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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

 

Die Wahl Donald Trumps als Selbstaufhebung der Emanzipation

 

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno schrieben die Studien, die in der „Dialektik der Aufklärung“ 1947 erstmals in Europa veröffentlicht wurden, um 1944 im kalifornischen Exil. Es war eine schonungslose Abrechung mit der Aufklärung als der bestimmenden geistesgeschichtlichen Bewegung der Neuzeit, die, spätestens angesichts der Schrecken des Holocausts unübersehbar, aber bereits vorher schon in der vor allem in den USA das gesellschaftliche Leben bestimmenden Kulturindustrie erkennbar, in „Selbstzerstörung“ abzugleiten droht und als „Rückfall von Aufklärung in Mythologie“ beschrieben werden kann. Aber, und das ist für die Haltung der Autoren entscheidend, sie sehen sich selbst unmissverständlich auf dem Boden der Aufklärung stehend und agieren als bedingungslose Verteidiger der Universalität der Vernunft. Damit behaupten sie die Notwendigkeit und Unhintergehbarkeit der Aufklärung bei gleichzeitiger Kritik derselben – einer Kritik übrigens, die nicht nur oberflächliche Erscheinungen betrifft, sondern fundamental ist. Sie beschreiben damit ein mit den Mitteln klassischer Philosophie nicht zu lösendes Paradoxon, und das Ziel ihrer Analysen besteht darin, dieses Paradoxon mit den Mitteln der damals gerade im Entstehen begriffenen, noch stark philosophisch grundierten Sozialwissenschaft aufzulösen und in ein reiferes Verständnis des Zusammenhangs zwischen Aufklärung und Mythologie überzuführen. Nur von daher erklärt sich der Titel Dialektik der Aufklärung.

 

Die Aufgabe, die Unhintergehbarkeit aufklärerischen Denkens als Grundlage menschlichen Zusammenlebens zu behaupten und den Inhalt dieses Denkens gleichzeitig einer Fundamentalkritik zu unterziehen, begründen die Autoren aus dem Begriff der Aufklärung selbst: „Wir hegen keinen Zweifel – und darin liegt unsere petitio principii –, daß die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärerischen Denken unabtrennbar ist.“ Dazu gehört gleichursprünglich der zweite Satz: „Jedoch glauben wir, genauso deutlich erkannt zu haben, daß der Begriff eben dieses Denkens, nicht weniger als die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesellschaft, in die es verflochten ist, schon den Keim zu jenem Rückschritt enthalten, der heute überall sich ereignet. Nimmt Aufklärung die Reflexion auf dieses rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal.“

 

Horkheimer und Adorno identifizieren die „Schwäche des gegenwärtigen theoretischen Verständnisses“ darin, dass die „rätselhafte Bereitschaft der technologisch erzogenen Massen, in den Bann eines jeglichen Despotismus zu geraten“, unverstanden bleibt, und es auch kein Verständnis gibt für den Grund der „selbstzerstörerischen Affinität zur völkischen Paranoia“ sowie überhaupt für den ganzen „unbegriffenem Widersinn“. Zu einem solchen bisher fehlenden Verständnis beizutragen, ist der Sinn ihrer Studien, „als wir zeigen, daß die Ursache des Rückfalls von Aufklärung in Mythologie nicht so sehr bei den eigens zum Zweck des Rückfalls ersonnenen nationalistischen, heidnischen und sonstigen modernen Mythologien zu suchen ist, sondern bei der in Furcht vor der Wahrheit erstarrenden Aufklärung selbst“. Und weil dieses Programm eben kein rein philosophisches, sondern ein sozialwissenschaftliches ist, verstehen die Autoren die Begriffe Aufklärung und Wahrheit real: „Wie die Aufklärung die wirkliche Bewegung der bürgerlichen Gesellschaft als ganzer unter dem Aspekt ihrer in Personen und Institutionen verkörperten Idee ausdrückt, so heißt Wahrheit nicht bloß das vernünftige Bewußtsein, sondern ebensosehr dessen Gestalt in der Wirklichkeit.“

 

Die in Furcht vor der Wahrheit (als Gestalt in der Wirklichkeit) erstarrende Aufklärung bezeichnen Horkheimer und Adorno zwei Jahrzehnte später in einem kurz vor Adornos Tod 1969 verfassten Vorwort zur Neuauflage als „Umschlag von Aufklärung in Positivismus, den Mythos dessen, was der Fall ist“. Damit ist die wissenschaftstheoretische Frontstellung der „Kritischen Theorie“ gegen Positivismus und kritischen Rationalismus beschrieben, gipfelnd in der Behauptung einer „Identität von Intelligenz und Geistfeindschaft“ in diesen Richtungen; Horkheimer und Adorno wollen dagegen als Kritiker von Philosophie „Philosophie nicht preisgeben“.

 

Immer wiederkehrendes Motiv in Horkheimers und Adornos Aufklärungskritik, die vor allem in dem Essay „Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug“ inhaltlich entfaltet wird, ist die Kritik einer Verkürzung der aufklärerischen Vernunft auf eine rein technische Rationalität. Gerade in ihr manifestiert sich der diagnostizierte Umschlag von Aufklärung in Positivismus am deutlichsten; der Positivismus gilt den Autoren als Inbegriff derjenigen Geisteshaltung, die den „Mythos dessen, was der Fall ist“ zum einzigen legitimen Zugang zur Wirklichkeit erklärt. Oder, anders gesagt: Wirklich ist nur, was im Reagenzglas passiert.

 

Eine derartige Verkürzung des aufklärerischen Denkens auf eine auch die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmende technische Rationalität begründet allerdings immer schon in sich selbst ein Herrschaftsverhältnis, weil verschwiegen wird, dass „der Boden, auf dem die Technik Macht über die Gesellschaft gewinnt, die Macht der ökonomisch Stärksten über die Gesellschaft ist. Technische Rationalität heute ist die Rationalität der Herrschaft selbst.“

 

Der Erfolg der sozialphilosophischen Analysen Horkheimers und Adornos liegt darin, dass in ihnen eine dialektische Struktur offengelegt wird, mittels derer ganz verschiedene Ereigniszusammenhänge erklärt werden können. Immer geht es um den Zusammenhang von theoretischem Anspruch und praktischer Verwirklichung, und dieser Prozess verläuft eben niemals linear, sondern beinhaltet Brechungen, Rückschläge, mitunter auch falsche Allianzen und Verirrungen.

 

Im Zusammenhang mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten hat die amerikanische Politologin Nancy Fraser, Professorin an der New School for Social Research in New York, einen Erklärungsversuch vorgelegt, der, ohne direkt auf die „Dialektik der Aufklärung“ einzugehen, deren Argumentationsmuster benutzt, um die Niederlage Hillary Clintons als Ergebnis einer verhängnisvollen Allianz zwischen emanzipatorischen Bewegungen und dem Großkapital sowie der Finanzwirtschaft darzustellen.

 

Am Anfang ihres Aufsatzes in der Februar-Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ steht die Einschätzung, dass die politischen Systeme bisher gegen den weltweit immer wieder aufbrechenden Protest gegen die neoliberale Austeritätspolitik weitgehend immun waren; zwar habe, wer Trump wählte, für den Brexit oder gegen die Renzi-Reformen stimmte, sich immer auch gegen seine Herrscher erhoben. „Indem die Wähler den Parteiestablishments die kalte Schulter zeigten, wiesen sie die Arrangements zurück, die seit nunmehr dreißig Jahren ihre Lebensbedingungen zerstören.“ Allerdings, so Fraser, gebe es bei Trump eine spezifisch amerikanische Konstellation, die eben nicht nur als Revolte gegen das globale Finanzwesen erklärbar sei: „Was seine Wähler verwarfen, war nicht einfach der Neoliberalismus im Allgemeinen, sondern der progressive Neoliberalismus.“ Mit diesem nach einem Paradoxon klingenden Begriff des progressiven Neoliberalismus beschreibt Fraser ein gesellschaftliches Arrangement, das genau den gleichen reduktionistischen Gesetzmäßigkeiten folgt, die bei dem Umschlag von Aufklärung in Positivismus durch Reduktion der Vernunft auf technische Rationalität leitend sind. Es handele sich, so Fraser, beim progressiven Neoliberalismus um eine „Allianz zwischen einerseits tonangebenden Strömungen der neuen sozialen Bewegungen (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus und den Vertretern der LGBTQ-Rechten) und andererseits kommerziellen, oft dienstleistungsbasierten Sektoren von hohem Symbolgehalt (Wall Street, Silicon Valley und Hollywood). Hier stehen progressive Kräfte faktisch im Bündnis mit den Kräften des kognitiven Kapitals, insbesondere der Finanzialisierung. Erstere borgen dabei, oft unbewusst oder auch nicht, Letzteren ihr Charisma.“ Grundsätzlich dienten jetzt für ganz unterschiedliche Zwecke nutzbare Ideale wie Vielfalt und Empowerment der „Verklärung politischer Entwicklungen, die zur Zerstörung des produzierenden Sektors und der Lebensverhältnisse der Mittelschicht“ geführt hätten.

 

Fraser sieht dieses Bündnis progressiver Bewegungen mit neoliberal agierenden Wirtschaftskreisen seit etwa drei Jahrzehnten bestehen und betrachtet die Wahl Bill Clintons zum US-Präsidenten 1992 als „Ratifizierung“ dieses Bündnisses. Unter Clinton habe sich anstelle der alten New-Deal-Koalition aus gewerkschaftlich organisierten Industriearbeitern, Afroamerikanern und städtischen Mittelschichten ein neues Bündnis „aus Unternehmern, Vorortbewohnern, neuen sozialen Bewegungen und jungen Leuten“ herausgebildet. „Sie alle bewiesen ihre Fortschrittlichkeit, indem sie auf Vielfalt, Multikulturalismus und Frauenrechte schworen. Ungeachtet ihrer Förderung progressiver Ideen und Kräfte, hofierte Clintons Regierung die Wall Street. Während sie die US-Wirtschaft so Goldman Sachs überantwortete, deregulierte sie das Bankensystem und handelte jene Freihandelsabkommen aus, die zu beschleunigter Deindustrialisierung führten.“

 

Der Angriff auf die soziale Sicherheit sei also „hinter einer täuschenden Fassade“ erfolgt, „die das von den neuen sozialen Bewegungen geborgte Charisma schaffen half“, so Frasers Einschätzung. Die Janusköpfigkeit dieser Konstellation zeige sich beispielhaft in der Tatsache, dass der Doppelverdiener-Haushalt als Triumpf des Feminismus präsentiert werde, die Realität dahinter jedoch aus Lohndruck, geringerer Arbeitsplatzsicherheit und sinkenden Lebensstandards bestehe. Die Entwicklung in diese Richtung sei dadurch verstärkt worden, dass in den USA während der Jahre des Einbruchs der Industrieproduktion „ein dröhnender Dauerdiskurs über ‚Vielfalt‘, ‚Frauen-Empowerment‘ und ‚den Kampf gegen Diskriminierung‘“ geherrscht habe. Dabei sei Fortschritt „zunehmend mit meritokratischen Ansprüchen statt mit fortschreitender Gleichheit“ identifiziert worden. Zum Maßstab der Emanzipation avancierte, so Fraser, „der Aufstieg von ‚talentierten‘ Frauen, Minderheiten, Schwulen und Lesben in der kommerziellen Winner-take-all-Hierarchie – und nicht mehr deren Abschaffung“. Dadurch seien „linksliberal-individualistische Fortschrittsvorstellungen“ an die Stelle der egalitären, antihierarchischen und klassenbewussten Auffassungen von Emanzipation der 1960er und 1970er Jahre getreten. Unmerklich, so Fraser, seien so die Ansprüche progressiver und linker Kreise zusammengeschrumpft, und der Sieg des Neoliberalismus als alleinherrschender Wirtschaftsdoktrin habe den Handel perfekt gemacht: „Somit verbindet der progressive Neoliberalismus verkürzte Emanzipationsideale mit gefährlichen Formen der Finanzialisierung.“

 

Die Pointe dieser Entwicklung bestehe nun darin, dass die Trump-Wähler „diesen Mix“ in toto zurückgewiesen haben: „Mit ihrer Ablehnung der Globalisierung wandten sich Trump-Wähler auch gegen den mit dieser gleichgesetzten linksliberalen Kosmopolitismus. Für manche […] war es von da aus kein großer Schritt mehr, die Verschlechterung ihrer Lebenslage der Political Correctness, Schwarzen Menschen, Immigranten und Muslimen anzukreiden. In Ihren Augen sind Feminismus und Wall Street zwei Seiten derselben Sache, geradezu vollkommen verkörpert in – Hillary Clinton.“

 

Vor dem Hintergrund dieser Analyse besteht die vage Hoffnung, dass die Wahl Trumps für das Nachdenken über das Wesen von Emanzipation eine ähnliche Herausforderung darstellt wie die Durchsetzung des Faschismus für das Nachdenken über die Aufklärung. Es wäre aber zu wünschen, dass für die emanzipatorischen Kräfte nicht gilt, was Horkheimer und Adorno der Aufklärung prophezeiten: „Eingespannt in die herrschende Produktionsweise löst die Aufklärung, die zur Unterminierung der repressiv gewordenen Ordnung strebt, sich selbst auf.“

 


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