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Max Krumbach
Sundahlstraße 1, 66482 Zweibrücken

 

Schatz in irdenen Gefäßen

Anstöße aus Kreisau/Kryżowa 2007

 

Der Weltkongress des International Council on Pastoral Care and Counselling fand im August 2007 in Kreisau/Kryżowa, dem ehemaligen Gut der Familie von Moltke, statt.

 

Helmut Weiß und Klaus Temme haben die folgenden Beiträge gesammelt, für die deutsche Ausgabe bearbeitet und mit einer ausführlichen Einführung in die Geschichte des ICPCC und den Kongress in Kreisau versehen:

 

H. Weiß, K. Temme, hg., „Schatz in irdenen Gefäßen. Interkulturelle Perspektiven von Seelsorge angesichts von Zerbrechlichkeit und Zerstörung“, Ökumenische Studien Ecumenical Studies 34, Berlin-Hamburg-London-Münster-Wien-Zürich 2008.

 

Der Genius loci hat die Kongressteilnehmer von Anfang an bewegt. Ob es das herzliche Willkommen der polnischen Gastgeber, allen voran Adrian Korczago, und des europäischen Vorbereitungsteams war oder die ständige Erinnerung an Widerstand und Versöhnung, Teilnehmerinnen und Teilnehmer fühlten die Herausforderung, die in der Wahl dieses Ortes im polnischen Schlesien lag. Dem tragen die beiden letzten Beiträge Rechnung. Annemarie Franke, die Leiterin der Gedenkstätte Kreisau, Fundacja Kryżowa, skizziert knapp die Geschichte und Gegenwart von Widerstand und Versöhnung im Spannungsfeld deutscher, polnischer und europäischer Interessen. Ferdinand Schlingensiepen, „Plötzlich in einem Augenblick. Die letzten Tage des Grafen James von Moltke“, geht auf seine Einbindung in den Widerstand und seine Gotteserfahrung ein. „Mystische Erfahrungen verleiten nicht zur Weltflucht, sondern geben Kraft zu erneutem Widerstand“ (281).

 

„Teil I: Meditationen“ eröffnet Kathleen J. Greider, Claremont School of Theology, USA, „Schatz in irdenen Gefäßen. Meditation zu 2. Kor. 4, 6-10“. Sie folgt behutsam den Bildern und Symbolen dieses Abschnitts: göttliches Licht, menschlicher Schatten, Verwundbarkeit, nicht zerbrochen, nicht zur Verzweiflung getrieben, nicht verlassen, nicht umkommen. Sie endet mit Leonhard Cohen „Ring the bells that still can ring Forget your perfect offering There is a crack, a crack in everything |: That’s how the ligth gets in.:|” „Wenn wir Seelsorge tun und wir selbst Sorge um unsere Seele brauchen, dann zeigen uns diese Zeilen: Erinnere dich, in allem ist ein Riss, ein Sprung, und so kommt das Licht heraus“ (33).

 

Daniel Amnon Smith, Leo Baeck Rabbinical College und Edgware Reform Synagogue, London, „Atem des Lebens“, widmet seine Meditation über Gen 2,7 dem Andenken seines 1914 in Polen geborenen Vaters. Er beginnt bei seiner ersten Begegnung mit Überlebenden der Kindertransporte und wendet die Methode des Midrasch oder der homiletischen Interpretation an. „Wir alle sind beschädigte Brillanten. Wir alle gleichen beschä­digten Schätzen.“ „Religiöse Psychologen und pastorale Berater und Beraterinnen sind beauftragt, zu helfen und zu heilen und eine beschädigte Welt instand zu setzen, aber nur eine Seele zur gleichen Zeit. Möge Gott sie in dieser Aufgabe stärken und das Werk ihrer Hände gedeihen lassen, so dass jene, die schon zuviel von der Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen haben, sich wieder der Früchte vom Baum des Lebens erfreuen können“ (44).

 

Tor Johan S. Grevbo, Oslo „Wenn Gott nicht das Haus baut. Die Geschichte einer Kirche – die Wege der Seelsorge. Predigt in der Kirche in Karpacz, Polen, 12. August 2007“, konfrontiert Ps 127, 1-2 mit der Geschichte der norwegischen Stabkirche, in der seit 1844 in Krummhügel, nach 1945 in Karpacz Gottesdienst gefeiert wird.  

 

„Teil II: Lebensgeschichten in zerbrechlicher und zerstörerischer Umwelt“ konfrontiert Leserinnen und Leser mit Geschichten aus Europa, den beiden Amerikas, Afrika und Asien.

 

Aleksandra Błahut-Kowalczyk, Cieszyn, „Aus dem Tal Achor“[1], folgt einfühlsam an Hand erhaltener tschechischer und deutscher Losungsbüchlein der Lebensgeschichte ihres Großvaters und der seiner Familie von 1939 an über Militärdienst, Evakuierung, Flucht, Warschauer Aufstand, Gefangenschaft, Kriegsrecht bis zur Militärseelsorge im Irak heute. „Jeder Mensch hat sein Tal Achor. Wenn er dem Versprechen Gottes vertraut und im Zuge seines Lebens, ungeachtet der Mühen und bitterer Erfahrungen weiß, dass am Ziel der auf­erstandene Jesus Christus wartet, ist er im Besitz des Wertvollsten. Wir ähneln den zerbrochenen, irdenen Gefäßen; in manchen von ihnen befindet sich der Schatz des Evangeliums. Wir erfahren die Zerbrechlichkeit des Lebens und die Ver­nichtung auch unabhängig von der geographischen Breite, der Zeit und Epoche, in der wir leben. Möge niemals die Sorge um die Gefäße den Schatz verdecken“ (58f.). 

 

Maria Teresa Gustilo-Villasor, Ateneo de Manila, Philippinen, „Eine Reise zurück zu den Quellen: die Geschichte eines Mannes“, erzählt, wie sich ein bekannter Neurochirurg bewusst auf die Einschnitte in seinem Leben – den Tod seiner Frau und die Folgen einer Prostataoperation – einlässt und sich bewusst damit auseinandersetzt. In scheinbarer Passivität und Stille fährt er im Alter fort durch sein „Dasein“ zu lehren und zu heilen, getragen von Glaube und Gebet.  

 

Józef Kosian, Philosophieprofessor mit dem Schwerpunkt philosophische Anthropologie, Breslau, „Christentum als Für-Andere-Dasein. Dietrich Bonhoeffers theologische Anthropologie“: Dieser Vortrag in der meisterhaft renovierten barocken Universitätsaula in Anwesenheit ranghoher Würdenträger aus Kirche, Universität und Politik war ein Höhepunkt des Kongresses. Er setzte ein unübersehbares Zeichen für Verständigung gegenüber der Abgrenzungspolitik der Kaczýnski-Zwillinge und brachte die subversive Kraft der Seelsorge zum Ausdruck. „Wir, die Bürger von Wrocław, sind stolz auf diesen Sohn der Stadt. Er fordert uns heraus, Christen im wahren Sinne des Wortes zu werden, Theologie immer wieder neu zu denken, jeglicher Diktatur zu widerstehen und unser Leben zu opfern für Frieden und Gerechtigkeit“ (75).

 

Valburga Schmiedt-Streck, São Leopoldo, „Armut in Brasilien. Überleben inmitten von Zerbrechlichkeit und Zerstörung“, berichtet aus ihrer Arbeit mit Jugendlichen und Familien im Kontext der Armut. Sie diskutiert verschiedene Lösungsansätze und fragt nach der Rolle und Aufgabe der Seelsorge. „Durch Seelsorge und pastorale Praxis können wir helfen, die Netze des Lebens zu flicken, indem wir uns darin üben, Netzwerke zwischen den verschiedenen Kirchen und Diensten aufzubauen.“ „Ich meine, dass Theologie und die verschiedenen Kirchen dazu aufgerufen sind, an einem Gemeinschaftsprojekt teilzunehmen, in dem sie eine wichtige Rolle spielen können für mehr Menschlichkeit und zum Schutz des ökologischen Systems“ (91).

 

Awa K. Ume, Nigeria, „Nigerianische Jugend – eine verletzliche Generation“, wirft einen Blick auf die Lage in Nigeria. „Die nigerianische Jugend braucht Zuwendung.“ Er sieht die „Jugend als Opfer“ und diskutiert „alternative Möglichkeiten“ und „notwendige Maßnahmen“. Uns Europäer mahnt er: „Kirchen von außerhalb brauchen nicht mehr nach Afrika zu kommen, um zu missionieren und zu helfen. Es gibt genug afrikanische Einwanderer in den Straßen Europas, die die Unterstützung der dortigen Christen nötig haben.“ Diese Einwanderer „sollen daran erinnert werden, dass auch sie als Abbild Gottes geschaffen wurden – und so sollte man ihnen auch gegenüber treten“ (103).

 

Steven Voytovich, USA, „Eine Welt ohne Mauern: Eine multikulturelle Typologie“. „Das Reisen zwischen Welten und Glaubenssystemen ist immer wieder eine Art Berufung, aber oft auferlegt und nicht frei gewählt“ (105). Er lässt uns teilhaben an seinem spannungsreichen Lebens- und Berufsweg als orthodoxer Seelsorger und Supervisor in den USA, dessen Wurzeln ins ukrainisch-polnische Grenzgebiet reichen. „Teil III Beiträge zur Theorie der Seelsorge“ verdient eine sehr gründliche Auseinandersetzung. Hier müssen einige Hinweise genügen.

 

Otmar Fuchs, Tübingen, „Christliche Eschatologie und Seelsorge. Überleben mitten von Zerbrechlichkeit und Zerstörung“, setzt biographisch bei seinen jugendlichen Lektüreerfahrungen angesichts des Holocausts ein und entfaltet dann „einige Grundzüge der existentiellen Bedeutung der christlichen Lehre von den letzten Dingen“ (118). „Täter und Täterinnen, die ihrer Tat einsichtig geworden sind, sehnen sich nach Genugtuung und Versöhnung.“ Seine aktuell wirkende Interpretation ist der tridentinischen Bußlehre verpflichtet, auch wenn sie rechtfertigungstheologisch und biblisch erweitert ist. „So ist auch der Himmel nicht ein Ort, der durch Amnestie und Amnesie, durch billigen Freispruch oder gar durch blankes, hirnloses Vergessen erkauft ist“ (122).

 

Er wagt sich an das Thema „des richtenden Gottes“ hin auf „eine Begegnungswirklichkeit, in der sich gerichtssuchende und gerichtsaussprechende Menschen im Horizont des gemeinsamen Glaubens an den kommenden Herrn begegnen: in Richtung auf eine gegenseitige geschwisterliche Correctio, in der ich im Angesicht des Andern meinen eigenen jämmerlichen Zustand erkenne, indem ich die Fremdkritik als Selbstkritik annehme und in die entsprechende Umkehrrichtung gehe.“ (123) Die rechtfertigungstheologische Argumentation stößt bei der „Genugtuung“ (DH 1673) – hier bei der Versöhnung der Täter mit den Opfern – an ihre Grenze. „Die Versöhnung mit Gott ist kein Umgehungsunternehmen hinsichtlich der ‚Wiedergutmachung’, sondern setzt sie in Kraft“ (129).

 

Und doch bleibt ein biblisch-reformatorischer Rest, ohne Hinweis auf Martin Luthers De servo arbitrio, „der in Gott selbst zu ertragen ist, in seiner Fremdheit, Unergründlichkeit und Verborgenheit, sowohl im Leid, wie aber auch in Solidarität und Sündigkeit“ (134). „Konfrontiert mit unserer eigenen zerbrechlichen und zerstörten bzw. zerstörenden Existenz“ schließt er mit einer Hinführung zum seelsorgerlichen Beten der Klagepsalmen.

 

Daniel J. Louw, Stellenbosch, Südafrika, „Die heilende Dimension von Raum und Ort in der Seelsorge. Zur Destigmatisierung von HIV“, schlägt ein noetisches Modell der Seelsorge vor, um die Stigmatisierung, die mit der HIV-Pandemie verbunden ist, zu überwinden. Er stellt zur Diskussion, „dass Seelsorge von einer psychologischen Interpretation der menschlichen Seele (Person und Persönlichkeit) zu einem stärker systemischen Verständnis (Positionierung im Raum) hin wechseln sollte.“ Das Stigma betrifft unser Selbst, Bedeutung, Identität und soziale Beziehungen. Es durchdringt Interpretationsmuster und noetische Deutungen. Er schlägt ein Spiralmodell für einen qualitativen Zugang zu Leiden, Krankheit und Heilung vor.

 

Unsere Positionierung durch Glaubenssysteme und Paradigmen gegenüber Normen und Werten hat weitreichende Folgen. Über die heilende Dimension von Raum und Zeit gelangt er zu einem affirmativen Verständnis von Theologie mit Verweis auf eine Psychologie, die sich von der Pathologie hin zu Bestärkung und Ermutigung bewegt. Er beschreibt das Geschehen zwischen den vier Polen eines Rasters Sinngebung – Ausdruck – Bedeutung, Geduld – Schweigen – Einsamkeit, Anziehung und Abstoßung und verortet darin Räume der Gnade, der Sorge, der Verwirrung und der Gleichgültigkeit. Unter spiritueller Heilung fordert er ein umfassendes Verständnis menschlicher Ganzheit in Verbindung mit einem existentiellen Ansatz. „Die wirkliche und fundamentalste Heilung von Menschen, die aufgrund von Stigmatisierung ihrer Würde beraubt worden sind, kann stattfinden, wenn eine Person Vertrautheit und Nähe erfährt, d.h. bedingungslos als derjenige akzeptiert wird, der er ist, ohne die Furcht, zurückgewiesen zu werden.

 

Das Argument für ganzheitliche und spirituelle Heilung lautet, dass die bedingungslose Liebe Gottes, den Raum schafft für die theologische Dekonstruktion von Stigma, irrationalen Glaubenssystemen und für noetische Denkmuster“ (159). „Es ist die Aufgabe einer Theologie der Affirmation, diesen ontologischen Status den Menschen zu übermitteln, die an HIV leiden – um zu entdecken, dass ihr spiritueller Status vor Gott wesentlicher ist als verzerrte soziale Wahrnehmung und ein stigmatisierter Status.“ (161) 

 

Jan-Albert van den Berg, Südafrika, „Verleiblichte Seele. Überlegungen zu einer Pastoralanthropologie“, verfolgt neue paradigmatische Entwicklungen, die unbekannte Horizonte in der Beziehung zwischen Naturwissenschaften und Religion eröffnen. Wenn der Leib-See­le-Dualismus überholt ist, muss Leiblichkeit neu verstanden werden. Er lädt zu einer Reise ein, bei der er kontextuell und interdisziplinär, systemisch vorgeht. Er benennt Indikatoren, die die Epistemologie und Methodologie betreffen.

 

Die Betonung des Biologischen fließt in die Überlegungen ein. „Unter Berücksichtigung dessen können Pastoraltherapeuten unter anderem eine unentbehrliche Rolle, in einer neuen Art Naturwissenschaften und Therapie auszuüben, spielen, aber auch die Führung übernehmen, in dem sie bei der Aufgabe für die verleiblichte Seele zu sorgen ethisch handeln.“ Er greift Entwicklungen in der Beziehung zwischen Theologie und Naturwissenschaften auf, „um eine praktischtheologische Anthropologie mit pastoralen Implikationen zu beschreiben.“ Er setzt sich mit  Wentzel J. van Huyssteens Buch „Alone in the world?“ [Allein in der Welt] und  Cornel W. Du Toits Artikel „Secular Spirituality versus Secular Dualism: Towards post-secular holism as model for a natural theology” [Säkulare Frömmigkeit gegen säkularen Dualismus: Für eine nach­säkulare Ganzheit als ein Modell für eine natürliche Theologie] aus­einander (165-166).

 

„Um eine Reduktion bei der Betonung der Leib­lichkeit in der Darstellung der Pastoralanthropologie zu vermeiden, ... braucht man eine evolutionäre Epistemologie, die auf die Kontextualität Nachdruck legt.“ „Ihre Aufgabe ist ‚unter anderem’, die Ergebnisse der Naturwissenschaften zur Kenntnis zu nehmen, sie zu interpretieren und sie dann in einen besonderen kulturellen Kontext zu stellen.“ Er sieht den Wert dieser Forschung in der „(Wieder-) Entdeckung der biologischen Wurzeln menschlicher Rationalität als Ressourcen der Erkenntnis und von Strategien von Problemlösungen in verschiedenen Forschungszweigen“.

 

Die Seelsorge gewinnt dadurch Abstand zu bestimmten Traditionen. „In der Neubewertung der biologischen Akzentsetzung und des entsprechenden Sinnes für eine möglicherweise umfänglichere Pastoralanthropologie betritt man ‚eine sichere Weise des Raumes des Erkennens, um die Grenzen und Ränder unserer eigenen religiösen und fachlichen Kontexte zu überschreiten.’ Die Implikationen einer Anthropologie der Verleiblichung der Seele werden für die Seelsorge offensichtlich noch bedacht werden müssen. Jedoch ist gewiss, dass die räumlichen Akzentsetzungen, die in der Erforschung erörtert wurden, Sinn haben, um praktisch-theologische Perspektiven für eine Anthropologie auszusprechen – und damit zu ‚verleiblichen’“ (177-178).

 

James Newton Poling, Evanston, USA, „Imperiale Gewalt, Gewalt in der Familie und Seelsorge“, stellt sich der Herausforderung durch die imperiale Entwicklung der USA. Er leistet einen Beitrag zur Erforschung der „Beziehung zwischen imperialer Gewalt und interpersonaler Gewalt mit den Methoden der Pastoraltheologie, Seelsorge und Beratung“. Für ihn besteht die christliche Berufung darin, „sich in Solidarität mit der Welt in den Kampf für Leben und Freiheit zu begeben, und sich von Herrschaft und Gewalt zu befreien.

 

Wir sind berufen zu dem Dienst der Heilung und Rettung“ (182). Aus der Zusammenarbeit mit Brenda Consuelo Ruiz, Nicaragua, teilt er Geschichten von Menschen mit, die Gewalt erlebt haben. Sie regen seine Reflexionen zur Gewalt an. Die These lautet, dass „zwischenmenschliche Gewalt der Mikrokosmos der imperialen Gewalt“ ist. Er geht auf die Arbeit mit Opfern häuslicher Gewalt und den Tätern ein und zieht Schlussfolgerungen für den Umgang mit imperialer Gewalt. Gegenüber einem Imperium, das für ihn das Böse repräsentiert, versteht er den „Dienst der Nachfolger Jesu Christi“ als eine Demaskierung der Mächte, „die Götzen anbeten und die Gewalt hervorrufen. Die Aufgabe der Nachfolge ist es, sich für einen anderen Weg einzusetzen, einen Weg der allumfassenden Liebe (…), der liebenden Gerechtigkeit und des gewaltlosen Widerstandes gegen das Böse“ (191).

 

Er entwirft das Bild einer Kirche, die hilft die Gewalt in ihren verschiedenen Formen einzudämmen. „Glaubwürdige Kirche praktiziert eine Liebe, durch die niemand ausgeschlossen wird“ (193). Die Kirche übt „in ihren eigenen Reihen liebende Gerechtigkeit in Machtfragen aus, und sie tut das auch in ihren Beziehungen zur Welt“ (193). Die Kirche predigt „gewaltlosen Widerstand gegen das Böse“. Die Kirche lebt „Vielfalt und Einheit als Werte“. „Vielfältigkeit bedeutet die Gegenwart des Anderen, das nicht nur einfach assimiliert und domestiziert wird“ (196). „Die Kirche lebt Vielwertigkeit und Güte als Werte“ (197). „Es ist einfacher, in dem sicheren Hafen einer gewohnten Moralität zu bleiben, als die innere Unsicherheit und Ambivalenz zu riskieren, die ein neues Denken mit sich bringt und die vielleicht zu einer neuen Identität als Weltbürger führt. Ambivalenz ist manchmal der Pfad zum Guten, und wir müssen auf unseren Glaubenswegen offen sein für solche Offenbarungen“ (198).

 

Ronaldo Sathler-Rosa, São Paulo, Brasilien, „In einer gewalttätigen und zerrissenen Welt überleben. Pastoraltheologische Überlegungen aus dem brasilianischen Kontext“, erörtert Arbeitshypothesen zum Thema Gewalt, diskutiert Verbindungen zwischen sozioökonomischen Bedingungen und Gewalt im brasilianischen Kontext. Er hebt aktuelle Gedanken und menschliche Lebensverhältnisse hervor, die Seelsorger herausfordern, und entwirft für die Auseinanderzusetzung mit Gewalt einen theoretischen Rahmen sowie Methoden für pastoraltheologische Reaktionen.

 

An Pastoraltheologie und Seelsorge stellt er kritische Fragen und versucht eine Verhältnisbestimmung zwischen Aggression, Gewalt und Gewaltlosigkeit. Er fordert, dass „die Weiterbildung der Gemeinschaften eine der Hauptziele beim Entwickeln von Lebensstilen sein“ sollte, „die sich dem entfremdenden Wettbewerb widersetzen, der in den meisten zeitgenössischen Kulturen vorherrscht, und nach gesellschaftlichen und individuellen Verhaltensstandards streben, die Solidarität und wechselseitige Achtung fördern“ (210). „Es gehört zur seelsorgerlichen Aufgabe, dem Aggressor zu helfen seine Schuld zu erkennen und zu bekennen und Vergebung zu empfangen. Ziel ist dabei, Verantwortung zu über­neh­men“ (211). „Seelsorger können Vermittler bei der Begegnung zwischen Opfer und Täter sein. Ziel ist die Versöhnung, falls es gewünscht und möglich ist“ (211). „Seelsorger, andere Fürsorger und Selbsthilfegruppen können unterstützend wirken, in dem sie Opfern anbieten, ihre Unsicherheiten, Wut und Kum­mer, die eine Folge des Angriffes sind, auszudrücken“ (211).

 

„Auf einer systemischen Ebene können Kirchen und kirchliche Körperschaften zusammenarbeiten, um besondere gesellschaftliche Umstände anzugehen, die nach öffentlicher oder staatlicher Intervention verlangen, um Gewalt zu verhindern oder aufzuhalten. So kann die pastorale Hand­lung eine politische oder prophetische Gestalt annehmen. […] Ziel einer solchen systemischen Handlung auf Seiten der Seelsorger ist für Beschäftigung, Erziehung und die redliche Verteilung der Ressourcen zu sorgen. Die Heilung des Einzelnen genügt nicht. Zwischenmenschliche Versöhnung genügt nicht, um gewaltlose Kulturen zu schaffen. Über diese Elemente hinaus ist es notwendig, gesellschaftliche Bedingungen herzustellen, die ein Zugehörigkeitsgefühl zu Staat und Gesellschaft schaffen. Die Kluft zwischen denen, die dazugehören und denen, die ausgeschlossen sind, ist ein Hindernis, das Gewalt begünstigt“ (212).

 

Elisabeth Grözinger, Dornach, „Religiosität und Spiritualität in der Psychotherapie“, thematisiert aus jungianischer Perspektive verschiedene Begriffe von Religiosität und Spiritualität.

 

„Teil IV: Beiträge zur Praxis der Seelsorge“ versammelt die folgenden Beiträge:

Ursula Riedel-Pfäfflin und Ruthard Stachowske, „Kollegiale Wahlgeschwisterlichkeit. Empowerment durch narrative Arbeit in Reflektierenden Teams“, kommen zu einem für interkulturelle, interkonfessionelle und interreligiöse Gespräche geltenden Schluss: „In der Begegnung mit KollegInnen aus anderen Kontexten ist es daher grundlegend, dass Differenzen anerkannt werden. Diese Prozesse des Zuhörens, der Wahrneh­mung der Andersheit der anderen sind nicht leicht und führen immer wieder zu Konflikten. […] Jedoch ist es notwendig, einen gemeinsamen Raum für die Hörfähigkeit und den Dialog zu schaffen, und für das Geschenk einer Lebensgeschichte, die eingebettet ist in das Ganze des Lebens. Wenn es glückt, könnte dies eine Zeit und ein Raum für Heilung in gegenseitiger Würdigung werden, ein Raum der Heiligkeit“ (236).   

 

Anath N. Natar, „Heilung von Traumata für Frauen in den Konfliktregionen Poso und Molukken in Indonesien“, lenkt den Blick auf die Seelsorge mit traumatisierten Frauen in einer der vielen Krisenregionen dieser Erde. „Das Leid und das Traumaproblem der Frauen werden kaum gesehen und erhalten wenig Aufmerksamkeit. Die Stimme der Opfer werden nicht gehört und ihre Verletzungen werden nicht ernst genommen“ (245).

Marina Riemslagh, Bea Vanmechelen, „Abtreibung aus existentieller Sicht. Die Bedeutung von Abtreibung für das Leben von Frauen“, berichten aus ihrer Erfahrung in Belgien, die sich wohl auf westeuropäische Länder übertragen lassen. Sie fassen zusammen: „Abtreibung hat Auswirkungen auf das ganze Leben der Frauen. […] Wenn eine Frau ihre Erfahrung der Abtreibung durchleben kann, kann sie sich und ihr Leben neu gestalten und ihren Sinn erneut finden.“

 

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[1]Achortal – der Name bedeutet Unglückstal, Tal der Furcht und Angst

 


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