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Rezension


Marcel Schütz
Remterweg 55, 33617 Bielefeld

 

Doktorhut des Glaubens – Biblische Freude

Eduard Lohse: Freude des Glaubens. Die Freude im Neuen Testament. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2007. 93 Seiten. Euro 12,90.

 

„Die Freude ist der Doktorhut des Glaubens“, so sagt es ein Wort, das Martin Luther zugeschrieben wird. Und wie oft haben wir keine Freude an uns, an der Arbeit und an den Menschen um uns herum. Ein handliches Büchlein über die Freude als theologisches Motiv zwischen Kreuz und Auferstehung legt der frühere Landesbischof der hannoverschen Kirche, Eduard Lohse, vor.

Der Neutestamentler macht dabei gleich auf den ersten Seiten deutlich, dass ihm Abgrenzung zur Hebräischen Bibel gänzlich fern liegt, es um beide Testamente im Einklang geht (9). Im Buch spielen theologische Grabenkämpfe sodann auch keine Rolle; kein matter Dunst eines Gegenübers von Gesetz und Gnade, Anspruch und Zuspruch versteckt sich hinter den Zeilen.

Der Göttinger Emeritus weiß um die feinmaschige Intertextualität der biblischen Schriften, die mehr Kontinuität offenbaren, als es oft auf den ersten Blick den Anschein macht. Das Motiv der Freude schlägt dabei wesentliche Schneisen und verheißt bereits den ersten Gemeinden eine grundlegend existenzielle Bestimmung ihres Glaubens, ihres Lobes und Dankes an Gott. Lohse verschweigt jedoch nicht, dass in Kirche und Theologie das Wesen der biblischen Freude eher im Abseits statt im Mittelpunkt jeder Erkenntnisleitung stand und steht (8).

Vier Abschnitte legt Lohse seiner Darstellung zu Grunde. Zunächst geht es begrifflich resp. motivisch um das Evangelium (1. Teil). Personal wird die Freude als Dreh- und Angelpunkt christlicher Verkündigung durch Jesus (2. Teil), ihren Boten (31f), und Paulus (3. Teil), den Gehilfen (57f). Die „erfüllte Freude“ der johanneischen Schriften (4. Teil) spricht die Hoffnung auf die Überwindung der Welt aus (73f).

Lohse beginnt mit einem Einblick in den jüdischen Gottesdienst, seine Umwelt und die Predigt des Apostels (12f). Folgend thematisiert er zunächst die unterschiedliche Bedeutungsweite im Sprachgebrauch von „Euaggelion“ (gute Nachricht). Die hellenistische Umwelt kennt den Singular, das Evangelium, sowie den Plural. Letzterer wurde gebraucht, „wenn es darum ging, von Erscheinungen der Götter zu reden oder ihr Eingreifen in das Leben der Menschen zu kennzeichnen.“ (14). Die Form im Singular fließt in den urchristlichen Gottesdienst als die Verkündigung der Botschaft vom gekreuzigten und auferstanden Christus (das eine Evangelium) ein; analog zur frohen Botschaft im Alten Testament – der Rede vom Königtum des Gottes Israels (16). In der mit Christus erkennbaren Offenbarung Gottes werden die Überwindung des Todes und also der Triumph über den Satan und das Unheil hervorgehoben – eine Botschaft, die denen gilt, die in der diesseitigen Welt noch unmündig und geplagt sind (40f).

Die Stationen der Freude stellen  dabei  nach   Lohses Tenor keineswegs nur Verkürzungen  anthropologischer Schemata dar. Sie stimulieren vielmehr den befreienden Zusammenhang von Überraschung, Rettung, Heimkehr, Ankunft und Erlösung. Sich einander verschränkende Grund-stimmungen des Glaubens – vor allem metapho-risch gesprochene – werden offen gelegt und in ihrer ins Leben sprechenden Art und Weise vom Autor reflektiert.

Christus wird als der durch Gott ermächtigte und gesandte Freudenbote charakterisiert; der mit seiner Lehre Menschen begeistert, ihre Haltung erneuert und tiefgründig verändert. Nicht um Banalitäten,  geht es hier,  sondern die Erkenntnis des zeitlosen Wirkens eines versorgenden, zusagenden und barmherzigen Gottes, so Lohse. Die Freude auch im existenziellen Leiden wird mit der Überwindung der kleine(n) Zeit durch die kommende Herrlichkeit im Rekurs auf 1. Petrus 1,6; 4,13 herausgestellt (54).

Dabei wird auch klar, dass die Ausführungen Lohses keineswegs Weltflucht predigen oder einer biblizistischen Jenseits-Euphorie zusteuern. Nicht billiger Trost durch dumpfe Negation von Welt und Personalität stehen im Blickfeld. Die Hoffnung (auch im Leiden) auf das andere, neue Reich und die Gemeinschaft mit Christus macht nur gewiss für eine Erlösung von den Stricken des Todes und Zerfalls (54f). 

Nicht  mehr  und  nicht  minder kann und darf eine ernsthafte Deutung sagen, als dass Gott gerecht ist, und seine Schöpfung nicht zu Schanden werden lässt. Es ist die Rede von einer Zuversicht, die schon in der Gegenwart – hier und heute – Trost spendet und neuen frischen Mut stiftet. Das ist ziemlich nahe an dem, was – nebenher bemerkt – kaum je wieder jemand so schön in Dichtung gebracht hat, wie Martin Schalling d. Jüngere (1532-1608) es 1569 in seinem „Herzlich lieb hab ich dich, o Herr“ schreibt: „Und wenn mir gleich mein Herz zerbricht, so bist du doch mein Zuversicht, mein Teil und meines Herzens Trost, der mich durch sein Blut hat erlöst.“ (normalisiert EG 397,1). Weltberühmt und majestätisch heilsam erklingen diese Zeilen dann – neben Heinrich Schütz´ Geistlicher Chormusik – in der Johannespassion Johann Sebastian Bachs (BWV 245).

Der letzte Abschnitt zeichnet die Entwicklung des Motives in den Trost sprechenden johanneischen Schriften nach. Wirkliche Freude wird dabei gegen die Anfechtungen durch die Welt erfasst. Dabei bestimmt der Autor die  griechische  Vokabel  „Kosmos“ vor dem Hintergrund des vierten Evangeliums, das hier über den gewohnten  Sprachgebrauch („das geordnete Ganze der Welt“) hinausgehend, vom Kosmos als die „auf sich selbst gestellte Welt“ spricht (77). Gemeint ist eine Welt, die von keinem Gott hören und erzählen will. Die Jünger können in dieser Welt nur erfüllt von Leid und Angst ausharren.

„Doch die Zeit der Verlassenheit wird – so verheißt der johanneische Christus – nur kurz dauern. Dann wird die Trauer in Freude verwandelt werden“ (78). Die durch Freude geprägte Gemeinschaft mit dem Herrn ist in die Hoffnung auf das Ende der Zeiten verflochten. Mit dem dann sichtbaren Sieg Christi über das Drangsal der Welt wird das vollendet, was sich schon jetzt im irdischen Bekenntnis zum Erlöser als „frohe Zuversicht und getroste Freude“ (82) manifestiert.

Im Ganzen gesehen, ist Lohse ein Kunstgriff gelungen: einerseits räumt er mit unsäglich plumpen Vorurteilen gegen einen vermeintlich schwermütigen, ja depressiven Glauben der Christen auf. Zum anderen bietet der Exeget und Altbischof einen flüssig lesbaren Text für ein breites Publikum insbesondere auch interessierter Laien. Dabei stützt sich der Autor immer wieder auf detaillierte Textbelege und biblische Zusammenhänge. Auch manche Literaturwissenschaftler außerhalb der Theologie dürfte die Lektüre ansprechen.

Bei aller stilistischer Raffinesse, bleibt manches dennoch streitbar und fraglich: So wirken Lohses Argumentationslinien zuweilen (zwischen den Zeilen) auf jüngere und nicht selten „liberal-theologisch“ geprägte Leser viel zu selbstverständlich umherkreisend, fromm und erbaulich, doch auch wiederholend und wenig kritisch hinterfragt. Die Gefahr, solche „Freude des Glaubens“ nur noch als „Narkotikum“ zu verstehen liegt auf der Hand und macht es notwendig, die essayistische und die religiöse Ebene des Textes möglicherweise deutlicher voneinander zu trennen, als es dem Autor beim Schreiben im Sinn gestanden haben mag.


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