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Max Krumbach
Sundahlstraße 1, 66482 Zweibrücken

 

 

Rezension

 

Seelsorge: verborgene Schätze auf verschlungenen Wegen heben

Helmut Weiß, Seelsorge – Supervision – Pastoralpsychologie, Neukirchen-Vluyn 2011

 

Wer dieses Buch in die Hand nimmt, liest eine persönlich gehaltene Einführung in Seelsorge, Supervision und Pastoralpsychologie. Helmut Weiß nimmt Leserinnen und Leser mit auf die verschlungenen Wege seiner Schatzsuche und zeichnet damit eine Entwicklung der letzten Jahrzehnte nach, bei der das Gespräch mit den Humanwissenschaften einen weiten Raum einnimmt.

 

Gewidmet hat der Verfasser sein Buch seiner Frau Christa, die Leiterin der Düsseldorfer Telefonseelsorge war. Er lässt Leserinnen und Leser an dem teilhaben, was sie beide seit ihrem Studienaufenthalt in den USA auf verschiedenen Arbeitsfeldern auch unter Schmerzen gelernt und erlebt haben. Von der ersten Seite an ist eine gut lesbare und verständliche Darstellung entstanden, die auf eigene Weiterarbeit Lust macht. Die eingestreuten Beispiele stehen für Erfahrungen, die er als Supervisor u. a. in Polen und der Slowakei gesammelt hat. So lässt der Verfasser einfließen, was er auf dem Gebiet der interkonfessionellen, internationalen, interkulturellen und interreligiösen Seelsorge gelernt und selbst angestoßen hat. Dies hilft Berührungsängste zu überwinden. Es weckt unsere Neugierde und ermutigt, eigene Zugänge zu diesen Feldern zu entdecken und zu würdigen.

 

Ihm ist dabei etwas gelungen, was in der deutschsprachigen Theologie als rufschädigend gilt: Sein Buch taugt ebenso für den Schreibtisch wie für den Nachttisch. Man kann es wie einen spannenden Roman oder als Vademekum zur Reflektion der eigenen Arbeit lesen und weiterschreiben.

Er geht schonend mit AnfängerInnen und PraktikerInnen um. Er verzichtet auf einen gelehrten Apparat. Wenige Literaturhinweise im Text zeigen die Quellen an, derer er sich bedient hat. Der Hinweis auf eigene Veröffentlichungen, Literaturverzeichnis und Register entfallen. So entlastet er die, die eine Einführung, Auffrischung, Korrektur oder andere Erfahrung suchen, ohne von der Fülle des Materials erschlagen zu werden. Wer mehr über seine literarische Produktion und Herausgeberschaft erfahren will, findet im Internet einschlägige Angaben.

 

Das vorliegende Buch dokumentiert Veränderungen in Verständnis und Ortsbestimmung der Seelsorge in den letzten achtzig Jahren. Um dies zu markieren, füge ich hier ein Zitat aus der Vorlesungsnachschrift eines Finkenwalder Kandidaten ein. Bonhoeffers theozentrischer Ansatz stellt eine Alternative zur Verbrüderung mit dem Zeitgeist dar. „Allein Gott selbst soll in der Predigt verkündigt werden. So gewiss kann es auch in der Seelsorge nur Gott selbst sein, der Trost und Kraft und Hilfe ist. Also nicht Erwirkung seelischer Zustände. Sondern Christus in allem allein verkündigt. Die Seelsorge löst sich von ihrem Auftrag, wenn ihr nicht alles daran geht, falschen Trost, falsche Hilfe, die nicht allein Gott selbst ist, hinwegzuräumen. Seelsorge ist Verkündigung Gottes als alleiniger Trost, und so weiter an den einzelnen.“[1]

 

Helmut Weiß lässt Leserinnen und Leser an Gesprächen auf der Straße, im Krankenhaus und in der Gemeinde teilhaben. Exemplarisch erarbeitet er, was Seelsorge ist. Er geht auf Kontingenzerfahrungen ein und setzt sich mit der Seelsorge Jesu auseinander. Er nimmt die Herausforderungen an, auf die wir in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft treffen.

 

Aufgabe und Ziel der Seelsorge umschreibt er mit „Lebensvergewisserung“. „… wessen ich gewiss sein kann und worauf ich letztlich vertrauen darf.“[2] Dabei lässt er sich auf die Suche nach dem Grund menschlicher Existenz, Lebensorientierung, Gemeinschaft, Befreiung, Vergebung und Rechtfertigung ein. Danach umschreibt er Ermutigung und Zuspruch im Gespräch und durch Rituale. Dem folgen Herausforderung und Konfrontation sowie Lebensdeutung.

 

„Das Mittel der Seelsorge: Beziehungsarbeit“. Dieses Kapitel beginnt mit einer theologischen Klärung: Gott setzt sich in Beziehung zum Menschen. Der Exkurs zum Thema Seele führt auf ein Feld, auf dem philosophische, theologische und humanwissenschaftliche Konzeptionen heftig miteinander streiten. Da Beziehung eine „Grunddimension allen Seins“ ist, unterscheidet sich Seelsorge als „zwischenmenschliche Beziehung“ kaum von anderen persönlichen Beziehungen. Sie zeichnet sich als „qualifizierte zwischenmenschliche Beziehung“ aus, die „bewusst auf ein bestimmtes Ziel hin gestaltet“[3] wird. Sie bewegt sich zwischen Nähe und Distanz dialogisch, herrschaftsfrei und angstfrei. Da es Seelsorge mit Kommunikation zu tun hat, folgen Hinweise auf unterschiedliche Ebenen der Kommunikation, die Bedeutung der Gefühle und Muster.

 

Seelsorge als Gespräch lebt u. a. von Vertrauen und Verschwiegenheit. Vereinbarungen und Absprachen sind nötig. Neben der Grundform des Einzelgesprächs finden wir uns in verschiedenen Kontexten wieder bis hin zu den neuen Formen der Internetseelsorge. Ein Exkurs greift Anregungen der Systemischen Seelsorge auf.

 

In der Seelsorge nimmt die Arbeit mit und an der Biographie einen weiten Raum ein. „Jede Lebensgeschichte ist ein Ausdruck der Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit und Identität eines Menschen.“[4] Sie ist eingebettet in eine übergreifende Geschichte und unterliegt einem Prozess der sich wandelnden Deutungen.

 

Es kann hauptberuflich in der Seelsorge Arbeitende kränken, wenn ein Kollege schreibt: „Auch Seelsorge können alle Menschen tun – zur Seelsorge sind alle Glieder der Kirche gerufen.“[5] Sie können aufatmen. Es folgen die personalen Kompetenzen, die SeelsorgerInnen erwerben können.

 

Die Überschrift eines Kapitels spiegelt den gegenwärtigen Standort, seine Unsicherheiten und Selbstzweifel. „Der Hintergrund von Seelsorge: Die spirituelle Dimension“. Verglichen mit dem oben zitierten Satz Bonhoeffers wird deutlich, vor welche Herausforderungen ein Brückenschlag zwischen diesen unterschiedlichen Ansätzen stellt. Die behutsamen Ausführungen zur Spiritualität der SeelsorgerInnen unterstreichen dies und regen LeserInnen an, den eigenen Hintergrund auszuleuchten und zu bearbeiten. In früheren Zeiten konnte man unbefangen von persönlicher Frömmigkeit sprechen. An dieser Stelle vermisse ich eine Auseinandersetzung mit dem Scheitern in der Seelsorge, dem in angelsächsischen Kirchen verbreiteten Heilungsdienst sowie der damit verbundenen Frage nach der Beziehung zwischen Glaube und Gesundheit.[6]

 

Das Kapitel „Felder der Seelsorge: Seelsorgerliche Arbeit in den Institutionen“[7] öffnet die Augen für Konflikte, die dort entstehen, wo wir gesetzte Rahmenbedingungen in unserer Arbeit übersehen. Der Verfasser lenkt unsere Aufmerksamkeit u. a. auf Kirchengemeinden, Heime, Krankenhäuser, Militär und Gefängnisse und hebt Seelsorge an Sterbenden und Trauernden hervor. Fehlanzeige ist zu erstatten für das weite Feld Kindheit, Jugend, Schule, Bildung.

 

Der Abschnitt Seelsorge an Seelsorgern leitet über zu einer ausführlichen Darstellung der Supervision, ihren Möglichkeiten und Chancen für die berufliche und persönliche Entwicklung. Dieser Abschnitt fordert ein weiterführendes Nachdenken über die Tragweite des Supervisionsprozesses für die 435.000 hauptamtlichen MitarbeiterInnen in der Diakonie und die MitarbeiterInnen im Bildungsbereich, der die Betriebswirtschaft als notwendiges Instrument ansieht, das zum Leitbild nicht taugt. Das Angebot der Supervision kann helfen, das eingeforderte christliche Profil mit Leben zu füllen.[8]

 

Im dritten Hauptteil „Pastoralpsychologie. Ein Dialog zwischen Theologie und Psychologie“ lässt der Verfasser LeserInnen teilhaben an seinen eigenen Orientierungsversuchen in einem unwegsamen Gelände und spricht schlaglichtartig eine Fülle von Fragen an, die die eigene Weiterarbeit anregen. In diesem Teil spiegelt sich die institutionalisierte Sprachlosigkeit, die sich in Deutschland die universitäre Psychologie auf dem Felde der Religion und protestantische Theologie etwas weniger streng auf dem der Humanwissenschaften verordnet haben.

 

Weit verbreitete Denkverbote verhindern eine Auseinandersetzung mit Forschungsergebnissen, die insbesondere auf dem Gebiet Gesundheit und Religion, Stichwort religious coping, gewonnen wurden.[9] Die Aspekte einer pastoralpsychologischen Anthropologie fordern eine systematisch-theologische Ortsbestimmung und Vertiefung. Sie führen auf ein Feld, dessen Konstante die Notwendigkeit einer jeweils neuen Verhältnisbestimmung zwischen einander widersprechenden, sich ergänzenden und weiterführenden Ergebnissen der Humanwissenschaften und der Theologie ist. Eine Theologie, die sich auf diesen Dialog einlässt, überträgt das Gespräch der reformatorischen Theologen und Humanisten ins 21. Jahrhundert.

 

„Der Mensch ist dazu berufen, sich in Gott zu erkennen. So kommt das Lob Gottes zu seinem Ziel: das Lob, zu dem das verborgene Leben als Vorgeschmack des verheißenen Lebens drängt. Denn Gott loben heißt ausrufen, was wirklich ist.“[10]

 


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[1] D. Bonhoeffer, Vorlesung über Seelsorge 12.1 „Seelsorge“ (Mitschrift 1935/36) 554 – 588, in DBW 14, 556 

[2] 50, Vgl. „Ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten. Also daß ein Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und gläuben, wie ich oft gesagt habe, daß alleine das Trauen und Gläuben des Herzens machet beide Gott und Abegott.“ M. Luther, Der große Katechismus deutsch, BSLK Göttingen 19767, 543 – 733, 560

[3] 71ff

[4] 103

[5][5] 111

[6] Vgl. Das bahnbrechende Werk: M. Maddocks, The Christian Healing Ministry, London 1995³ [1981]; Acorn Christian Healing Foundation [anglikanisch],  gegründet 1983

[7] 133ff

[8] Das wäre auch an anderen Stellen im kirchlichen Reformprozess hilfreich, um die  TrägerInnen dieses Prozesses ins Blickfeld zu rücken, statt „Ekklesio-Technokraten“ und „Planungsstäben“ (M. Schuck) das Feld zu überlassen.

[9] Vgl. z. B. den „Abschnitt Effekte von Spiritualität“ in A. H. Bucher, Psychologie der Spiritualität Handbuch, Darmstadt 2011, 100–145. Die Auswahlbibliographie lässt ahnen, wie vielfältig und breitgestreut die Forschung angelegt ist. Es mag hier ein Hinweis auf die Veröffentlichungen von H. G. Koenig genügen. Er ist Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaft, außerordentlicher Professor für Medizin und examinierter Krankenpfleger. Er leitet das Center for Spirituality, Theology, and Health, Duke University Medical Center in Durham, North Carolina.

[10] G. Sauter, Das verborgene Leben Eine theologische Anthropologie, Gütersloh 2011, 369