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Michael Behnke
Oklahomastraße 12, 66482 Zweibrücken

 

 

Vom neuen Bildungstraum

 

Synergie-Effekte, Optimierung der Verwaltungs- und Bildungsabläufe, Leistungs- und Bildungsstandards, Arbeitspläne und Schul-Profil, Qualitätsmanagement und Evaluation,  Qualitätssicherung und standardisierte Mess- und Testverfahren, Vergleichsarbeiten und Effizienzsteigerung, innere Differenzierung und Fächer übergreifender Unterricht…

 

Viele dieser Begriffe kommen ursprünglich aus der Ökonomie und der produzierenden Industrie, wo sie auch Sinn machen. Doch welchen tieferen Zweck verfolgen sie im Bildungsbereich?

 

Es ist ein Traum – ein neuer Traum von Effizienz, Perfektion und einem synergetischen Optimum! Sehen wir uns zum Beispiel nur unsere Automobile an. Täglich bedienen wir uns ihrer, könnten ohne sie nicht mehr leben. Ist es nicht herrlich zu sehen, wie in so einem x-beliebigen Wagen hunderte von Teilsysteme auf Knopfdruck und manchmal sogar eigenständig – intelligent! – miteinander kooperieren, um sich in ihrer Wirkweise ganz in den Dienst der Funktion des Wagens und somit uns zu stellen? Hier sehen wir auf einmal in einem Blick viele der oben genannten Schlagworte in wirkender Perfektion.

 

Eine Familie will in Urlaub fahren; 1000 Kilometer liegen vor ihnen. Nicht das Auto braucht unterwegs eine Pause, sondern die von der Fahrt ermüdete und hungrige Familie. Dabei wurde doch der schwerste Teil der Arbeit von der treuen Maschine geleistet, die jetzt nur gelangweilt herumsteht. Kurzum: Unsere von uns selbst konstruierten Maschinen zeigen uns, wie erbärmlich schwach und ermüdbar wir – die Schöpfer all dessen – doch sind. Aus dieser täglichen Konfrontation resultiert offenbar eine anthropologische Kränkung.

 

Der Mensch fühlt schmerzlich, dass er seinen eigenen Kreaturen gegenüber hoffnungslos unterlegen ist. Kein Mensch ist so effizient, zuverlässig und leistungsstark wie eine durchschnittliche Maschine[1]. Aber könnte man das nicht ändern? Könnten wir nicht Mittel und Wege finden, diese bewundernswerten Wirkweisen unserer Maschinen auf alle Teilbereiche unseres Lebens und natürlich auch auf unser Bildungswesen anzuwenden? Wäre das nicht ein Traum, wenn wir in einer Schule alle so vereint – synergetisch – arbeiten und wirken könnten wie die Teilsysteme eines, sagen wir, VW-Golf in normaler Fahrt?

 

Früher wollten die Menschen wie Gott werden, heute wollen wir offenbar nur noch so werden wie unsere Maschinen. Der alte pädagogische Blick auf das freie einzigartige Individuum tritt zurück zugunsten eines genügsamen Lebens des effizienten Miteinander-Arbeitens und des goldenen Mittelmaßes[2]. Wir bilden unsere Schüler zu effizienten Problemlösern aus; man gibt nur noch Antworten und übersieht die offenen Fragen. Schülern wird suggeriert: Durch die kompetente Einübung von Methoden ist die Welt beherrschbar! Die Welt ist fertig, da gibt es nichts Neues zu entdecken! Wir sind offensichtlich bescheidener geworden! Lässt das hoffen?

 

 

 


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[1] Das Bild von der Maschine im pädagogischen Zusammenhang benutzte jüngst auch Reinhard Kahl in seinem Artikel (DIE ZEIT/9/2011, S.56) „Etwas Respekt, bitte.“, in dem er die Bücher  der drei Pädagogen Horst Rumpf, Remo Largo und Sabine Czerny bespricht: „Czerny, Largo und Rumpf leiden an einer hochtourigen, aber wirkungsschwachen Lehrmaschine. Sie erinnert an einen aufheulenden Motor, der nicht recht mit dem Getriebe verbunden ist.“

[2] Der emeritierte Züricher Professor für Kinderheilkunde, Remo Largo, bemängelt gerade dies in seinem Buch: „Lernen geht anders“, Hamburg 2010: „Jedes Kind ist anders. Alle sind verschieden. Und wir werden im Laufe des Lebens immer verschiedener. Wer die Vielfalt negiert, weil er glaubt, individualisierter Unterricht sei nicht realisierbar, der hat als Pädagoge kapituliert, damit aber nicht die Vielfalt unter den Kindern aus der Welt geschafft.“ Zit. bei R.Kahl, a.o.a.O.