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Rezension


Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346Speyer



Siegfried H. Sunnus, Pfarrerberuf im Wandel 1970 - 2005. Rückblicke eines Großstadtpfarrers auf Gemeinde und Kirche. Mit einem Nachdruck von „Die ersten sieben Jahre". Rückblick eines Landpfarrers (Schriften aus dem Comenius-Institut, Beihefte, Bd. 4)
Münster 2006, 326 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 3-8258-9011-2.



Siegfried Sunnus, Jahrgang 1941, dürfte vielen Kolleginnen und Kollegen als Schriftleiter des Deutschen Pfarrerblattes noch einige Zeit in Erinnerung bleiben. Seine mal bissigen, mal hintergründigen, immer aber auf ihre Art genialen Editorials sorgten in manchen Ausgaben für mehr Leserbriefe als alle Hauptaufsätze zusammen. Wer ihn näher kennt, kann sich gut vorstellen, daß er als Gemeindepfarrer sowohl in seiner Gemeindearbeit als auch in seinem kirchenpolitischen Engagement ähnlich unbestechlich und fundiert, aber genau deshalb auch unkonventionell und kritisch war wie in seiner Rolle als Publizist.

Mit seinem herrlich indiskreten Buch „Pfarrerberuf im Wandel 1970 – 2005“ reflektiert Sunnus in ungewisser Erwartung des drohenden Ruhestandes sein bisheriges Berufsleben. Ursprünglich sollte es, analog zu seinem früheren Buch „Die ersten sieben Jahre“, „Die letzten sieben Jahre“ heißen; glücklicherweise gab er diesen Plan aber auf und gewann dadurch die Freiheit, das Ganze in den Blick zu nehmen. Herausgekommen ist, trotz der sehr subjektiven Herangehensweise, etwas kategorial anderes als eine Pfarrerbiographie; es ist vielmehr – neben der Reflexion auf den Wandel des Berufsbildes im allgemeinen – eine sehr genaue, auf das Handeln der Personen schauende und dabei die kirchenpolitische Motivationslage beschreibende, Analyse der Veränderung, die in den evangelischen Kirchen hierzulande in den letzten anderthalb Jahrzehnten vor sich gingen und noch weiterhin gehen werden. Natürlich beschreibt Sunnus als Gemeindepfarrer in Frankfurt und langjähriger Vorsitzender des hessen-nassauischen Pfarrvereins (und in den letzten Jahren auch Schriftleiter des Hessischen Pfarrerblattes) diese Entwicklung mit Blick auf die handelnden Personen in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, aber vieles von dem, was er beschreibt, dürfte in nahezu jeder anderen EKD-Gliedkirche ähnlich laufen.

In einer Zeit, in der viel über „Spiritualität“ (was auch immer das sein mag) und von Pfarrern als „Wegweiser in das Heilige“ geredet und geschrieben wird, findet man bei Sunnus ein Kapitel über „Das aufgeklärte Pfarramt“ (161-169). Genau genommen geht es um einen Akt der Selbstaufklärung des Amtsinhabers, dem dann das aufgeklärte Amt als wünschenswertes Ergebnis folgt. Sunnus berichtet: „Als wir 1988 ein ‚68er Treffen’ hatten, erzählte jeder von seinem Weg. Alles war da vertreten bis hin zum Buddhismus und Esoterik etc. Schließlich fragte ich in die Runde: ‚Bin ich der Letzte, der noch an Rationalität und Aufklärung festhält?’ Es gab keine Antwort. Damit war dieser Kreis endgültig Vergangenheit geworden“ (162).

Sunnus nennt die Verbindung von Theorie und Praxis als das, was das aufgeklärte Pfarramt ausmacht. Als Herder-Kenner erinnert er an ein Wort, das dieser über seinen Lehrer Kant gesagt hatte: „Er munterte auf und zwang angenehm zum Selbstdenken.“ Dieses „Selbstdenken“ ist etwas anderes als einfach nur „Amtsklugheit“. Vielmehr geht es darum, zu erkennen, was gerade jetzt zu tun ist – auch wenn alle anderen gerade etwas anderes, scheinbar moderneres machen. So berichtet Sunnus von seinen recht zahlreichen Buchveröffentlichungen, die er neben der Gemeindearbeit, sozusagen aus der Position des „frei schaffenden Wissenschaftlers“ (163), auf den Weg brachte: „Mit dem ‚Bauplatz Gemeinde. Leitung, Pfarrerrolle, Konfirmandenarbeit’ habe ich wohl als erster 1979 das Thema ‚Gemeindeaufbau’ zur Diskussion gestellt“ (163). Auch schrieb er mit seinem katholischen Nachbarkollegen Raban Tilmann das Buch „Gemeinsamer Boden – Verschiedene Wege. Aus der ökumenischen Praxis zweier Gemeinden“. Das Manuskript, so Sunnus, „war fertig, als die Ökumene noch ein Thema war; als es, auch durch die Verlage bedingt, 1983 erschien, waren viele Fenster und Türen in der Römischen Kirche wieder zugegangen ...“.

In das Kapitel über das „aufgeklärte Pfarramt“ gehört auch die Reflexion über die Gründe für die Entstehung des im Jahr 2002 veröffentlichten Leitbildes für den Pfarrberuf. Sunnus berichtet von einem Gespräch mit seinem damaligen Frankfurter Kollegen Konrad Elsässer, dem aufgefallen war, daß in einzelnen Landeskirchen „am Berufsbild Pfarrer theoretisch – und mit praktischen Konsequenzen! – gearbeitet wird und sich die Gefahr abzeichnet, dass es dann kein einheitliches Berufsbild vom Evangelischen Pfarrer, der Evangelischen Pfarrerin, mehr gibt“ (164). Diese Überlegungen führten zum – von Heidrose Gärtner moderierten – Leitbildprozeß des „Verbandes der Vereine evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland“.

Das schönste Kapitel des Buches ist überschrieben mit „Die Arkandisziplin“ (139-149) und handelt von den Geheimnissen des Berufs und der Institution. Geheimnisse gibt es da wahrlich viele, und Sunnus bemüht sich, zumindest diejenigen zu lüften, über die normalerweise nicht geredet werden darf. Am Anfang steht deshalb die Frage: „Wie realistisch durfte ich das Buch schreiben?“ Die Antwort wird nicht direkt gegeben, aber sehr vielsagend stellt Sunnus in Aussicht, sein Buch beschreibe „eben auch ein Stück Kirchengeschichte ‚von innen’ – bis hin zur Entstehung von kirchlichen Handlungs- und Leitungsentscheidungen“ (139). Besonders spannend, so Sunnus, sei für den Theologen die Frage, „nach welchen Maßstäben die Entscheidungen getroffen werden: ob neben finanziellen, juristischen und politischen Argumenten die Theologie eine Rolle spielt. Mitglieder kirchlicher Entscheidungsgremien eröffnen darüber kaum das Gespräch, und Beschlussprotokolle zeichnen den Entscheidungsprozess nicht nach“ (139).

Fast schon leitmotivisch zitiert Sunnus Martin Niemöllers im Theologischen Seminar Friedberg bei einer Diskussion getroffene Unterscheidung zwischen dem wahren und dem wirklichen Herrn der Kirche: „Der eine ist Christus, der andere der Mammon“ (141). Dieses, so Sunnus, gelte auch in abgeschwächter Form für die Machtverhältnisse innerhalb der Institution. Daraufhin zitiert er genüßlich die Auslassung eines früheren Finanz- und Personalreferenten, der erklärte: „Es ist egal, wer unter uns Bischof oder Kirchenpräsident ist“, und fährt fort mit Überlegungen über die Funktion der Lüge im kirchlichen Bereich.

Breiten Raum im Kapitel über die Arkandisziplin nimmt das Thema „Kirchliche Personalpolitik“ ein. Im Vergleich mit einem Bundesland, so Sunnus, seien die Landeskirchen mit ihrer Verwaltung und Leitung überschaubar und deshalb werde vieles auf der persönlichen Ebene geregelt – zum Vor-, aber auch zum Nachteil: „Wer es wagt, bei formell offenen Stellenausschreibungen auf das Aussortieren von Bewerbern durch eine ‚geheime Messlatte’ hinzuweisen und dieses Kriterium in der Synode zur Diskussion zu stellen, kann mehr Isolation als Zustimmung erfahren“ (146). Und weiter: „Deshalb fällt es mir schwer, den Verheißungen von moderner Personalführung in den Kirchen zu glauben. Die objektiv erhobenen Daten von Fähigkeiten, Stärken und Schwächen werden subjektiv immer wieder unterlaufen, weil es eine geheime Messlatte gibt. Diese entsteht aus Zuneigung und Ablehnung, aus Stallgeruch und persönlichen Vorerfahrungen, aus Lob und Kränkung, aus Seilschaften und Gegnerschaften“ (148).

Das alles wird reflektiert im Zusammenhang einer grundlegenden Erörterung über das Thema Feindschaft innerhalb der Kirche: „So unbekümmert in der Bibel von Feinden gesprochen wird [...] so verschwiegen wird dies in der Kirche. In der politischen Landschaft ist die Steigerung bekannt: ‚Feind – Todfeind – Parteifreund’. In den kirchlichen Zusammenhängen könnte die Steigerung lauten: ‚Feind – Todfeind – Liebe Schwestern und Brüder’ ...“ (146).

Solche eher kurze Kapitel wie das soeben Referierte über die Arkandisziplin oder auch über das aufgeklärte Pfarramt (dazu käme noch das Kapitel „Publizistische Macht?“ [150-154], wo recht illusionslos vom „Aberglauben an das Gedruckte“ geredet wird) haben im Gesamtwerk weniger berichtenden als reflektierenden Charakter. Daneben – und das ist der eigentliche Schwerpunkt des Buches – gibt es vergleichsweise lange Kapitel, wo ausgiebig aus der Praxis berichtet wird; bei Sunnus geht es dabei niemals nur um pastorale, sondern immer auch um kirchen- sowie kommunalpolitische Praxis. Hat man sich erst einmal eingelesen, erfährt man interessante Details über die Arbeit in einer Großstadtgemeinde im vergangenen Jahrzehnt – und zwar unter dem spezifischen Gesichtspunkt der Veränderungen seit den frühen 90er Jahren gegenüber etwa den späten 70ern und 80ern.

Richtig spannend – und darauf gründet sich mein obiges Urteil, das Buch sei „herrlich indiskret“ – wird es, wenn Sunnus über die kirchenpolitischen Interna aus dem Evangelischen Regionalverband Frankfurt (ERV) berichtet. Da wird kein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um das Offenlegen von Intrigen geht – ganz gleich, ob es um finanzielle Machenschaften in Sachen Grundstücksangelegenheiten oder um die Art des innerkirchlichen Umgangs mit kleinen familiären Veränderungen kirchenleitender Persönlichkeiten und den daraus entstehenden Konflikten geht. Als ich einige Seiten in diesem Kapitel gelesen hatte fürchtete ich, das ganze könne in Geschwätzigkeit ausarten; aber gerade in diesem vielleicht sensibelsten Kapitel („Einstieg und Ausstieg – Anfang und Ende. Kirchenpolitik in Frankfurt“ [78-111]) zeigt sich die publizistische Begabung von Sunnus am deutlichsten: Er schafft es tatsächlich, streng bei seinem Thema, dem Blick von innen auf die Politik des ERV Frankfurt, zu bleiben. Unappetitliche Geschichten, die es im Umgang mit Macht leider nun einmal gab, gibt und noch ziemlich lange geben wird, werden nur dann erzählt, wenn in ihnen der Schlüssel zum Verständnis bestimmter Motivationen liegt, die sich dem mit der Sache Befaßten als der wahre Grund für ansonsten völlig unverständliche Entscheidungen präsentieren.

Breiten Raum nimmt auch das Kapitel „Abschied von der alten EKHN und Opposition in der neuen“ (112-138) ein. Sunnus berichtet darin hauptsächlich aus seiner Zeit als Mitglied der Landessynode seit 1992. Er beginnt mit einem grundsätzlichen Blick auf die „neue Partitur“, die seit 1990 geschrieben wird: „Wer also welches Instrument und in welcher Besetzung zu spielen hat, verändert sich rasant“ (112). Berichtet wird über Konflikte zwischen Pfarrern und Kirchenleitungen, die in anderem Geist und anderem Ton ausgetragen werden als in früheren Zeiten. Eine Kirchenrätin lädt einen Pfarrer mit 32 Dienstjahren, der Mitglied ist im Pfarrerausschuß (der hessen-nassauischen Pfarrvertretung), wegen der Verteilung eines  Flugblattes mit kritischen Anfragen an eine Entscheidung der Kirchenleitung auf dem Pfarrerinnen- und Pfarrertag des Pfarrvereins zu einem dienstaufsichtlichen Gespräch vor mit den Sätzen „Den genauen Termin werden wir Ihnen mitteilen“ und „... setzen wir Ihnen eine Frist“. Der Pfarrer beschwert sich dagegen mit den Worten: „Den Ton kenne ich leider vom Finanz- und Arbeitsamt, und auch dort finde ich ihn nicht angemessen. Von leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meiner Kirche erwarte ich einen Ton, der die gleiche Augenhöhe beibehält. Ich bin kein Parksünder oder sonst ein Delinquent, und Sie sind nicht meine Dienstherrin“ (113). Sunnus kommentiert: „Wer mit McKinsey die Kirche als Unternehmen betrachtet, entdeckt eine neue Sichtweise und verfällt dann auch bald in das Schema von ‚oben’ und ‚unten’ und ordnet so auch die Pfarrerschaft ein, wie es in Banken, Firmen und Behörden zunehmend Stil geworden ist. Da macht der zum Personalchef gewählte Oberkirchenrat ein vierteljährliches Praktikum bei Daimler-Crysler und verkündet stolz: ‚Ich könnte auch die Personalabteilung eines Konzerns leiten’. Und bleibt dann auf drei Synodaltagungen die präzise Antwort auf zwei einfache Fragen schuldig: ‚Wie viele Pfarrstellen hat unsere Kirche? Mit wie vielen Personen sind diese besetzt?’“ (113).

Im Anhang hat Sunnus einige seiner zahlreichen Aufsätze und kirchenpolitischen Ansprachen dokumentiert. Herausragend ist sicherlich ein Artikel, den er 1980 als „einfacher“ Pfarrer in der Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlichen konnte. Das vielleicht wichtigste Dokument aber ist seine Vorstellungsrede vor der Synode zur Kandidatur als Stellvertreter des Kirchenpräsidenten der EKHN im Jahr 1985. Wenn man nach der Lektüre des Buches diese Rede gelesen hat weiß man, warum er nicht gewählt worden ist; überhaupt hat man das ganze Buch hindurch den Eindruck, daß es in der EKHN immer Leute gegeben hat, die einen nicht gerade kleinen Teil ihrer Energie darauf verwendet haben, Siegfried Sunnus in kirchenleitenden Ämtern zu verhindern.

Wie dem auch sei: Siegfried Sunnus ist über lange Jahrzehnte hinweg sich selbst und seinen Idealen vom aufgeklärten Pfarramt treu geblieben (ich zumindest konnte nirgendwo einen entscheidenden Bruch feststellen zwischen den „letzten“ und den „ersten sieben Jahren“ [zuerst erschienen 1977, nachgedruckt 179-270]). Seine ehrliche, kompromißlose Haltung mag ihm die eine oder andere Enttäuschung eingebracht haben; aber letztlich dürfte er nur dadurch die innere Freiheit gefunden haben, ein so wertvolles und auf verblüffende Weise lehrreiches Buch zu schreiben


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