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Michael Behnke
Oklahomastraße 12, 66482 Zweibrücken

 

Offene Türen zwischen Islam und Christentum

 

 

In unserem Land stehen sich zwei feindliche Blöcke gegenüber. Es sind zwar Minderheiten, doch wirken sie wort- und tatkräftig in unsere gesellschaftliche Wirklichkeit hinein. Auf der einen Seite stehen der islamische Salafismus und der gewaltbereite Dschihadismus, der junge Menschen für den IS rekrutiert, aber auch vor Ort für Gefahr sorgt. Dazu kommt eine größere Gruppe archaischer Traditionalisten, die sich in Parallelgesellschaften abschottet und versucht, Scharia und archaische Traditionen auf ihre Community anzuwenden. Auf der anderen Seite steht ein erstarkender Populismus, in den sich auch immer deutlicher nationalistische und rassistische Töne mischen. Beide Gruppen sind identitäre Bewegungen, denn beide bestehen auf ihrer wesensmäßigen Identität, die eine mögliche Integration  des „anderen“ ontologisch ausschließt. Beide machen damit Front gegen die Geltung der universalen Menschenrechte, indem sie ihre Identitäten an erster Stelle setzen: Für den Islamismus sind alle Andersgläubige „Kuffar“ und damit nicht mehr Menschen und nur noch so viel Wert wie Tiere („Affen“, „Schweine“). Für den Populismus bedrohen die anderen unsere Kultur und unsere nationale Identität und sollen deswegen verschwinden („die passen nicht zu uns!“). Beide Seiten argumentieren nicht rational, sondern emotional: Der Populismus nennt die Medien „Lügenpresse“ und beraubt sie dadurch ihrer aufklärerischen Kraft. Rationale Argumente und Fakten werden nicht geglaubt, wenn sie nicht zur gefühlten Meinung passen. Der Islamismus verdächtigt pauschal „den Westen“ der Ausbeutung und der Dekadenz. So schüren beide Seiten Hass, Ressentiments und Vorurteile gegeneinander und eine wachsende Angst voreinander. Sind „kriegerische“ Auseinandersetzungen für die Zukunft auch vor unserer „Haustür“ zu befürchten?

 

Dazwischen stehen eine Mehrheitsgesellschaft und ein Mehrheitsislam, zu dem immer mehr Bürgerkriegsflüchtlinge hinzukommen. Diese Mehrheit sieht im Moment ziemlich ratlos diesem Treiben zu, und es führt dazu, dass sich eine wachsende Zahl hin und her gerissen und bedrängt fühlt. Jedenfalls hat es den Anschein, dass Hass, Ressentiments und Angst immer mehr Menschen infizieren und sie in die jeweiligen Lager drängen. In dieser Situation gilt es alle Ressourcen zu stärken, die dieser gegenseitigen Vergiftung und Verfeindung mäßigend entgegenwirken.  Dazu soll diese Reihe dienen.

 

 

Sufismus [1]

 

 

„Ich versuchte ihn zu finden am Kreuz der Christen,

aber er war nicht  dort.

Ich ging zu den Tempeln der Hindus und zu den alten Pagoden,

aber ich konnte nirgends eine Spur von ihm finden.

Ich suchte ihn in den Bergen und Tälern,

aber weder in der Höhe noch in der Tiefe sah ich mich imstande, ihn zu finden.

Ich ging zur Kaaba in Mekka,

aber dort war er nicht.

Ich befragte die Gelehrten und Philosophen,

aber er war jenseits ihres Verstehens.

Ich prüfte mein Herz,

und dort verweilte er, als ich ihn sah.

Er ist nirgends sonst zu finden“

(Dschamal ad-Din Muhammad Rumi, 1207-1273. Persischer Dichter und Sufi) [2]

 

Momo schaute Monsieur Ibrahaim zu, wie er seinen Anisschnaps schlürfte.

„Ich dachte, dass Moslems keinen Alkohol trinken.“

„Ja, aber ich bin Sufi.“

 

Der französische Schriftsteller Eric Emmanuel Schmitt schildert in seinem Roman „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ die Freundschaft zwischen dem jüdischen Jungen Momo und dem muslimischen Kaufmann Ibrahim, der in der Straße, in der Momo wohnt, ein kleines Lebensmittelgeschäft führt. Momo wächst ohne Mutter und nur mit seinem schwermütigen Vater, einem Rechtsanwalt, auf. Bei Monsieur Ibrahim lernt Momo all das kennen, was er bei seinem Vater vermisst: Weisheit und liebenswerte Großzügigkeit, Gelassenheit und Wertschätzung und einen Sinn für die Schönheit aller Dinge. Denn Monsieur Ibrahaim ist Sufi. Er lehnt alles Gesetzliche und Dogmatische als lebensfeindlich ab:

„Die Schönheit ist überall. Wohin du auch deine Augen wendest. Weißt du, Momo, dem Menschen, dem Gott nicht direkt das Leben offenbart, dem wird es auch kein Buch offenbaren.“ [3]

 

Die islamische Mystik entstand schon im 7. Jh., führte aber als asketische Bewegung eher eine Randexistenz im Gebiet des heutigen Iraks. Erst im 11. Jh. findet sie ihren Höhepunkt durch Hamid al-Ghazali, der die Mystik mit der Orthodoxie verband. Einen weiteren Höhepunkt erlebte sie im 13. Jh. unter dem persischen Dichter und Sufi Rumi (gest. 1273). Das Leitmotiv seiner mystischen Poesie ist die Liebe zu Gott und das Suchen nach dieser Liebe, die allein von Nutzen sei.

 

Der Sufismus organisiert sich bis heute in Orden und Bruderschaften, in denen sie mystische Übungen gemeinsam praktizieren in Meditationen (z.B. in rhythmisch wiederholten Stoßgebeten), Musik und Tanz (Derwische), um in tranceähnlichen Zuständen ihre mystischen Erlebnisse zu haben.

 

Etymologisch ist unklar, ob das Wort Sufi von arabisch Sūf „Schurwolle“, das auf die wollenen Gewänder der Sufis hinweist, oder von Safā „rein sein“ stammt. „Rein“ meint in diesem Zusammenhang gereinigt von Unkenntnis bzw. Unwissenheit, Egoismus und Fanatismus sowie frei von Beschränkungen durch die soziale Schicht, politische Überzeugung oder Nation. Historisch wahrscheinlicher ist jedoch erstere Auslegung, da die Herleitung von „rein“ auch eine gewollte Interpretation darstellen könnte.

 

Das islamische Wort für Mystik heißt dazu „tasauwuf“, was wörtlich bedeutet: „die Gewohnheit das wollene Gewand zu tragen“. Das bezieht sich auf die Lebensweise der Sufis, die bei ihren Treffen ein weites Gewand aus Wolle tragen, das beim Tanz sich wie eine Glocke um den Sufi wölbt. Der Begriff Sufismus wurde nicht von Anhängern dieser Lehre eingeführt. Vielmehr wurde er von Personen außerhalb dieser mystischen Strömung geprägt. Ein Sufi bezeichnet sich selbst in der Regel nicht als solcher, vielmehr verwenden Sufis für sich Bezeichnungen wie „Menschen der Wahrheit“, „Meister“, die „Nahen“, „Suchende“, „Schüler“ oder „Reisende“.

Zentren des Sufismus waren Basra, Abadan, Kufa und Bagdad.

 

Koranische Grundlage

 

„Koran“ heißt „Rezitation“. Schon bald hatten Gläubige das Bedürfnis, den Koran häufig zu rezitieren, ihn zu meditieren und die Verse so zu verinnerlichen. Sehr wichtig für die islamische Mystik ist Sure 24, 35: „Allah ist das Licht der Himmel und der Erde. Sein Licht gleicht einer Nische, in der sich eine Lampe befindet. (…) – Licht über Licht! Allah leitet zu seinem Licht, wen er will, und Allah macht Gleichnisse für die Menschen, und Allah kennt alle Dinge.“

 

In der Lichtmetaphorik treffen sich Christentum und Islam: Gott, der Schöpfer, erschafft zuerst das Licht (Gen 1,2) und Jesus, sein Sohn, ist das Licht der Welt (Joh 8,12). Licht steht hier für Erkenntnis, Wissen, und Wahrheit sowie für Erwachen und Erleuchtung. In der christlichen und islamischen Mystik geht es insbesondere um das mystische Erlebnis des inneren Lichtes. Dazu kommt wie im Christentum auch das Motiv der Liebe. In Sure 5,59 heißt es, „Gott wird Leute bringen, die er liebt und die ihn lieben.“

 

Nach diesem Verständnis geht die Liebe zuerst von Gott aus, der gleichsam Liebe ist, ohne dass dieses explizit gesagt wird. Al-Muhasibi sagt dazu: „Die Liebe zu den Gehorsamsakten geht von der Liebe Allahs aus, da er es ist, der sie beginnen lässt.“

 

Lehre

 

Es gibt Sufi-Orden, die als sunnitisch oder schiitisch klassifiziert werden können, aber auch solche, die beiden, und andere, die keiner der beiden islamischen Richtungen zuzuordnen sind. Diese stellen einen separaten Bereich des islamischen Glaubens dar und lehren meist einen „universellen Sufismus“. Die meisten Sufis bewegen sich aber innerhalb des orthodoxen Islams von Sunna und Schia und sind somit entweder Sunniten oder Schiiten.

 

Der Weg der Sufis folgt vier Stufen: 1. Auslöschen der sinnlichen Wahrnehmung, 2. Aufgabe des Verhaftetseins an individuelle Eigenschaften, 3. Sterben des Ego und 4. Auflösung in das göttliche Prinzip.

 

Das oberste Ziel der Sufis ist, Gott so nahe zu kommen wie möglich und dabei die eigenen Wünsche zurückzulassen. Dabei wird Gott bzw. die Wahrheit als „der Geliebte“ erfahren. Der Kern des Sufismus ist demnach die innere Beziehung zwischen dem „Liebenden“ (Sufi) und dem „Geliebten“ (Gott). Durch die Liebe wird der Sufi zu Gott geführt, wobei der Suchende danach strebt, die Wahrheit schon in diesem Leben zu erfahren. Dies spiegelt sich in dem Prinzip zu sterben, bevor man stirbt wider, das überall im Sufismus verfolgt wird. Hierzu versuchen die Sufis, die Triebe der niederen Seele bzw. des tyrannischen Ego so zu bekämpfen, dass sie in positive Eigenschaften umgeformt werden. Auf diese Weise kann man einzelne Stationen durchlaufen, deren höchste die reine Seele ist. Diese letzte Stufe bleibt jedoch ausschließlich den Propheten und den vollkommensten Heiligen darunter auch Jesus vorbehalten.

 

Die mystische Gotteserfahrung ist der Zustand des Einssein mit Gott, die sogenannte „unio mystica“. Dazu eine etwas ausführlichere Beschreibung von Abu Said:

Sufismus ist Ruhm im Elend, Reichtum in der Armut, Herrschaft in Dienstbarkeit, Sättigung im Hunger, Leben im Tode und Süße in der Bitterkeit… Der Sufi ist der, der mit allem zufrieden ist, was Gott tut, so dass Gott mit allem zufrieden ist, was er tut.“

 

Ein wichtiger Aspekt der sufistischen Lehre ist außerdem, dass man die Wahrheit erfährt und nicht nur intellektuell erfasst. Gemäß dem Grundsatz „Den Glauben sieht man in den Taten“, ist es für die Sufis entscheidend, oft eher mit gutem Beispiel in der Welt aufzutreten als über den Glauben zu reden. Darüber hinaus ist „Aufrichtigkeit“ unentbehrlich, und man sollte versuchen, nach außen hin so rein zu werden, wie man es auch nach innen hin anstrebt.

 

Viele Sufis glauben infolgedessen, dass in allen Religionen eine grundlegende Wahrheit zu finden sei, und dass die großen Religionen von ihrem Wesen/Geist her dasselbe seien. Manche Sufis gehen deswegen sogar so weit, dass sie den Sufismus nicht innerhalb des Islams angesiedelt sehen, sondern meinen, dass die Mystik über der Religion stehe, ja diese sogar bedinge. Insofern war und ist der Sufismus eine wichtige Brücke zu allen Religionen und somit auch zum Christentum.

 

·                Der Weg des Derwisch

 

Und da habe ich zum ersten Mal die drehenden Männer gesehen. Die Derwische trugen lange, helle, schwere, weiche Gewänder. Eine Trommel erklang. Und die Mönche verwandelten sich in Kreisel.

„Siehst du, Momo, sie drehen sich um sich selbst, sie drehen sich um ihr Herz, um den Ort, wo Gott wohnt. Das ist wie ein Gebet.“

„Das nennen sie beten?“

„Aber ja, Momo. Sie verlieren jede Bindung an die Erde, die Schwere, die man Gleichgewicht nennt, sie werden zu Fackeln, die in einem großen Feuer verbrennen.“ [4]

 

Der Begriff Derwisch leitet sich her vom persischen Wort dar („Tor“, „Tür“), ein Sinnbild dafür, dass der Bettler von Tür zu Tür wandert. In der sufistischen Symbolik bedeutet dies auch die Schwelle zwischen dem Erkennen der diesseitigen irdisch materiellen und der jenseitigen göttlichen Welt.

 

Die volle persische Übersetzung für Derwisch ist „Bettler“. Dabei ist es aber nicht unbedingt wörtlich zu nehmen, dass jeder Sufi ein Bettler sei; sondern dieser Begriff dient auch als Symbol dafür, dass derjenige, der sich auf dem Weg des Sufismus befindet, seine eigene „Armut gegenüber Gottes Reichtum“ erkennt.

 

Auf dem Weg eines Derwisch gibt es vier Stationen, die er zu meistern versucht: Scharia („islamisches Gesetz“), Tariqa („der mystische Weg“) Haqiqa („Wahrheit“) und Ma'rifa („Erkenntnis“). Ibn Arabi beschreibt die vier Stationen folgendermaßen:

 

1. Auf dem Niveau von Schari'a gibt es „dein und mein“. Das heißt, dass das religiöse Gesetz individuelle Rechte und ethische Beziehungen zwischen den Menschen äußerlich regelt.

 

2. Auf dem Niveau von Tariqa „ist meins deins und deins ist meins“. Von den Derwischen wird erwartet, dass sie sich gegenseitig als Brüder und Schwestern behandeln, den jeweils anderen an seinen Freuden, seiner Liebe und seinem Eigentum teilhaben lassen.

 

3. Auf dem Niveau der Wahrheit (Haqiqa) gibt es „weder meins noch deins“. Fortgeschrittene Sufis erkennen, dass alle Dinge von Gott kommen, dass sie selbst nur die Verwalter sind und in Wirklichkeit nichts besitzen. Diejenigen, die die Wahrheit erkennen, interessieren sich nicht für Besitz und Äußerlichkeiten im Allgemeinen, Bekanntheit und gesellschaftlichen Stand inbegriffen.

 

4. Auf dem Niveau der Erkenntnis (Ma'rifa) gibt es „kein ich und kein du“. Der einzelne erkennt, dass nichts und niemand von Gott getrennt ist (unio mystica). Dies ist das oberste Ziel des Sufismus.

 

Eine Geschichte zeigt, dass die Erkenntnis der 4. Stufe auch sehr gefährlich sein kann. So sagte im 10. Jh. der Sufi Al-Halladsch folgende Worte: „Ich bin die Wahrheit!“ Die Zuhörenden meinten aber, er habe damit sagen wollen: „Ich bin Gott!“ Er wurde darauf hin zum Tode verurteilt und hingerichtet. Dabei ging es al-Halladsch um die mystische Vereinigung mit Gott, wenn er sagte: „Ich bin der, den ich liebend begehre, und der, den ich liebend begehre, ist ich.“

 

Dieser mystische Erkenntnisweg findet sich in gleicher Weise in der christlichen und auch in der buddhistischen Mystik. Im Sufismus wie in allen mystischen Bewegungen verbinden sich in positiver Weise alle Religionen miteinander.

 

·                     Die Liebe

 

Der Mittelpunkt der sufistischen Lehre ist die Liebe, die immer im Sinne von „Hinwendung (zu Gott)“ zu verstehen ist. Die Sufis glauben, dass sich die Liebe in der Ausbreitung des göttlichen Wesens im Universum ausdrückt. Dies lässt sich oftmals in den „berauschten“ Gedichten vieler islamischer Mystiker erkennen, die die Einheit mit Gott und die Gottesliebe besingen. Da diese poetischen Werke meist mit Bildern durchsetzt sind, wurden sie in der Geschichte oft von islamischen Rechtsgelehrten argwöhnisch betrachtet. In ihren Augen haben sie ketzerische Aussagen, wenn beispielsweise der Suchende wie vom „Wein“ berauscht ist; in der Symbolik des Sufismus steht der Wein für die Liebe Gottes, der Sheikh für den Mundschenk und der Derwisch für das Glas, das mit der Liebe gefüllt wird, um zu den Menschen getragen zu werden.

 

Al-Gazali bezeichnet die Liebe zu Gott als die höchste der Stationen und sogar als das eigentliche Endziel der Stationen auf dem Weg zu Gott. Er sagt, dass nur Gott allein der Liebe würdig ist. Die Liebe zu den Gottesgelehrten und Frommen erwähnt er ebenfalls als lobenswert, denn „man liebt diejenigen, die den Geliebten lieben“.

 

Isa Ibn Myriam, also Jesus, wird im Islam als der „Prophet der Liebe“ und als „Siegel der allgemeinen Heiligkeit“ gesehen. Er spiegle als vollkommener Mensch die Eigenschaften Gottes wider und gilt als Vorbild für Asketen. Für einige Sufis steht die Kreuzigung Jesu im Zusammenhang mit dem „sterben bevor man stirbt“. Er habe die Einheit mit Gott erreicht, nach der Sufis strebten, als er wieder auferstanden sei.

 

·                     Dhikr (Meditation)

 

Momo hat gelernt, wie ein Derwisch zu tanzen. Nach einem Tanz fragt ihn Monsieur Ibrahim:

Na, Momo, hast du an etwas Schönes gedacht?“

„Ja, es war unglaublich. Mein Hass war wie weggespült. Das Beten war toll. Je schwerer der Körper, desto leichter wird der Geist.“ [5]

 

Die Sufis suchen durch tägliche regelmäßige Meditation (Dhikr, das bedeutet „Gedenken“, also „Gedenken an Gott“) und spezielle geistliche Übungen Gott nahezukommen oder mit Gott im irdischen Leben eins zu werden. Kommen Sufis einem mystischen Zustand nahe, geraten sie oft in Trance, wobei dies lediglich ein Nebeneffekt ist und nicht wie manchmal angenommen das Ziel des Dhikr. Einige wenige Sufigemeinschaften vollziehen in Trance verletzende Handlungen, wie etwa das Durchstechen der Wangen bei den Rifai-Derwischen, womit das vollkommene Vertrauen in Gott demonstriert werden soll. Ein weiteres Beispiel für Trancezustände bei Sufis sind die so genannten drehenden Derwische aus Konya in der heutigen Türkei, die sich während ihres Dhikr um ihre eigene Achse drehen und dadurch in Trance geraten.

 

Der Sufismus bietet also dem Suchenden eine Möglichkeit, das Göttliche in sich zu finden bzw. wiederzuentdecken. Die Sufis glauben, dass Gott in jeden Menschen einen göttlichen Funken gelegt hat, der im tiefsten Herzen verborgen ist. Gleichzeitig wird dieser Funke auch durch die Liebe zu allem, was nicht Gott ist, verschleiert, genauso wie durch die Aufmerksamkeit gegenüber den Banalitäten der materiellen Welt, sowie durch Achtlosigkeit und Vergesslichkeit. Laut dem Propheten Mohammed sagt Gott zu den Menschen: „Es gibt siebzigtausend Schleier zwischen euch und Mir, aber keinen zwischen Mir und euch.“

 

Die „Vervollkommnung des Dhikr“ ist seit je her ein hohes Ziel bei den Sufis gewesen und es wird angestrebt, den Dhikr immerwährend zu wiederholen, sodass er selbst inmitten aller anderen weltlichen Aktivitäten weiter im Herzen fortfährt. Dies entspricht einem „ununterbrochenen Bewusstsein der Gegenwart Gottes“. Letzteres wird „Dhikr des Herzens“ genannt, während die nach außen hörbare Form als „Dhikr der Zunge“ bezeichnet wird.

 

Während des Dhikr rezitieren die Sufis bestimmte Stellen aus dem Koran und wiederholen eine bestimmte Anzahl der göttlichen Attribute (im Islam 99). Ein weiteres Dhikr ist das Wiederholen des ersten Teils der Schahada („Glaubensbekenntnis“) lā ilāha illā-llāh, zu Deutsch: „Es gibt keinen Gott außer Gott“ oder „Es existiert keine Macht, die es wert ist, angebetet zu werden, außer Gott“. Je nach Orden kann dieser Dhikr auch Musik, Tanz, bestimmte Körperbewegungen und Atemübungen beinhalten.

 

·                Sufi-Geschichten

 

Ein wichtiger Bestandteil des Sufismus sind die Lehrgeschichten, die die Sheikhs immer und immer wieder ihren Derwischen erzählen. Dabei kann man sie in drei verschiedene Kategorien unterscheiden:

 

1. Geschichten, die sich mit dem Verhältnis des einzelnen zu sich selbst und seiner individuellen Entwicklung befassen.

 

2. Geschichten, die das Verhältnis zur Gesellschaft und zu anderen Menschen behandeln.

 

3. Geschichten, die sich mit der Beziehung zu Gott befassen.

 

Die im Westen bekanntesten Lehrgeschichten sind beispielsweise die von Nasruddin Hodscha (auch Mullah Nasruddin), die meistens als Anekdoten oder einfache Witze missverstanden werden. Ein Beispiel:

Nasruddin setzt einen Gelehrten über ein stürmisches Wasser. Als er etwas sagt, das grammatikalisch nicht ganz richtig ist, fragt ihn der Gelehrte: „Haben Sie denn nie Grammatik studiert?“

Nein.“

 

Dann war ja die Hälfte Ihres Lebens verschwendet!“

Kurz darauf dreht sich Nasruddin zu seinem Passagier um: „Haben Sie jemals schwimmen gelernt?“

Nein. Warum?“

Dann war Ihr ganzes Leben verschwendet – wir sinken nämlich!“

 

Anhand dieser Geschichte wollen Sufis verdeutlichen, dass der Sufismus kein theoretisches Studium sei, sondern ausschließlich durch praktisches Handeln gelebt werden könne. Analog dazu sagen sie, dass es zwar viele Bücher über den Sufismus gibt; den Sufismus in den Büchern zu finden sei aber unmöglich. Analog dazu betrachten die Sufis einen Religionsgelehrten, der sein Wissen nicht praktiziert, als einen Esel, der eine schwere Last an Büchern trägt, die ihm aber nichts nützen, weil er schließlich nichts damit anfangen kann.

 

Gibt es hier nicht eine positiven Bezug zu Jesus und seiner Art in einfachen Geschichten und Gleichnissen zu den Menschen zu reden? (siehe das Gl. vom barmherzigen Samariter)

 

 

Aktuelle Situation [6]

 

Der Sufismus wird aktuell in Iran und Saudi Arabien verfolgt. Im wahhabitischen Saudi Arabien wurde die Lehre von Sufismus als „Schirk“ (Götzendienst, Polytheismus) deklariert. Niederlassungen von Sufi-Bruderschaften sind in Saudi-Arabien verboten. Insbesondere der Besuch von Schreinen sowie der Tanz und die Musik stoßen auf Ablehnung der wahhabitischen Fundamentalisten. Auch der orthodoxe Islam sieht den Sufismus kritisch bis ablehnend.

 

In Pakistan wird der Sufismus vom terroristischen Islam verfolgt. Zwischen 2005 und 2010 gab es 16 Anschläge auf Sufi-Schreine mit mehr als 140 Toten [7]. Dabei gilt dieses Land als Heimat des Sufismus. „Pakistan ist eines der wenigen Länder der Welt, in denen die Mystik noch die vorherrschende Form der religiösen Praxis darstellt. 70 bis 80 Prozent aller Pakistani (…) besuchen, wenn sie nicht selbst einem Orden angehören, die Gräber mystischer Heiliger und Dichter, versorgen wandernde Derwische, folgen einem Pir, also einem sufischen Führer, lieben die vielfältigen Spielarten der religiösen Mystik oder nehmen Teil an den rauschhaften Ritualen.“ [8] Selbst der Ministerpräsident stammt aus einer Sufi-Familie. Der puristische, buchstabenfromme und legalistische islamistische Fundamentalismus hingegen nimmt Anstoß an Toleranz, Innerlichkeit, Musik, Tanz, und Extase und hat damit begonnen, den Sufismus aus Pakistan hinwegzubomben. Jedoch wird dadurch nicht nur der Sufismus bedroht, sondern alles, was irgendwie anders ist: „Minderheiten, Transsexuelle, Künstler, Frauen“ und die Kultur im Ganzen [9].

 

Navid Kermani ist jedoch zuversichtlich. Er berichtet von Schreinen, die von der Polizei geschützt, unter Druck des Volkes wieder geöffnet werden mussten. „Hielte man die Menschen fern von den Schreinen oder nähme ihnen alles außer dem stillen Gebet, was bliebe ihnen als Ausgleich für die Mühsal ihres Alltags, als Ausflucht in die Schönheit, in die Freiheit? Die Menschen selbst, wenn ich sie frage, sagen fast immer, dass sie in den Schreinen ‚soundso’ finden, inneren Frieden.“ [10]

 

 

Ausblick

 

Der Sufismus wie alle Arten religiöser Mystik ist individualistisch. Er richtet sich auf das innere Erleben des Glaubenden, er lehnt Gewalt ab, empfindet sich oft einer universalen Religion angehörend und lebt eine offene Toleranz. Unter den göttlichen Attributen betont er Liebe, Barmherzigkeit und Schönheit. Im „dir“ sucht der Sufi eine innere lebendige Beziehung zu dem liebenden Gott. Er erlebt diesen Gott in seliger Trance und richtet sein Handeln danach in liebevoller Beziehung auf seine Mitmenschen aus. Unter dem Zeichen des Sufismus ist „Islam Liebe, nichts anderes, Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen.“ [11]

 

Findet man im Sufismus nicht eine Spielart des Islam, die sich in nächster Nähe zum christlichen Evangelium befindet, wo es im 1. Joh 4,16 heißt: „Gott ist die Liebe“? Paulus betont, dass die Liebe die höchste christliche Tugend sei (1. Kor 13,13) und dass nichts den Glaubenden von der Liebe Gottes trennen könne, selbst der Tod nicht (Röm 8,38f.). Zeigt nicht auch das biblische Menschenbild, dass der Mensch für eine persönliche Beziehung zu Gott geschaffen wurde und dass er nur in ihr seine innere Bestimmung erringt? So spiegelt sich im Sufi wie im bekennenden Christen nichts anderes als die tiefe innere Sehnsucht nach einer liebevollen Beziehung zu seinem Schöpfer. In der Meditation und im Gebet tritt man ein in diese innere Beziehung, die den Menschen von innen her erneuert. Erlebte nicht auch Luther seine Erkenntnis von einem „lieben und barmherzigen Gott“ in der tiefen Versenkung in der Schrift?

 

Wir Christen sollten die friedensstiftende Bedeutung des islamischen Sufismus erkennen. In ihr finden wir ein offenes Tor zwischen Islam und Christentum.

Die Stunden, die wir uns drehten, die nannte Monsieur Ibrahim den Tanz der Alchimie, den Tanz, der Kupfer in Gold verwandelt. Oft zitierte er Rumi:

 

„Was lebt, lass sterben: Es ist dein Körper.

Was tot ist, erwecke: Es ist dein Herz.

Was anwesend ist, verstecke: Es ist das Diesseits.

Was abwesend ist, lass kommen: Es ist das Jenseits.

Was existiert, vernichte: Es ist die Begierde.

Was nicht existiert, erzeuge: Es ist das Sehnen.“ [12]

 


[1] Wer sich über den Sufismus informieren will, sei z.B. auf die gute Darstellung in wikipedia.de verwiesen, die auch ich benutzt habe. Wer sich eingehender mit dem Thema auseinandersetzen möchte, sei auf das Werk der international renommierten Islamwissenschaftlerin Annegret Schimmel verwiesen. Sie hatte ihr wissenschaftliches Leben dem Sufismus gewidmet. Wer sich für den Sufismus in Aktion und Selbstdarstellung interessiert, den verweise ich auf das vielfältige Filmmaterial auf youtube.de.

[2] WM. Aphorismen.de Dschelai ed-Din Rumi.

[3] Eric Emmanuel Schmitt, Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Fischer TB, Frankfurt/M, S. 42.56.

[4] Schmitt. a.a.O., S. 87.

[5] Schmitt, a.a.O., S. 88.

[6] Zum Sufismus in Deutschland: Traditionelle Sufi-Orden gewannen verstärkt ab 1970 auch deutsche Anhängerschaft. Die größte Sufi-Gemeinschaft im deutschsprachigen Raum ist die Naqschbandiyya, die als besonders Scharia-konform gilt. In der Eifel betreibt man die sogenannte „Osmanische Herberge“, die sich als das Sufi-Zentrum in Deutschland versteht und auch zu öffentlichen Vorträgen und Veranstaltungen einlädt. Von einer gewissen Bedeutung ist zudem der Mevlevi-Orden (Tanzende Derwische), der Gruppen in Nürnberg, Frankfurt und München besitzt. Hier können Deutsche an „Tanzkursen“ für den Derwisch-Tanz teilnehmen und werden zudem in das Gedankengut des Sufismus eingeweiht. Ein weiteres Zentrum besteht in Trebbus/Brandenburg, wo auch das dem Orden nahestehende „Institut für Islamstudien – Sufi-Archiv Deutschland“ seinen Sitz hat. Neben diesen traditionellen Sufi-Orden gibt es sufistische Gruppierungen, die sich nicht primär islamisch verstehen, sondern als „Essenz aller Religionen“. Zudem ist festzustellen, dass sufistisches Gedankengut zunehmend im Westen auch losgelöst vom Islam gerne in verschiedene Formen esoterischer „Patchwork-Religiosität“ eingebaut wird (www.orientdienst.de).

[7] Wikipedia.de: Sufismus.

[8] Navid Kermani, Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt, C.H.Beck, München 2016, S. 78.

[9] Ibit, S. 89.

[10] Ibit, S. 89.

[11] Ibit, S. 91.

[12] E.-E. Schmitt, a.a.O., S. 96.


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