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Rezension


Paul Gerhard Schoenborn
Dellbusch 298, 42279 Wuppertal

 

Bücher über den Kreisauer-Kreis

 

Günter Brakelmann: Helmuth James von Moltke – 1907 – 1945 – Eine Biographie, Verlag C. H. Beck, München 2007, 432 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, ISBN 978-3-406-55495-7

 

Freya von Moltke: Erinnerungen an Kreisau 1930 – 1945, Verlag C. H. Beck, München, 2. Auflage 2006, 138 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, ISBN 3-406-51064-7

 

Günter Brakelmann: Der Kreisauer Kreis – Chronologie, Kurzbiographien und Texte aus dem Widerstand, Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 e. V. - Band 3, LIT Verlag Münster, 2. Auflage 2004, 372 Seiten, ISBN 3-8258-7025-1

 

Günter Brakelmann: Die Kreisauer: folgenreiche Begegnungen – Biographische Skizzen zu Helmut James von Moltke, Peter Yorck von Wartenburg, Carlo Mierendorf und Theodor Haubach, Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 e. V. - Band 4, LIT Verlag Münster, 2. Auflage 2004, 412 Seiten, ISBN 3-8258-7026-X

 

 

Vor 100 Jahren, am 11. März 1907, wurde Helmut James von Moltke in Creisau – ab 1930 Kreisau – bei Schweidnitz in Schlesien geboren. Am 23. Januar 1945 wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Er und Peter Yorck von Wartenberg waren die zentralen Persönlichkeiten einer Gruppe von Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern, Gewerkschaftlern, Pädagogen und Theologen beider Konfessionen, die ab 1940 grundsätzliche Überlegungen darüber anstellten, wie ein radikaler Neuanfang in Deutschland und Europa nach dem zu erwartenden Zusammenbruch des Hitlerregimes aussehen müsse. Diese subversiven Gespräche fanden in wechselnden Kleingruppen meist in der Reichshauptstadt Berlin statt. Aber dreimal traf sich die Gruppe 1942 und 1943 zu Arbeits-Wochenenden auf Gut Kreisau.

Moltke lehnte einen Staatsstreich und die Beseitigung Hitlers ab, weil er die dazu notwendigen Generäle für unfähig und unzuverlässig hielt und weil er das Entstehen einer neuen „Dolchstoßlegende“ befürchtete. Er wollte abwarten, bis das Dritte Reich entgültig am Boden lag. Erst kurz vor seiner Verhaftung revidierte er angesichts der dramatischen Verschlechterung der Gesamtlage seine Skepsis gegenüber den Umsturzplänen. Weil er einen Bekannten vor dessen bevorstehender Verhaftung gewarnt hatte, wurde er selbst am 19. Januar 1944 verhaftet. Danach näherten sich übrigen Teilnehmer der Gruppe Claus Schenk von Stauffenberg und dem Goerdelerkreis an und befürworteten einen baldigen Staatsstreich. Nach dem missglückten Attentat auf Hitler gerieten ihre planerischen Aktivitäten ins Visier der Untersuchungen. Allerdings wurden ihre ausführlichen Dokumente nie entdeckt. Auch dass Moltke mit großem Geschick ein Netz von Oppositionellen im Großdeutschen Reich und in den besetzten Ländern Westeuropas und Skandinaviens geknüpft und dass er Kontakte zu alliierten Politikern und Repräsentanten von Geheimdiensten hatte, blieb der Gestapo verborgen. Es war übrigens die Gestapo, die erstmals in ihren zusammenfassenden Berichten die Bezeichnung „Kreisauer Kreis“ verwendete.

Der Bochumer Theologe, Sozialethiker und Historiker Günter Brakelmann hat im Münchener Beck-Verlag nun eine überaus gründliche Biographie Moltkes vorgelegt. Sie gründet sich auf jahrelange intensive Forschung, von der zwei umfangreiche Arbeitsbücher und Dokumentensammlungen Zeugnis ablegen, die im LIT-Verlag in Münster erscheinen sind.

Brakelmann schildert aufgrund seiner umfassenden Quellenkenntnis detailliert und einfühlsam Moltkes Lebensweg vom ausgehenden Kaiserreich bis zu seiner Hinrichtung. Er zeichnet die Einflüsse der schlesischen „Arbeitslagerbewegung“ von Eugen Rosenstock-Huessy und seinen Freunden, die auf eine andere, soziale, nicht in Stände und gegeneinanderstehende Interessengruppen zerfallende Gesellschaft hinarbeitet, auf den Studenten der Rechts- und Staatswissenschaft nach. Er erzählt, wie der junge schlesische Adlige der Jurastudentin Freya Deichmann aus Köln im Kreis um die Wiener Humanistin Eugenie Schwarzwald begegnet. Die beiden heirateten 1931. Er zeigt Moltkes durch die Mutter und deren südafrikanische Eltern gegebene starke Beziehungen zur angelsächsischen Welt und politischen Kultur. Sie führen dazu, dass er die Qualifikation eines „Barrister“, eines britischen Rechtsanwalts, erwirbt und durchaus eine Option für eine erfolgreiche Karriere im Commonwealth hat. Man erfährt Einzelheiten über den erfolgreichen Kampf des jungen Mannes, das Gut Kreisau vor dem drohenden Bankrott zu retten und es trotz gleichzeitiger Belastung durch seine Anwaltstätigkeit in Berlin zusammen mit einem fähigen Verwalter schuldenfrei zu machen.

Helmuth James von Moltke wie seine Familie lehnen Hitler und den Nationalsozialismus von Anfang an ab. Als Wirtschaftsanwalt in Berlin und auch privat verhilft der junge Adlige vielen jüdischen Deutschen zur Auswanderung. Nach Kriegsausbruch wird er als Fachmann für Völkerrecht Mitarbeiter im Amt Canaris, der (Spionage)Abwehr der Wehrmacht, wo er auch Dietrich Bonhoeffer begegnet. Es beginnt für ihn eine Doppelexistenz mit vielen Dienstreisen durch das von Deutschland besetzte Europa und in die neutralen Länder Schweiz, Schweden und Türkei. Auf der einen Seite berät er Besatzungsbehörden in völkerrechtlichen Problemen. Dabei setzt er sich im Auftrag seines Amtes dafür ein, dass Repressalien und Geiselerschießungen unterbleiben und rettet auf diese Weise viele hundert Menschenleben. Auf der anderen Seite lotet er überall mit großem diplomatischen Geschick aus, welche hochrangigen Offiziere die politische Lage ähnlich wie er beurteilen und über Alternativen mitzuüberlegen bereit sind. Auch trifft er sich – zum Beispiel in Norwegen und in den Niederlanden - mit Repräsentanten der jeweiligen Resistance. Er vernetzt auf diese Weise zahlreiche oppositionelle Initiativen, weil er die Vision einer europäischen Neuordnung hat. Schließlich versucht er auch, Kontakte zu den Alliierten zu bekommen, um nach Ansatzpunkten für eine Nachkriegspolitik zu suchen.

Brakelmann bezeichnet den 16. Januar 1941 als die Geburtsstunde des Kreisauer Kreises (Seite 137). An diesem Tag besuchte Helmuth James von Moltke Peter und Marion Yorck von Wartenberg in deren Wohnung in der Hortensienstraße 50 in

Berlin-Lichterfelde. In intensivem Gespräch entdecken sie, dass sie in die gleiche Richtung denken, was die politische Gestaltung der europäischen Zukunft angeht: Abschaffung des totalitären NS-Staates und seiner inhumanen auf ihn selbst bezogenen Ideologie, Rückkehr zu den Werten der europäischen christlichen, humanistischen und sozialen Traditionen, Stärkung der Selbstverwaltung an der Basis, Erziehung zur Eigenverantwortlichkeit der Person, Minimierung des Nationalstaatsprinzips zugunsten einer völkerübergreifenden Zusammenarbeit.

Yorck wie Moltke hatten bereits vielfältige Kontakte zu Gleichgesinnten, die sie in der Folgezeit in ihre Gedanken einweihen und zusammenführen. Es beginnen vielseitige Fachgespräche in kleinen Gruppen. Die Ergebnisse schlagen sich in Arbeitspapieren und Direktiven nieder, an denen gefeilt und über deren Inhalt Konsens hergestellt wird. Besonders Moltke sorgt dafür, dass eine verlässliche Einmütigkeit entsteht und erhalten bleibt.

Brakelmann stellt Entstehung, Treffen, Arbeitsweise und Dokumente der Kreisauer detailliert aus der Perspektive Moltkes dar. Er hat – wie die beiden Arbeitsbücher aus dem LIT Verlag zeigen (Band 3, Seite 5–44; Band 4, Seite 7–104 zu Moltke, 129–183 zu Yorck; Seite 299–309 zu Carlo Mierendorff und Seite 373–379 zu Theodor Haubach) – chronologische, Tag-genaue Tabellen erarbeitet und er hat den zum Teil unveröffentlichten Briefwechsel zwischen James und Freya von Moltke, aber auch Berichte der Überlebenden akribisch ausgewertet. So erhält man als Leser einen intensiven Eindruck sowohl der äußeren wie der inneren Bedingungen, unter denen diese Oppositionsgruppe ihre Gedanken zur Neuordnung Deutschlands und zur europäischen Nachkriegspolitik erarbeitet hat. Die drei Treffen in Kreisau – 22. bis 25. Mai 1942, 16. – 18. Oktober 1942, 12. – 14. Juni 1943 und die entsprechenden Dokumente werden referierend dargestellt, ihr besonderes Anliegen wird paraphrasierend herausgestellt, aber nicht problematisierend relativiert.

Noch heute bemerkenswert und erstaunlich sind die wirtschaftsethischen Normen und Kriterien, auf die man sich einigt. Erstmalig wird in hier in einem nichtsozialistischen Programm in Deutschland die die Vergesellschaftung der Großindustrie proklamiert. Brakelmann führt aus:

„Der zentrale Grundsatz lautet: ‚Das Grundprinzip der Wirtschaft ist der geordnete Leistungswettbewerb, der sich im Rahmen staatlicher Wirtschaftsführung vollzieht und hinsichtlich seiner Methoden ständiger staatlicher Aufsicht unterliegt.’ Wettbewerb und staatliche Lenkung sind für die Kreisauer keine Gegensätze. Wo der Wettbewerb durch Monopole, Kartelle und Konzerne verzerrt wird, muss der Staat eingreifen. Vor allem die Grundindustrien erfordern eine ‚straffe Wirtschaftsführung des Staates. Schlüsselunternehmungen des Bergbaues, der eisen‑ und metallschaffenden Industrie, der Grundchemie und der Energiewirtschaft sind in das Eigentum der öffentlichen Hand zu überführen. Die Betriebe der öffentlichen Hand sind nach den allgemeinen für die Wirtschaft geltenden Grundsätzen zu führen und zu beaufsichtigen.’ Hier ging es nicht um eine staatliche Lenkung der Unternehmen, die weiter am Markt operieren sollten, sondern um eine Übernahme in die öffentliche Hand.“ (Seite 231)

Im August 1943 einigten sich die Kreisauer auf abschließende „Grundsätze für die Neuordnung» nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft“ Die Präambel zeigt den schroffen Gegensatz zur Ideologie des totalitären NS-Staates:

„Die Regierung des Deutschen Reiches sieht im Christentum die Grundlage für die sittliche und religiöse Erneuerung unseres Volkes, für die Überwindung von Hass und Lüge, für den Neuaufbau der europäischen Völkergemeinschaft. Der Ausgangspunkt liegt in der verpflichtenden Besinnung des Menschen auf die göttliche Ordnung, die sein inneres und äußeres Dasein trägt. Erst wenn es gelingt, diese Ordnung zum Maßstab der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern zu machen, kann die Zerrüttung unserer Zeit überwunden und ein echter Friedenszustand geschaffen werden. Die innere Neuordnung des Reiches ist die Grundlage zur Durchsetzung eines gerechten und dauerhaften Friedens. Im Zusammenbruch bindungslos gewordener, ausschließlich auf die Herrschaft der Technik gegründeter Machtgestaltung steht vor allem die europäische Menschheit vor dieser Aufgabe. Der Weg zu ihrer Lösung liegt offen in der entschlossenen und tatkräftigen Verwirklichung christlichen Lebensgutes.“ (Seite 266)

Brakelmann sieht die Bedeutung des Engagements Moltkes innerhalb des Kreisauer Kreises weniger in den Formulierungen der theoretischen Entwürfe, als vielmehr in der Vernetzungsarbeit, in der Einbindung verschiedener politischer Lager vom liberalen Großgrundbesitzer bis zum sozialistischen Gewerkschaftler. Er ist flankierend zu der Arbeit des Kreises in ständigem Gespräch mit evangelischen und katholischen Theologen bis hin zum evangelischen Bischof Theophil Wurm und zu dem katholischen Bischof von Berlin, Konrad von Preysing, um die Zukunftspläne an christlichen Maßstäben auszurichten und kirchliche Interessen zu integrieren.

Brakelmanns stellt besonders heraus: Moltke wie auch zahlreiche andere Kreisauer handeln als gläubige Christen. Ihre Hinwendung zum Christentum tritt im Prozess der Konsultationen immer deutlicher zu Tage. Das sie gefährdende Engagement ist ohne ihre Frömmigkeit, ihre selbständige „Laien-Theologie“ und ihre politische Verantwortung aus christlichem Glauben nicht zu verstehen. Sie werden zu christlichen Märtyrern.

Die Kreisauer waren eine offene, in mehrfacher Hinsicht ökumenische Widerstandsgruppe. Das belegt er in vielen Einzelheiten. So hat Moltke sich während seiner einjährigen Haft eingehend in die biblische Botschaft und in Luthers Theologie vertieft (vgl. dazu Anmerkung 4 auf Seite 406, wo Brakelmann die zahlreichen von Moltke studierten Schriften Luthers aufführt). Im Juli steht seine Entlassung aus der „Schutzhaft“ kurz bevor. Nach dem 20. Juli 1944 ändert sich seine Situation zum Schlechteren. Vor dem Volksgerichtshof wirft ihm der Blutrichter Freisler gerade sein christliches Engagement und seine ökumenischen Kontakte vor:

„Ein Jesuitenpater, und ausgerechnet mit dem besprechen Sie Fragen des zivilen Widerstandes! Und den Jesuitenprovinzial kennen Sie auch! Und der war auch einmal in Kreisau! Ein Jesuitenprovinzial, einer der höchsten Beamten von Deutschlands gefährlichsten Feinden, der besucht den Grafen Moltke in Kreisau! Und da schämen Sie sich nicht! Kein Deutscher kann doch einen Jesuiten auch nur mit der Feuerzange anfassen! ... Und der andere Geistliche, was hatte der dort zu suchen? Die sollen sich ums Jenseits kümmern, aber uns hier in Ruhe lassen. Und Bischöfe besuchen Sie! Was haben Sie bei einem Bischof, bei irgendeinem Bischof, verloren? Wo ist Ihre Befehlsstelle? Ihre Befehlsstelle ist der Führer und die NSDAP! Für Sie so gut wie für jeden anderen Deutschen, und wer sich seine Befehle in noch so getarnter Form bei den Hütern des Jenseits holt, der holt sie sich beim Feind und wird so behandelt werden.“

So berichtet Moltke seiner Frau in einem Brief, den der Gefängnispfarrer Harald Poelchau aus dem Gefängnis herausschmuggelt. Und er fährt fort: „Letzten Endes entspricht diese Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet dem inneren Sachverhalt ... Wir werden für etwas umgebracht, was wir getan haben und was sich lohnt.“

Brakelmann interpretiert: „In Moltkes Augen hatte Freisler die eigentliche Ebene der Auseinandersetzung betreten und ausgesprochen, was die Kreisauer von Anfang an gesehen hatten: dass der Nationalsozialismus die historische Alternative zur bisherigen europäisch‑christlichen Tradition sein wollte und nur aus taktischen Gründen Kompromisse mit den alten Religions- ­und Bildungsmächten geschlossen hatte. ... Die Kreisauer Gespräche und Entwürfe hatten an vielen Stellen die Frage nach einer neuen Bedeutung des Christentums für eine demokratische Zukunft gestellt. Schon allein diese Frage aufgeworfen und Umrisse für eine neue Ordnung sowie für ein neues, menschliches Selbstverständnis entwickelt zu haben, wurde vor dem Volksgerichtshof zu einem todeswürdigen  Verbrechen. Und ein Weiteres kam hinzu: Die Kreisauer hatten keine Standes‑ oder Klasseninteressen, sondern «menschheitliche» Interessen vertreten. Für die Werte einer freiheitlichen und solidarischen Menschheit zu sterben, darin konnte Moltke Sinn für die Lebenden und für die Kommenden erkennen.“ (Seite 354ff)

Vor seiner Hinrichtung kann Moltke seine Frau noch einmal sehen. Brakelmann zitiert Harald Poelchau, der in seinen Erinnerungen schreibt:

„ Helmuth hat unter der Spannung gelitten, leben zu wollen und auch immer noch an eine gewisse Chance für eine Begnadigung glauben zu können und zugleich stündlich für den Tod bereit zu sein; auf der einen Seite machte er Pläne für weitere Gesuche und Interventionen bei Himmler und seinen Leuten, auf der anderen Seite hatte er den Abschied vollzogen und vollzog ihn ständig in all den täglichen Briefen, die er mit Freya wechselte. Eine Spannung, die im Laufe der langen Zeit fast über das hinausging, was ein Mensch ertragen kann. ... Er wuchs ja in diesen Monaten immer tiefer in das Christentum hinein und kämpfte sich immer wieder durch, das, was Unglück, Politik oder menschliche Bosheit heißen konnte, als Gottes Hand zu sehen und so innerlich zu überwinden. Er las in den letzten Monaten kein anderes Buch als Bibel und Gesangbuch. Besonders in diesem entdeckte er wahre Schätze an Tiefsinn und Trost und ließ Freya daran teilhaben.“ (Seite 360)

Günter Brakelamm hat mit seiner Biographie Helmuth James von Moltkes ein Werk vorgelegt, dass wie keine andere Untersuchung bisher Weg, Arbeitsweise und Hintergründe der Kreisauer schildert: einfühlsam, genau – und in vielen Details überraschend. Wegen seiner gründlichen Fülle verlangt die Lektüre des stattlichen Buches Beharrlichkeit, ist aber gerade dadurch eine echte Alternative zur Oberflächlichkeit der uns in letzter Zeit zugemuteten zeitgeschichtlichen Darstellungen und Deutungen aller Art, besonders in Fernsehfilmen! Die Biographie enthält für die Weiterarbeit gute und nützliche Anhänge: Anmerkungen, Literatur, Zeittafel, Register. Es ist hervorragend ausgestattetes und darum auch – ein würdiges Buch!

Als Anhang enthält das Werk ein anrührendes Dokument: einen 25 Seiten langen Brief, den Molke in den ersten Tagen seiner Haft an seine beiden kleinen Söhne schreibt: „Wie alles war, als ich klein war.“ Es ist ein Bericht über seine Kreisauer Kindheit und seine Schul- und Jugendzeit, gibt manche Hintergrundinformation über die Eltern und schenkt dem heutigen Leser den Einblick in eine versunkene Welt. (Seite 365 – 390)

Wegen der persönlichen Schilderung und der damit gegebenen Ausleuchtung von Hintergründen möchte ich ausdrücklich auf das Buch von Freya von Moltke: „Erinnerungen an Kreisau 1930 – 1945“ hinweisen, das in erster Auflage bereits 1997 erschienen ist. Es stellt für mich eine unverzichtbare Ergänzung von Brakelmanns Werk dar. Nicht nur das Leben auf Kreisau, sondern auch die Arbeitsweise und Ziele der Kreisauer werden in diesen Erinnerungen plastisch deutlich. Und es erzählt das bittere Ende von Kreisau 1945.

Wer sich noch genauer und gründlicher mit dem Kreisauer Kreis beschäftigen will, findet in den beiden bereits erwähnten Arbeitsbüchern und Dokumentensammlungen aus dem LIT-Verlag von Günter Brakelmann hervorragend zusammengestelltes Material.

Der Band „Der Kreisauer Kreis – Chronologie, Kurzbiographien und Texte aus dem Widerstand“ bietet in Kapitel 1 einen Überblick über die Geschichte des Kreisauer Kreises im zeitgeschichtlichen Kontext (Seite 5–44). Kapitel 2 enthält 25 Kurzbiographien der Mitglieder des Kreisauer Kreises, jeweils einer speziellen Bibliographie (Seite 45–98). Kapitel 3 listet Kontaktpersonen in engerer und weiterer Konsultation und Kooperation mit den Kreisauern auf (Seite 99–101).

Kapitel 4: Eine Bibliographie zum gesamten Widerstand in  Auswahl (Seite 103–107). Kapitel 5 enthält den für eine Weiterarbeit unverzichtbaren Hauptteil des Bandes: 43 Texte der Kreisauer (Seite 109–372).

Der Band: „Die Kreisauer: folgenreiche Begegnungen – Biographische Skizzen zu Helmut James von Moltke, Peter Yorck von Wartenburg, Carlo Mierendorf und Theodor Haubach“ stellt, wie oben schon erwähnt, den vier biographischen Skizzen jeweils eine minutiöse persönliche Chronologie „im Kontext der politischen Geschichte und der Geschichte des Widerstands“ voran. Dem Moltke gewidmete Vortrag „Widerstand aus christlichem Glauben – das Beispiel des Helmuth James von Moltke“ sind als Anhang dessen Abschiedsbriefe beigegeben. Der Vortrag „Peter Graf Yorck von Wartenburg im Kreisauer Kreis“ wird ergänzt durch „Verhandlungen vor dem Volksgerichtshof (Protokoll)“ und Abschiedsbriefe Yorcks. Der „biographischen Skizze über Carlo Mierendorf“ wird eine Übersicht über „Veröffentlichungen von und über Mierendorf“ vorangestellt, ebenso auch dem abschließenden Kapitel „Eine biographische Skizze über Theodor Haubach“, das mit Briefen Haubachs schließt.

Beide Arbeitsbücher – Vorarbeiten zu seiner großen Moltke-Biographie (und vielleicht zu noch weiteren Biographien – etwa über Yorck?) - belegen, wie umfassend Günter Brackelmann sich in den Komplex „Kreisauer Kreis“ hineingearbeitet hat. In den „biographische Skizzen“ genannten exzellenten Essays - besonders über Moltke und Yorck - arbeitet er mit großer Klarheit die Besonderheit und Einmaligkeit dieser Widerstandsgruppe heraus, die, wie Moltke seiner Frau vor seiner Hinrichtung schreibt, umgebracht wird, weil „wir zusammen gedacht haben!“

Brakelmann stellt heraus – und ich möchte ihn ausführlich zitieren: „Im Kreisauer Freundeskreis ereignet sich unter den Bedingungen der befohlenen Einheit der sogenannten. Volksgemeinschaft etwas völlig Neues, nämlich das Sich‑Kennenlernen und Verstehen‑Lernen zwischen Angehörigen ehemals distanzierter oder gar feindlicher Gruppen: Junge Adelige sprechen mit alten Sozialdemokraten, Sozialdemokraten reden mit katholischen Priestern und Laien, Protestanten mit Jesuiten. Was sonst selten sich ereignet hatte, wird hier zum dominierenden Stil.

Und ein Nächstes: Keiner der Partner will über den anderen siegen, sondern mit ihm einen Grundkonsens erarbeiten, der eine neue Kooperation möglich macht und die verbleibenden Unterschiede tragen lässt. Man nimmt den mühsamen Prozess der Entfeindung auf sich und übt einen Dialogstil ein, der die eigenen Schwächen und die Ergänzungsbedürftigkeit durch die Partner erkennen lässt. Dass Yorck und Moltke einmal Freundschaften mit Menschen aus der Arbeiterbewegung und Freundschaften mit Menschen aus dem Jesuitenorden schließen würden, liegt nicht auf der Linie ihrer Herkunft, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie sich nun mit der katholischen Soziallehre auseinandersetzen und Gespräche mit katholischen Bischöfen führen.

Und Mierendorff und Haubach hätten sich ihrerseits nicht vorstellen können, in einem bewusst christlichen Kreis zu Hause zu sein und ihre eigene Position in Fragen des Glaubens und der Kirche neu zu bedenken.

Jeder ist im Laufe der Monate und Jahre durch die anderen ein anderer geworden. Die Gemeinsamkeit beschränkt sich nicht auf das Produzieren von politischen Texten. Ihren Grund hat ihr Konsens im vorpolitischen Raum in tiefer geistiger und geistlicher Übereinstimmung von Menschen, die auf dem Wege zu anderen und damit zu sich selbst sind. Es wird eine ökumenische Gemeinschaft, die sich hier bildet, jenseits von traditionellem Konfessionalismus und Kirchentümern Dieser Verschwörerkreis ist nie nur eine politische Aktionsgruppe, sondern gleichzeitig für ihre Mitglieder immer eine ständige Provokation zur Reflexion über ein gemeinsames Menschenbild, über ein gemeinsames Welt‑ und Geschichtsverständnis geworden. Es gibt keinen konzeptionellen Text, der nicht philosophisch und theologisch reflektiert ist. Das macht unter allen Widerstandsgruppen in Berlin die Unverwechselbarkeit und Einmaligkeit der ‚Kreisaue’ aus, ganz zu schweigen von ihrer soziologischen Zusammensetzung, die kaum Parallelen hat.“ (Band 4, Seite 219)

Brakelmann liegt es sehr daran, dass man die Dynamik und Entwicklung der engagierten christlichen Frömmigkeit der Kreisauer wahr- und ernstnimmt: „Verankert war der Widerstand der Kreisauer in christlich-humanistischen und aufgeklärten emanzipatorischen Traditionen. Für alle aber wurde mit zunehmender Kriegsdauer der christliche Glaube mit seiner personalen und sozialen Ethik als Grund der eigenen Existenz und als Fundament einer politisch‑gesellschaftlichen Ordnungswelt immer bedeutsamer. Es war nicht ursprünglich ‚Widerstand aus Glauben’, sondern in komplizierten geistig­seelischen Prozessen entdeckte man für sich den christlichen Glauben und die christliche Ethik als weltanschauliche und politische Alternative zur chaotischen Bindungslosigkeit der säkularen Selbsterlösungsreligion des Nationalsozialismus. Ihn als politisch‑weltanschauliche Pseudoreligion durchschaut zu haben, bedeutete für diese Männer, die Wahrheiten des Christentums über die Personwürde des Menschen und über Freiheit und Gerechtigkeit in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft neu zu entdecken und in eine umfassende Neuordnung der deutschen Verhältnisse einzubringen.

Am Ende stand für die meisten der radikale Gegensatz: entweder Gott oder Abgott, Christus oder Antichrist. Eine religiöse Zeit­- und Geschichtsdeutung gab ihnen praktisch‑politisch die innere Kraft, die harte Arbeit im Widerstand durchzustehen. Die Gewissheit, als glaubende Christen für reale Humanität in der Zukunft einzustehen, ließ sie in ihrer Ohnmacht auch das Opfer des eigenen Lebens bejahen. Auch im möglichen Scheitern war ihnen das mögliche und schließlich gewiss werdende Opfer ein Zeichen zukünftiger Hoffnung.“ (Band 4, Seite 113)

An anderer Stelle sagt er: „’Kreisau’ war nie nur eine politische Oppositions‑ und Widerstandsgruppe, es war immer auch für die Beteiligten eine religiöse Reformationsbewegung. Jeder ist auf seine Weise ein neuer homo religiosus geworden, und alle zusammen sehen im christlichen Glauben und in christlicher Ethik die notwendige Grundlage eines neuen Gemeinwesens nach Krise und Katastrophe.“ (Band 4, Seite 254)

Jeden zeitgeschichtlich interessierten evangelischen Christen in Deutschland muss Brakelmanns Nachwort zu seinen Essay über Helmuth James von Moltke nachdenklich machen: „Nachwort: Es erstaunt, dass dieser ‚protestantische Märtyrer’ (Kennan) bis heute im kirchlich‑protestantischen Bewusstsein keinen festen Platz hat. Auch die übrigen Kreisauer werden selten im Zusammenhang der kirchlichen Zeitgeschichte behandelt. Männer wie Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller, Otto Dibelius, Theophil Wurm oder Hans Meiser sind von größerem Interesse. Die protestantischen Laien im Widerstand warten noch auf ihre Aufnahme ins kirchliche Geschichtsbewusstsein. Oder sind wir immer oder schon wieder eine ‚Pastorenkirche’", die die Geschichte ihrer ‚Amtsbrüder’ schreibt, aber ihre Christen in weltlicher Verantwortung randständig bleiben lässt?“ (Band 4, Seite 115)

 

 


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