Impressum
Rezension


D. Dr. Friedhelm Borggrefe
Horst-Schork-Straße 66, 67069 Ludwigshafen

 

Wachsen gegen den Trend

 

Wilfried Härle/ Jörg Augenschein/ Sibylle Rolf/ Anja Siebert, Wachsen gegen den Trend. Analysen von Gemeinden, mit denen es aufwärts geht, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2008, 18,80€

 

Wilfried Härle, Jahrgang 1941, Professor für Systematische Theologie (Ethik) an der Evangelisch Theologischen Fakultät in Heidelberg und sein Team stellen soeben unter dem Titel „Wachsen gegen den Trend“ Analysen von 34 Gemeinden in der EKD vor, Gemeinden, mit denen es im Sinne des Impulspapiers der EKD „Kirche der Freiheit“ vom Sommer 2006 „aufwärtsgeht“. 10 Großstadt- und 24 kleinstädtische und ländliche Gemeinden werden im Blick auf ihre Lernfähigkeit und Wachstumschancen auf über 350 Seiten gezeigt. Eine Landkarte belegt, dass Gemeinden aus dem Gebiet der ganzen Bundesrepublik repräsentativ erfasst sind, auch eine pfälzische, Friedelsheim, ist dabei. Der Text macht Mut zur Nachahmung und weckt die Phantasie. Gesponsert wurde das Unternehmen von der EKD und dem Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD. Dargestellt werden Gemeinden, die zwischen 2003 und 2006 zu einem zahlenmäßigen Wachstum ihrer Mitglieder bzw. Gottesdienstbesucherzahlen gekommen sind. Grundüberzeugung der AutorInnen ist, dass es zur Zeit keine Hinweise auf einen besorgniserregenden Rückgang der Mitgliederzahlen in der EKD gibt. Der „Rückgang bei den Mitgliederzahlen ist demographisch bedingt und nicht kirchenspezifisch“. „Die ganze Gesellschaft und alle ihre Großorganisationen ist davon betroffen“ (S. 10). Die Methode ist einfach: die Kirchenleitungen wurden um Anschriften von „Wachstumsgemeinden“ gebeten. 120 Gemeinden in der EKD wurden mit einem Fragebogen angeschrieben. Aus dem Rücklauf (41) wurden 34 ausgewählt, die den Teilnahmekriterien entsprachen. Alle diese Gemeinden wurden von mindestens einem Teammitglied besucht. Das Ergebnis wurde gemeinsam ausgewertet. Von jeder dieser Gemeinden wurde ein one page Paper mit Foto, Anschrift und Hinweis auf die Homepage erstellt und die Wachstumsquote notiert. Alle 34 Gemeinden konnten im Blick auf die Gottesdienstbesucherzahl einen Wachstumsquotienten von 0,5-125% nachweisen. Viele der ausgewählten Gemeinden befanden sich in gehobenen Wohngebieten der oberen Mittelschicht, aber auch im traditionellen Bildungsbürgertum. Arbeitslose, Arbeiter, Spätaussiedler wurden seltener erreicht. Wachstumsgemeinden mit Kindern und jungen Familien liegen oft im Grüngürtel der Ballungsgebiete. Aber auch sanierte, attraktive Großstadtquartiere, oft in der Nähe von Universitäten, zeigen Wachstumstendenzen.

Auffällig an der Studie ist, dass Wachstum grundsätzlich mit viel Ehrenamt und Teamarbeit, mit Abschied von traditioneller Kirchenmusik und dem Zitieren von alten Texten zu tun zu haben scheint. Oft beginnt das Wachstum in einer Nullpunktsituation. Als „Impulse und Auslöser“ werden festgestellt:

In etwa einem Drittel der portraitierten Gemeinden spielt diese Orientierung an der US Megachurch-Bewegung und ihrer Marketing Strategie eine Rolle. Da ist die Rede von Seekers, von „Suchern“, die eine kirchliche Sozialisation mitbringen, deren Bindung zu einer Gemeinde aber zerbrochen ist. Oft stammen diese aus der gebildeten Mittelschicht, sind durch Arbeitsplatzsuche entwurzelt, haben die Berufseingangsphase hinter sich, beginnen gut zu verdienen. Das Anwachsen der Familie wirft Fragen auf nach der Erziehung der Kinder aber auch prinzipiell nach der Sinnhaftigkeit des Lebens. Grundsätzlich ist diese Gruppe konfessionell offen.

So sehr eine solche Studie im gegenwärtigen EKD-Trend liegt und Freude aufkommt, wenn nicht nur vom Gesundschrumpfen der Kirche die Rede ist. Einige Fragen müssen erlaubt sein:

1. Ist Wachstum für die Kirche immer und grundsätzlich etwas Positives, das empirisch erhoben werden kann? Würde es sich nicht lohnen, in einer systematischen Studie eine gründliche theologische Besinnung z. B. im Blick auf die Wachstums-Gleichnisse Jesu (Markus 4) zu entwickeln? Dann könnte klar werden, dass es nicht allein um Wachstum gehen kann sondern das Reich Gottes nur in einem höchst komplexen Vorgang von Wachsen-Gedeihen und Fruchtbringen Zukunft gewinnt, was auch für die Volkskirche ein unaufgebbarer Zusammenhang ist. Wachstum kann, so stark unser missionarischer Wille auch sein mag, nicht ein signum ecclesiae sein. Wie hätte die Diaspora des Protestantismus, die Waldenser, die Hugenotten, die Friedenskirchen je überleben können? Und im Blick auf die Rechtfertigungslehre bei Paulus könnten wir erkennen, dass das Reich Gottes nicht planbar und machbar, sondern ein Geschenk sola gratia, sola fide et sola scriptura ist. Unwillkürlich erinnert man sich im Jahre 2008 auch an Ereignisse vor 75 Jahren, als im Jahre 1933 die Kirchen unter der Parole „Positives Christentum“ sich in höchst ambivalenten Wachstumsprozessen befanden. Oder auch an die schöne Konstantinausstellung in Trier vom Sommer 2007, die an eine Wende erinnerte, in der Wachstum und Privilegien ein keineswegs unproblematisches Bündnis eingingen.

2. Das Christum ist bekanntlich in den Städten groß geworden. Aber: Lebt der Protestantismus realistisch gesehen heute in unseren Städten wirklich als Wachstumsgemeinde? Die Studie versucht das in etwa einem Drittel ihrer Beispiele zu zeigen: Leipzig und das Programm der Thomaskirche mit Bildung und Musik, Magdeburg und die Domgemeinde als Predigtkirche für die Stadt. Interessanterweise werden in Dresden und Hamburg nicht die Frauenkirche und die Hauptkirchen als Beispiel dargestellt, sondern Projekte, die in der Nähe von Universität und Bildungsbürgertum arbeiten. Jedoch schon der Berliner Theologe Ernst Lange (1927-1974) hatte einst die städtischen Gemeinden als „Ensemble der Opfer der Zeit“, also der „Mühseligen und Beladenen“, gesehen: Kirche als Sozialfaktor in der Stadt mit ihrer Arbeit an Armut, Fremdheit und Einsamkeit wird kaum mit großen Wachstumszahlen aufwarten können, sondern ist eher umgekehrt proportional angesichts der wachsenden Zahl der sozial Schwächeren in den Städten Minderheit und Salz der Erde und Licht der Welt. Gefragt ist heute genau dieser Mut zur Diaspora!

3. Was für eine Christologie steckt hinter den 34 Wachstumsgemeinden? Jesus ist nicht nur für besserverdienende Gutmenschen in den Speckgürteln der Grüngürtel unserer Ballungsgebiete gestorben. Der Christus des Neuen Testaments will überhaupt nicht eingesperrt sein in Profil-, Projekt-, Regional-, Anstalts- und Beteiligungsgemeinden und ihre Philosophien. Er will auch nicht in einer Kirche vermarktet werden, die sich als Jesus GmbH versteht und schwarze Zahlen schreiben will. Kirche der Freiheit ist auch die Kirche der Freiheit Jesu Christi. Er will mit seinem Geist in Freiheit, als „Pantokrator“, herrschen und der Welt dienen. Reinhard Höppner, Ex-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und Ex-Kirchtagspräsident, beschreibt in seinem Buch „Versucht es doch! 3% reichen, die Gesellschaft zu verändern“, Gütersloh 2007, das Christentum als erste Globalisierungsbewegung und sagt: „Heute hilft mir die Übersetzung des Missionsbefehls in der Bibel in gerechter Sprache. Dort heißt die entscheidende Stelle: ‚Macht euch auf den Weg und lasset alle Völker mitlernen’“ (S. 153). Christus, der durch seinen Tod und seine Auferstehung alle Menschen hineinnimmt in einen Lernprozess, der Zukunft für alle eröffnet.

4. Wie steht es um den Gemeindebegriff in der Studie? Eine theologische Analyse der Gemeinde, als Gemeinde Jesu Christi,  findet sich nicht. Stattdessen wird mit vielen nominalen Wortkonstruktionen gesprochen von Richtungsgemeinde, Parochialgemeinde, Wachstumsgemeinde, Regionalgemeinde, Profilgemeinde, Domgemeinde, Stadtkirchengemeinde, Citygemeinde, Personalgemeinde, Beteiligungsgemeinde, Auferstehungsgemeinde, Maria Magdalena Gemeinde, Projektgemeinde, Anstaltsgemeinde, einladende, offene, pietistisch geprägte Profilgemeinde, charismatische Profilgemeinde, Friedensgemeinde, Innenstadtgemeinde, Gemeindephilosophie, Caring comunity, Richtungsgemeinde, missionarische Gemeinde. Klar ist dabei nur, dass die Identität der Gemeinde selbstbestimmt ist: Als Parochialgemeinde organisiert sie sich – immer noch – als Parochie. Als Wachstumsgemeinde ist sie bestimmt durch Wachstum. Als Personalgemeinde fühlt sie sich gebunden an eine Person. Als Projektgemeinde plant sie in eine bestimmte Richtung. Als Beteiligungsgemeinde versteht sie sich kommunikativ für alle Aktiven. Als charismatische Gemeinde will sie weg von konservativem Dogmatismus.

5. Warum zeigt die Studie nicht das veränderte Pfarrerbild, das in für alle geschilderten 34 Wachstumsgemeinden eigentlich vorausgesetzt wird? Eine theologische Auseinandersetzung mit der Zukunft dieses Berufs ist angesichts der Wachstums- bzw. der Rückbauproblematik der Kirche unbedingt notwendig. Die Wachstumsstudie setzt latent die klassische volkskirchliche Parochie und damit das Berufsbild des heutigen Pfarrer und der Pfarrerin außer Kraft. Es wird geschildert, wie Gottesdienste und Gemeindearbeit eigentlich nur mit einer großen Mitarbeiterschaft und als regelmäßig inszenierter Event funktionieren können. Es genügt dann nicht, bessere Qualifikationen für Wortverkündigung, Pädagogik und Seelsorge, Weiterentwicklung der Teamfähigkeit, Umgang mit den Medien und der Öffentlichkeit, Kooperationsgemeinschaft mit voluntary workers zu fordern und zugleich Wachstumsprozesse und Kirchenreformansätze zu diskutieren, die zu einer zahlenmäßigen Reduktion der Pfarrerschaft um ein Drittel führen werden.

6. Die Studie macht sich bewusst die messbaren Fakten der Wachstumsgemeinden zum Thema. Sie analysiert, „was vor Augen ist“ (S. 13 im Anschluss an 1. Sam.16,7b). Warum bekommt sie die Frauen in den Gemeinden nicht in den Blick, obwohl im AutorInnenteam zwei Frauen mitarbeiten? Der Beitrag der Frauen zum Wachstum ist sicherlich genauso groß wie ihr Beitrag zur Stabilität der gegenwärtigen Volkskirche.

Ein anregendes Buch im Sinne des EKD Impulspapiers „Kirche der Freiheit“ mit einem positivistischen Kirchenbild, das viel Anregung bietet und zur theologischen Auseinandersetzung reizt.


index / forum palatina / rezension / forum / archiv / links / e-mail