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Rezension

Dr. Martin Schuck
Lindenstr. 19, 67346 Speyer


Dieter Just, Die Schattenseite des Idealismus. Über die geistige Vorbereitung der Tragödie des deutschen Antisemitismus, Berlin (Weidler-Buchverlag) 2004, 395 Seiten, 39,90 Euro

 

Aufmerksamen Lesern des Pfälzischen Pfarrerblattes ist Dieter Just kein Unbekannter. In den vergangenen Jahren erschienen immer mal wieder Aufsätze von ihm, in denen es um die Entstehung des völkischen Antisemitismus ging. Mittlerweile ist sein drittes Buch erschienen, und immerhin zwei der 13 Kapitel waren bereits in unserer Zeitschrift zu lesen: „Adolf Stöcker - das Fiasko einer 'christlichen Weltanschauung'" (141-157) und „Eugen Düring - ein blinder Aufklärer?" (193-227).

Justs Buch liest sich in weiten Passagen als Gegenentwurf zum sehr viel populäreren Werk von Jacob Katz, Vom Vorurteil zur Vernichtung. Der Antisemitismus 1700-1933 (München 1989). Liegt Katz daran, die Kontinuität des Antisemitismus seit der Antike aufzuweisen und alle neuzeitlichen Ausprägungen als Variationen des immergleichen Grundbestandes zu erklären, so will Just das Spezifische der deutschen Variante des völkischen Antisemitismus herausarbeiten (ohne deshalb die anderen Erscheinungsformen auszublenden; aber die Begründungsmuster sind so different, daß die Behauptung einer Kontinuität die Erkenntnismöglichkeiten unnötig blockiert).

Justs Ansatz kann deshalb einiges an Plausibilität für sich verbuchen, weil der Diskurs über die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus immer davon ausgeht, daß es spezifische Bedingungen gibt, die auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte erklärbar sein müssen. Tatsächlich wurde immer wieder der deutsche Sonderweg bei der Entstehung der europäischen Nationalstaaten hervorgehoben. Einflußreich ist nach wie vor die These von der „verspäteten Nation", die an solchen entscheidenden Entwicklungen wie dem frühneuzeitlichen Kolonialismus überhaupt keinen Anteil hatte und erst nach der Reichsgründung von 1871 in bescheidenem Maße zu den anderen europäischen Großmächten aufschließen konnte. Als nach der Niederlage von 1918 die kurze Kolonialzeit des Deutschen Reiches beendet war, gab es einen Drang nach Osten, um einerseits den Verlust der wenigen überseeischen Gebiete zu kompensieren und andererseits die ökonomischen Vorteile ausländischer Besitzungen für den Aufbau der eigenen Volkswirtschaft zu nutzen. In einer Situation, wo die europäischen Kolonialmächte zum Aufbau ihrer heimischen Wirtschaft wesentlich auf Kolonien zurückgriffen, weil sie dort gleichzeitig billige Produktionsstandorte und zusätzliche Absatzmärkte hatten, war die Verhinderung eines Zugriffs auf Kolonien ein echter Wettbewerbsnachteil.

Kann man die Unterstützung der deutschen Wirtschaft für den Nationalsozialismus auf dem Hintergrund der sogenannten „Lebensraumpolitik" nachvollziehen und - wie es der Historiker Götz Aly in seinem neuen Buch getan hat - die Zustimmung der Bevölkerung mit den unmittelbaren Vorteilen aus dieser Wirtschaftspolitik erklären, so bleibt die Rolle des Antisemitismus innerhalb dieser rein ökonomischen Erklärungstheorie merkwürdig unterbestimmt. Will man sich nicht mit herkömmliche Sündenbocktheorien zufriedengeben, wie sie zeitweise in der Theologie Konjunktur hatten, so muß man den Blick ausweiten auf diejenigen Ideologien, mit denen zeitgenössische Intellektuelle die Stimmung der Massen trafen.

Hier leistet Dieter Just Pionierarbeit. Sein Buch, so Just, gleiche „einer Wanderung durch [die] Schattenwelt" (13), denn es waren nicht die Heroen der Philosophie, die das Bewußtsein der Massen erreichten, sondern einige heute weitgehend vergessene Denker, Publizisten und Schriftsteller mit einer kurzen, aber heftigen Wirkungsgeschichte. Keiner der von Just behandelten Autoren „entspricht dem Klischee des braven und biederen deutschen Untertanen. Mindestens vier von ihnen, nämlich Karl Gutzkow, Johannes Scherr, Heinrich von Treitschke und Eugen Düring stammen ursprünglich sogar aus dem liberalen Lager. Dennoch entwickelten sie sich in eine verhängnisvolle Richtung, eine Tragik, die sich auch in ihrem Schicksal oder ihrer psychischen Struktur andeutete: Gutzkow, Lagarde, und Heinrich Claß entwickelten Symptome von Verfolgungswahn, Julius Langbehn, der sich als Vorkämpfer Nietzsches fühlte, wurde selbst von seinen wenigen Freunden für 'geistig nicht normal' gehalten; Treitschke gelang es, seine Frau gewissermaßen stellvertretend für ihn selbst an unheilbarer Schwermut leiden zu lassen. Eugen Düring verrannte sich ganz offensichtlich in einen kaum mehr zu kaschierenden Größenwahn und Moeller van den Bruck nahm sich in einer Anwandlung von Verzweiflung das Leben" (13).

Allen genannten Autoren ist gemeinsam, daß sie in der philosophischen Tradition des Deutschen Idealismus stehen. Just zitiert Heinrich Heine: „Deutschland war durch Kant in die philosophische Bahn hineingezogen, und die Philosophie ward eine Nationalsache", und zieht diese Linie weiter zu Johann Gottlieb Fichte: „Kant hatte gegen die Revolution der Franzosen eine deutsche Entsprechung im Geiste gesetzt, was Karl Marx richtig gesehen hat. Und da wurde ein mächtigerer Monarch enthauptet, als der absolutistische König in Versailles. Diese geistige Revolution war universal gedacht und sollte die ganze Menschheit erfassen. Aber Fichte, der eigentliche Prophet der Deutschen, hat an diese kühne Tat eines Denkers das weitere Schicksal der deutschen Nation gebunden. Das war der Sündenfall der idealistischen Philosophie. Zwar war der unmittelbare Erfolg verschwindend gering, aber es bildete sich aus dieser nationalistischen Philosophie die Tradition, die der völkischen Rechten als der Inbegriff des 'deutschen Geistes' galt" (19).

Just erläutert die Wirkungsweise dieser Art des Philosophierens, indem er herausarbeitet, welche Rolle die Sprache bei der Formulierung einer jeden Weltsicht spielt; speziell für die deutsche Sprache läßt sich dabei ein bestimmter Mechanismus erkennen, der es den Philosophen des Idealismus erlaubt, vorhandenen sprachlichen Differenzierungsmöglichkeiten eine ideologieformierende Rolle zuzuschreiben: „Wer sich heute darauf versteifen würde, die Sicht der deutschen Sprache sei die einzig wahre und die der romanischen Sprachen oberflächlich und falsch, den erklärt man für fast verrückt. Aber um 1900, ja im Grunde bis 1945 hielt man solche und ähnliche bizarren 'Erkenntnisse' für 'Philosophie'. Hatte nicht Fichte 1808 in den Reden an die deutsche Nation die Deutschen aufgrund ihrer 'Ursprache' zum metaphysischen Volk schlechthin erklärt? Und mit der deutschen Sprache errichtete die deutsche Philosophie, die in der Dialektik eine Weltformel gefunden zu haben glaubte, welche das Wesen der geistigen Entwicklung und der natürlichen Prozesse erschließen würde, ihre Weltherrschaft. Dieses kühne Denkmodell konnte wohl nur in einer Sprache entstehen, in der die ursprüngliche Dreigeschlechtlichkeit indogermanischer Substantive noch immer vorhanden ist. These und Antithese bringen die Synthese hervor, heißt eigentlich: Der Mann und die Frau zeugen das Kind. Man vergleiche dazu, wie Hegel in der Vorrede zur Phänomenologie den qualitativen Sprung, der nur in der Dialektik auftritt, mit der Geburt eines Kindes vergleicht. Aber auch die politische Rechte hatte ihre Dialektik. Sie gab vor, die extremen Gegensätze zwischen Nationalismus und Sozialismus im Nationalsozialismus zu versöhnen. Und eine solche Synthese der äußersten Extreme würde alle Parteien, die ja doch immer nur einen Teil der Gesellschaft repräsentieren können, erübrigen. Der moderne Totalitarismus ist aus dem Geist der Synthese geboren" (17f.).

In einem ersten Kapitel vergleicht Just den modernen deutschen Antisemitismus mit den in anderen Ländern anzutreffenden Varianten. Der direkte Vergleich mit Frankreich bietet sich an: „Der im neunzehnten Jahrhundert in Frankreich aufbrechende Antisemitismus ist leicht zu durchschauen. Er entwickelt sich um ein Ereignis, und so lassen sich sein Anlass, sein Höhepunkt und sein Verebben fast wie eine Geschichte erzählen: Militärische Geheimnisse waren an den Erzfeind verraten worden; der Verdacht fiel auf auf einen Oberst namens Dreyfus, der zwar nichts mit dem Verrat zu tun hatte, aber Jude war und außerdem noch einen deutschen Namen trug. [...] Demgegenüber war der moderne deutsche Antisemitismus abstrakt und schlug sich vor 1933 weniger in Handlungen als in Abhandlungen nieder. In welcher Tiefe er sich zusammenbraute, ist bis heute unklar" (21; Hervor.: M.S.).

Der deutsche Antisemitismus, so Just, habe den „jüdischen Geist" bekämpft, und deshalb besteht eine der Hauptaufgaben einer sachgemäßen Rekonstruktion in der Bestimmung dessen, was man in den betreffenden antisemitischen Abhandlungen unter „jüdischem Geist" verstanden hatte. Abzulehnen sind dabei all diejenigen Deutungen, die sich auf ein christliches Erbe reformatorischer Prägung oder auf ein germanisches Erbe berufen. Zur Begründung bietet Just einen unkonventionell anmutenden Blick nach Dänemark an: „Also müssen wir uns, um die Prozesse zu erfassen, die sich in der deutschen Seele abspielten, zunächst einem Land zuwenden, das Deutschland in wesentlichen Punkten ähnlich ist, einem germanischen, lutherisch-protestantischen Land. Dieses Land ist Dänemark. Es war zugleich das einzige in Europa, dem es im Oktober 1943 gelang, 98 % seiner Juden, insgesamt 8.000, vor der SS zu retten. [...] Es ist unmöglich, den dänischen Geist ohne Kenntnisse der Grundgedanken Luthers zu verstehen. Wer deshalb das Christentum, die lutherische Reformation und speziell Luthers üble Schrift Von den Jüden und ihren Lügen (1543) vorrangig für den deutschen Antisemitismus veranwortlich macht, muss sich die Frage stellen, ob und warum Luthers Geist in Dänemark anders gewirkt habe, als im Ursprungsland der Reformation" (21f.).

Neben einer weiteren Gemeinsamkeit zwischen Dänemark und Deutschland, das germanische Erbe samt nordischer Mythologie, erkennt Just zwei entscheidende Unterschiede: Beim Wiener Kongreß 1814 mußten die Dänen - von den Großmächten erzwungen - Norwegen an Schweden abtreten, und zum anderen begründete sich das dänische Nationalbewußtsein christlich, genauer: lutherisch. Es waren mit Nikolai Frederik Severin Grundtvig ein Theologe und mit Sören Kierkegaard ein christlicher Philosoph, die maßgeblichen Anteil an der Formulierung des dänischen Nationalgefühls hatten. In Deutschland dagegen sei es Fichte gewesen, der zuerst definierte was deutsch sei, und zwar in den bereits erwähnten Reden an die deutsche Nation von 1808: „Damals gab es keinen deutschen Staat; der letzte Rest deutscher Staatlichkeit, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, hatte sich kurz zuvor aufgelöst. Dennoch sprach Fichte von der 'deutschen Nation', die 'durch gemeinschaftliche Sprache und Denkart sattsam unter sich vereinigt' sei. .[...] Unter 'deutscher Denkart' oder 'Sitte' verstand er eine besondere Disposition für den deutschen Idealismus" (23).

Justs Vergleich zwischen den Bedingungen in Deutschland und Dänemark läuft darauf hinaus, daß die jeweilige Konstruktion eines Nationalbewußtsein völlig unterschiedlichen Bedingungen unterlag: „Der Feind der christlichen dänischen Nation stand außerhalb. Das war seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der Deutsche. Wozu sich also einen inneren Feind suchen und sich mit den dänischen Juden anlegen, wenn sie perfekt dänisch sprachen und sich als Dänen fühlten?" (26)

Anders waren die Verhältnisse in Deutschland: Es gab keine Nation, sondern nur die Vorstellung einer Nation, die durch Sprache und Sitte konstituiert wird. Der Deutsche Idealismus, vor allem Fichte'scher Prägung, lieferte die Grundlage, eine solche Nation zu „denken", und dann folgten die vielfältigen Gedankenspiele. Just urteilt, der Fehler des „deutschen Geistes" habe nicht in seiner politischen Enthaltsamkeit gelegen, „sondern in seiner 'denkerischen Politik', d.h. im Versuch weltfremder Intellektueller, sich unmittelbar, mit eigenen Ideen, also nicht über politische Parteien, in die Politik einzumischen" (48). Die fatale Rolle des deutschen Idealismus mit seiner spezifischen (in Hegels Rechtphilosophie und - deutlicher noch - in Fichtes Reden an die deutsche Nation nachzulesenden) Staatsphilosophie besteht nun darin, was Just die „Existenzlüge des deutschen Idealismus" nennt: eine christliche Philosophie zu sein. Weil nämlich diese sich christlich auffassende Philosophie die Grundlage der „denkerischen Politik" bildete und aus diesem Geist die deutsche Nation denkerisch zum Entstehen kam, war alles Nichtchristliche ein Fremdkörper, der ausgeschieden werden mußte. Zum Inbegriff des Nichtchristlichen wurde das Jüdische. Da Juden nicht als Bürger einer existierenden Nation wahrgenommen wurden wie in Dänemark, sondern als Anti-Materie einer bloß gedachten, wurden sie zu Fremdkörpern, die die gleichen psychischen Reaktionen hervorriefen wie äußere Feinde im Falle einer existierenden Nation.

Der überwiegende Teil des Buches besteht darin, diesen Mechanismus anhand heute weitgehend vergessener Autoren nachzuweisen. Am Ende der Einzeluntersuchungen steht eine Auswertung auf psychologisch-sozialwissenschaftlicher Grundlage, die den Ursprung des Irrationalismus zu verfolgen versucht (331-382). Einige kürzere politische Schlußfolgerungen (383-395) schließen das Buch ab. Bei allen Ausführungen merkt man Just seinen souveränen Umgang mit der Philosophie Kierkegaards und Nietzsches an.

Dem Buch kommt demnach ein doppeltes Verdienst zu: Zum einen bietet es eine schlüssige philosophische Theorie über die Entstehung des sog. „völkischen Antisemitismus" speziell deutscher Prägung. Die Diskussion darüber ist unbedingt nötig, da die bisherigen historischen und soziologischen Erklärungsversuche nicht wirklich befriedigen konnten und in der Sache selbst mehr Fragen aufwarfen als Antworten gaben. Zum anderen aber holt Dieter Just einige fast vergessene Denker des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wieder in die allgemeine Wahrnehmung zurück. Diese Autoren mögen auch in der Schmuddelecke der Philosophiegeschichte stehen, aber man sollte sie trotzdem kennen - schon allein des abschreckenden Beispiels wegen.




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