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Dr. Klaus Beckmann
Bodelschwinghstraße 2, 66424 Homburg

 

 

„Ungeschützt unter dem offenen Himmel...“

 

Liebe Pfälzer FriedensfreundInnen,

 

„100 Friedensgebete in 8 Jahren – 100 Friedensgebete in 8 Jahren – 100 Friedensgebete……“, so ist eine Einladung überschrieben, die das Dekanat an alle Pfarrämter des Kirchenbezirks weiterschickte.

 

Friedensinitiative Westpfalz, Deutsches Mennonitisches Friedenskomitee (DMFK), Frauen wagen Frieden, Pax Christi Bistum Speyer, Arbeitsstelle Friedensdienste der Evangelischen Kirche der Pfalz – sie alle zusammen wünschen sich, auch ich solle kommen, um „am ersten Tag des neuen Jahres, am 1. 1. 11, um 15.00 Uhr an der Auffahrt zur Air Base Ramstein um den Frieden zu beten“.

 

Dies solle geschehen, „so, wie wir seit acht Jahren mehr als hundert Mal an jedem ersten Samstag im Monat um 15.00 Uhr um den Frieden gebetet haben“. Sie, liebe vereinte FriedensfreundInnen, wollen mit diesem Jubiläums-Friedensgebet „ein Zeichen setzen, dass Konflikte friedlich gelöst werden müssen und mit Gottes Hilfe auch gelöst werden können“. Der für Ihre Gebets-Demo ausersehene Ort, „direkt neben der viel befahrenen Zufahrt zur Air Base, in der Nähe des Gedenksteines für die Opfer der Flugtagkatastrophe von 1988, ganz nah an der Piste der Air Base, in der An- und Abflugschneise“, der stoße Sie „immer wieder darauf, dass viele Menschen meinen, sie müssten auch Gewalt anwenden, um Konflikte zu beenden“.

 

Da Sie in der Konfliktbeendigung eine entschieden klarere und sicherere Position haben als jene vielen Menschen, die meinen, auch Gewalt anwenden zu müssen, um Konflikte zu beenden, treten Sie an – um 15 Uhr, wie immer – und „bitten, ungeschützt unter dem offenen Himmel, um Gottes Schutz  für die vom Krieg und Terror Bedrohten, um Seine Weisheit und Wegweisung  für die Mächtigen und Ohnmächtigen“. Welch starkes Zeichen, fürwahr! 100 Friedensgebiete in acht Jahren: Eine stolze Bilanz; da dürfen Sie sich Ihrer gerechten Leistung ganz sicher sein – was braucht es noch die Rechtfertigung des Gottlosen? 100 Friedensgebete in acht Jahren, das sind – großzügig aufgerundet – immerhin 1,042 Friedensgebet pro Monat und 0,0342 Friedensgebet pro Tag (allerdings: Ob das ausreicht, um diese friedlose Welt gesund zu beten, erscheint doch eher zweifelhaft. Selbst wenn man die Kriege in Darfur, Kongo, Tschetschenien, Georgien etc. außer Betracht lässt und sich aus bet-ökonomischen Gründen auf die Kriege konzentriert, an denen die Amerikaner aktuell beteiligt sind, wird diese fromme Anstrengung wohl kaum genügen).

 

Mut haben Sie. Das gebe ich zu. Es erfordert Mut, richtiger: Dreistigkeit, mit einem solchen Aufruf an die kirchliche Öffentlichkeit zu gehen. Leicht nämlich könnte sich die Frage erheben, wie jemand, der als Theologin oder Theologe einen solchen Erguss verfasst oder mitträgt, zu seinen theologischen Examina gekommen ist.

 

Ich jedenfalls habe schon im Konfirmandenunterricht gelernt, das Gebet sei das Gespräch des Herzens mit Gott. Von öffentlicher Demonstration war da nicht die Rede. Und schon gar nicht davon, ein öffentlich und demonstrativ vollzogenes Gebet solle zum sichtbaren Erweis besserer politischer Einsicht und moralischer Überlegenheit dienen. Ich schlage nicht gern anderen Christen Bibelstellen um die Ohren, komme hier aber nicht umhin, Sie zu fragen, ob Ihnen nicht aufgefallen ist, dass in der von Ihnen doch so gern bemühten Bergpredigt die Aufforderung enthalten ist, zum Beten ins stille Kämmerlein zu gehen und sich nicht öffentlich zur Schau zu stellen (Mt 6,6).

 

Ein öffentliches Beten, gar zu dem Zweck, sich anderen (Christen-) Menschen gegenüber, jenen nämlich, die meinen, zur Beendigung von Konflikten auch Gewalt anwenden zu müssen, vor Gott und den Menschen in Vorteil zu setzen, scheint mir doch eher in die Kategorien des „Plapperns wie die Heiden“ oder des von den jüdischen Autoren des NT „pharisäisch“ Genannten zu fallen. Mit der Demonstration von Frömmigkeit habe ich so meine Probleme. Vielleicht bin ich für Ihren Geschmack ja einfach zu protestantisch. Noch größere Probleme aber habe ich damit, dass Sie ihr Gebet so absolut in Gegensatz stellen zum verantwortlichen, Risiken eingehenden Handeln in der Welt. Und dass Sie anderen – handelnden! – Menschen indirekt, doch eindeutig absprechen, in ihrem Herzen auf Gott zu vertrauen und sich den Frieden auf Erden ebenso zu wünschen, wie Sie es wohl tun.

 

Wie kommen Sie, liebe Pfälzer FriedensfreundInnen, denn dazu, das Gebet als Ihr besonderes Merkmal zu nehmen und den Soldatinnen und Soldaten, die zum Beispiel in Ramstein Dienst leisten, das Gespräch ihrer Herzen mit Gott in Abrede zu stellen? Könnte der geistig bescheidenste und theologisch ungebildetste GI auf der Air Base denn nicht in seinem Herzen sprechen: „Herr, sei mir Sünder gnädig“? Und ist es ausgeschlossen, dass militärisch Handelnde ihre Gewissen regelmäßig prüfen, unter der Last ihrer Entscheidungen leiden, Gott um Hilfe bitten und keineswegs so platt mit sich im Reinen sind, wie Sie es zu sein scheinen, wenn Sie „100 Friedensgebete in 8 Jahren“ als fromme Trophäe vor sich hertragen?

 

Mit denen, die in Ramstein Dienst tun oder die dortige Flugschneise nutzen, ebenso mit denen, die in Washington, Berlin oder Brüssel die Militäraktionen der NATO verantworten, haben Sie einen politischen Dissens. Jene „meinen, sie müssten auch Gewalt anwenden, um Konflikte zu beenden“; Sie meinen das offensichtlich nicht. Das ist legitim. Nur sollten politische Meinungsverschiedenheit auch politisch, das heißt: im Wettstreit rational nachvollziehbarer Argumente, ausgetragen werden – und nicht durch Instrumentalisierung des lieben Gottes als Totschlagknüppel gegen Leute, deren Argumenten man rational nichts entgegensetzen kann. Es könnte nämlich sein, dass Gott die Dinge anders, tiefer, weiser beurteilt – weiser sogar als Sie, liebe FriedensfreundInnen. In der Welt mit unserem bescheidenen Quantum Vernunft verantwortlich zu handeln, das ist doch eigentlich Aufgabe genug. Finden Sie nicht auch?

 

Immerhin: Sie scheinen darüber nachzudenken, dass es „vom Krieg und Terror Bedrohte“ auf dieser Erde gibt. Bestimmt ist es richtig, um Hilfe für diese Menschen zu beten. Aber wird ein Gebet nicht erst dann aufrichtig und wahr, wenn ich zugleich das in meinen eigenen praktischen Möglichkeiten Stehende tue, um Hilfe zu leisten? Entpflichtet mich das Gebet von der eigenen praktischen Verantwortung, so dass ich umso feiner heraus bin, je öffentlicher und plakativer mein Gebetsauftritt ist? Wo erlaubt das christliche Bekenntnis eine derartige Unterscheidung zwischen Gebet und Handeln?

 

Sicherlich muss über die als friedenserhaltend oder friedensschaffend gedachten Militäreinsätze kritisch diskutiert werden. Da sehe auch ich sehr viele Defizite. Nur, bitteschön: Seien wir dabei fair! Fair in erster Linie denen gegenüber, die als Soldaten praktisch etwas tun, um zum Beispiel dem islamistischen Terror gegen Menschen in Afghanistan zu wehren und ein Übergreifen der Taliban auf den Atomwaffenstaat Pakistan zu verhindern. Zu sagen: Wir waschen unsere Hände in Unschuld und beten öffentlich für den Frieden, während andere Menschen das Risiko auf sich nehmen, nicht nur selbst Gesundheit oder Leben zu verlieren, sondern auch Fehleinschätzungen aufzusitzen und handelnd schuldig zu werden, das ist die wohl höchste Stufe der Bigotterie, so lange Sie jede seriöse politische Analyse und erst recht jede erkennbare praktische Alternative vermissen lassen.

 

Beten um Gottes Hilfe, Weisheit und Wegweisung für die Mächtigen und Ohnmächtigen: So richtig das ist, dispensiert es doch nicht von der eigenen praktisch-rationalen Verantwortung! Frommer Hochmut ist an sich schon schlimm genug. Gepaart mit politischer Ignoranz wird er endgültig unerträglich. Es darf daran erinnert werden, dass Karl Barth im Frühjahr 1940 zwar den relativen Vorzug gewaltloser Konfliktlösungen betonte, aber in Anbetracht des mit seinem Mordprogramm systematisch vordringenden Nationalsozialismus doch fragen musste: „Kannst du es verantworten, der Ausführung jenes Programms keinen Widerstand entgegenzusetzen? Und wenn du das nicht verantworten kannst, welchen anderen Widerstand hättest du vorzuschlagen gehabt oder würdest du heute vorschlagen als eben den, der im letzten Herbst nach langem, wohlverständlichem und wohlberechtigtem Zögern gewählt wurde? Wenn du aber keinen anderen Widerstand weißt, dann kannst und darfst du diesen Krieg keinen Wahnsinn nennen, der als solcher möglichst schnell gestoppt werden müsste, dann kannst und darfst du denen, die ihn gewählt haben und wählen mussten, nicht in den Arm fallen“ (Eine Schweizer Stimme, Zollikon 1945, S. 135; Hervorhebungen im Original).

 

Natürlich ist jeder historische Vergleich schief. Aber dass im Islamismus eine Ideologie ihr globales Unwesen treibt, die der NS-Weltanschauung sehr nahe ist – der Hass auf Amerika und die Juden, das Familien- und Frauenbild, die Forderung nach totaler Hingabe des Einzelnen an Herrschaft und Gemeinschaft, die Ablehnung individueller Grundrechte und staatlicher Gewaltenteilung und -kontrolle seien nur als Beispiele genannt –, kann doch schlecht geleugnet werden (übrigens: Bei der Waffen-SS gab es keine christlichen Militärgeistlichen, wohl aber Militärimame! Der für deren Ausbildung und Arbeit federführende Amin al-Husseini, exilierter Großmufti von Jerusalem, wird u. a. in Palästina immer noch hoch verehrt). Sozioökonomische Erklärungen für islamistische Aggression und darauf basierende Lösungsansätze gehen an der Realität vorbei, ist islamistischer Terror doch im Kern offenkundig kein Hilfeschrei Deklassierter und Verzweifelter.

 

Was berechtigt uns heute, die Erfahrungen des gescheiterten Pazifismus der 1930er Jahre abzutun und wieder im Angesicht einer menschenfeindlichen und aggressiven Ideologie (die selbstverständlich nicht schlicht mit „dem“ Islam gleichzusetzen ist!) eiligst die Waffen zu strecken? Welchen anderen Widerstand bieten Sie denn an, liebe FriedensfreundInnen, der eine ernsthafte Prüfung an den Fakten und Zusammenhängen bestehen könnte? Her mit Ihren Alternativen! Nur „Frieden! Frieden!“ rufen und die gezinkte Karte der frommen Überlegenheit ausspielen, das ist selbstgerecht, feige und unverantwortlich. Ebenso darf daran erinnert werden, dass in Dietrich Bonhoeffers Glaubensbekenntnis, abgedruckt im Anhang unseres Gesangbuchs, gesagt wird, Gott warte „auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten“!

 

„Ungeschützt unter dem offenen Himmel“ wollen Sie beten. Soso. Am Neujahrstag kann es in unserer Region ja empfindlich kalt und feucht sein. Sie riskieren also für den Frieden eine schwere Erkältung. Ich bin – ohne den Zusammenhang zwischen Ihrer Erkältung und dem Weltfrieden ganz zu begreifen – schwer beeindruckt, ein bisschen enttäuscht freilich auch, da zum „anschließenden Kaffeetrinken und zum  Gespräch [...] in das protestantische Gemeindehaus in Landstuhl“ eingeladen wird, denn dieses Haus besitzt ja wohl ein schützendes Dach und vielleicht sogar eine funktionierende Heizung. Schwächt das nicht Ihr Zeichen in gefährlich hohem Grad? Vor allem hinsichtlich der ob ihres politischen Durchblicks geradezu berüchtigten Aktivistinnen von „Frauen wagen Frieden“ frage ich mich allerdings, wie weit die Ungeschütztheit unter dem offenen Himmel geht? Kein Schirm, kein Mantel, keine wasserfesten Schuhe, …? Beten Sie etwa so unschuldig und rein, wie der himmlische Vater Sie geschaffen hat?

 

Wie dem auch sei: Wäre es nicht eine bessere, weil politisch bildende Aktion, Sie liefen, statt sich in Ramstein am Neujahrstag den Schnupfen zu holen, einmal in einem mitteleuropäischen Sommerkleid zum Beispiel durch Teheran oder durch eine von Taliban kontrollierte afghanische Ortschaft? Das Erkältungsrisiko dürfte dabei geringer sein als in Ramstein, so ganz ungeschützt am Neujahrstag, dafür riskierte frau aber eine Begegnung mit islamistischer Alltagsrealität. Das könnte Sie zum Nachdenken darüber bringen, ob nicht aus christlicher Liebe zu Ihren Geschlechtsgenossinnen ein entschiedenes Eintreten für westlich-emanzipatorische Errungenschaften geboten sein könnte.

 

Das Demonstrationsrecht ist ein hohes demokratisches Gut, und ich will Ihnen bestimmt nicht verbieten, am Zaun der Air Base zu stehen (nur an den frommen Exhibitionismus des öffentlichen Gebets habe ich meine theologischen Anfragen). Aber sollte, der Redlichkeit halber, nicht bedacht werden, dass gerade im Bereich der NATO-Staaten das Recht zum Demonstrieren vorhanden ist, in anderen Weltgegenden aber auffallend seltener? Gehörte es sich nicht, bei einer faktisch primär die Militärgewalt der NATO anprangernden Demonstration auch zum Beispiel die Lage der Menschen in China, zumal der Christen dort, zu berücksichtigen und die uns privilegierenden Unterschiede zu benennen? Haben Sie sich, liebe FriedensfreundInnen, schon einmal gefragt, wie es wohl Christen im Iran erginge, die gegen das dortige Atomrüstungsprogramm demonstrierten?

 

Es tut mir leid, aber der ganze Duktus Ihrer Einladung zum Friedensgebet am Zaun in Ramstein riecht für mich nach moralischer Revanche für 1945. Immerhin gaben doch viele Tausend junge Amerikaner ihr Leben, um die völkermordende Hitlerherrschaft zu beenden, während die Mehrzahl unserer Vorfahren alles gab, um genau diese Hitlerherrschaft zu erhalten. Wir Deutsche mussten militärisch besiegt werden, damit es hier neben allen anderen bürgerlichen Freiheiten auch das Demonstrationsrecht wieder geben konnte. Auschwitz wurde nicht von Friedensdemonstranten befreit, sondern von der Roten Armee, wie Hitlers Regime insgesamt nicht weggebetet, sondern beseitigt wurde, indem die Alliierten Deutschland in Schutt und Asche bombten. Deshalb, liebe FriedensfreundInnen, können Sie in Ramstein gegen das Militärbündnis demonstrieren, dem unser Land angehört.

 

Das ist die historische Realität. Doch psychologisch ist das eben ein dicker Klops für Deutsche, die so gern ganz vorn auf der richtigen Seite stehen und den Lehrmeister anderer Nationen geben wollen. Dass es auf dem militärischen Weg nicht klappen würde, der Welt deutsches Wesen aufzuzwingen, das musste auch der letzte Endsiegfanatiker 1945 einsehen. Lag es da so fern, sich pazifistisch zu bekehren und nun am Wesen deutscher Friedensapostelei die Welt genesen zu lassen? Es allen, die mit der militärischen Gewalt nicht so total gescheitert sind wie wir, moralisch heimzuzahlen – eine süße Genugtuung, nicht wahr? Und 100 Friedensgebete in acht Jahren, das ist doch wirklich vorzeigbar…

 

Nur sieht politische Verantwortung anders aus. Und protestantische Ethik auch.

 


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