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Dr. Gerhard Vidal
Max-Slevogt-Straße 4, 67143 Neuhofen

 

 

 

Literaturberichte

Ein notwendiger Denkanstoß!

Hubertus Halbfas: Glaubensverlust (Patmos-Verlag, 2011, ISBN 978-3-8436-0100-9)

 

 

1. Das Salz des Glaubens ist fade geworden

 

„Wenn aber das Salz fade wird, womit soll man es dann salzen? Man wirft es weg und die Leute zertreten es.“ Mit diesem Zitat aus der Bergpredigt (Mt 5,13) kennzeichnet Halbfas die „fundamentale Glaubenskrise“ (8), in der sich die Kirchen befinden: Das Salz des Glaubens ist – so wie es die Kirchen gehandhabt haben – fade geworden. Es wird im wahrsten Sinne des Wortes weggeworfen und zertreten: Die Kirchen leeren sich, ja werden sogar stillgelegt oder verkauft. Die Shell Jugendstudien belegen es: Was schon bei der Studie von 2000 zum Vorschein kam, hat sich in der Studie von 2010 verstärkt fortgesetzt. Die Jugend kann mit der überkommenen, in den Kirchen gepflegten Religiosität kaum mehr etwas anfangen. Aber auch die mittlere und ältere Generation „hat ihren Glaubensbezug verloren“ (16).

 

Die Sprache des Glaubens wird als „verkalkt, abgestanden, verschlissen“ (16) empfunden. Das Tragische an dieser Situation ist, dass die Kirchenverantwortlichen diese Probleme nicht ausreichend wahrnehmen, sie allenfalls abwiegeln und schon gar keine Konsequenzen ziehen. Was notwendig wäre – eine „Neuinterpretation des Glaubens“ (9) – gerade dies geschieht nicht. Halbfas zitiert einen katholischen Theologen: „Selbstgemachter und schuldhafter Skandal ist es, wenn unter dem Vorwand, die Unabänderlichkeit des Glaubens zu schützen, nur die eigene Gestrigkeit des Glaubens verteidigt wird.“ Der Theologe war Joseph Ratzinger! (nach Halbfas 9).

 

Die Gründe für dieses Verharren in der Gestrigkeit sind vielfältig. Zum Teil liegen sie in der Isolation derer, die professionell den Glauben zu vertreten haben. Bei Katholiken stärker als bei Protestanten beginnt dies bereits bei der Ausbildung, die ziemlich fernab vom normalen Leben verläuft. Es setzt sich fort in einem Weltbild, das die „Komplexität der Erfahrung, des Denkens und Lebens“ (17), die einen authentischen, mit sich selbst identischen Menschen ausmacht, weitgehend vermissen lässt. Wer die Spannungen und Widersprüche menschlichen Lebens nicht erfährt und nicht aushalten kann, sucht Schutz (und Sicherheit) in einem überkommenen, starren Formelbestand (nach Halbfas 17).

 

In der Praxis kann man oft erleben, dass die Amtsträger für den eigenen Konservativismus die Gemeindeglieder verantwortlich machen. „Die Leute“ wollten es ja so, sie würden an den überkommenen Glaubensformen hängen. Aber sind das nicht nur Ausflüchte? Würde man der Gemeinde die Erkenntnisse, die die Theologie seit 300 Jahren gewonnen hat, würde man die Positionen mutiger und engagierter Christen, die neue Wege gegangen sind, in liebevoller Weise nahe bringen, wäre dies für viele eine große Befreiung und Ermutigung.

 

 

2. Evangelium Jesu oder Evangelium des Paulus?

 

Woran liegt es, dass der Glaube derart kraftlos geworden ist? Was könnte dem gegenüber den Glauben wieder stärken? Das Hauptproblem sieht Halbfas darin, dass „alle christlichen Kirchen … einen Glauben (bekennen), in dem das Leben Jesu nicht vorkommt“ (18). Die beiden altkirchlichen Bekenntnisse, die heute – auch in der evangelischen Kirche – als verbindlich gelten, das Apostolicum und das Nicänum, weisen außer „den biologischen Eckdaten Geburt und Kreuzigung“ (18) ein „Loch“ auf, d.h. der historische Jesus mit der Bergpredigt, den Seligpreisungen, dem Vaterunser, den Gleichnissen, seiner Zuwendung zu Kranken, Außenseitern, Ausländern, Randständigen, kommt nicht vor. Zu „verdanken“ ist diese Verdrängung des historischen Jesus Paulus.

 

Weder hat Paulus Jesus zu Lebzeiten gekannt, noch hat er sich je darum bemüht, etwas über ihn zu erfahren – obwohl er reichlich dazu Gelegenheit gehabt hätte. Bei Paulus „(erfährt) das Wort Evangelium … eine vollständige Bedeutungsverschiebung. … Paulus erklärt ‚die Auferstehung Jesu’ zum grundlegenden Ereignis …: Durch Jesus Christus den Gekreuzigten und Auferweckten, kommt alles Heil, verstanden als Teilhabe am ewigen Leben, das den Menschen durch den Sühnetod Jesu erschlossen wurde“ (21). Das aber ist etwas gänzlich anderes, als Jesus zu seinen Lebzeiten gewollt hat. „Was Jesus interessierte, war eine Lebensordnung, die er als ‚Herrschaft Gottes’ oder ‚Reich Gottes’ verstand: keine jenseitige Welt, sondern eine Lebensweise in der Welt der Menschen“ (19). Am deutlichsten wurde dies durch die offene Tischgemeinschaft, die Jesus pflegte und die „in bunter Reihe Männer und Frauen, Arme und Reiche, Sklaven und Freie, Pharisäer zwischen Zöllnern und Dirnen versammelte“ (19f).

 

Paulus tauscht die von Jesus exemplarisch gelebte „Lebensweise gegen eine theologische Lehre“ (23) ein. Er spricht von „meinem“ Evangelium und fordert Glaubensgehorsam und grenzt ab: „Wer euch ein anderes Evangelium verkündigt, als ihr angenommen habt, der sei verflucht“ (Gal 1,8f). Für solche Lehrstreitigkeiten – sagt Halbfas (23) – bietet das Evangelium „keinen Ansatz. Es ist im eigentlichen Sinne auch keine Lehre, sondern ein Lebensmodus“ (23). In diesem „Wechsel vom Evangelium Jesu zum Evangelium des Paulus“ (26), in dieser Überzeugung, dass das Wesen des Christentums in unveränderlichen, geoffenbarten Glaubenswahrheiten, im Dogma, bestehe und der Glaubensgehorsam konstitutiv für das Christsein sei, ist der Keim für die kommenden dogmatischen Streitereien und Verketzerungen gelegt – und letztlich auch der Grund für die Abkehr vom Glauben. Halbfas hält dem entgegen, dass „die Wahrheit eines Christentums, das der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu folgt, … aus sich überzeugend (ist) … (und nicht) … geglaubt werden muss“ (29).

 

 

3. Die Sprache des Glaubens verhindert Glauben

 

Im Kapitel „Die Sprache des Glaubens verhindert Glauben“ (31) setzt sich Halbfas mit dem katholischen Weltkatechismus auseinander. Was er dazu sagt, kann allerdings allgemeine Geltung beanspruchen: Die Favorisierung des dogmatischen Christus auf Kosten des historischen Jesus, die Beschreibung des Glaubens unter Vernachlässigung der Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung ist auch in der evangelischen Theologie gang und gäbe.

 

Was von der Erstarrung kirchlicher Sprache in nichtssagenden und überholten Formeln gilt, trifft auch für die liturgische Praxis zu (39). Halbfas verdeutlicht dies am Beispiel des Abendmahls: Das Lebensmodell, das Jesus vorschwebte, die Realisation seiner Lehre, verwirklichte Jesus in seinen Mahlfeiern. Wenn hier auf provokante Weise „Männer und Frauen, Arme und Reiche, Sklaven und Freie, Pharisäer, Zöllner und Dirnen“ (vgl. 19f) an einem Tisch vereint waren, so war diese „offene Tischgemeinschaft … das wirksamste Symbol der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu“ (41).

 

Die – möglicherweise schon bald nach dem Tod Jesu einsetzende – Bedeutungsverschiebung dieser Mahlzeiten wird durch die Stilisierung eines „letzten Mahles“ und vollends durch die von Paulus vorgenommene Verknüpfung von Mahl und Sühnetod (vgl. 41f) festgeschrieben. „Der eigentliche Wert des historischen Jesus“ wird beschränkt auf die Heilsbedeutung seines Todes (42). Das in den Glaubensbekenntnissen ersichtliche „Loch“ hat hier seinen Ansatz (vgl. 42). Konsequenz dieser Überlegungen wäre, „die Eucharistietheologie nicht dogmatisch von einem fiktiven ‚letzten Abendmahl’ abzuleiten, das bereits einen ‚verkulteten’ Jesus entwirft, sondern beim historischen Jesus und seiner Mahlpraxis im Symbol des Reich-Gottes-Programms anzusetzen.

 

Dann ließe sich mit größerer Verständlichkeit sagen, dass die Feier seiner Botschaft den Willen Gottes in den Alltag dieser Welt einschreibt, dass sie sich dem Frieden und der Versöhnung der Menschen auf allen denkbaren Ebenen verpflichtet, der Zuwendung zu Schwachen, Fremden und Verfemten und sich beglaubigt in konkreter Hilfe und dem Einstehen gegen Ungerechtigkeit. Ein solcher Ansatz würde mehr Nachfolge Jesu und Gemeinschaft mit ihm realisieren, als dies von einer magisch gehandhabten Formel zu erwarten (ist) … . “ (45f)

 

Die Schlüsselstellung des Paulus für das spätere Glaubensverständnis hat den historischen Jesus völlig in den Hintergrund treten lassen. Einzig sein Kreuzestod – verstanden als Sühnopfer - ist für Paulus von Bedeutung. Mit Nietzsche betont Halbfas demgegenüber: „Jesus starb … nicht um die Menschen zu erlösen, sondern um zu zeigen, wie man zu leben hat“ (F. Nietzsche, nach 47 und 55). Halbfas zeigt auf, dass der „Sühnopfergedanke nicht spezifisch christlich“ (49) ist, ja dass er religionsgeschichtlich sogar einen Rückschritt bedeutet. Auf jeden Fall liegt „kultische Stellvertretung … auf einer Ebene, die Jesus fremd ist. Was sich die Menschen in der Liebe schuldig bleiben, verlangt gegenseitige Vergebung … lässt sich aber nicht durch Sühnopfer löschen“ (50).

 

Nicht nur, dass in Verkündigung und Handeln Jesu – wie etwa das Gleichnis Lk 15,11-32 zeigt – kein Platz für Sühne und Satisfaktion ist (vgl. 53), der Sühnopfergedanke pervertiert auch das Gottesbild (vgl. 50). Schon Israels Propheten hatten sich gegen den Sühnopfergedanken gewendet. Nach ihrem Verständnis „sucht Gott keine Satisfaktion, sondern Menschen mit wachen Herzen, die sich anderer annehmen und darin sich selbst angenommen wissen. Wer von gottgewollten Opfern spricht, spricht zugleich von einem Gottesbild, das die prophetische Tradition Israels bereits überwunden hat“ (52).

 

Die Gottesbotschaft Jesu überwindet auch sonst alle religiösen, sozialen und nationalistischen Einschränkungen. Sie „ist egalitär und sprengt alle Trennungen“ (vgl. 57). „Mit seiner Praxis der offenen Tischgemeinschaft, der provokanten Solidarität mit Bettlern, Kranken und aller Arten von Randständigen findet das egalitäre Denken eine beispiellose Zuspitzung“. (58) Damit ist jedem Erwählungsglauben der Abschied gegeben (vgl. 59). Der Mitmensch schlechthin wird zum ‚Ort Gottes’ (vgl. 60). Bleibt noch die Frage, was mit dem Wort ‚Gott’ gemeint ist. Nicht nur die „Auschwitz-Erfahrung“ (66), auch die Ergebnisse von Naturwissenschaft – insbesondere der Evolutionswissenschaften – verbieten es, mit dem Wort ‚Gott’ einen „Begriff zur Erklärung bestimmter Vorgänge in der Welt“ (71) zu bezeichnen. „Das Wort ‚Gott’ steht vielmehr für eine ganz bestimmte Art, die Welt zu verstehen“ (71). Das „Reden von Gott deutet das menschliche Leben. Theologie ist Anthropologie. Religion ist Auslegung des menschlichen Daseins …“ (72). Alles Reden von Gott dient „der Interpretation der menschlichen Existenz im Angesicht der Wirklichkeit“ (72).

 

Wird vom Wort oder Willen Gottes gesprochen, so ist darunter – ganz in der prophetischen Tradition – das zu verstehen, was als absolut bindend erkannt ist. Es ist „der Versuch, sich als Mensch zu verstehen und sich vor dem Absoluten selbst zu bestimmen“ (72).

 

Geht man von diesem Gottesverständnis aus, so hat das natürlich Konsequenzen in vielen Bereichen: Wenn „sich nicht herbei bitten lässt, dass Gott in Natur und Geschichte von außen eingreift“ (vgl. 115), so stellt sich die „Frage, worum wir überhaupt bitten können“ (115). „Will eine Gemeinde für konkrete Menschen oder Menschengruppen beten, so muss sie die eigenen Möglichkeiten in der jeweiligen Sache mit einbeziehen. Beten heißt, angesichts einer herausfordernden Situation den Ort der eigenen Verantwortlichkeit mit letztem Ernst zu suchen. Bittgebete verpflichten zu Engagement“ (115, vgl. auch 75).

 

Auch das Offenbarungsverständnis muss neu gesehen werden: Traditionell versteht man Offenbarung als „Mitteilung bisher unbekannter Wahrheiten oder Tatsachen“  (75). Mit  Eugen Drewermann und anknüpfend an Paul Tillich betont Halbfas, dass Offenbarung kein übernatürliches Geschehen ist (vgl. 76), sondern die „Sprache der Seele, die sich in symbolischen Bildern artikuliert“ (76).

 

Noch einmal stellt Halbfas die Frage nach dem „vielleicht wichtigsten Grund für die Glaubenskrise“ (80), und er sieht hier insbesondere den katholischen „Machtwillen zur Absicherung einer Weltansicht und die damit zu Tage tretende Unredlichkeit mit der Lehre“ (80). Unter Desavouierung der historisch-kritischen Forschung werden Hierarchie und päpstliche Unfehlbarkeit fälschlicherweise aus der Bibel abgeleitet. (82-89). Seit der konstantinischen Wende erfuhr die Kirche eine Hierarchisierung „nach dem Modell des Reiches“ (89). Auch die Christologie wurde im Gegenüber zum Kaiserkult entfaltet: Es interessiert  nur noch die Göttlichkeit – das Christusbild wird entsprechend dem Kaiserbild zum Bild des Pantokrators (90). Auch Gottesbild und Kult „entwickelt sich nach kaiserlichem Modell“ (90). Dass die in dieser Zeit entstehenden Glaubensbekenntnisse Jesus darüber  vergessen, liegt auf der Hand (vgl. 90).

 

 

4. Wege aus der Sackgasse

 

Schließlich gibt Halbfas verschiedene Anregungen für „Wege aus der Sackgasse“ (101). Für die Gemeinden – hier denkt er insbesondere an die katholischen, aber die Anregung lässt sich auch für die Situation der evangelischen Kirche aufgreifen –, die auf Grund des Priestermangels mehr und mehr zu „Megagemeinden“ (104) zusammengelegt werden, erinnert er an das Beispiel des Bistums Poitiers (109). Anstatt die Laien in der untergeordneten Funktion des Helfens zu verschleißen, überträgt man ihnen hier Verantwortung (111). Eine Equipe von fünf Personen übernimmt – in priesterlosen Gemeinden – auf drei Jahre Verantwortung für Gottesdienst, Kasualien, diakonische Aufgaben und Gemeindepädagogik. Dabei macht die Equipe durchaus nicht alles selbst, sondern zieht befähigte und geeignete Leute heran (110). So sind in der Diözese Poitiers in 12  Jahren 300 neue lebendige Gemeinden entstanden (111).

 

Innovative – dabei an Jesus selbst orientierte – Anregungen gibt Halbfas schließlich für Gebet (s.o.), Gottesdienst (113) und Eucharistie/Abendmahl (115).

In die Gottesdienste müsse verstärkt eine „meditative Praxis“ (114) einkehren. Das gesprochene Wort könne neue Kraft „aus eigener Ruhe“ (115) gewinnen. Das Abendmahl will Halbfas  wieder aus seinem ursprünglichen Kontext heraus verstanden wissen (115): Nicht als das Gedenken an ein „vermeintlich letztes Abendmahl“ (117), schon gar nicht unter dem Aspekt von Sühnopfer und Sündenvergebung. Es soll gehalten werden, wie es von Jesus praktiziert wurde: als „Übung offener Tischgemeinschaft“ (117), wo „Menschen, die gesellschaftlich nicht harmonieren, an einem Tisch zusammenkommen, um konkret erfahrbar zu machen, wie der Himmel auf Erden sein kann“ (117).

 

So vollzieht sich in allen Bereichen des Christseins Nachfolge: nicht als Für-Wahr-Halten dogmatischer Glaubenssätze, sondern so, dass „das Göttliche, das ihn (Jesus) erfüllte, … auch in uns zum Durchbruch“ kommt (121).


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