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Max Krumbach
Sundahlstraße 1, 66482 Zweibrücken

 

Rezension

 

Heimkehr der Reformation – Auf nach Zweibrücken!

 

 

Glück, Charlotte (Hg.), Neuer Himmel Neue Erde. Die Reformation in der Pfalz. Ein Aus­stel­lungsprojekt der Stadtmuseen Zweibrücken, Kaiserslautern und Ludwigshafen

 in Kooperation mit der Ev. Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche) anlässlich des Reformationsjubiläums „Luther 2017“., Zweibrücken 2016

 

 

Am 30. Oktober 2016 eröffneten der Oberbürgermeister der Stadt Zweibrücken, Kurt Pirmann, sowie die beiden Schirmherren, Professor Dr. Gerhard Robbers, der Regierungsbeauftragte für das Reformationsjubiläum für Rheinland – Pfalz, und Kirchenpräsident Christian Schad, die Reformationsausstellung „Neuer Himmel Neue Erde“ im Stadtmuseum Zweibrücken.

 

Im bis auf den Flur völlig überfüllten Herzogssaal führte Frau Dr. Charlotte Glück in die Ausstellung ein. Es ist immer wieder erstaunlich, was die Leiterin des Stadtarchivs und Stadtmuseums, in einer 1945 völlig zerstörten Stadt aus dem Boden zaubert und damit Erinnerungen weckt, für die es nach dem Wiederaufbau nur noch wenig materielle Anknüpfungspunkte gibt. „Neuer Himmel Neue Erde“ ist ein weiteres Meisterstück nach ihrem letzten großen Projekt, in einer Ausstellung und einem Katalog den Zweibrücker Beitrag zur bayerischen und deutschen Rechtsgeschichte darzustellen. [1]

 

Frau Dr. Glück hat auch in der Reformationsausstellung für eine interessierte Öffentlichkeit Schätze gehoben und für die Identitätsfindung in diesem Landstrich fruchtbar gemacht. Sie schwimmt gegen den Strom in einem durch die Massenmedien auf Luther und jetzt noch auf den Bergoglio-Papst Franziskus konzentrierten, mitteldeutschlandlastigen Reformationsjubiläum, indem sie den Blick auf den Beitrag von Personen und die Bedeutung von Orten zwischen Neckar und Mosel lenkt. Die Reformation wird – aus einem binnenkirchlichen, theologischen oder klerikalen Ghetto befreit –, wieder zu einem Geschehen, das in weiten Kreisen auf breite Resonanz stößt und sich in den folgenden Jahrhunderten allen feindlichen Gewalten zum Trotz behauptet. U.a. begegnen Ausstellungsbesucher Johann Schwebel, Johannes Bader, Martin Bucer, Johannes Oekolampad, Caspar Aquila, Caspar Hedio, Philipp Melanchthon, Franz von Sickingen, Herzögen, Kurfürsten, Bauern, Einheimischen und Fremden.

 

In dem zur Ausstellung vorliegenden 29 Textseiten umfassenden Begleitheft sind für unseren Raum wichtige Themen beispielhaft, knapp und verständlich dargestellt. Unter den fast fünfzig pfälzischen Herrschaften greift das Begleitheft die Kurpfalz und Pfalz-Zweibrücken um 1500 heraus. Es geht dann weiter zum krisenhaften Beginn der Neuzeit. Dem entspricht die angespannte kirchliche Lage am Vorabend der Reformation. Die neue Technik des Buchdrucks lässt die 95 Thesen erst zu dem öffentlichen Ereignis werden, an das wir uns heute erinnern. Die vier soli der Reformation finden ihren Platz ebenso wie Luthers Auftritt beim Ordenskapitel 1518 in Heidelberg. Einmal lesen wir von den evangelischen Anfängen auf der Ebernburg, dann von Luthers Auftritt vor Kaiser und Reich in Worms. Mit der Lutherbibel, die mit einer prächtig kolorierten von Hans Lufft gedruckten Ausgabe aus dem Jahr 1543 in einer Vitrine zu sehen ist, wird wohl das Kernstück der Reformation sichtbar. Mit „Die Pfalz, ein Kernland der Reformation“ arbeitet das Begleitheft der im Westrich herrschenden Stimmung entgegen, am Rand zu liegen und vergessen zu sein. Der noch 1983 zwischen östlich marxistischer und westlich bürgerlicher Geschichtsschreibung heftig umstrittene Bauernkrieg kommt ebenso zur Geltung wie die blutig verfolgte Täuferbewegung.

 

Die Stationen südwestdeutscher Reformatoren und das Leben der vorbildlichen Pfarrfrau Wibrandis Rosenblatt, die drei Reformatoren überlebte, lassen etwas von den unsicheren Zeitläuften ahnen, in denen die handelnden Personen auch Getriebene waren. Dass durch die Reformation Kirche und Politik, Kirche und Gesellschaft verändert wurden, wird auf den Reichstagen in Speyer und Augsburg deutlich. Herzog Wolfgang hat in Pfalz-Zweibrücken eine der ersten evangelischen Landeskirchen im Reich errichtet. Der Augsburger Religionsfriede beendet die militärischen Auseinandersetzungen und legitimiert den Grundsatz, dass die Obrigkeit über die Konfession der Untertanen entscheidet. Die Auflösung der Klöster liefert die finanziellen Mittel, um die Bildung für alle zu fördern. Herzog Johann I. führt 1574 die allgemeine Schulpflicht für Jungen und Mädchen in Pfalz-Zweibrücken ein. Mit der Reformation kommen auch neue Gesetze, die tief in den Alltag eingreifen wie z.B. bei Ehe und Familie. Der reformierte Zweig der Reformation, die Abkehr von einem konservativen Luthertum zu einem melanchthonisch beeinflussten reformierten Bekenntnis in der Kurpfalz und in Pfalz-Zweibrücken, wird entsprechend gewürdigt. Die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, die Auflösung der strengen Abgrenzung im Zuge einer überlebensnotwendigen Zuwanderung, das Entstehen gemischtkonfessioneller Territorien und ein Blick auf Mennoniten und Juden öffnen den Blick über die französischen Freiheiten hin zu einer reformatorischen Kirche in unserer multikulturellen und multireligiösen Gegenwart.

 

Ausstellung und Begleitheft machen Lust auf Fragen: Wo sprudeln heute die Quellen einer notwendigen Reformation und was ist ihr Ziel? Sie verlocken dazu, sich vor Ort, in der Pfalz, im Westrich, mit der Reformation, ihren Wurzeln, den tiefgreifenden Veränderungen und Wirkungen in ihrem Gefolge heute auseinanderzusetzen.

 

Frau Dr. Glück freut sich auf Fragen der Besucherinnen und Besucher.

 

Zur Eröffnung des Reformationsjahres 2016/2017 und der Ausstellung feierte am Nachmittag die Kirchengemeinde in der Alexanderskirche einen Abendmahlsgottesdienst nach der Kirchenordnung des Herzogs Wolfgang aus dem Jahr 1557 unter Leitung von Dr. Bernhard Bonkhoff und Dekan Peter Butz. Sie ließen die versammelte Gemeinde etwas von der geistlichen Kraft erleben, die Menschen damals bewegte und heute hoffentlich wieder ergreift.

 

 


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[1] Glück, Charlotte und Baus, Martin, hg. Im Auftrag der Stadt Zweibrücken und der Siebenpfeiffer-Stiftung, Recht. Gesetz. Freiheit. 200 Jahre Pfälzisches Oberlandesgericht Zweibrücken, Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland- Pfalz, 121, Koblenz 2015