Pfälzischer Pfarrerverein
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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Von der Reformation zur Union

 

Reformation eine Forderung des Glaubens – Union ein Gebot der Vernunft?

Kirchen- und theologiegeschichtliche Hintergründe des pfälzischen Unionsprotestantismus*

 

 

1. Entstehung und Entwicklung des Protestantismus bis zur Union

 

Die Geschichte des Protestantismus beginnt nicht erst mit Luther. Sie beginnt mehr als dreihundert Jahre vorher in Frankreich und Norditalien und setzt sich im späten 14. Jahrhundert in England fort, gelangt von dort nach Böhmen, wird vorläufig von den Truppen des katholischen Kaisers besiegt, um ein Jahrhundert später in Wittenberg geschichtsmächtig zu werden. Es ist beileibe keine Heldensage, aber es die Geschichte von Menschen, die mutig für ihre Überzeugung und ihren Glauben einstehen und dabei den kaum zu gewinnenden Kampf gegen die geistige Großmacht ihrer Zeit, das Papsttum, aufnehmen. Der tschechische Kirchenhistoriker Amadeo Molnar sprach im Blick auf die Wyclifiten und Hussiten von der ersten Reformation, im Blick auf die Wittenberger Reformation von der zweiten Reformation.

 

Damit wird deutlich, dass es sich bei der Entstehung des Protestantismus um ein mehrere Jahrhunderte währendes, über den ganzen Kontinent verbreitetes Geschehen handelte; die Tatsache, dass sämtliche noch existierenden Kirchen aus diesen Jahrhunderten vor Luther sich der Wittenberger Reformation anschlossen, stützt diese These. (Allerdings will ich aus theologischer Sicht hier eine Einschränkung machen: Tatsächlich sind aus diesen sogenannten vorreformatorischen Bewegungen Ansätze für eine Erneuerung der Kirche hervorgegangen. Den entscheidenden reformatorischen Durchbruch, der dann die Kirchenspaltung unausweichlich machte, weil Rom auf seinem im Papsttum gipfelnden Sonderweg beharrte, brachte allerdings erst die lutherische Reformation. Erst die lutherische Reformation machte die Unvertretbarkeit des einzelnen Christen vor Gott zum Programm der Theologie und stellte damit vor die unausweichliche Entscheidung, sich dieser Hinwendung zu den an der Schrift orientierten Grundsätzen des Urchristentums anzuschließen oder weiterhin im kirchlichen Korporatismus des Mittelalters gefangen zu bleiben.)

 

Der Protestantismus tritt demnach als die Religion der freien, ungebundenen Geister in die Geschichte ein, aber er konnte eben nicht zu allen Zeiten die Religion der freien, ungebundenen Geister bleiben. Abstriche waren unvermeidlich, da es um das Überleben des Protestantismus ging. Dafür brauchte er Helfer, denen es zwar ebenfalls um die Freiheit des Geistes, aber weniger um die Freiheit der gläubigen Menschen ging. Als einige Reichsstände 1529 den Speyerer Reichstag unter Protest verließen (daher der Name Protestanten), deutete sich eine Entwicklung an, die die nächsten fast vier Jahrhunderte zumindest in Deutschland bestimmen sollte: Der Fortbestand des Protestantismus hing von der Unterstützung durch die weltliche Obrigkeit ab. Der seit dem Konzil von Trient (1545-1563) betriebene Versuch der physischen Ausrottung des Protestantismus konnte in Deutschland nicht so verheerende Schäden anrichten wie etwa in Frankreich unter den Hugenotten, in Österreich oder in Böhmen. Der Dreißigjährige Krieg schaffte zwar viel Verwüstung, aber es gab keinen eindeutigen Sieg einer Konfession, sondern beide (teilweise auch drei: lutherische, reformierte, römisch-katholische) waren zur Koexistenz gezwungen.

 

Seit dem Westfälischen Frieden 1648 begann dann eine Entwicklung, die für die vielfältigen Ausprägungen des Protestantismus sehr fruchtbar war: Das allgemeine Geistesklima war durch die philosophische Aufklärung geprägt, die evangelischen Fürsten (als Garanten des Fortbestands der evangelischen Kirchen) waren in der Regel aufgeklärte Absolutisten. Prototyp dieser Monarchenklasse war Friedrich der Große von Preußen, in dessen Herrschaftsbereich jeder nach seiner Facon selig werden durfte. Das Ergebnis dieser Geisteshaltung war ein beginnender religiös-weltanschaulicher Pluralismus: Der evangelische Landesfürst griff spätestens seit dem 18. Jahrhundert immer weniger in Fragen der Gesinnung seiner Untertanen ein und beschränkte sich nur noch formal darauf, das Amt eines evangelischen Bischofs zu haben. In dieser Zeit war der Protestantismus weniger durch den Katholizismus als durch den beginnenden Relativismus der Aufklärung bedroht. Lessings „Nathan der Weise“ gab die Richtung an: Weise ist, wer alle Religionen gleich achtet und alle für gleich wahr hält; dumm, verbohrt und rückständig ist, wer sich zu einer bestimmten Religion bekennt und an deren Überbietungsanspruch festhält.

 

Allerdings leistete die Philosophie der Aufklärung dem Protestantismus einen entscheidenden Dienst, indem sie ihm eine existentiell wichtige Frage stellt: Wie kann sich der christliche Glaube vor der Vernunft verantworten? Diese Frage beschäftigt uns auch heute noch. Sie beschäftigt uns im Gegenüber zu einer Wissenschaftsgläubigkeit, in der den Religionen abgesprochen wird, mehr zu sein als irgendein Aberglaube, den jeder bitte zuhause in seinen eigenen vier Wänden lassen soll.

 

Die Anfragen der modernen Welt waren jedenfalls mit der Aufklärung gestellt und mussten beantwortet werden. Im Wesentlichen hat der Protestantismus zwei Wege beschritten, wie man diesen Anfragen begegnen kann: Der erste Weg war ein Christentum, das bewusst fromm sein wollte, sich aber gleichzeitig in tätiger Nächstenliebe übte. Dieses war der Weg des Pietismus. Man wollte der Welt zeigen, dass der evangelische Glaube die Möglichkeit eines guten, gelingenden Lebens innerhalb einer christlichen Gemeinschaft bietet. Der zweite Weg war das bewusste Einlassen auf die Herausforderungen der Aufklärung: Man wollte zeigen, dass der christliche Glaube selbst vernünftig ist und sich vor dem Tribunal der Vernunft nicht zu verstecken braucht, also vor dem Urteil der Vernunft bestehen kann. Beiden Richtungen, dem Pietismus und dem Rationalismus, war gemeinsam, dass die konfessionelle Gliederung des Protestantismus in Lutheraner und Reformierte immer bedeutungsloser wurde: Es war das Zeitalter der Union.

 

Der preußische König hat 1817, im Jubiläumsjahr der Reformation, die Vereinigung der Lutheraner und Reformierten verfügt, nachdem dort über ein Jahrhundert lang die aus Frankreich geflohenen Hugenotten eine Heimat gefunden hatten. Es war der Theologe und Philosoph Daniel Friedrich Ernst Schleiermacher, der die theologischen Grundlagen der Unionstheologie ausarbeitete; und es waren seine Heidelberger Kollegen, die die Grundlagen für die pfälzische Union von 1818 legten. Wichtigster Unterschied der pfälzischen zur preußischen Union: Die pfälzische Union geschah nicht auf Anordnung der Obrigkeit, sondern kam aus den Gemeinden. Lange vor der offiziellen Unionsfeier im September 1818 in Kaiserslautern gab es in vielen Orten der Pfalz Partikularunionen. Die einzelnen lutherischen und reformierten Gemeinden hatten sich bereits vereinigt, und die Kirchenleitung musste nachziehen. So kann man sagen, dass unsere Evangelische Kirche der Pfalz die einzige unierte Kirche im Bereich der EKD ist, die ihre Existenz dem Impuls aus den Gemeinden verdankt. Das sollte Anlass sein darüber nachzudenken, dass gerade der Protestantismus aus den Gemeinden heraus lebt und die Kirchenleitung ausschließlich im Dienst der Gemeinden und der Menschen in den Gemeinden zu stehen hat.

 

 

2. Die Grundlagen der Unionstheologie

 

Unionstheologie ist liberale Theologie und damit eine bestimmte Form des Theologietreibens im kirchlichen Liberalismus. Diesem ging es weniger um das Bekennen dogmatischer Wahrheiten als um die Frage, wie der Glaube in der modernen Welt bestehen kann. Generell kann man die Liberale Theologie als großangelegten Versuch betrachten, die seit der Französischen Revolution sich in unterschiedlichen Bewegungen bahnbrechende politische Freiheit und die seit der Aufklärungsphilosophie nicht mehr rückgängig zu machenden Idee des Subjekts als Träger aller Welterkenntnis auf dem Feld der Theologie gedanklich einzuholen. So rückte mit der Aufklärung plötzlich der Mensch mit seiner Vernunft und seinem auf Freiheit ausgerichteten Handeln in den Mittelpunkt des theologischen Erkenntnisinteresses.

 

Diese Neujustierung des theologischen Interesses bedeutete einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit, teilweise auch mit der eigenen Theorietradition. Der „garstige Graben“, den Gotthold Ephraim Lessing mit der Aufklärung gegeben sah, war auch in der Theologie nicht einfach zu überbrücken. Der unverstellte Blick auf die Zeit der Reformation, oder, noch weiter, in die Zeit der Alten Kirche, war dem Theologen fortan versperrt. Vermittlungsleistungen waren gefragt, und diese Vermittlung musste vor allem erklären, wie die überkommenen Themen der Theologie so ausgesagt werden können, dass sie dem auf vernünftiges Denken und freiheitliches Handeln hin orientierten modernen Menschen weiterhin als lebensorientierende Wahrheit einleuchten.

 

Einer dieser Versuche war der romantische Weg, den Schleiermacher ging, indem er von der Vernunft als anthropologischem Ort der Gotteserkenntnis wegging und die Frömmigkeit als Gefühlsbestimmtheit der „schlechthinnigen Abhängigkeit von Gott“ als diesen Ort zu profilieren versuchte. In seiner Glaubenslehre gelang ihm die vollständige Rekonstruktion der reformatorischen Theologie unter den Bedingungen neuzeitlicher Subjektivität. Damit war die Neuorientierung der Theologie eindrucksvoll begründet, und die sich in der Zeit nach Schleiermacher gründende und sich auf ihn berufende altliberale Theologie arbeitete sich jahrzehntelang am theologischen Programm Schleiermachers ab.

 

Zeitlich parallel zu Schleiermacher gab es jedoch ein weiteres theologisches Programm, das demselben Ziel verpflichtet war, nämlich die Themen reformatorischer Theologie unter den Bedingungen der Neuzeit zu rekonstruieren. Es war das Programm des theologischen Rationalismus. Was Rationalisten wie Johann Friedrich Röhr, Wilhelm Gesenius, Julius August Ludwig Wegscheider und Heinrich Eberhard Gottlob Paulus von Schleiermacher unterschied, war, dass sie nicht, wie dieser, bei der Frömmigkeit als dem genuinen Ort praktischer Religiosität ansetzten, sondern, darin den Philosophen gleich, bei der Vernunft als dem anthropologischen Ort der Welterkenntnis. Damit traten die rationalistischen Theologen in einen direkten Konkurrenzkampf mit den Philosophen, denn sie mussten tendenziell vernunftfremde Inhalte so aussagbar machen, dass sie vernunftmäßiger Erkenntnis zugänglich waren.

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses Programm erwies sich langfristig als nicht durchführbar. Der theologische Rationalismus in seiner Reinform blieb eine Episode in der Theologiegeschichte und hat sogleich die Opposition des Supranaturalismus auf sich gezogen. Die Streitereien zwischen beiden Opponenten wurden durch die so genannte Vermittlungstheologie in den breiten Strom des theologischen Liberalismus umgelenkt. Allerdings blieb der theologische Rationalismus nicht folgenlos, denn er findet sich zumindest ansatzweise wieder etwa in der Theologie Richard Rothes und des von diesem beeinflussten Protestantenvereins. Darauf will ich ein wenig näher eingehen, nachdem ich zuvor einen Blick auf die weltanschaulichen Voraussetzungen und theologischen Implikationen des Rationalismus und damit der pfälzischen Union geworfen habe.

 

2.1. Die philosophischen Voraussetzungen und die theologischen Implikationen des Rationalismus

 

Seinen Ausgangspunkt hat der theologische Rationalismus in der Spannung zwischen den Philosophien Kants und Hegels. Immanuel Kant hält in seiner Religionsschrift [1] noch an der christlichen Vorstellung eines Endgerichts fest, indem er meint, dass der Mensch durch sein dem Sittengesetz konformes Verhalten zwar ein Verdienst erwirbt, dass dieses aber dereinst durch „übernatürlichen Beitritt“ ergänzt werden müsse durch ein solches Verdienst, das uns aus Gnaden zugewiesen wird. In diesem Gedanken haben Rationalismus und Supranaturalismus gleichermaßen ihren Ausgangspunkt, denn hier ist nichts weniger als die Unterscheidung von Vernunft und Offenbarung vorausgesetzt, und es ist durchaus möglich, sich diesem Gedanken von beiden Seiten zu nähern. Und in der Vorrede zur zweiten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ schreibt Kant den berühmten Satz: „Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.“ Schon damals hat der Tübinger Supranaturlist Gottlob Christian Storr (1746-1805) diesen Satz auf ähnliche Weise missbräuchlich verwendet wie Papst Benedikt XVI. 2006 in seiner Regensburger Rede. Storr behauptete nämlich, dass Kant „den theoretischen Anspruch der spekulativen Vernunft eingeschränkt habe, um einem Offenbarungsglauben Platz zu machen, der sich als authentische Auslegung übernatürlicher, aus göttlichem Ursprung hervorgehender Erkenntnis verstehen lasse“ [2].

 

Eine Generation nach Kant hat Georg Friedrich Wilhelm Hegel in seiner „Einleitung in die Philosophie der Geschichte“ erkannt, dass es Aufgabe der Philosophie sei, die „Mysterien der Religion“ als „Lehren der Vernunft“ zu rechtfertigen. Der theologische Rationalismus nämlich, so Hegel, sei unfähig, Vernunft und Glauben auszusöhnen.

 

Der theologische Rationalismus wollte nun zwar gerne dem Kant’schen Programm folgen, ließ sich aber von Hegels Verdikt so weit einschüchtern, dass er die Versöhnung zwischen Vernunft und Glaube gar nicht erst wagte, sondern dieses Feld den Supranaturalisten überließ, die an dieser Stelle wenig zu verlieren hatten. Da der Rationalismus innerhalb der Grenzen der auf die theoretische Erkennbarkeit der natürlichen Welt eingeschränkten Verstandeserkenntnis keinen direkten Erfahrungsbeweis für eine irgendwie geartete übernatürliche Offenbarung finden konnte, reduzierte er die religiöse Theorie und Praxis auf die Erfordernisse der ethisch-sittlichen Lebensführung des einzelnen Menschen. Damit wuchs dem theologischen Rationalismus die Rolle zu, Sprachrohr derjenigen Aufklärungsphilosophie zu sein, die vor allem als Kritik herkömmlicher Offenbarungsreligionen daher kam.

 

Im Ergebnis hatte dies eine reduktionistische Gestalt von Theologie zur Folge, in der die menschliche Vernunft sowohl Ursprung als auch Norm theologischen Denkens war und all diejenigen Lehren, die der Vernunft nicht unmittelbar fassbar erschienen, wie etwa die Trinität, die Zwei-Naturen-Lehre, die Versöhnungslehre und die Eschatologie, einer radikalen Kritik unterzogen wurden. Gott wurde in dem von ihm selbst gesetzten ewigen Naturgesetz erkannt, und deshalb war es unmöglich, dass er etwa durch Wunder diese Gesetze selbst durchbrechen würde. Ähnlich wie der frühaufklärerische Deismus argumentierte auch der Rationalismus mit einer einheitlichen Erkenntnislehre, die alle Wirklichkeitsbereiche gleichschaltete. Mittel zur Erkenntnis der gesamten einheitlichen Wirklichkeit ist die Vernunft. Das Pathos des theologischen Rationalismus lag deshalb bei solchen Inhalten, die der menschlichen Vernunft eben ohne Intervention einer übernatürlichen Offenbarung zugänglich waren: also Gott, Freiheit, Unsterblichkeit der Seele, Schöpfung und Jesus als Ethiklehrer.

 

Wie sich das praktisch niederschlug, möchte ich mit einem Blick auf den Unionskatechismus der „Vereinigten protestantisch-evangelisch-christlichen Kirche der Pfalz“ von 1822 verdeutlichen. In den Fragen 43 bis 45 geht es um die menschliche Seele, die faktisch als Instrument zur Vernunfterkenntnis gedeutet wird:

 

„Frage 43: Was ist die Seele des Menschen?

Die Seele ist ein Geist, den wir zwar mit keinem Sinne wahrnehmen, aber doch durch seine Kräfte und Wirkungen kennen lernen. Sie hat mannigfaltige Kräfte, die auf verschiedene Weise sich äußern. Das Ganze derselben nennen wir Vernunft. Sie urtheilt und schließt, und erhebt sich mit ihren Gedanken über das Irdische und Vergängliche zum Himmlischen und Unvergänglichen, zum Glauben an Gott und Unsterblichkeit.

 

Frage 44: Worin zeigt sich die Thätigkeit der Vernunft ganz besonders?

In dem inneren sittlichen Gefühle von Recht und Unrecht, oder dem Gewissen: Ein gutes Gewissen haben wir, wenn wir gut und rechtschaffen dachten und handelten; ein böses Gewissen quält uns, wenn wir unrecht und böse dachten und handelten.

 

Frage 45: Wozu hat Gott uns Menschen so edle Kräfte gegeben?

Daß wir dadurch verständig, vernünftig, gut, tugendhaft und glückselig werden sollen, welches unsere Bestimmung ist.“

 

Diesem theologischen Programm blieben weite Bereiche des biblischen Denkens unzugänglich. Besonders auffällig wird das in der nahezu kompletten Ausblendung des Alten Testaments. Da der Rationalismus keine theologisch qualifizierte Vorstellung von Offenbarung kennt, erscheint ihm das Alte Testament als historisches Dokument einer vergangenen Spielart von Religiosität und demzufolge hat es keinen theologischen Wert an sich. Auch unter den biblischen Referenzstellen zu den drei zitierten Antworten auf die Katechismusfragen findet sich keine alttestamentliche Stelle. Neben den Verweisen auf Matthäus, Römer und 2. Korinther tauchen bezeichnenderweise nur die beiden apokryphen Bücher Weisheit und Jesus Sirach auf.

 

Wie diese reduzierte theologische Sichtweise in der Praxis umgesetzt werden sollte, kann man sich anhand der Unionsurkunde von 1818 der Vereinigten protestantisch-evangelisch-christlichen Kirche der Pfalz klar machen. Dort wurde eine Kirchenordnung beschlossen, die angesichts von über zwei Jahrzehnten De-Christianisierung im ehemaligen französischen Departement eine Art theologisches Minimalprogramm bietet. In Paragraph 3 heißt es: „Die protestantisch-evangelisch-christliche Kirche erkennt außer dem Neuen Testament nichts anderes für eine Norm ihres Glaubens. Sie erklärt, dass alle bisher bei den protestantischen Konfessionen bestandenen oder von ihnen dafür gehaltenen symbolischen Bücher völlig abgeschafft sein sollen und dass endlich die Kirchenagende und andere Religionsbücher, indem sie die jetzigen Grundsätze der vereinigten protestantischen Kirche aussprechen, der Nachwelt nicht als unabänderliche Norm des Glaubens dienen und die Gewissensfreiheit einzelner protestantisch-evangelischer Christen nicht beschränken sollen.“ [3]

 

Was in dieser rationalistischen Kirchenordnung gemacht wurde, war nichts anderes, als die Gewissensfreiheit des einzelnen Christen zur einzig wahrheitsfähigen theologischen Norm zu erklären. Allerdings wurde sogleich als Problem erkannt, dass die bisher in normativer Geltung stehenden symbolischen Bücher und vor allem auch das Alte Testament als Teil der heiligen Schrift nicht einfach abgeschafft werden können. Das Gewissen braucht, um sich zu schärfen, ein Gegenüber, und dieses Gegenüber ist dem religiösen Gewissen der Traditionsbestand an heiligen Schriften und Bekenntnistexten, die innerhalb der religiösen Gemeinschaft Geltung haben. Dementsprechend urteilt dann auch das Generalkonsistorium in München in einem Gutachten: „Es kann nicht in der Befugnis einer Provinzialkirche liegen, die symbolischen Schriften des Protestantismus für abgeschafft zu erklären, solange diese Kirche noch eine protestantisch-christliche bleiben will.“ [4] Der daraus entstandene Streit endete so, dass die ganze Bibel zur Glaubensnorm wurde und die symbolischen Schriften wenigstens in „gebührender Achtung“ zu halten sind. Allerdings war es nicht theologische Einsicht, sondern ein Machtwort des bayerischen Königs, was diese Ergänzung bewirkte.

 

2.2. Der Protestantenverein als Erbe des Rationalismus

 

Obwohl der theologische Rationalismus spätestens mit der Lutherrenaissance ab den 1820er Jahren in den Kirchen starken Gegenwind spürte, musste man sich in der Theologie mit ihm auseinandersetzen. Dabei ging keine Richtung so weit wie der Supranaturalismus, der dem Rationalismus auf dem Boden der Aufklärung entgegentreten wollte, dabei aber nur im Positivismus, also im orthodoxen Bibelglauben, enden konnte. Andere Richtungen waren da moderater: Die spekulative Theologie etwa und ihr Begründer Carl Daub (1765-1836), Professor in Heidelberg und ursprünglich selbst ein Rationalist, gingen in ihrer Theologie bewusst den Schritt von Kant zu Hegel und bemühten sich um eine begrifflich konsistente Theologie, innerhalb derer Widersprüche auf dialektischem Weg aufgelöst und zu einsehbaren Wahrheiten umgeformt werden. Auf diesem Weg sollten die Texte der Bibel und Bekenntnisschriften zu ihrem Recht kommen und auch, anders als im früheren Rationalismus, Fragen der Gotteslehre und der Christologie weiterhin theologisch zentral bleiben. Daubs Schüler Philipp Konrad Marheineke (1780-1846) schrieb 1819 sein Werk „Grundlehren der christlichen Dogmatik als Wissenschaft“, das mit dem Anspruch auftrat, philosophisch durchdacht sowie logisch und begrifflich klar zu sein; Absicht des Werkes war es, die traditionellen theologischen Lehrformeln durch spekulative Neuinterpretation als Grundlage für die kirchliche Lehre zu erhalten.

 

Hatte die spekulative Theologie also ein kirchenpolitisch konservatives Interesse, so überwog in der Vermittlungstheologie eher der Freiheitsimpuls. 1828 schreiben die drei Theologen Friedrich von Lücke, Karl Immanuel Nitzsch und Karl Ullmann in der Vorrede der neuen Zeitschrift „Theologische Studien und Kritiken“, sie wollten „keiner der geltenden Parteien angehören“ und auch keine eigene Partei gründen, sondern „das Gute und Wahre der verschiedenen Richtungen der neuern Theologie“ zur Geltung bringen, am „positiven Grunde der heiligen Schrift“ festhalten, dabei eine „freie und gewissenhafte so historische wie philosophische Forschung“ fördern und gleichzeitig eine „Vernunft und Wissenschaft verachtende Theologie“ ablehnen. [5] Zu diesen Vermittlungstheologen zählt auch der Heidelberger Theologieprofessor Richard Rothe (1799-1867), der theologisch aus der spekulativen Ecke kommt, kirchenpolitisch aber ein Liberaler ist.

Rothe war 1863, gemeinsam mit dem badischen Kirchenrat Daniel Schenkel (1813-1885), in Frankfurt Mitbegründer des „Deutschen Protestantenvereins“, der eine Organisation des kirchlichen und kirchenpolitischen Liberalismus war. Der Verein setzte sich für eine presbyterial-synodale Kirchenverfassung ein und förderte die Mitarbeit der Laien. Ziel war eine national organisierte Volkskirche ohne Bindung an die alten Bekenntnisse. Ausgangspunkt des „Deutschen Protestantenvereins“ war der „Protestantische Verein“, der 1858 in Neustadt an der Haardt (heute: an der Weinstraße) in der pfälzischen Landeskirche gegründet worden ist. Theologischer Horizont des Protestantenvereins war also der theologische Rationalismus, wie er vor 1818 in Heidelberg und auch in Halle gepflegt worden ist und in der pfälzischen Kirchenunion seinen Niederschlag in der Kirchenverfassung finden sollte. [6] Der Protestantenverein hatte keine große politische Wirkung; er war gewissermaßen das kirchliche Pendant zu den Einheitsbestrebungen des bürgerlichen Liberalismus und ist damit keinesfalls zu vergleichen mit dem Evangelischen Bund, der gut zwei Jahrzehnte später die reaktionär-chauvinistische Variante der nationalen Einheit auf den kirchlichen Bereich zu übertragen versuchte.

 

Im Ergebnis kann man wohl sagen, dass sich die Wirkung des Rationalismus in den breiten Strom der Liberalen Theologie hinein – nach anfänglich starker Auseinandersetzung mit ihm – irgendwann verflüchtigt hat. Bei den großen liberalen Theologen des späten 19. Jahrhunderts, also etwa Albrecht Ritschl, später Adolf von Harnack und Ernst Troeltsch, finden sich wenig erkennbare Einflüsse der theologischen Rationalisten aus dem frühen 19. Jahrhundert. Auch in der Pfalz wurde der Rationalismus entsorgt, so gut es ging. Im derzeit noch geltenden Katechismus von 1868 finden sich nur wenige Spuren der Unionstheologie, dafür mehr Erträge der Erweckungsbewegung.

 

Allerdings ist der Rationalismus in der Zeit des Vormärz, später dann während der bürgerlichen Revolution 1848/49 bis in die Zeit unmittelbar vor dem deutsch-französischen Krieg und der Reichsgründung 1870/71 kirchenpolitisch einflussreich. Der Rationalismus ist die Theologie des protestantischen Bürgertums, das sich eine freie Kirche in einem freien, demokratischen Deutschland wünscht. Diese Theologie wurde ab dem Zeitpunkt nicht mehr gebraucht, als dieses Bürgertum nicht mehr liberal und demokratisch, sondern immer stärker nationalistisch gesinnt war.

 

Dem Rationalismus ging es nicht um Dogmenglaube und Bekenntnisfundamentalismus, sondern um Glaubensfreiheit; nicht um stures Kleben am biblischen Wort, sondern um freie wissenschaftliche Forschung und um Pressefreiheit, damit die Forschungsergebnisse auch publiziert werden konnten. Sofern die spätere Liberale Theologie diese Anregungen aufgenommen und weiterbearbeitet hat, wurde sie dem Erbe des Rationalismus gerecht. Die pfälzische Landeskirche pflegt dieses Erbe auf besondere Weise, indem sie die Unionsurkunde zum Bestandteil ihrer Kirchenverfassung gemacht hat. Deshalb ist die dort zu findende rationalistische Unionstheologie so etwas wie eine Nötigung, sich nicht nur im Jubiläumsjahr 2018 mit den Prinzipien des Protestantismus auseinanderzusetzen.

 

* Vortrag bei der Zentralen Fachtagung der gemeindebezogenen Dienste am 22. November 2016 im Bildungszentrum Maria Rosenberg in Waldfischbach-Burgalben.

 


[1] Immanuel Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793), Hamburg, 6. Aufl. 1956.

[2] Falk Wagner, Die vergessene spekulative Theologie. Zur Erinnerung an Carl Daub anläßlich seines 150. Todestages, Zürich 1987, 13.

[3] Die von der Generalsynode Kaiserslautern erarbeitete Unionsurkunde (1818), in: Johannes Müller, Die Vorgeschichte der pfälzischen Union, Witten 1967, Dokumentenanhang 148-163; 149.

[4] Gutachten des protestantischen Generalkonsistoriums München, in: Müller, a.a.O., 163-166; 163.

[5] So nach: Martin H. Jung, Der Protestantismus in Deutschland von 1815 bis 1870 (Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen III/3), Leipzig 2000, 53f.

[6] Der „Protestantische Verein“ existierte in der Pfalz noch bis 1934 und nannte sich dann um in „Freunde der Union“.


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