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Steffen Jung
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7 Thesen zur Grundlegung Evangelischer Kinder- und Jugendarbeit

These 1:
Evangelische Kinder- und Jugendarbeit im Bereich der Evangelischen Kirche der Pfalz ist Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, von Kindern und Jugendlichen und für Kinder und Jugendliche.
Erläuterungen:
Evangelische Kinder- und Jugendarbeit orientiert sich an der Theologie des Lebens und am Leitbild einer Kirche als »kommunikative Gemeinde« oder »Gemeinde der Befreiten«. Das von Christof Bäumler in Weiterführung von Gedanken Ernst Langes entwickelte Modell einer kommunikativen Gemeinde überzeugt durch seine theologisch-biblische Begründung, seine treffende Beschreibung und Kritik kirchlicher Strukturen und durch seine Vision einer zukünftigen Kirche (vgl. These 7).

Die Theologie des Lebens ordnet die Kirche dem umfassenderen Begriff des Reiches Gottes unter. Sie versteht Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes als Lebens- und Heilungsbewegung, in der sich der Geist Gottes als Geist des Lebens zeigt und Menschen zur Mitarbeit am Reich Gottes befähigt (vergleiche These 7).

These 2:
Evangelische Kinder- und Jugendarbeit geschieht im Glauben an das Evangelium von Jesus Christus im Vertrauen auf die Wirksamkeit und Erfahrbarkeit des lebensbejahenden, lebenserneuernden und schöpferischen Geistes Gottes, in der Liebe Gottes und in der Hoffnung auf die Vollendung der Welt in Gottes Reich.
Erläuterungen:
Wir verstehen diese grundlegende These von den Ergebnissen und Einsichten einer zeitgemäßen Theologie des Lebens her. Aus der Sicht dieser Theologie besteht der entscheidende Inhalt des Evangeliums in der »Lebensbejahung Gottes«. »Christus ist die Lebensbejahung Gottes, die sich in der Heilung der Kranken, der Annahme des Ausgegrenzten, der Vergebung der Sünden und der Rettung des beschädigten Lebens aus Mächten der Zerstörung zeigt« (Jürgen Moltmann, Gott im Projekt der modernen Welt, S. 215).
Die Theologie des Lebens ist aus zwei Gründen wichtige Gesprächspartnerin evangelischer Kinder- und Jugendarbeit:
1. Als Theologie des »Geistes« nimmt sie den Pluralismus der Weltdeutungen in der Gegenwart positiv auf. Dies gelingt durch die biblische Begründung eines »ganzheitlichen« Erfahrungsbegriffes. Durch die Rückbindung dieses Erfahrungsbegriffs an die biblische Tradition und die Identifizierung des Geistes Gottes als Geist des Lebens entgeht sie der Gefahr postmoderner Beliebigkeit und esoterischer Einheitstheorien.
2. Mit ihren Gottesbildern, die sich an der Beschreibung Gottes als »Gott des Lebens« orientieren, überwindet sie die Ideologie des Theismus, und schafft damit die Möglichkeit der Wiederentdeckung der reichhaltigen Inhalte der biblischen Schriften.

Zu 1.: Entscheidend für die Theologie des Lebens ist, dass die Lebensbejahung Gottes als Wirksamkeit Gottes »in, mitten und unter« jeder alltäglichen Welterfahrung wahrgenommen werden kann. Mit anderen Worten: Gotteserfahrung ist grundsätzlich in jeder alltäglichen Erfahrung möglich. »Die Möglichkeit, Gott in allen Dingen, und alle Dinge in Gott zu erkennen, gründet theologisch im Verstehen des Geistes Gottes als Kraft der Schöpfung und Quelle des Lebens« (Jürgen Moltmann, Der Geist des Lebens, S. 48).
Der Geist Gottes eröffnet die Möglichkeit von Gotteserfahrung in der alltäglichen Welterfahrung und begründet die Liebe Gottes und damit verbunden die Liebe seiner guten Schöpfung: »Wenn ich Gott liebe, dann liebe ich die Schönheit der Körper, den Rhythmus der Bewegungen, den Glanz der Augen, die Umarmungen, die Gefühle, die Gerüche, die Töne dieser bunten Schöpfung« (Jürgen Moltmann, Die Quelle des Lebens, S. 89).
Obwohl die Möglichkeit der Erfahrung Gottes in jeder Lebenserfahrung besteht, heißt dies jedoch nicht, dass Gott in jedem Ereignis zwangsläufig erfahren wird. Denn es geht nicht darum, pantheistisch jede Erfahrung zur Gotteserfahrung zu verklären, sondern in den Erfahrungen des gelingenden und scheiternden eigenen Lebens, der eigenen Story (D. Ritschl) dem lebendigen Gott nachzuspüren.
Wie kann das aussehen? Welche Erfahrungen können als Erfahrungen Gottes qualifiziert werden? Angesichts des heute kaum noch zu überschauenden Booms religiöser Angebote, Erfahrungen und Methoden im Bereich der Esoterik ist das »Scheiden der Geister« unabdingbare Voraussetzung gelingenden Redens von Gott? Wo liegt das Kriterium dieser »Religionskritik«? Wie zeigt sich der Gott der Bibel in den Erfahrungsgeschichten des Alten und Neuen Testaments und in den Lebensgeschichten heutiger Menschen? Bei der Diskussion dieser Fragen erwies sich der Aufsatz von Joachim Track »Gotteserfahrungen« als sehr hilfreich. Track beschreibt die Erfahrungen Gottes in den Kategorien »unmittelbare Erfahrungen«, »Erschließungserfahrungen« und »Erfahrungen mit Widerfahrnischarakter«. In der Bibel zeigt sich Gott in »Vertrauensgeschichten«, »Befreiungsgeschichten« und in »Geschichten von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit«. Dabei gibt er sich als Gott des Lebens und der Liebe zu erkennen. Zusammenfassend formuliert Track: »Gott will das Unrecht, den Unfrieden und das Böse nicht. Gottes Geschichte mit den Menschen ist von Anfang an eine Geschichte der Bewahrung, des Widerstandes gegen das Böse, der Überwindung des Bösen mit Versöhnung und Vertrauen....Gott bewahrt uns nicht vor dem Leid, dem Tod, dem Bösen. Er will uns in Leid und Tod zum Leben bewahren und abwischen alle Tränen. Das, ist die Geschichte Gottes mit den Menschen, eine Geschichte für das Leben und die Liebe« (S.18).
Die Bibel als Lebens- und Liebesgeschichte Gottes zu lesen und mit Kindern und Jugendlichen Zugänge zu dieser Geschichte zu finden, ist die »eigentliche« Aufgabe evangelischer Kinder- und Jugendarbeit.

Zu 2.: Die Zeit der Postmoderne oder Zweiten Moderne geht mit einer grundlegenden Krise des klassischen Theismus einher. War die Einheitstheorie des Theismus noch bis vor wenigen Jahrzehnten Grundlage kirchlichen Lehrens und kirchlichen Handelns, so gilt heute diese Theorien im Denken, Glauben und Handeln vieler Menschen als überwunden. Das Gottesbild des klassischen Theismus »Gott als leidensfreier absoluter Souverän, der als überweltliche Persönlichkeit alles bestimmt und verfügt«, hat an Resonanz und Relevanz verloren. Klaus Peter Jörns konnte dies in umfangreichen Untersuchungen, die er in seinem viel diskutierten Buch »Die neuen Gesichter Gottes« veröffentlicht hat, nachweisen. Jörns fordert eine grundlegende Revision der theologischen Tradition, verbunden mit einer Orientierung theologischer Aussagen am Glauben der Menschen unserer Zeit und unserer kulturellen Entwicklungsstufe. »Es wird Aufgabe der Theologie sein, Glaubenstypen zu beschreiben, die nebeneinander existieren können und in heutige elementare Lebensbeziehungen der Menschen hineinreichen, so wie sie im Neuen Testament und der Kirchengeschichte nebeneinander existiert haben« (S. 220).
Somit geht es in der modernen Theologie um die Entwicklung eines vielgestaltigen, nachtheistischen Redens von Gott. Es war Dietrich Bonhoeffer, der sich als erster diese Aufgabe gestellt hatte. In seinem berühmten, häufig zitierten Satz: »Gott läßt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt, und gerade nur so ist Gott bei uns und hilft uns«, kritisierte Dietrich Bonhoeffer schon in »Widerstand und Ergebung« die Vorstellung eines leidensfreien, allmächtigen Gottes, der jenseits und unabhängig von dieser Welt lebt und regiert.
Für Theologie und Kirche bedeutet dies eine Befreiung. Denn die Überwindung der ideologischen Theorie des klassischen Theismus ermöglicht die Neuentdeckung der schöpferischen, gestaltenden, befreienden, lebensbejahenden und lebenserneuernden Kraft Gottes im Geist.
Besonders spannend ist der Vergleich dieser theologischen Wieder- und Neuentdeckung mit den Glaubensentwicklungsmodellen von Kindern und Jugendlichen, der erstaunliche Parallelen zutage bringt. (Vergleiche These 4).

Literatur:
Klaus Peter Jörns: Die neuen Gesichter Gottes. Was die Menschen heute wirklich glauben. München 1997.
Jürgen Moltmann: Der Geist des Lebens. Eine ganzheitliche Pneumatologie. München 1991.
Jürgen Moltmann: Die Quelle des Lebens. Der Heilige Geist und die Theologie des Lebens. Gütersloh 1997.
Jürgen Moltmann: Gott im Projekt der modernen Welt. Beiträge zur öffentlichen Relevanz der Theologie. Gütersloh 1997.
Dietrich Ritschl: Gott wohnt in der Zeit. Auf der Suche nach dem verborgenen Gott, in: Gottes Zukunft-Zukunft der Welt. Hrsg. von H. Deuser. 1986. S. 250-261.
Joachim Track: Gotteserfahrungen, in: das baugerüst. Zeitschrift für Mitarbeiterinnen in der evang. Jugendarbeit. 50. Jahrgang. Heft 2/1998. S.12-18.
Michael Welker: Gottes Geist. Theologie des Heiligen Geistes. Neukirchen 1992.
Michael Welker: Kirche im Pluralismus. Gütersloh 1995.

These 3:
Evangelische Kinder- und Jugendarbeit ereignet sich im Spannungsfeld des Evangeliums und der Situation von Kindern und Jugendlichen, von Mädchen und Jungen in unserer Gesellschaft.

Erläuterungen:
Aus dieser Korellationsthese erwächst die Aufgabe der Kinder- und Jugendarbeit, die Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft immer wieder neu zur Kenntnis zu nehmen und aus den Ergebnissen neue konzeptionelle Angebote zu entwickeln. Da die Jugendszene aus einer Vielzahl disparater Jugendkulturen besteht und sich die Trends im Bereich der Jugendlichen ständig verändern, ist diese Innovationsaufgabe extrem schwierig.
Zwar kann die Rezeption von Jugendstudien ein allgemeines Bild über Grundstimmungen einer jeweiligen Jugendgeneration vermitteln, sie ersetzen jedoch nicht die Reflexion über die eigenen Dialogerfahrungen mit Kindern und Jugendlichen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse über ihre Lebenssituation. Die Menschen in der praktischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen kennen ihre Stimmungen, Neigungen und Problemstellungen lange bevor sie in Jugendstudien wissenschaftlich erhoben und festgeschrieben werden. Auf Kinder und Jugendliche zuzugehen, die Komm- durch die Geh-Struktur zu ersetzen und Kinder und Jugendliche in ihrer Lebenssituation immer neu in den Blick zu nehmen, ist die Voraussetzung gelingender Kinder- und Jugendarbeit und eine der wichtigsten Aufgaben von hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Insgesamt gilt zur Situation der Hauptamtlichen aber der provokante Satz von Klaus Schmucker: »Wir müssen dies (evangelische Jugendarbeit) mit Menschen tun, die mit einer Ausbildung von gestern die Probleme von heute lösen sollen, dabei geht es um die Fragen von morgen« (Klaus Schmucker: Welche evangelische Jugendarbeit brauchen wir? In: Fragen-Wege-Perspektiven. Hrsg. von Michael Freitag. aej-Studien 1/1998. S.12.)
Für den Bereich der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen geht es darum, eine neue, zeitgemäße Struktur der Evangelischen Jugend als Jugendverband zu entwerfen und seine gesellschaftliche Relevanz zu sichern.

These 4
Evangelische Kinder- und Jugendarbeit ist ganzheitliche, am Menschen orientierte (subjektorientierte) Bildungsarbeit mit Inhalten sozialer, emotionaler, kognitiver und religiöser Bildung. Erläuterungen: Evangelische Kinder- und Jugendarbeit ermöglicht Kindern und Jugendlichen die Erfahrung einer in der Kraft des Heiligen Geistes begründeten Gemeinschaft (soziale Bildung), gibt Räume zur Entdeckung der eigenen Persönlichkeit im Spiegel der eigenen und fremden Wahrnehmung (emotionale Bildung) und zum Ausprobieren und Einüben von Formen christlicher Spiritualität (religiöse Bildung) und vermittelt Kenntnisse der biblischen, religiösen und philosophischen Tradition und fördert so Auseinandersetzungen mit Inhalten gegenwärtigen Wissens heraus (religiöse, kognitive Bildung).
Im Hinblick auf die religiöse Bildung versteht sich evangelische Kinder- und Jugendarbeit als Elementarisierungsarbeit. Sie bringt die Wahrnehmung und Bedürfnisse der Jugendlichen in ihrer Entwicklung und die biblischen und theologischen Perspektiven miteinander in Verbindung. Sie fragt nach dem christlich und theologisch Konstitutiven und Unmittelbaren und verbindet das Konstitutive mit den Lebens- und Weltdeutungen der Jugendlichen. Dabei bedeutet Elementarisierung für Kirche und Theologie der Prozeß, in dem der überlieferte Glaube heute im Leben von Menschen wirksam werden kann, und für Kinder und Jugendliche der Prozeß, in dem sie mit Hilfe christlicher Überlieferungen Antworten auf ihre existentiellen Fragen gewinnen können (Friedrich Schweitzer).

These 5:
Evangelische Kinder- und Jugendarbeit nimmt im Glauben an die Botschaft von der Rechtfertigung des Menschen Kinder und Jugendliche mit ihren Selbst- und Weltdeutungen ernst (Subjektorientiertheit, Kinder und Jugendliche als Theologen) und begleitet sie bei der Entwicklung ihres Glaubens und bei der gemeinsamen Suche nach einer gelingenden Gestaltung christlicher Handlungs- und Lebensperspektiven. Sie unterstützt Kinder und Jugendliche bei ihrer »alltäglichen Identitätsarbeit«. Mit ihrer Subjektorientiertheit ist evangelische Kinder- und Jugendarbeit gesellschaftskritisch, da sie der gesellschaftlichen Tendenz der Verobjektivierung des Menschen in Medien und Arbeitswelt entgegenwirkt.

Erläuterungen:
Schon Paulus schrieb: »Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind, als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war« (1. Kor 13.11). Paulus wußte schon lange vor der Entwicklungspsychologie, wie verschieden das Denken und Glauben von Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu den Selbst- und Weltdeutungen der Erwachsenen ist.
In den letzten Jahren sind zu diesem Bereich von James Fowler im amerikanischen Sprachraum und von den Schweizer Religionspädagogen Oser und Gmünder umfangreiche Untersuchungen mit interessanten Ergebnissen durchgeführt worden. Wir wissen heute, wie sich der Glaube von Kindern und Jugendlichen vom Erwachsenenglauben unterscheidet. Nach Oser und Gmünder lassen sich Stufen des religiösen Urteils unterscheiden, die für Menschen in einem bestimmten Alter typisch sind. Diese Entwicklung verläuft im Ganzen so, dass ein als Kinderglaube wahrgenommenes Gottesverständnis (Stufe 1 und 2) durch eine Weltdeutung abgelöst wird, die zwischen Gott und dem menschlichen Handel eine scharfe Grenze zieht. Erst nach dieser Stufe der menschlichen Autonomie (Stufe 3) in der Zeit der Pubertät wird eine neue Öffnung für vermittelnde komplementäre Verbindungen zwischen Gott und Menschen möglich (Erwachsenenglaube: Stufe 4 und 5).
In der Kinder- und Jugendarbeit wird es darum gehen, Kinder und Jugendlichen auf den jeweiligen Stufen ihres Glaubens ernstzunehmen und sie bei der Entwicklung ihres Glaubens zu begleiten.
Wichtig ist zu bemerken, dass diese Glaubensstufen bei Kinder und Jugendlichen nicht mit einer Wertung verbunden werden dürfen, sondern jeweils den adäquaten Zugang dieser Altersgruppe zu Gott beschreiben. Erwachsene sollten hier weder belehrend noch erziehend tätig werden, sondern in einem offenen Dialog ihre Formen des Glauben mit den Ansichten von Kindern und Jugendlichen zur Sprache bringen. Hier gibt es die umfangreiche Möglichkeit eines gegenseitigen Lernens.
Das Konstitutive des christlichen Glaubens ist ohne Zweifel das Evangelium von Jesus Christus, in dem sich Gott als Gott des Lebens zeigt. Das Evangelium ist dabei verstanden als die Antwort auf die den Menschen in seinem Grunde bewegende Frage nach dem Sinn des Lebens, nach der Gerechtigkeit und nach der Ordnung der Welt, die sein Leben trägt und ihm Heil und Leben schenkt. Der Glaube an das Evangelium befreit Menschen dazu, Vertrauen in die Welt zu gewinnen und Mut zum Leben zu fassen. Das Evangelium bietet die Möglichkeit der Integration der Erfahrungen von Weltfremdheit (vgl. These 2).
Evangelische Kinder- und Jugendarbeit vermittelt die Inhalte der christlichen Glaubenstradition elementar. Sie gibt Kindern und Jugendlichen Raum zum Erproben ihnen gemäßer Formen von christlicher Spiritualität und erarbeitet Zugänge zur biblischen Tradition. Dazu dienen ihr die umfangreichen Ansätze der neueren Bibeldidaktik:
Bibliodrama, tiefenpsychologische, sozialgeschichtliche, feministische, ökologische, jüdisch-christliche, narrative und historisch-kritische Formen der Bibelauslegung. Dabei sind Erwachsene nicht als belehrende oder erziehende Gesprächspartner gefragt, sondern als Menschen, die ihre eigenen Glaubenserfahrungen im Dialog und in der Kommunikation mit Kindern und Jugendlichen zur Geltung bringen. Die hierzu notwendige elementare, kinder- und jugendgemäße aber nicht triviale Sprache zu entwickeln, erscheint mir eine noch nicht gelöste Aufgabe der Kinder- und Jugendarbeit.

Literatur:
Paul Gmünder/Fritz Oser: Der Mensch. Stufen seiner religiösen Entwicklung. Ein strukturgenetischer Ansatz. 4. Auflage 1996.
James W. Fowler: Stufen des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn. 1991.
Friedrich Schweitzer: Lebensgeschichte und Religion. Religiöse Entwicklung und Erziehung im Kindes- und Jugendalter. 2. Auflage. 1991.
Friedrich Schweitzer: Die Suche nach eigenem Glauben. Einführung in die Religionspädagogik des Jugendalters. Gütersloh 1996.
Friedrich Schweitzer: Was heißt »Elementarisierung« des christlichen Angebotes? Perspektiven für Didaktik und Jugendarbeit, in: Fragen-Wege-Perspektiven, hrsg. von Michael Freitag, 1998, S. 39-46.

These 6:
Evangelische Kinder- und Jugendarbeit als kirchliche Arbeit dient der Antizipation (Vorwegnahme) des Reiches Gottes. Ausgehend von einer Theologie des Lebens arbeitet sie in Solidarität mit den Kirchen in der Einen Welt in ökumenischer Perspektive an der Entwicklung einer »Kultur des Lebens« mit. Sie hat somit Anteil an der christlichen »Mission des Lebens«.

Erläuterungen:
Seit einigen Jahren gibt es die weltweite Bewegung einer Theologie des Lebens:
Die Kommission der Einheit III des Ökumenischen Rats der Kirchen beschloß in Larnaca 1993 ein Studienprogramm zur Theologie des Lebens, auf der Weltkirchenkonferenz in Canberra 1991 beschwor die koreanische Theologin Chung Hyung Kyung eine Kultur der Solidarität, die auf der »Kultur des Lebens« aufbaut. Schon 1984 hatte der lateinamerikanische Befreiungstheologe Gustavo Guttierez sein Buch »EI dios de la vida« veröffentlicht, und sogar Johannes Paul II formulierte in seiner Enzyklika »Evangelium vitae« die Aufgabe einer Entwicklung einer »Kultur des Lebens« gegen eine »Kultur des Todes« als ökumenische Herausforderung (vgl. Jürgen Moltmann: Die Quelle des Lebens, S. 26).
Im deutschen Sprachraum sind vor allem die Veröffentlichungen von Jürgen Moltmann und Michael Welker zu nennen. Die Schwerpunktsetzungen der verschiedenen Ansätze variieren: Während sich Johannes Paul II. in erster Linie auf das ungeborene Leben konzentriert, hat Guttierez das verhungernde und kranke Leben in Lateinamerika im Blick. Während der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf schöpfungs-, friedens- und befreiungstheologische Perspektiven zusammenfaßt, geht es Jürgen Moltmann um das apathische, sinnlose Leben der Menschen in der Ersten Welt, also um eine Befreiungstheologie der Ersten Welt.
Michael Welker versucht, die biblischen Traditionen vom Heiligen Geist für eine positive Aufnahme des Pluralismus der Postmoderne im Bereich der Theologie fruchtbar zu machen. Meines Erachtens geht es in der Theologie des Lebens um drei Schwerpunkte:
1. Ausgehend vom Glauben an die Wirksamkeit des Heiligen Geistes ist das Ernstnehmen der Glaubens- und Lebenserfahrungen jedes einzelnen Menschen (Glaubensgeschichten sind Lebensgeschichten, Lebensgeschichten sind Glaubensgeschichten) Grundlage jeder Theologie des Leben (vgl. These 2). 2. Theologie des Lebens bedeutetet kritischer Dialog über diese Lebenserfahrungen (Scheiden der Geister) und über das Konstitutive christlicher Selbst- und Weltdeutung. 3. Theologie des Lebens bedeutet Motivation zu gesellschaftlichem und politischem Engagement mit dem Ziel der Sicherung des Überlebens auf unserem Planeten. Somit ist Theologie des Lebens umfassende Befreiungstheologie.
Zum politischen Engagement als Kritik der Lebensfeindlichkeit vgl. These 7.

These 7:
In der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit erfahren Kinder und Jugendliche die befreiende Kraft des Evangeliums. Sie nehmen sich als »Kinder der Freiheit« wahr und gestalten Kirche als kommunikative Gemeinde. Die kommunikative Gemeinde der Befreiten charakterisiert sich durch die Kriterien Partizipation, Offenheit, Solidarität und Herrschaftsfreiheit. Die kommunikative Gemeinde gewinnt in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit auf parochialer Ebene und in ihren Personalgemeinden exemplarisch Gestalt.
In der Kraft des lebensbejahenden, lebenserneuernden und schöpferischen Geistes Gottes ermöglicht evangelische Kinder- und Jugendarbeit Erfahrungen gelingenden Lebens. Von der Erfahrung Gottes als Gott des Lebens her kritisiert evangelische Kinder- und Jugendarbeit lebensfeindliche Mechanismen, Strukturen, Entwicklungen und Ideologien der Gesellschaft.

Erläuterungen:
Der von dem Soziologen Ulrich Beck geprägte Begriff »Kinder der Freiheit« beschreibt das Lebensgefühl von jungen Menschen in der heutigen Gesellschaft, die Beck mit dem Begriff der Zweiten Moderne charakterisiert. Die »Kinder der Freiheit« sind Ergebnisse eines Befreiungsprozesses, in dem sich die Menschen in der Zweiten Moderne von formalen Autoritäten und Großideologien gelöst haben. Die vielbeklagte Individualisierungstendenz und der Pluralismus der »Zweiten Moderne« werden von Ulrich Beck positiv aufgenommen.
In der Zweiten Moderne realisiert sich, gerade in der Ablehnung jeder Programmatik von Großtheorien, die Forderung nach der Autonomie des Menschen, die schon die Erste Moderne programmatisch für sich reklamiert hat.
Gemäß der biblischen Tradition ist die Befreiung des Menschen aus den gottlosen Bindungen dieser Welt verankert in Gottes Zuwendung zu den Menschen im Evangelium von Jesus Christus. Darin geschieht die Befreiung der Menschen zu »Kindern Gottes«.
Da sich aber christliche Freiheit zuerst in der Bindung an Gott und an den Nächsten und erst in zweiter Linie in der Entfaltung der eigenen menschlichen Möglichkeiten konstituiert, ergibt sich ein neues Verständnis des Begriffes »Kinder der Freiheit«.
Die »christlichen Kinder der Freiheit« verstehen ihre Freiheit als Geschenk Gottes und als Aufgabe zum »freien Dienst an allen Geschöpfen«.
Diesem Freiheitsbegriff entspricht das Kirchenbild der »Gemeinde der Befreiten« oder der »kommunikativen Gemeinde«. Dabei ist die Realisierung der Gemeinde der Befreiten an den Leitgedanken Partizipation, Offenheit, Solidarität und Herrschaftsfreiheit zu messen und bleibt eine grundlegende Aufgabe kirchlichen Handelns.
Aus der Beschreibung der Kirche als Gemeinde der Befreiten leitet sich nicht nur die Aufgabe der Gewinnung, Motivierung und Aus-, Fort- und Weiterbildung von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ab, sondern auch die Notwendigkeit der partizipatorischen Gestaltung der Angebote der Kinder- und Jugendarbeit mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern u.v.m.
Evangelische Kinder- und Jugendarbeit begleitet junge Menschen bei ihrer Suche nach Erfahrungen gelingenden Lebens. Wie kann Leben gelingen in Zeiten gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Realitäten (reale und drohende Arbeitslosigkeit, Zerstörung der Mitwelt und der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen, Vergrößerung der Einkommensschere zwischen armen und reichen Menschen, massenmedial produzierte, extrem manipulierte »Realitäten«), die von Jugendlichen als umfassende »Krise der Gesellschaft« wahrgenommen und beschrieben werden (Ergebnisse der Shell-Studie 97)?
Wie kann sich gelingendes Leben realisieren angesichts solcher Perspektivlosigkeit und den Reaktionen von Erwachsenen in Politik und Wirtschaft, die häufig zwischen Hilflosigkeit und Zynismus angesiedelt sind? Bleibt dem Jugendlichen wirklich nur der Rückzug in die eigenen Cliquen zur Erprobung einer »Gegenwelt« oder die Flocht in eine durch Drogen gespeiste Funkultur? Wo finden Jugendliche Orte authentischer Lebenserfahrung?
Ausgehend von diesen Fragestellungen versteht sich evangelische Kinder- und Jugendarbeit als »Suchbewegung nach gelingendem Leben« (Klaus Schmucker). Hier erleben Kinder und Jugendliche Heimat und Geborgenheit, Freude und Glück, Hilfe zur Selbstverwirklichung und Solidarität, Förderung der Kreativität und Ermutigung und Zuspruch in Situationen des Leidens. So erlernen Kinder und Jugendliche, einerseits ihr irdisches Lebens als endliches und begrenztes in seiner ganzen Fragmentarität zu bejahen, andererseits die unterschiedlichen Formen der Lebensfeindlichkeit zu kritisieren und zu verändern.
Bei ihrer Kritik der Lebensfeindlichkeit orientiert sich evangelische Kinder- und Jugendarbeit an den Richtungsanzeigen christlicher Ethik: Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung und Schutz der Menschenrechte.
Im Hinblick auf den Frieden übt sie Methoden gewaltfreier Konfliktlösung ein. Im Hinblick auf Gerechtigkeit ergreift sie Partei für die Schwachen und Benachteiligten in der Einen Welt, nimmt sie als Subjekte ihres Handeln ernst und unterstützt sie bei ihrer Befreiungsarbeit.
Im Hinblick auf die Bewahrung der Schöpfung lebt sie eine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben und der Mitwelt. Und im Hinblick auf den Schutz der Menschenrecht engagiert sie sich gegen jede Form von Unterdrückung von Menschen.
Somit ist evangelische Kinder- und Jugendarbeit politische und parteiische Arbeit. Sie stärkt die Bereitschaft junger Menschen, gesellschaftlich und politisch Verantwortung zu übernehmen und sich für eine sozialgerechte, lebensfreundliche und demokratische Gesellschaft zu engagieren. Sie läßt Raum für politische, gesellschaftliche und kirchliche Utopien.

Literatur: Christof Bäumler: Kommunikative Gemeindepraxis. Eine Untersuchungen ihrer Bedingungen und Möglichkeiten. München 1984.


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