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Elke Wedler-Krüger
Kirchstraße 11, 67482 Freimersheim

 

Rezensionen

 

 

Emmanuel Carrére, Das Reich Gottes, Berlin (Matthes und Seitz) 2016, aus dem Französischen von Claudia Hamm,

524 Seiten, Hardcover, 24,90 Euro, ISBN 978-3-95757-226-4.

 

 

Nein, ist kein neues theologisches Standardwerk, sondern ein autobiographischer Roman, verwebt mit Gedanken über das Leben von Paulus und Lukas. Der Autor, nach eigenen Angaben einst ein überzeugter katholischer Christ, nun einer, der sich selbst als Suchender bezeichnet. Er möchte sich selbst ein Türchen zu einer göttlichen Dimension offenhalten oder, anders gesagt, die Möglichkeit der Existenz Gottes in seinem Leben nicht gänzlich verbannen, geht mit Gedanken eines modernen Menschen und wie er sagt mit gesundem Menschenverstand und durchaus belesen in theologischer und historischer Fachliteratur an das Leben der beiden für das Christentum wichtigen Personen heran. Er bewegt in seinen Überlegungen sich zwischen Gesichertem, Anzunehmenden, Möglichem, Nichtsunmöglichem und völlig Ausgeschlossenem.

 

Er zitiert die Bibel, versetzt sich in die Menschen der damaligen Zeit, spricht die Konflikte an, die sich zwischen Paulus und der Jerusalemer Urgemeinde ergeben, driftet immer wieder in die neuere Gegenwart, zu Trotzki und Stalin (interessanter Vergleich mit Paulus und Jakobus). Stützt sich auf theologischen und historisches Faktenwissen oder was man davon hält. In keinem anderen Roman findet man z.B. so eine gute Erläuterung der Logienquelle Q.  Dabei verwendet er Notizen, die er in seiner religiösen Phase begonnen hat, und nun beim Schreiben des Romans sorgsam und nach Prüfung einsetzt.

 

Dabei zieht er immer wieder Parallelen zu seinem eigenen Leben, seinem eigenen Suchen nach den Dingen hinter den Dingen, seinen Bekehrungserlebnissen und seiner Abkehr von einem strengen zuweilen mystischen Katholizismus. Es begleitet ihn dabei die zum Teil fiktive Geschichte des Lukas als alter Ego. Daneben gibt es immer wieder Verweise auf historischen Parallelen oder Personen, die z.B. in christlicher Literatur eher positiv gedeutet werden, von denen andere Quellen ganz anders berichten, z.B. die Person der Herodes Agrippa aus der Apostelgeschichte. Manchmal ist das Buch auch sehr drastisch, wenn er von Pornographie und Authentizität spricht, um herauszufinden, welche Textstellen denn authentisch sind in Bezug auf Personen, die in der Bibel vorkommen, die dann eine eigene theologische Wirkungsgeschichte entfalten, wie  Maria, die Mutter Jesus. Wahrscheinlich wäre das in früheren Zeiten ein Grund, um das Buch auf den Index zu setzen.

 

Es ist das Buch eines „Sich herantastenden“, der versucht, durch das Hineinversetzen in die Personen von Paulus und Lukas zu dem zu kommen, was ihm als glühender Katholik einst abhanden gekommen ist: Der Glaube und damit die Suche nach dem Reich Gottes. Zum Schluss zieht er sein eigenes Fazit. Es ist das, was er einem alt gewordenen Johannes (Evangelist) als Satz in den Mund legt: „Meine Kinderchen, liebet einander“.

 

Das Buch endet mit einer Erläuterung der Übersetzerin Claudia Hamm, die einen Vergleich zieht zwischen der Herangehensweise vom Autor und Luther an biblische Texte, wo bei jeder seinem Leitgedanken der Biographie auf der einen Seite und von der Theologie auf der anderen Seite folgte.

 

Was für mich als Theologin dieses Buch so fasziniert hat, ist die Art des Autors, die Dinge, mit denen wir als TheologInnen so selbst verständlich umgehen, zu hinterfragen. In seiner Art zu denken, finden sich viele Momente wieder, mit denen wir heutzutage (im Pfarramt) umgehen müssen, wenn wir uns auf theologische Diskussionen genau der Personengruppe einlassen, die er repräsentiert. Nicht immer können wir damit auf einen so hohen Toleranzgedanken stoßen, den er selbst vertritt. Auch wenn er selbst sagt, die Gefahr besteht  immer, wenn man einmal sich von etwas abwendet hat, von dem man früher fest überzeugt war, herablassend und spöttisch auf die herabzusehen, die es weiterhin für ihr Leben wichtig erachten.

 

Er gehört nicht zu dieser Personengruppe, und das macht das Buch zu einer interessanten und nachdenklichen Lektüre.

 


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