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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

 

Editorial

 

Luthers Paradoxiesensibilität

 

Die Rolle des Zweifels lässt sich in der Theologie in zwei Richtungen hin ausdeuten: Zum einen gibt es ein Zweifeln an feststehenden Gewissheiten und zum anderen ein Verzweifeln an unhaltbaren Zuständen. Fangen wir mit dem zweiten an: Im Mittelalter war die Kirche nicht der offene Raum der Begegnung, wie wir sie heute kennen. Die Kirche war die einzige geistige Großmacht, ständig im Kampf mit dem Kaiser um die weltliche Oberherrschaft sowie in einer Haltung der Abwehr gegen alles Widerständige, das die heilige Ordnung stören könnte. Letzteres aufzuspüren war Aufgabe der Inquisition, die für die Aufrechterhaltung und Durchsetzung der heiligen Ordnung zuständig war.

 

Aus dieser heiligen Ordnung scherten all jene aus, denen es um die Vision eines reinen, an den biblischen Quellen orientierten Christentums ging. „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann“, ist als ein spätmittelalterliches Motto überliefert, das christliche Armutsbewegungen in Böhmen, England, Südfrankreich und Norditalien verband. In ganz Europa entstanden ab dem späten 12. Jahrhundert frühreformatorische Bewegungen, von denen heute fast nur noch die Anführer bekannt sind: Petrus Valdes, nach dem die Kirche der Waldenser benannt ist, John Wyclif als Gründer der Bewegung der Lollarden in England und Jan Hus, der in Tschechien bis heute als Nationalheiliger verehrt wird.

 

Gemeinsam war ihnen das Verzweifeln an unhaltbaren Zuständen in der mittelalterlichen Kirche. Die christliche Lehre war in einer lebensfernen Scholastik erstarrt, und das christliche Leben bestand aus dem von den Untergebenen geforderten Gehorsam und den politischen Ränkespielen des höheren Klerus. Auch das Papsttum war eher Teil des Problems und konnte keine Lösungen liefern.

 

Der Weg von den Vorreformatoren hin zur Reformation des 16. Jahrhunderts kann als Weg vom Verzweifeln hin zum produktiven Umgang mit dem Zweifel beschrieben werden. Martin Luther machte den Zweifel regelrecht zum Ausgangspunkt seiner Theologie und konnte so die vorreformatorischen Ansätze einer Kritik der Kirche in eine reife Theologie überführen, in der das Zweifeln mehr war als eine individuelle Haltung. Luther erkannte das Zweifeln als einen nicht wegzudenkenden Aspekt in der Grundverfasstheit des menschlichen Daseins. Wahrer Glaube war für Luther nicht ohne Zweifel zu haben, und die angemessene Haltung des Glaubenden angesichts des ihn durchdringenden Zweifels war für Luther nicht dessen Überwindung, sondern vielmehr das Aushalten des Zweifels. „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben“, ist als Spruch Luthers überliefert.

 

Theologisch stellte sich Luther in die Tradition der großen altkirchlichen Lehrer. Diese hatten verstanden, dass Theologie eine große Sensibilität für Paradoxien haben muss, um ihrem Gegenstand, dem menschgewordenen Gott, der vom Tode auferstanden ist, gerecht zu werden. Aber die Papstkirche hatte diese Paradoxiesensibilität weitgehend verloren. Die Systemtheologen des Mittelalters wie Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin und Duns Scotus versuchten sämtliche Paradoxien aufzulösen. Glaube und Vernunft, Natur und Gnade, aber auch Brot und Wein als Leib und Blut Christi wurden als Bestandteile eines einzigen Wirklichkeitszusammenhangs erkenntnistheoretisch gleichgeschaltet. Nichts durfte sich mehr widersprechen, die irdische und die himmlische Wirklichkeit bildeten einen zusammenhängenden Erfahrungsraum des menschlichen Lebens, und die Kirche verwaltete die Möglichkeit, zwischen Himmel und Erde hin- und herzukommunizieren. So erschien auch die Möglichkeit, Ablassbriefe für bereits Verstorbene zu kaufen, genauso wenig abwegig wie die direkte Einwirkung auf den Willen Gottes mittels der Fürsprache durch Heilige.

 

Angesichts dessen bestand Luthers Leistung darin, die Paradoxiesensibilität der Theologie wiederzuentdecken. Dazu bedurfte es nichts weiter, als die altkirchlichen Symbole ernst zu nehmen und kritisch weiterzudenken. Alleine das letzte große gemeinsame Bekenntnis der Christenheit, in dem 451 auf dem Konzil von Chalcedon die Lehre von den zwei Naturen Christi ausgesagt wurde, strotzt nur so von Paradoxien, die dem Menschen logisch unzugänglich bleiben: So ist Christus gleichzeitig wahrer Gott und wahrer Mensch, dem Vater wesensgleich nach der Gottheit und uns wesensgleich nach der Menschheit. Diese paradoxe Bestimmung des Gottmenschen macht dann auch die paradoxe Bestimmung Marias als „Jungfrau und Gottesgebärerin“ geradezu denknotwendig, genauso wie die Bestimmung der beiden Naturen im Leib Christi als „unvermischt, ungewandelt, ungetrennt, ungesondert“.

 

Luther ergänzte diese metaphysischen Paradoxien durch solche, die als Ausdruck existentieller Glaubenserfahrung betrachtet werden können. So ist der Mensch vor Gott gleichzeitig ein Gerechter und ein Sünder, und Gott hat sich zwar in seinem Sohn seinem Wesen nach offenbart, bleibt aber im Alltag der Welt selbst dem noch so fest Glaubenden verborgen. Das wiederum deutet auf das nächste Paradoxon hin, das uns mitten in den Glauben selbst hineinführt: Der Glauben besteht nämlich nicht nur aus Gewissheit über die offenbarten Heilstatsachen, sondern genauso stark und gleichursprünglich aus Zweifel an der Wahrheit der Offenbarung.

 

So wendet Luther die paradoxe Struktur sämtlicher Glaubensaussagen schließlich auf den Begriff des Glaubens selbst an, und genau so wird ihm der Zweifel zum Ausgangspunkt seiner Theologie, denn erst von diesem aus erschließt sich dem Menschen die Wirklichkeit des eigenen Sünderseins und die tatsächliche Verborgenheit Gottes im eigenen Leben. Aber da jedes Paradoxon die logisch unmögliche Gegenseite als Denkfigur in sich trägt, ist das Gerechtsein vor Gott und das Offenbarwerden der Wahrheit des Evangeliums im Glauben genauso real wie Sünde und Gottverlassenheit.

 

Der Beitrag wurde erstveröffentlicht unter dem Titel „Der Zweifel als Grundform des Glaubens“ in: eFa. Zeitschrift der evangelischen Frauenarbeit, Nr. 3-4 / 2017, S. 6-7.

 

 


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