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Dr. Martin Schuck
Lindenstr. 19, 67346 Speyer

Wie kommt »Verkündigung« als pfarramtlicher Basisdienst
im Abschlußbericht des Perspektivausschusses vor?

Ich muß beginnen mit einem negativen Befund: Der Begriff »Verkündigung« kommt weder im Abschlußbericht der Perspektivkommission (»Perspektivplan« - PP) noch im Impulsgeber des PP, dem »Memorandum« von 1993, vor. Man könnte allenfalls von einer impliziten Behandlung des Verkündigungs-Themas sprechen und dann auf solche Derivate ausweichen wie etwa »Bibel: Quelle des Evangeliums und Weisung zum Leben«, »Protestantismus: Freiheit als Gabe und Aufgabe«, »Zukunftsweg: Kraft der in Christus geschenkten Hoffnung« im Memorandum, sowie im PP auf die Abschnitte 1.1.3 (»Das unendlich wertvolle Gut der Kirche: das Evangelium«) und 1.1.4 (»Unsere Hoffnungen sind größer als unsere Ängste«). Die beiden letztgenannten Abschnitte des PP stehen bezeichnenderweise als Unterabschnitte unter 1.1 (»Visionen für das ‚Unternehmen Kirche'«).
Allerdings geht es bei diesen genannten Abschnitten des PP um grundsätzliche Hoffnungspostulate, die Zukunft der gesamten Institution betreffend, nicht jedoch um Verkündigung als Aufgabe und Dienst. Solches müßte man eher in Abschnitt 2 vermuten, wo die »Gemeinde« Thema ist. Nun taucht dort aber »Verkündigung« weder als Aufgabe der Gemeinde auf, wie es durch § 13 KV formal möglich wäre, noch als pfarramtliche Aufgabe. Überhaupt erscheint das Pfarramt in Abschnitt 2 nur als zu kontrollierendes, zu regulierendes und notfalls in seiner Funktion zu reduzierendes Institut. Dies ist nicht verwunderlich, da der PP insgesamt rein formal vorgeht, sozusagen eine programmatische Enthaltung aller inhaltlicher Wertungen vorgibt. Worum es geht, ist scheinbar eine praktikable Einlösung des zunächst noch ungedeckten Schecks: partizipatorische und menschennahe Kirche. Man sucht Kriterien, die eine größtmögliche Beteiligung der Gemeinde (des Presbyteriums) bei der Ausübung des Pfarrdienstes sicherstellen und ein Höchstmaß an Transparenz bei der Bewertung der pfarramtlichen Tätigkeiten durch die Gemeinde (das Presbyterium) schaffen. Letztes wird vor allem versucht über die »Pfarrstellenbewertung« (2.3.3 PP).
Diesem Anspruch nach müssen Presbyterien (gemeinsam mit Kirchenbezirk und eventuell Landeskirchenrat) eine solche Stellenbewertung liefern, die »aussagekräftige Grundlage für Personal- und Stellenplanung sein« kann. Eine solche Bewertung müßte allerdings zwei Dinge voneinander trennen.
1. Diejenigen Dienste, die sich additiv ergeben und tatsächlich einzelne Pfarrstellen sehr unterschiedlich strukturieren, z.B. Anzahl der zu betreuenden Kindergärten, Beerdigungen pro Jahr, Anzahl der Predigtstellen, Geschäftsführung u.v.m.
2. Die notwendige Zeit zur Vorbereitung solcher Dienste, die in jedem Fall zu tun sind: Jeder Pfarrer hat vier Schulstunden zu halten, Predigtdienst zu leisten, Kasualien, Besuchsdienste usw. usf.
Nun machen aber gerade diejenigen Dienste, die in jedem Fall zu tun sind, die theologische Kompetenz des Pfarramts aus. Diese Bereiche theologischer Kompetenz, auf die hin ausgebildet wird, sind Verkündigung, Lehre und Seelsorge. Sie können - nach unserem landeskirchlichen Verständnis - nicht eigenverantwortlich von Laien übernommen werden, weil sie solide wissenschaftlich-theologische Ausbildung voraussetzen. Werden sie übernommen, etwa durch Lektorendienst, Besuchsdienstkreis, Mithilfe in der Konfirmandenarbeit, so ist fachkundige Begleitung durch den Pfarrer oder die Pfarrerin notwendig und wird auch angefragt. In diesen durch theologische Kompetenz begründeten Bereichen pfarramtlicher Professionalität ist nun aber keine zeitliche Bewertung (im Sinne von geleisteter und zu leistender Arbeitszeit) möglich. Hier ist der Bereich pfarramtlicher Professionalität, in dem nach Maßgabe des individuellen Grades der theologischen Fähigkeit des Stelleninhabers sehr oberflächlich gearbeitet werden kann, aber auch sehr gründlich, verantwortungsvoll und sorgsam.
Für den Kompetenzbereich der Verkündigung bedeutet dies: Man kann als Pfarrer die Lesepredigt halten, man kann sich neuerdings donnerstags die »Fax-Predigt« (abstrakte Aktualität garantiert!) kommen lassen, man kann in der Gottesdienstpraxis oder einer der vielen homiletischen Zeitschriften mit fertigen Predigtvorschlägen nachschauen - man kann aber auch selber eine Predigt schreiben. Martin Luther King, der kein allzu schlechter Rhetoriker war und auch eine gewisse Routine im Verfassen von Ansprachen hatte, hat einmal gesagt: »Eine gute Predigt erfordert 36 Stunden Zeit.« Ich wüßte keine Pfarrerin und keinen Pfarrer, die aufgrund vielfältiger Beanspruchung annähernd die Zeit hätten, so lange an der Predigtvorbereitung zu sitzen. Aber in sieben bis acht Stunden kann man auch schon eine gründlich erarbeitete Predigt schreiben. Nur: Auch dieses gibt unser normaler Gemeindealltag oft nicht her; das Maß der Dinge sind in den meisten Fällen drei bis vier Stunden.
Worauf es ankommt hinzuweisen, ist dieses: Das Ernstnehmen eines auf theologische Kompetenz begründeten Verkündigungsauftrags setzt ein Doppeltes voraus:
Einerseits ist es der gewissenhaften Erfüllung dieses Auftrags abträglich, in übergroßen Gemeinden aufgrund vielfältiger anderer Verpflichtungen keine Zeit gegönnt zu bekommen. Andererseits widerspricht es dem professionellen Anspruch dieser theologischen Kernkompetenz, wenn ein Stelleninhaber in die Verlegenheit gebracht wird, in einem als »Freizeit« definierten Raum jenseits des bezahlten Teilzeitdienstes Predigten schreiben zu müssen.
Das Ernstnehmen des Verkündigungsauftrags setzt gründliches eigenständiges Beschäftigen mit dem Text voraus, verbunden mit der Anerkennung, daß diese Beschäftigung mit dem Text Arbeitszeit ist. Das Schriftzeugnis übersetzt sich nicht selbst in zeitgemäße Sprache, sondern es bedarf der gründlichen und professionellen Übersetzertätigkeit eines ausgebildeten Theologen. Genau diese Übersetzertätigkeit macht den Kern der theologischen Kompetenz aus. Deshalb hat man in der Reformation dem »Priestertum aller Gläubigen« sofort die Forderung nach einem »Unterricht der Visitatoren« (so Melanchthon) zur Seite gestellt. In den vielbeschworenen amerikanischen Gemeinden mit ihren freikirchlichen Strukturen, die man so gerne als Vorbild nimmt, käme niemand auf die Idee, pfarramtlichen Dienst »bewerten« zu wollen. Gerade in solchen Kirchen, von denen die deutschen Landeskirchen sich doch so viel abschauen wollen, weiß man um die zeitintensive Arbeit, die sachgemäßer Verkündigung vorausgeht. Ein Pfarrer, der nicht mehr die Zeit gegönnt bekommt, neben der Zeitung hin und wieder ein theologisches Buch zu lesen, kann auf Dauer kein guter Verkündiger sein. Gerade freikirchliche Gemeinden kennen keine Pfarrer, die ausgelastet sind oder nicht, sondern nur solche, die ihren Verkündigungsauftrag ernst nehmen oder nicht.
Alles in allem: Gerade am pfarramtlichen Kompetenzbereich der Verkündigung wird klar, daß sich der Pfarrberuf einer allzu vordergründigen Bewertung entzieht und notwendigerweise (aus sachlich-inhaltlichen Gründen) entziehen muß. Man kann selbstverständlich für Verwaltungstätigkeiten zeitliche Vorgaben machen und auch der schulische Unterricht ist auf ein bestimmtes Stundenmaß begrenzt (allerdings nicht die Vorbereitung; bekanntlich gibt es auch da gute und schlechte Lehrer). Der Würde des Pfarrberufs ist es jedoch abträglich, wenn die Stellenbeschreibung der Ausschreibung schon Weichen stellt, ob jemand zu erwarten ist, der aufgrund seiner familiären Situation viel Geld verdienen muß, oder jemand, dem ein gutverdienender Ehegatte den Freiraum ermöglicht, gute Predigten zu schreiben.


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