 im Übrigen ein wahrhaft dramatisches. Einen Tag nach der Schulabstimmung wurde in allen Kirchen die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ verlesen, die auch in der Diözese Speyer unter strengster Geheimhaltung an alle Pfarreien verteilt worden war. Damit war die von Bürckel so sorgsam „gepflegte Fiktion des Religionsfriedens“ (Helmut Prantl) in seinem Gau endgültig zusammengebrochen. Der Gauleiter, der selbst aus einer fest im katholischen Milieu verankerten Familie stammte, legte es nun darauf an, Bischof Sebastian öffentlich zu diskreditieren und mit ihm die katholische Kirche als überholte und national unzuverlässige Institution darzustellen.

 

Die Auseinandersetzungen um die Schulen, die aufgrund der liberalen Tradition der Landeskirche im protestantischen Bereich kein Pendant fanden, lassen die Eigenart des Verhältnisses von katholischen Pfarrern und NSDAP klar hervortreten. Es ging nicht um eine politische Opposition gegen das NS-Regime, sondern um „weltanschauliche Immunisierung und kirchlich institutionelle Selbstbehauptung“ (Ulrich von Hehl u.a., Priester unter Hitlers Terror). Die Auseinandersetzung wurde gerade in der Schulfrage mit besonderer Heftigkeit geführt, weil beide Seiten eine Erziehung nachfolgender Generationen in ihrem Sinne gewährleisten wollten. Auch in der Jugendarbeit verteidigte die katholische Kirche zäh ihre Eigenständigkeit, während die evangelische Kirche in die Eingliederung ihrer Jugend in die HJ einwilligte und sich in der Folgezeit  äußerst schwer tat, Jugendliche in einem kirchlichen Rahmen zusammenzuführen.

 

In ländlichen Gemeinden gelang es katholischen Pfarrern sogar teilweise, den nationalsozialistischen Jugendorganisationen das Wasser abzugraben und Kinder und Jugendliche für entsprechende katholische Organisationen zu gewinnen. Nicht nur im Hinblick auf den Nachwuchs hatten die katholischen Pfarrer wesentlich größere Möglichkeiten, die Bevölkerung in ihrem Sinne zu  beeinflussen, als ihre evangelischen Kollegen. Zwar bezog sich die Abgrenzung zur NSDAP in erster Linie auf kirchliche Eigeninteressen, doch bewirkte das Beharren auf einer eigenständigen Tradition eine Immunisierung gegenüber dem nationalsozialistischen Totalitätsanspruch.

 

Die beabsichtigte völlige weltanschauliche Durchdringung der Gesamtgesellschaft musste im Hinblick auf die kirchennahen Katholiken scheitern, die – angeleitet von ihren Geistlichen – nicht bereit waren, die neue nationalsozialistische Weltsicht mit ihrer Verabsolutierung des „deutschen” Menschen zu akzeptieren. Insofern erscheint der von dem verstorbenen Historiker Martin Broszat eingeführte Begriff der „Resistenz“ geeignet, die spezifische Eigenart des Verhaltens katholischer Kleriker und der sie stützenden katholischen Kerngemeinden zu beschreiben. Allerdings muss dabei eine klare Abgrenzung zu einem Widerstands-Begriff vorgenommen werden, der Handlungen beschreibt, die auf einen Umsturz des NS-Regimes abzielten. In Fragen, die sich nicht unmittelbar auf Kirche und Religion bezogen, waren die Katholiken durchaus Kinder ihrer Zeit, die durch und durch nationalistisch geprägt war.

 

„Widerstand“, der eine Aufkündigung der politischen Loyalität beinhaltete, wurde auch von jenen katholischen Geistlichen nicht geleistet, die gegenüber den Machthabern eine kämpferischere Linie für richtig hielten, als sie von Bischof Sebastian bevorzugt wurde. In dieser Hinsicht gab es durchaus Parallelen zwischen katholischen Geistlichen und jenen evangelischen Pfarrern, die den eindeutig pro-nationalsozialistischen Kurs ihrer Kirchenleitung nicht teilten. Auch fehlte selbst bei diesen Pfarrern – bis auf ganz wenige Ausnahmen – konfessionsübergreifend die Bereitschaft, sich über die eigenen Grenzen hinaus für Verfolgte einzusetzen. Die Segmentierung der deutschen Gesellschaft in weitgehend geschlossene Milieus bedingte eine Blickverengung auf die jeweils eigenen Interessen.

 

So blieb auch die unmissverständliche Stellungnahme des protestan­tischen Pfarrers von Mutterstadt, Johannes Bähr, zur Reichspogromnacht 1938 eine Ausnahme. Nachdem im November 1938 die Synagoge in seiner Pfarrei in Brand gesteckt wor­den war, hatte Bähr im Religionsunterricht gesagt: „Was hier gemacht wird, ist nicht recht – Juden sind auch Menschen und mit Menschen muss man immer menschlich umge­hen.“ Bähr wurde daraufhin festgenommen, jedoch auf Intervention des Landesbischofs und NSDAP-Mitglieds Ludwig Diehl zwei Tage später wieder freigelassen. Bährs Verhalten entsprach – wie bereits gesagt – nicht dem durchschnittlichen Verhalten der Pfarrer bei­der Konfessionen in der Pfalz.

 

Die mei­sten Theologen schwiegen angesichts der Verfolgung der Juden und sahen keinen Anlass, sich in einer Frage zu ex­ponieren, die ihnen angesichts der Bedrohung kirchlicher Inter­essen und der Gefährdung der eigenen Person von nachrangiger Bedeutung er­schien. Eine wichtige Rolle spielten zudem Vorbehalte gegenüber den Juden, die sowohl aus traditionellem christlichen Antijudaismus als auch aus „sittlich-soziokultureller Judenfeindschaft“ gespeist wurden. Das schloss zwar nicht aus, dass etwa im katholischen Vereinshaus in Speyer Juden Räume für Versammlungen zur Verfügung gestellt wurden. Doch öf­fentlich bezogen lediglich einige Pfarrer unmissverständlich Position, die auch ansonsten gegenüber der NSDAP eine klare Stellungnahme gegenüber vorsichtigem Taktieren bevorzugten. Eine grundlegend andere Sicht des Judentums entwickelte sich erst in den vergangenen Jahrzehnten.

 

 

Verfolgung

 

Nach den Unterlagen aus staatlichen und kirchlichen Archiven, die ich für meine Dissertation auswerten konnte, wurde etwa jeder zweite katholische Geistliche sowie jeder vierte evangelische Pfarrer in der Pfalz und Saarpfalz persönlich von Verfolgungsmaßnahmen betroffen. Verfolgung konnte dabei höchst unterschiedlich aussehen: Sie reichte beispielsweise von den kleinen Schikanen des NS-Alltags über die zahllosen Verhöre, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren bis hin zur Einweisung in das Konzentrationslager Dachau. Verfolgung ging von NSDAP-Funktionären und SA-Leuten aus, von Polizei und Gestapo, von der Justiz und den Verwaltungsbehörden, aber auch von Einzelpersonen oder der NS-Presse.

 

Es fällt auf, dass katholische Geistliche nicht nur quantitativ wesentlich stärker von Verfolgung betroffen waren als ihre evangelischen Kollegen. So stand fünf Einwei­sungen katholischer Geistlicher in das Konzentrationslager Dachau kein einziger Fall im protestantischen Bereich gegenüber. Auf 67 Freiheitsstrafen katholischer Geistlicher kamen vier Haftstrafen protestantischer Pfarrer. Während die evangelischen Theologen – nicht zuletzt aufgrund der Beziehungen ihrer Kirchenführung zur Gauleitung – schnell wieder entlassen wurden, mussten die katholi­schen Geistlichen teilweise längere Haftstrafen auf sich nehmen. Besonders bei Festnahmen durch die Gestapo – vor allem in den Kriegsjahren – war die Dauer der Inhaftierung nicht absehbar. Die Geistlichen wur­den zum Teil schon nach wenigen Tagen wieder freigelassen, andere kamen aber auch für Monate ins Gefängnis oder sogar für Jahre ins Konzentrationslager. Wäh­rend es sich bei den meisten der ermittelten Geldstrafen gegen protestantische Pfarrer um geringfügige Strafen handelte, die zudem in ihrer Mehrzahl unter Amnestie fielen, wurden gegen katholi­sche Geistliche häufiger hohe Geldstrafen verhängt. Auch von den Verfah­ren vor pfälzi­schen Sonder- und Landgerichten waren katholische Geistliche in wesentlich stärkerem Maß betroffen als ihre protestantischen Kollegen.

 

Zwischen NSDAP und katholischer Kirche in der Pfalz bestand nicht nur auf Grund des Behar­rens des katholischen Milieus auf seiner Eigenständigkeit ein wesentlich größeres Konfliktpotential als zwischen NSDAP und protestantischer Kirche. Durch ihren Einsatz für den politischen Katholizismus bis 1933 waren viele katholische Geistliche bei der NSDAP auf Dauer als politisch unzuverlässig abgestempelt. Selbst wenn sie sich nach der Veränderung der politischen Machtverhältnisse ruhig verhielten, wurden sie als „versteckte“ Gegner der NSDAP eingeordnet. Diese Einschätzung traf zwar in der Regel die innere Haltung der Geistlichen, doch führte sie zu einer zu undifferenzierten po­litischen Interpretation von Äußerungen, zu denen sich die Priester auf religiös-weltan­schaulichem Gebiet veranlasst sahen.

 

Dagegen wurde jenen protestantischen Theologen, die die Lage des Christentums in Deutschland öffentlich ähnlich einschätzten wie katholische Geistliche, häufig ihr früherer Einsatz für den Nationalsozialismus zugutegehalten. Einem jungen protestantischen Pfarrer, der 1937 mit dem Gruß „Grüß Gott und Heil Hitler für die Andersgläubigen“ ein Haus betreten hatte, wurde zugestanden, dass die Äußerung scherzhaft gewesen sei. Zuvor hatten Ermittlungen erge­ben, dass der Pfarrer schon vor 1933 als Anhänger des Nationalsozialismus gegol­ten hatte. Deshalb kam es weder zu einem Verfahren wegen Heimtücke noch wurde dem Pfarrer, der Mitglied der Pfälzischen Pfarrbruderschaft war, die Erlaubnis zur Ertei­lung des Religionsunterrichts entzogen. Ohne den Kriegseinsatz vieler junger Theologen, die den Nationalsozialismus zunehmend kritisch beurteilten, wäre es allerdings auch im protestanti­schen Bereich in der Pfalz zu einer erhebli­chen Verschärfung der Maßnahmen wie in ande­ren Teilen des Reiches gekommen. Die Gestapo-Akten lassen erkennen, dass eine weitere Exponierung für die Bekennende Kirche nach ersten Ermittlungen und Ermahnungen nicht mehr geduldet werden sollte. So sollte etwa der erwähnte junge Pfarrer bei neuen Klagen sofort nicht mehr als Religionslehrer wirken dürfen.

 

Neben ihrer persönlichen politischen Vergangenheit kamen protestantischen Pfarrern – wie schon erwähnt – zu­dem die Verbindungen der Führung der Pfälzischen Landeskirche zur Gauleitung und die Verwurzelung einflussreicher pfälzischer National­sozialisten im Protestantismus zu Hilfe. Genannt sei in diesem Zusammenhang etwa der stellvertretende Gauleiter Ernst Ludwig Leyser, der sich 1934 öffentlich gegen die antichristliche Schrift „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ aus der Feder des NSDAP-Weltanschauungsleiters Alfred Rosenberg wandte.

 

Auch die zeitliche Verteilung der Verfolgungsmaßnahmen spiegelt das unterschiedliche Verhältnis der beiden Kirchen in der Pfalz zum Nationalsozialismus wider. Erst ab 1937 – nach der Errichtung der Staatspolizeistelle Neustadt – sahen sich protestantische Pfarrer auf breiter Front mit Bestrebungen konfrontiert, ihr angeblich staatsfeindliches Verhalten zu ahnden. Dagegen hatten die katholischen Geistli­chen von Beginn der NS-Herrschaft an mit Verfolgungsmaßnahmen zu rechnen.

 

Werfen wir zunächst einen Blick ins Jahr 1933, als die Nationalsozialisten sich noch ausgesprochen kirchenfreundlich gaben. So waren von dem politischen Umschwung  dieses Jahres nur die wenigen protestantischen Pfarrer betroffen, die öffentlich als NSDAP-Gegner aufgetreten waren. Der Religiöse Sozialist und evangelische Pfarrer Oswald Damian, der auch politisch für die Sozialdemokratie gewirkt hatte, war der erste pfälzische Pfarrer überhaupt, der in „Schutzhaft“ genommen wurde – und zwar am 20. März 1933 in Pirmasens. Pfarrer Damian hatte 1932 eine Schrift unter dem Titel „Die Religion ist in Gefahr“ veröffentlicht, in der er sich kritisch mit der NS-Ideologie auseinandersetzte. Anhand zahlreicher Zitate nationalsozialistischer Autoren wies der Pfarrer nach, dass christlicher Glaube und nationalsozialistische Weltanschauung unvereinbar waren. Verwiesen wurde auf die Ablehnung zentraler dogmatischer Inhalte – etwa der Bedeutung von Kreuz und Auferstehung Jesu oder der Vergebung der Sünden durch Gottes Gnade –, des Alten Testaments und des christlichen Liebesgebotes, aber auch auf den nationalsozialistischen Rassismus und den Hass gegenüber Andersdenkenden.

 

Damian forderte seine Kirche zu einer eindeutigen Abgrenzung von den Nationalsozialisten auf: „Die Antwort des Kardinals Faulhaber an den Nationalsozialismus muss auch unsere Antwort sein: ‚Die germanische Rasse ist nicht der Gesetzgeber der sittlichen Ordnung, sondern ein Untertan der von Gott gegebenen Sittengesetze.’ Weiß das die evangelische Kirche nicht mehr? Umso lauter wollen wir religiösen Sozialisten es hineinrufen in die Christenheit: Christi Kirche und Religion sind heute tatsächlich in Gefahr, abgeschafft zu werden, aber mehr durch ihre sogenannten Freunde als durch ihre sogenannten Feinde! Denn die schlimmsten Feinde der Religion sind heute wie in alten Tagen noch immer die Wölfe, die in Schafskleidern einhergehen.“ Rückwirkend gesehen, hatte Damian damit genau ins Schwarze getroffen.

 

War Damians Inhaftierung eine Ausnahme im pfälzischen Protestantismus, so markierte das Jahr 1933 bereits einen ersten Höhepunkt in der Verfolgung des katholischen Klerus. Zu den bestehenden persönlichen Feindschaften zwischen Geistlichen und Nationalsozialisten in den Gemeinden – hier wurden sozusagen alte Rechnungen beglichen – kamen die Konflikte um die konfessionellen Volksschulen. Diese waren auf dem Weg hin zu einer völlig nazifizierten Gesellschaft für die braunen Machthaber ein schweres Hindernis. Unter dem Stichwort „Entkonfessionalisierung“ versuchten die Nationalsozialisten zu verschleiern, dass es in Wahrheit um eine „Entchristlichung“ ging.

 

Im Juni 1933 kam im Zuge von Maßnahmen gegen konservative NS-Gegner in der ganzen Pfalz auch zu Ausschreitungen gegen katholische Geistliche. In 21 Gemeinden wurden Geistliche in „Schutzhaft“ genommen oder misshandelt, in mindestens 27 weiteren Gemeinden wurden sie zur vorübergehenden Flucht gezwungen oder sahen sich massiven Bedrohungen ausgesetzt. Im Dekanat Dahn beispielsweise wurde der Hauensteiner Pfarrer Sommer kurzzeitig in „Schutzhaft“ genommen (1938 dann mehrere Wochen). Zu den Opfern zählte 1933 auch der Pfarrer von Göllheim in der Nordpfalz, Jakob Schwalb, der bald nach den Vorfällen Ortsgeistlicher in Dahn wurde. Schwalb wurde nach einem Überfall auf sein Pfarrhaus für zwei Tage in „Schutzhaft“ genommen.

 

Bei den Ausschreitungen des Sommers 1933 fiel vor allem das brutale Vorgehen fanatisierter NSDAP-Anhänger in der mehrheitlich protestantischen Nordpfalz auf. So wurde der katholische Pfarrer von Weitersweiler, Jakob Schenkel, krankenhausreif geschlagen. Der NSDAP-Zellenleiter des zu über 80 Prozent katholischen Ortes gab Schenkel die Schuld daran, dass sich in Weitersweiler im Gegensatz zu umliegenden protestantischen Gemeinden noch nicht der Geist des Nationalsozialismus durchgesetzt habe. Schenkel war bereits 1931 vom „Völkischen Beobachter“ attackiert worden, weil er dem katholischen Zellenleiter die Ostersakramente verweigert hatte.

 

In der Nordpfalz gelang es der NSDAP, antikatholische und vor allem antiklerikale Ressentiments zu mobilisieren. Auch in den folgenden Jahren hing das Vorgehen der NSDAP gegen ihr missliebige Pfarrer nicht zuletzt von den in einer Gemeinde herrschenden konfessionellen Voraussetzungen ab. Das katholische Milieu konnte sich als Schutz für Geistliche erweisen. In vielen Gemeinden stießen Staat und Partei bei ihren Nachforschungen auf eine Mauer des Schweigens. So teilte der Gendarmerieposten Landstuhl der Gestapo Neustadt am 23. August 1939 mit: „Welcher Geist in Kindsbach, das überwiegend katholische Bevölkerung hat, herrscht, geht daraus hervor, dass sich nach Angabe der Mitteiler von vorbezeichnetem Sachverhalt niemand wagt, über den Pfarrer etwas Belastendes auszusagen.“ Eine Frau äußerte gegenüber der Gendarmerie, sie müsse aus der Gemeinde wegziehen, wenn bekannt werde, dass sie gegen den Pfarrer eine Aussage gemacht habe.

 

Noch entscheidender als die konfessionelle Zusammensetzung der Bevölkerung war im Jahr 1933 jedoch das Verhalten der hinter den Ausschreitungen stehenden lokalen und regionalen NSDAP-Funktionäre und SA-Führer. So trugen die Misshandlungen katholischer Geistlicher in der Nordpfalz sowie im Bereich Neustadt unverkennbar die Handschrift brutaler SA-Leute, die an den Pfarrern ein Exempel statuieren wollten.

 

Gauleiter Bürckel nutzte die von NSDAP-Anhängern inszenierten Tumulte, um die Gauleitung als Hüterin der Ordnung und des Christentums darzustellen und um Geistliche zu kriminalisieren, die sich nicht ganz auf Seelsorge in einem ganz eng verstandenen Sinn beschränken wollten. Die in „Schutzhaft“ genommenen Geistlichen kamen erst wieder in Freiheit, nachdem sie sich schriftlich verpflichtet hatten, sich in Zukunft jeglicher Kritik an der Regierung Hitler zu enthalten.

 

Nach dem offenen Ausbruch der antiklerikalen Stimmung im Sommer 1933 führten Rücksichtnahmen Bürckels auf die bevorstehende Abstimmung im Saargebiet zu einer merklichen Entspannung der Situation. Allerdings kam es weiterhin zu lokal be­dingten Attacken auf einzelne Geistliche. Beispielsweise wurde im Januar 1934 das Pfarrhaus in Hornbach gestürmt. Ortspfarrer Schuler, der 1932 Hitler als einen „Hergelaufenen“ bezeichnet hatte, wurde in Schutzhaft genommen.

 

Zu einem Ansteigen der Verfolgungsmaßnahmen kam es dann wieder 1935. Nach dem erfolgreichen Verlauf der Abstimmung im Saargebiet mussten – wie bereits ausgeführt – die Nationalsozialisten keine taktischen Rücksichten mehr auf die Kirche nehmen. Einen neuen Höhepunkt erreichten die Maßnahmen gegen katholische Geistliche 1937. Die Verlesung der schon erwähnten Enzyklika „Mit brennender Sorge“ am 21. März 1937 beantwortete Hitler mit einem massiven Vorge­hen gegen die katholische Kirche. Unter anderem zielte die Wiederaufnahme der Sittlichkeitsprozesse darauf ab, den katholischen Klerus moralisch zu diskreditieren.

 

Im Jahr 1937 war infolge der nicht mehr zu übersehenden Distanzierung der Partei vom Christentum auch das ursprüngliche Einvernehmen zwischen den meisten protestantischen Pfarrern und der NSDAP durch ein tiefgehendes Misstrauen auf beiden Seiten abgelöst worden. Dennoch war führenden pfälzischen Nationalsozialisten weiterhin daran gelegen, keinen Aufruhr in der weiterhin relativ ruhigen Pfälzischen Landeskirche zu provozieren. So wurde der Sinn zentral angeordneter Überwachungsmaßnahmen für die Pfalz angezweifelt, da sie sich für die NSDAP kontraproduktiv auswirken konnten. Der Monatsbericht der Regierung der Pfalz vom 7. September 1937 beschrieb die Problematik treffend, die sich aus der Überwachung der Gottesdienste ergab: „Die Notwendigkeit einer Überwachung der katholi­schen Predigten wird auch für die Zukunft anerkannt werden müssen; indes ist die Überwa­chung der Erklärungen evangelischer Geistlicher, die im Regierungsbezirk Pfalz in der Mehrzahl dem Nationalsozialismus positiv gegenüberstehen, vielfach geeignet, bisher loyale Geistliche in einen Zustand der Renitenz zu versetzen.

 

Da die Pfalz von dem Kirchenkampf innerhalb der evangelischen Kirche bisher noch ziemlich verschont geblieben ist, treffen die von zentraler Stelle angeordneten Überwachungsmaßnahmen vielfach nicht auf die pfälzi­schen Verhältnisse zu, wie ja auch die Ergebnislosigkeit der meisten Überwachungen bestä­tigt. Es dürfte an der Zeit sein, in der Überwachung der evangelischen Got­tesdienste eine Milderung eintreten zu lassen und diese nur auf bekannte Hetzer zu beschränken.“

 

Als „Hetzer“ beurteilte die Gestapo vor allem die meist jungen protestantischen Pfarrer, die sich gegen die ruhigen kirchlichen Verhältnisse in der Pfalz aussprachen. Aus theologischen Gründen waren diese Pfarrer für eine öffentliche Anprangerung kirchenfeindlicher Tendenzen und für eine Solidarisierung mit anderen Pfarrern, die auf Reichsebene unter den Auswirkungen des Kirchenkampfes zu leiden hatten. Diesen Pfarrern galt neben dem katholischen Klerus die zunehmende Aufmerksamkeit der Gestapo.

 

Überwachungsmaßnahmen, Anzeigen und Verhöre zielten darauf ab, die Theologen einzuschüchtern. Ein herausragendes Beispiel ist etwa der Pfarrer von Thaleischweiler, Heinz Wilhelmy, der zu den wenigen pfälzischen Mitgliedern des Pfarrernotbundes gehörte und seine Gemeinde regelmäßig über die kirchenpolitischen Ereignisse informierte. Wilhelmy wurde wohl nur deshalb nicht verhaftet, weil er ab Mai 1939 in der Wehrmacht wirkte.

 

Die wenigen radikalen Vertreter der Bekennenden Kirche in der Pfalz erregten die besondere Aufmerksamkeit des NS-Überwachungsapparates. Aber auch die Führung der Pfälzischen Pfarrbruderschaft – also die Bekennende Kirche in der Pfalz – stand trotz ihrer gemäßigten kirchenpolitischen Haltung seit 1937 ebenfalls unter verstärktem Druck. Während einer Hausdurchsuchung bei Pfarrer Hans Stempel, dem Vorsitzenden der Pfarrbruderschaft, stellte die Gestapo im Oktober 1937 umfangreiches Material über die kirchenpolitische Vereinigung sicher. Dieses Material gab der Gestapo einen genauen Einblick in die Organisationsstruktur der Pfarrbruderschaft und ermöglichte damit gezielte Überwachungsmaßnahmen.

 

Die Überwachung und Maßregelung protestantischer Pfarrer bezog sich nicht nur auf Theologen, die wegen ihrer Nähe zur Bekennenden Kirche der NSDAP von vornherein verdächtig erschienen. Selbst NSDAP-Mitglieder in der Pfarrerschaft sahen sich zunehmend den Nachforschun­gen von SD und Gestapo ausgesetzt. Es wurde immer offenkundiger, dass die Ablehnung des Christentums nicht nur ein privates Anliegen einzelner NSDAP-Vertreter wie Alfred Rosenberg war, deren weltanschauliche Bestrebungen auch in der Partei umstritten waren. Vielmehr trat nun offen zu Tage, dass der Nationalsozialismus für sich den Platz in der deutschen Gesellschaft beanspruchte, den bisher das Christentum eingenommen hatte. Daraus ergab sich, dass Stellungnahmen in weltanschaulichen Fragen generell als Angriffe auf Staat und Partei interpretiert wurden, auch wenn sie keineswegs als solche gemeint waren. Die Pfarrer wurden nun generell aufgrund ihres Amtes – unabhängig von der Konfession – misstrauisch beäugt. Inwieweit es dann aber tatsächlich zu Verfolgungsmaßnahmen kam, hing sehr stark davon ab, ob es in einer Gemeinde Denunzianten oder kirchenfeindliche NS-Funktionäre gab, denen daran gelegen war, problematische Äußerungen eines Theologen weiterzumelden. Während einige Pfarrer relativ unbehelligt ihren Dienstverpflichtungen nachkommen konnten, waren andere einer Dauerüberwachung ausgesetzt, die im schlimmsten Fall schließlich zu einer KZ-Einweisung führen konnte.

 

Die zunehmende Zurückdrängung der Kompetenzen der Justiz, die gerade in der Anfangszeit des „Dritten Reiches“ durchaus zugunsten von Pfarrern entschieden hatte, verstärkte das Gefühl der Rechtsunsicherheit bei den Theologen. Das galt besonders in der Situation des Krieges. Dieser brachte in der Pfalz nur der protestantischen Kirche wegen des Einrückens vieler Theologen in die Wehrmacht und des ebenfalls kriegsbedingten Zurücktretens der kirchenpolitischen Auseinandersetzungen sofort eine spürbare Entlastung.

 

Hatten 1933 katholische Geistliche mit dem unkontrollierten Vorgehen übereifriger NSDAP-Funktionäre und SA-Männer zu rechnen, so waren sie im Krieg der Willkür der Gestapo ausgesetzt, die sich nicht an die ohnehin immer rigoroser werdenden gesetzlichen Bestimmungen hielt. Ein Beispiel: Der Ludwigshafener Kaplan Heinz Römer wurde 1940 verhaftet und schließlich ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Den Anlass lieferte ein vierzehnjähriger Junge, den Römer im Krankenhaus besucht hatte und der den Kaplan anschließend wegen angeblich staatsabträglicher Äußerungen denunzierte. Der für die Überwachung des katholischen Klerus in der Diözese Speyer zuständige Gestapo-Beamte Kling – gefürchtet als der „Schrecken pfälzischer Pfarrhäuser“ – gab dem jungen Geistlichen gegenüber zu, dass der wahre Grund der Verhaftung Predigtäußerungen waren.

 

Die Antwort, die Römer auf seinen Einwand erhielt, dass diese Angelegenheit doch längst unter Amnestie gefallen sei, brachte das eigene Rechtsver­ständnis des NS-Überwachungsapparates unmissverständlich zum Ausdruck: „Gerichtlich amnestiert bedeutet bei uns noch lange nicht staatspolizeilich amnestiert; bilden Sie sich ja nicht ein, wenn Sie einmal im Lager sitzen und es gibt aus irgend einem Anlass eine Amnestie, dass Sie dann darunterfallen! (...) Verurteilt sind Sie nicht; Sie können also im Lager sitzen, solange Sie wollen – Sie haben immer das Recht, sich als ‚nicht vorbestraft’ zu bezeichnen“. Die Gestapo behielt sich auch in anderen Fällen vor, Entscheidungen der Staatsanwaltschaft zu korrigieren, indem Geistliche nach der Aufhebung eines Haftbefehls wieder in den Gewahrsam der Gestapo überstellt wurden. Zwar kam es in der Pfalz nur zu relativ wenigen KZ-Einweisungen, doch schwebte das Damoklesschwert „Dachau“ ständig über vielen Geistlichen.

 

Was Dachau letztlich bedeuten konnte, verdeutlicht das Schicksal von Pfarrer Wilhelm Caroli aus Rheingönheim. Zugleich möchte ich auf seinen Fall abschließend etwas näher eingehen, da sich an ihm die ganze Palette von Maßnahmen aufzeigen lässt, mit denen der Nationalsozialismus gegen Pfarrer vorging, die zu keinerlei Kompromissen bereit waren.

 

Bereits unmittelbar nach der Machtübernahme der NSDAP in Bayern wurde Caroli am 25. März 1933 von der NSDAP-Ortsgruppe Rheingönheim schriftlich verwarnt. Die Gestapo schätzte ihn am 26. April 1933 als „großen Gegner des Neuen Deutschland“ ein. Im „Katholischen Kirchenblatt“ Ludwigshafen unterzog Caroli die politischen und weltanschaulichen Grund­lagen des National­sozialismus einer scharfsinni­gen Kritik, die unter anderem eine unmissverständliche Ablehnung des Antisemitismus beinhalte­te. So hieß es in der Ausgabe vom 22. Januar 1933: „Hitler verkehrt in Berlin viel im Hause eines italienischen Vertreters. Dessen Frau ist reinrassige Jüdin. Dieser überreichte Hitler jüngst einen Strauß roter Rosen und küsste ihr dabei die Hand. Ob zum ersten Mal? So handelt der Führer jener Bewegung, die den wüstesten Antisemitismus in Deutschland treibt. Ob der große Führer nun eingesehen hat, dass der Antisemitismus, genau wie so mancher andere Punkt seines Programmes, ein ganz grauser Blödsinn ist?“

 

Während der Ausschreitungen gegen den Klerus im Juni 1933 wurde Caroli von SA-Männern bewusstlos geschlagen, so dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Das „Katholische Kirchenblatt“ Ludwigshafen, dessen Schriftleiter Caroli war, wurde wegen NS-kritischer Berichterstattung für sechs Wochen verboten. Ständig drängte die Gauleitung bei Bischof Sebastian darauf, Caroli in eine andere Pfarrei zu versetzen. Im Gegensatz zu anderen Geistlichen, die sich in einer ähnlichen Situation befanden, willigte der Rheingönheimer Pfarrer aber nicht in einen Stellenwechsel ein, den ihm schließlich auch die Kirchenbehörde aus seelsorglichen Gründen nahelegte.

 

Die Auflösung der katholischen Arbeitervereine und des katholischen Sportverbandes Deutschen Jugendkraft in Rheingönheim erfolgte am 6. September 1933. Bei der Wahl am 12. November 1933 demonstrierte die SA vor dem Pfarrhaus, da Caroli Pfarrhaus und Kirche nur mit Schwarz-rot-gold und Weiß-blau beflaggt hatte. Schließlich drangen SA-Leute gewaltsam in die Kirche ein und beflaggten sie mit Hakenkreuzfahnen.

 

Nach einer gewissen Beruhigung – es war die Zeit vor der Saarabstimmung – kam es zu einer erneuten Eskalation der Gewalt. Anlass war eine Einladung Carolis zu einem Jugendsonntag, die die Nationalsozialisten als Provokation auffassten. Am 8. Juli 1935 demonstrierten 800 bis 1000 Personen vor dem Pfarrhaus und der Kirche. In Sprechchören forderten sie die Entfernung, sogar die Ermordung des Pfarrers, der allerdings nicht persönlich anwesend war, da er von der geplanten Kundgebung erfahren hatte. Demonstranten drangen in Pfarrhaus und Kirche ein und beschädigten Kircheneigentum. Katholische Männer, die die Kirchenglocken geläutet hatten, wurden verprügelt und in „Schutzhaft“ genommen. Sieben von ihnen verloren anschließend ihren Arbeitsplatz. Die Anklage der Oberstaatsanwaltschaft Frankenthal gegen elf Teilnehmer der Demonstration wegen Landfriedensbruchs führte dagegen zu keiner Bestrafung. Das Verfahren wurde eingestellt, da das Landgericht Frankenthal zu der Auffassung kam, „dass sich die Täter zu der Straftat durch Übereifer im Kampfe für den nationalsozialistischen Gedanken haben hinreißen lassen“.

 

Konsequenzen hatte der Vorfall dagegen für Pfarrer Caroli. Das Bezirksamt Ludwigshafen sprach am 10. Juli 1935 einen Ortsverweis gegen den Pfarrer aus. Caroli musste ins benachbarte Mundenheim umziehen, von wo aus er – mit Hilfe eines Kaplans – die Pfarrei weiterhin leitete. 1936 wurden mehrfach Anklagen gegen den Pfarrer wegen Verstoßes gegen das Flaggengesetz erhoben. Schließlich verurteilte das Sondergericht Frankenthal den Geistlichen am 16. Juni 1937 wegen fortgesetzten Vergehens gegen das Flaggengesetz, Vergehens gegen das Heimtückegesetz, übler Nachrede, falscher Anschuldigung und Beleidigung zu acht Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 50 Mark. Die Gestapo Neustadt hatte dem Geistlichen bereits am 7. April 1937 ein Aufenthaltsverbot für die gesamte Pfalz und das Saarland erteilt und ihm damit jede Möglichkeit genommen, in der Diözese Speyer als Geistlicher zu wirken. Da es aussichtslos erschien, dass der Pfarrer unter nationalsozialistischer Herrschaft je wieder nach Rheingönheim zurückkehren könnte, nahm ihm das Bischöfliche Ordinariat auf dem Weg eines kanonischen Prozesses zudem seine Pfarrstelle, um wieder einen Pfarrer nach Rheingönheim schicken zu können – eine Maßnahme, die auch innerhalb des Klerus höchst umstritten war.

 

Pfarrer Caroli zog nach Verbüßung seiner Haftstrafe in die Eifel, wo seine beiden Brüder ebenfalls als Pfarrer tätig waren. ­Auch hier erregte er Ärger bei der NSDAP. Nach einer Predigt über die „Euthanasie“ wurde er im Oktober 1941 wegen „Kanzelmissbrauchs“ verhaftet, kam nach Koblenz in „Schutzhaft“ und schließlich ins Konzentrationslager Dachau.

 

Durch den Bericht eines weiteren Pfälzer KZ-Priesters sind wir über Carolis Ende unterrichtet. Pfarrer Friedrich Seitz aus Schallodenbach, der 1940 wegen freundlichen Umgangs mit polnischen Zwangsarbeitern nach Dachau kam (ich hatte seine Predigt 1945 ganz zu Beginn erwähnt), berichtet: Schwerstarbeit bei kargster Ernährung, Appellstehen in nassen Kleidern, völlig unzureichende medizinische Versorgung – dies waren die Haftbedingungen in Dachau. Pfarrer Caroli, einst ein körperlich starker Mann, brach schließlich völlig zusammen, wog nur noch 90 Pfund. In der Nacht vom 22. auf den 23. August 1942 starb der Pfarrer an Darmkatarrh. Die Leiche wurde eingeäschert. Pfarrer Caroli war einer von insgesamt 1034 Geistlichen, die in Dachau ihr Leben verloren.

 

 

Der Autor ist Referent in der Bischöflichen Pressestelle im Bistum Speyer. Die Ausführungen basieren vor allem auf: Thomas Fandel, Konfession und Nationalsozialismus. Evangelische und katholische Pfarrer in der Pfalz 1930-1939, Paderborn 1997. Die Veröffentlichung wurde angeregt von Frank-Matthias Hofmann, Johanna-Wendel-Straße 15, 66119 Saarbrücken.

 

 

 


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