Impressum
Rezension

Dr. Martin Schuck
Lindenstr. 19, 67346 Speyer


Christian Möller (Hg.), Freude an Gott. Hermeneutische Spätlese bei Ernst Fuchs, Verlag Hartmut Spenner, Waltrop 2003, 374 Seiten, 11 Abb., € 20,-

 

Prägend für die Hermeneutische Theologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren einige Neutestamentler, die - ausgelöst einerseits durch Heideggers Transformation der Phänomenologie zur Existenzphilosophie und andererseits durch den politischen, gesellschaftlichen und technologischen Umbruch, der seit dem Ersten Weltkrieg sichtbar war und sich spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg rasant beschleunigte - neu nach den Verstehensbedingungen der biblischen Texte fragten. Einige dieser Neutestamentler waren Impulsgeber der Systematischen Theologie und wurden in einer breiteren Öffentlichkeit auch in erster Linie als Systematiker wahrgenommen. Als Hauptrepräsentant dieser Richtung ist Rudolf Bultmann anzusehen, denn sein Programm der „Entmythologisierung" prägte die Diskussion einer ganzen Theologengeneration. Ist seine zwischen 1948 und 1953 veröffentlichte „Theologie des Neuen Testaments" heute in erster Linie von theologiegeschichtlichem Interesse, so hält die unmittelbare Wirkungsgeschichte der von ihm ausgelösten Entmythologisierungsdebatte bis in die Gegenwart hinein an: Immer wieder wird von evangelikaler wie auch von konfessionell-lutherischer Seite Bultmanns Entmythologisierungsprogramm an den Anfang einer Entwicklung gestellt, an deren Ende die völlige Erodierung der „Heiligen Schrift" hin zu einer bloßen Textsammlung von religionsgeschichtlichem Interesse gesehen wird.

Interessant ist nun, daß Bultmann selbst seine „existentiale Interpretation" der biblischen Texte unter Rückgriff auf die Existentialanalyse des frühen Heidegger entwickelt hat. Heidegger gab in seinem 1927 erschienenen Hauptwerk „Sein und Zeit" sowie in dem im gleichen Jahr in Marburg gehaltenen Vortrag „Phänomenologie und Theologie" die Richtung vor: daß nämlich die Theologie als ontische Wissenschaft in Abhängigkeit von den Erkenntnisquellen der Philosophie als ontologischer Wissenschaft stehe. Bultmann folgte dieser Linie und konnte so nie dem Verdacht ausweichen, daß ihm die Existenzphilosophie den kategorialen Rahmen lieferte, in den hinein er die biblischen Texte übersetzte.

Der späte Heidegger revidierte nun diese Zuordnung (so etwa in einem 1964 als Brief verfaßten Anhang zu „Phänomenologie und Theologie", nachzulesen in der 1967 erschienenen Aufsatzsammlung „Wegmarken") dahingehend, daß er einen erkenntnistheoretischen Gleichstand zwischen Theologie und Philosophie postulierte. Der neue Impuls der späten Heidegger'schen Philosophie für die Theologie bestand deshalb darin, daß diese nun selbst einen tragfähigen kategorialen Rahmen entwickeln mußte, in dem das spezifisch christliche Wirklichkeitsverständnis der biblischen Texte zur Sprache gebracht werden konnte. Genau dies war die Geburtsstunde der Hermeneutischen Theologie und Ernst Fuchs war ihr Geburtshelfer. Sein hermeneutisches Programm kann beschrieben werden als der Versuch einer theologisch konzipierten Phänomenologie des christlichen Glaubens; konkret bedeutet dies, daß Fuchs nicht auf eine in philosophischer Begrifflichkeit daherkommende Existenzanalyse des Daseins zurückgreift, sondern auf eine eigenständige theologische Daseinsbeschreibung dringt.

Natürlich war dieses Programm zu keiner Zeit kompatibel mit dem theologischen Massengeschmack, aber immerhin konnte Ernst Fuchs in bescheidenem Rahmen Einfluß auf die weitere Entwicklung der Theologie nehmen - am nachhaltigsten vielleicht durch Eberhard Jüngel, in dessen Hauptwerk „Gott als Geheimnis der Welt" (1977) eine theologische Daseinsbeschreibung vorgenommen wird, die deutliche Anleihen am Fuchs'schen Programm macht. Vermutlich ist es kein Zufall, daß Ernst Fuchs - genau wie Bultmann - Neutestamentler war, und auch Jüngel kam erst als promovierter Neutestamentler zur Systematischen Theologie.

Am 11. Juni 2003 wurde anläßlich des 100. Geburtstages des 1983 verstorbenen Ernst Fuchs von Schülern und ehemaligen Weggefährten auf Burg Beilstein bei Heilbronn eine „hermeneutische Spätlese" veranstaltet. Sowohl der Pfälzer als auch der Württemberger assoziieren hier unwillkürlich, daß dabei Wein im Spiel sein muß, und tatsächlich fand das Symposion mitten im Weinberg statt und auch der Aspekt des Feierns kam nicht zu kurz.

Der von Christian Möller herausgegebene Band sammelt nicht nur sämtliche Vorträge des Symposions, sondern bemüht sich durch weitere Beiträge um eine sehr differenzierte Würdigung sowohl der Person als auch der Lebensleistung von Ernst Fuchs. Vor seiner universitären Laufbahn als Professor war Fuchs zunächst Vikar und nach einer Freistellung zur Fertigstellung einer Habilitationsschrift von 1934 bis 1951 Pfarrer in der Württembergischen Landeskirche. Er war als BK-Pfarrer Mitglied der Kirchlich-Theologischen Sozietät und hatte von daher engen Kontakt mit Leuten wie Paul Schempp und Hermann Diem. Die Konflikte dieser Zeit werden von Jörg Thierfelder sehr genau nachgezeichnet.

Im ersten Teil des Buches, „Lebensstationen" überschrieben, zeichnen Weggefährten, Amtsnachfolger und Angehörige die einzelnen Lebensabschnitte nach. Breiten Raum nimmt die Darstellung des Oberaspacher Gemeindepfarrers Lothar Vogel ein. In Oberaspach im Dekanat Schwäbisch Hall war Fuchs von 1938 bis 1951 tätig. 1953 nahm Fuchs einen Ruf als Professor an der Universität Tübingen an; an die kurze Zeit dort erinnert der emeritierte Göttinger Systematiker Dietz Lange. Die Zeit in Berlin ab 1955 beschreibt der ehemalige Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, Christoph Demke, und Uwe Mahlert, Pfarrer in Marburg, erinnert an die Zeit zwischen 1961 und 1971, als Fuchs an der dortigen Universität lehrte.

Im zweiten Teil, „Miniaturen", finden sich insgesamt sieben kürzere Beiträge von Weggefährten, der dritte Teil, „Portraits", bringt inhaltliche Auseinandersetzungen mit dem Theologen Ernst Fuchs. Hier ist es neben Eberhard Jüngel vor allem Christian Schad, der unter dem Titel „Ein Sprachlehrer des christlichen Glaubens" Fuchs' wissenschaftliches Programm sehr kenntnisreich nachzeichnet. Christian Möller würdigt Fuchs als inspirierenden „Helfer zur Freude an der Predigt".

Der vierte Teil, „Forschungsprojekte", bietet kurze Skizzen von vier wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit der Theologie von Ernst Fuchs beschäftigen. Der Blick auf diese (Dissertations-)Projekte zeigt, daß das Werk von Fuchs nicht nur in der Systematischen Theologie (etwa in der von Eilert Herms betreuten Dissertation von Oliver Pilnei), sondern auch im Neuen Testament, in der Praktischen Theologie und sogar in der Philosophie Gegenstand der Forschung ist.

Im fünften Teil werden insgesamt sieben Texte von Ernst Fuchs präsentiert. Der erste dieser Texte ist übrigens eine Besprechung von Martin Heideggers „Sein und Zeit", erschienen 1927 im „Kirchlichen Anzeiger für Württemberg. Zeitschrift des Evangelischen Pfarrvereins". Einige Photos und ein Verzeichnis der Verfasser schließen dieses wirklich gelungene Buch ab.




index / forum palatina / rezension / forum / archiv / links / e-mail