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Rezension


Ralf Neumayer
Hauptstraße 119, 76879 Hochstadt



Ruth Fritze-Eggimann: Vertrauen, 19992, 64 S. (ISBN 3-9070-1221-6)
Ruth Fritze-Eggimann: Begegnungen mit Goethe, 2000, 57 S. (ISBN 3-9070-1242-9)
Ruth Fritze-Eggimann: Der lange Abschied, 2002, 85 S. (ISBN 3-9070-1256-9)
alle erschienen im Verlag Merkur Druck AG, CH-Langenthal, und in Deutschland über den Buchhandel beziehbar

 

Welche Bücher empfiehlt man oder verschenkt sie gar? Ich möchte auf drei kleine Schriften aufmerksam machen, die mich angerührt haben ohne rührselig zu sein. Die von Vertrauen künden, die mir einen neuen Blick eröffnet haben. Die ich ungern aus der Hand gelegt habe. Nicht zuletzt: drei kleine Schriften, die mich unterhalten haben.

Es sind Texte der Theologin Ruth Fritze-Eggimann. Als Krankenpflegeschüler habe ich sie vor 25 Jahren in den damals noch so genannten „Städt. Krankenanstalten“ in Ludwigshafen/Rh. kennen gelernt. Sie hat mir nicht nur erlaubt auf der Krankenhausorgel zu dilettieren. Sie hat mich auch ein Stück auf meinem Weg der religiösen Sozialisation begleitet, ohne dass ich damals wusste, dass es so etwas überhaupt gibt. Gemeinsam mit ihrem im letzten Jahr verstorbenen Ehemann, Pfrarrer Ernst Fritze, war sie dort in der Krankenhausseelsorge tätig. Unsere Kollegin konnte in diesem Jahr den 80. Geburtstag in ihrer Schweizer Heimat feiern. Dort lebt sie seit einigen Jahren, zwar zurückgezogen, aber nicht weit ab vom Leben.  

 

Begegnungen mit Goethe

Im Alter von 13 Jahren beginnt die Geschichte der Autorin mit Goethe. Aufgewachsen in einer alten Gerberei im voralpinen Emmental entdeckt die Schülerin den großen Genius zwischen Schweinestall und Gymnasium. Sie bleibt dieser Liebe treu an allen Stationen ihres Lebens. Von der Universität über die Existenz einer mitarbeitenden Pfarrfrau in der Pfalz, als Krankenhausseelsorgerin in der Großstadt und Autorin von geistlichen Texten bis zur Rückkehr als Pensionärin ins heimatliche Tal.

Es sind aber nicht nur die mit Goethes Werk verwobenen Bilder aus dem Leben dieser beeindruckenden Frau, die die Lektüre kurzweilig machen. Die Begegnungen etwa mit den Leiden des jungen Werthers, Wilhelm Meisters theatralische Sendung, der Harzreise oder den Briefen Goethes sind lebendig. Fritze-Eggimann nimmt die Lektüre mit hinein in ihr Leben und findet sich dort wieder. Ihr erstes Kind erkrankt mit vier Monaten lebensgefährlich und bleibt seit dieser Zeit behindert. „Wer nie sein Brot mit Tränen aß…“ mit dem sog. Harfnerlied kann sie sich nicht nur identifizieren. Auch geben ihr die Texte von Goethe immer wieder Kraft die eigenen Leiden zu transformieren. Mit ihrem Ehemann, den sie bis zu seinem Tod mehrere Jahre pflegte, gründete sie die „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“. Noch immer ist die Mutter für die inzwischen 54jährige behinderte Tochter zwar in aufopferungsvoller, aber angenommener Weise da.

Aber es sind nicht nur die durch eigenes Leid beglaubigten Beschreibungen eines eingeschränkten und doch reichen Lebens, die die Lektüre des kleinen Büchleins zum Gewinn machen. Es ist auch dessen literarische Qualität. Nie sind die Skizzen pathetisch oder sentimental. Es wird einem nicht langweilig beim Lesen. Immer wieder humorvolle Leichtigkeit trotz Schwere (etwa „Goethe und die Läuse“, S. 50). Man legt das Büchlein ungern aus der Hand. Der Umfang von 57 Seiten macht es möglich es ohne Unterbrechung zu lesen. In diesen verhältnismäßig wenigen Zeilen kommt einem nicht nur Goethe auf plastische Weise nahe. Auch eine Frau, die in der Begegnung mit Goethes Werk selbst Orientierung gefunden hat und diese ihren Lesern geben kann. „Goethe – das ist eine goldene Chiffre. Wer sie besitzt, begegnet sich in der Tiefe der Seele. Es ist ein Verstehen ohne viele Worte, eine gemeinsame Blickrichtung für das Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige, die schönste menschliche Übereinstimmung und Beglückung“ (32).

 

Der lange Abschied

Von einem langen Abschied erzählt eine andere autobiographische Schrift. Es ist der sich abzeichnende Abschied einer betagten Mutter von ihrer 50 jährigen behinderten Tochter. Lässt sich als Nichtbetroffener erahnen was dies bedeutet? Lässt sich ein Leben mit einem behinderten Kind für andere nachvollziehbar beschreiben? In einer Zeit in der Mobilität, Flexibilität und Selbstbestimmung zu den höchsten Werten zählen, was bedeutet es da in seinem Bewegungsradius enorm eingeschränkt zu sein? Lesen wir nur das Kapitel „Morgen reisen wir nach Como“!

Welchen Verzicht es auch für eine Partnerschaft bedeutet sich zuerst und vor allem um die behinderte Tochter kümmern zu müssen, erahnen wir beim lesenden Nachfühlen des Kapitels „Schatten des Abschieds“. Die Ehefrau und Mutter beschreibt ihr Familienleben realistisch. Sie übergeht die Probleme nicht und lässt doch keine Resignation aufkommen. Es werden  keine „Kopf-Hoch-“ und „Durchhalte-Parolen“ angeboten.

„Wie wenig helfen wir einander durch Worte, aber wie viel mit dem, was wir sind“ (62). Solche Sätze machen die Lektüre auch für die eigene Lebenshaltung gewinnbringend. Es ist die Gabe der Autorin ohne die Entsagungen ihres Lebens zu verschweigen, uns die Möglichkeit eines ‚amor fati’ nahe zu bringen. Also die Möglichkeit das Auferlegte bewusst anzunehmen, es auch bewusst zu wollen. Mehr noch: gerade im Unabänderlichen den Sinn seines Lebens zu sehen. Insofern sind diese Lebensskizzen nicht nur für Betroffen lesenswert, die mit behinderten Menschen zusammenleben. Auch Schicksalsgenossen, die sich mit schicksalhaften Einschränkungen konfrontiert sehen, werden sich verstanden fühlen. Reduzierte Existenz kann auch konzentrierte sein.

Die Beschreibung des gemeinsamen Lebens ist eingebettet in Impressionen vom Alltag im Pfarrhaus und vom Leben in einem Schweizer Dorf als Ruheständler. Begegnungen mit Freunden eröffnen Blicke in andere Lebenszusammenhänge, die nicht weniger unterhaltsam geschildert werden.

Fritze-Eggimann vermeidet es ein Resümee zu ziehen. Doch sind ihre Abschiedsgedanken eingebettet in ein großes Vertrauen. Ein Vertrauen, das geerdet ist im eingeschränkten, behinderten  Leben und diesem eine existentielle Tiefe verleiht. Wir erahnen beim Lesen etwas davon, dass ‚mehr’ nicht alles ist. Schon auf der ersten Seite heißt es: „Jede Stunde ist ein Geschenk, jeder Tag ist eine Neuschöpfung. Jeder Tag trägt Spuren von Gottes Licht.“

 

Vertrauen

Als Meisterin der kleinen Form erweist sich Ruth Fritze-Eggimann auch in der Textsammlung „Vertrauen“. Es sind Beiträge als „Wort zum Sonntag“ für die „Berner Zeitung“. „Wort zum Sonntag“ – wir haben vielleicht so unsere Erfahrungen mit dieser Gattung. Doch schablonenhaft und betulich sind diese kurzen Betrachtungen nicht. Dem Kirchenjahr folgend legt die Autorin das Leben selbst aus, ohne klerikal zu werden. Geprägt von einer tiefen Vertrauenshaltung drückt sie stille Daseinsfreude aus. Ohne zu moralisieren setzt sie auch Impulse Verantwortung wahrzunehmen. Dieses Büchlein eignet sich hervorragend als Geschenk auch und gerade für Menschen, die es nicht gewohnt sind lange Texte zu lesen. Oder dies nicht mehr wollen. Durch die Anschaulichkeit lässt es sich auch als Hilfe für die eigene Predigtvorbereitung verwenden. Wer will, entdeckt in jedem Fragment eine Theologie. Nicht die hohe akademische, sondern die an der Tiefe der Menschwerdung gereifte. So antwortet die Oma auf die Frage ihres Enkels danach wo der liebe Gott ist: „Er ist überall, so wie die Luft, die uns umgibt, und er ist bei uns wenn wir einander helfen.

Alle drei kleinen Werke Ruth Fritze-Eggimanns richten auf und begleiten beim Aushalten der Brüche des Lebens und der unbeantwortbaren Fragen. Sie laden ein zum Lebenkönnen und Lebenwollen mit der Offenheit und Gebrochenheit unserer Existenz.




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