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Frank-Matthias Hofmann
Johanna-Wendel-Straße 15, 66119 Saarbrücken

 

Rezensionen

 

 

Hermann Preßler, Der Herr Christus und die braunen Herren. Eine  Analyse von Predigten in pfälzischen Kirchenzeitungen im Nationalsozialismus,

320 Seiten,  OVD-Verlag Saarbrücken 2016, ISBN 978-3-943853-02-5, 15 Euro, bestellbar über den  OVD-Verlag, mail: info@ovd24.de; Tel. 0681-59590385.

 

 

Eine Arbeitsgruppe der Ev. Kirche der Pfalz befasste sich mit der Geschichte unserer Landeskirche in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Ergebnisse wurden in dem kürzlich vorgestellten Buch „Protestanten ohne Protest. Die evangelische Kirche der Pfalz im Nationalsozialismusveröffentlicht. Nicht in die Aufarbeitung einbezogen werden konnte eine Analyse von Predigten und Andachten aus dieser Zeit. Dies sollte einer zweiten Säule zu diesem NS-Projekt vorbehalten bleiben. Diese Lücke füllen nun die anzuzeigenden Recherchen von Kollegen Hermann Preßler, der zuletzt als Rundfunkbeauftragter der Rheinischen und Pfälzischen Landeskirche beim  Saarländischen Rundfunk in Saarbrücken tätig war. Er ließ sich von mir beim Eintritt in den Ruhestand dazu motivieren, diese Lücke unsers Projektes auszufüllen.

 

Die Analyse bezieht sich auf das Genre Lesepredigten in den beiden Wochenzeitungen der pfälzischen Kirche, der „Union“ und des „Evangelischen Kirchenboten“. Beide Zeitungen mussten Mitte 1941 eingestellt werden. Die Predigten schrieben eine Vielzahl von Pfarrern dieser Kirche Woche für Woche für die beiden Blätter. Ihre in den Predigten geäußerten theologischen und politischen Überzeugungen können als repräsentativ für die damalige pfälzische Pfarrerschaft angesehen werden. Durch die sukzessive Digitalisierung der Ausgaben der beiden Wochenblätter durch das Archiv in Speyer sind die Predigten selbst im Internet zugänglich. 

 

Die von Hermann Preßler vorgelegte umfassende, detailreiche Untersuchung der rund 900 Predigten stützt sich auf die digitalisierten Primär- und auf Sekundärquellen, also auf eine umfangreiche Lektüre von historischen Untersuchungen über diese Zeit. Dankenswerterweise sind bereits Ergebnisse von „Protestanten ohne Protest“ eingearbeitet, sofern sie für die Kontextanalyse der Predigten von Wichtigkeit waren.

 

Bei der Analyse der Predigten zeigt sich nach Aussagen des Autors rasch die Notwenigkeit, ausführlich auf den jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext einzugehen, der im Hintergrund der Ausführungen der Prediger steht. Denn dieser wird, wenn überhaupt, nur in „Häppchen“ angedeutet, so dass sich die Brisanz der Predigtaussagen aus heutiger kritischer Sicht nur erschließt, wenn man die historischen Bezüge erhellt. Die Lektüre des Buches „Der Herr Christus und die braunen Herren“ bringt somit viele Einblicke in die Geschichte des Dritten Reiches. 

 

Werden in den Predigten die Zeitumstände explizit angesprochen, so übernehmen die Prediger nahezu ausnahmslos die Sprachregelungen und die historische Sicht der Nationalsozialisten. Hier spricht der Autor vorhandene Geschichtsklitterungen an und hält ihnen Positionen entgegen, die dem Stand der heutigen historischen Forschung entsprechen. Dies geschieht in ausführlichen Fußnoten bzw. in Exkursen, wie zum Beispiel dem Exkurs zur „Dolchstoßlegende“. Auf diese beziehen sich zahlreiche Prediger in affirmativer Form. Weitere Exkurse sind z.B. „Die deutsche Mutter“ (zum Frauenbild), „Martin Luther und die Juden“, „Der Begriff der Arbeit und des Arbeiters im Nationalsozialismus“. Außerdem bezieht Hermann Preßler aktuelle Romane und Filme, die sich mit dem Dritten Reich befassen, in seine Untersuchung ein, so dass sich trotz der durchgehend schweren Kost auch „unterhaltsame“ Passagen ergeben.

 

Bei der Analyse der Predigten des „Kirchenboten“ hat der Autor nicht nur die Predigten kritisch durchgesehen, sondern sich umfangreich auch auf redaktionelle Artikel und Verlautbarungen der Schriftleitung bezogen, um die theologische und politische Richtung zu beleuchten, der man in dem jeweiligen Wochenblatt anhing. Insgesamt macht Preßler aufmerksam auf Feindbilder, unglaubliche Dimensionen der Hitlerverehrung, Judenhetze, Frauen- und Männerbilder, Kriegstreiberei, theologisch begründete Gehorsamsideologie und völkisch-rassistisches Denken sowie Fragen der nationalsozialistischen Erziehung. Er stellt aber auch dar, wie und dass (wenige!) Prediger versucht haben, in aller Vorsicht (soweit das unter der Pressezensur möglich war) Kritik am Nationalsozialismus anzubringen und deren – verstecktes – Vorkommen der Autor dann herausarbeiten musste. 

 

Mit Zitaten aus und einigen ausführlicheren Dokumentationen von Predigtteilen legt Hermann Preßler offen, welcher martialischen, ideologischen, nazipropagandistischen Sprache sich die Prediger sehr oft bedient haben. Der Analyse der Predigten liegt auch eine Beschreibung der redaktionellen Linien von „Union“ und „Kirchenboten“ zugrunde, die implizit erschlossen  bzw. die anhand der Selbstdarstellungen der Schriftleitungen recherchiert wurden. Außerdem werden als Rahmen wichtige Stationen der Geschichte der Pfälzischen Landeskirche in der NS-Zeit wiedergegeben, sofern sie für die Predigt-Analysen wichtig erscheinen. 

 

Die Predigten zeigen, dass die pfälzischen Prediger, die in den Wochenblättern „verkündigten“, und die Autoren/innen, die die Schriftleitung(en) zu Wort kommen ließen, zumeist deutsch-national bis erzreaktionär und überaus revanchistisch waren. Wie gesagt, (dargestellte) Ausnahmen bestätigen die Regel. Bibelzitate bzw. Predigttexte sind oft nichts anderes als Stichwortgeber für die eigene nationalsozialistische Weltanschauung, der – abstrakt – der „Absolutheitsanspruch“ Christi gegenübergestellt wird, der Hoffnung Ausdruck gebend, die Nationalsozialisten würden die Unverzichtbarkeit des Christentums bzw. der Kirche für die Durchsetzung ihrer eigenen Politik schon einsehen.

 

Das Buch schließt eine Lücke in der Kirchengeschichtsschreibung in der NS-Zeit in der Pfalz und kann zur Lektüre wärmstens empfohlen werden.

 


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