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Helmut Aßmann
Herzogstraße 74, 67435 Neustadt-Gimmeldingen

 

Rezensionen

 

 

Jan Assmann, Exodus – Die Revolution der Alten Welt,

Verlag C.H.Beck, München 2015, 493 Seiten, 29,95 Euro.

 

Wieder verkündet Jan Assmann, Professor emeritus der Ägyptologie, sein ceterum censeo, dass nämlich die Religion Echnatons nichts mit der Religion Israels gemein hat, dass vielmehr Echnatons repräsentativer Monotheismus, den er an die Stelle des repräsentativen Kosmothismus gesetzt hat, etwas grundsätzlich anderes ist, als der Bundesgott Israels, der einen unkündbaren, ewigen Bund mit Israel eingegangen ist. Echnatons Idee und Religion des Atonkults beruht auf der Erkenntnis, dass alles Leben der Sonne seine Existenz verdankt, anders als die Religion Israels, in der das Volk seine Existenz dem Eingreifen Gottes verdankt wie es das Mirjamslied in Ex 15 zum Ausdruck bringt.

 

Israel verdankt seine Existenz einem Ereignis, das sich vielleicht nie ereignet hat. Denn von 1500 bis 1100 gehörte Kanaan zu Ägypten, sodass ein Auszug nicht erforderlich gewesen ist und von 1100 bis 800, als die ägyptische Verwaltung zusammengebrochen war, drangen die Seevölker von Kreta aus an die Küste und verdrängten die Urbevölkerung Kanaans ins Gebirge. In dieser Zeit fanden die Philisterkriege Sauls und Davids statt. Der Abfall der Nordstämme unter Jerobeam wird mit der Gründung der Heiligtümer in Bethel und Dan in die Wüstenzeit reprojeziert und die Formulierung bei der Errichtung der Stierbilder in Bethel und Dan: „Das sind deine Götter, die dich aus Ägypten herausgeführt haben“, kehren in der Erzählung vom Goldenen Kalb aus dem Mund Aarons wörtlich wieder. Nicht reflektiert Assmann über die Wiederkehr dieser Worte im ersten Gebot in der Formulierung: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägypten, aus der Knechtschaft herausgeführt habe“ (Ex 20,4), die vielleicht eine Antwort auf die priesterschriftliche Erzählung Ex 32,4 („Das ist, Israel, dein Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt hat2 ) und die deuteronomistische Dublette in 1. Kön 12,28 („Siehe, das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten herausgeführt haben“) darstellt.

 

Von dieser innertextlichen Korrektur einmal abgesehen, handelt es sich bei dem Buch Jan Assmanns um eine erstaunlich gründliche und kenntnisreiche Exegese des Buches Exodus und zwar durch einen Ägyptologen, also dizplinübergreifend. Als Ägypten sich um 800 v: Chr. Prinzessinnen zu Priesterköniginnen und Gattinen des Amun gewählt hatte, die ehelos bleiben mussten und deren Amtsgeschäfte ein Hofbeamter versah, ist diese Regierungsform ähnlich der Vorstellung der Propheten des 8. Jahrhunderts, die aber umgekehrt Jahwe als den Ehemann Israels ansahen, dem Israel Gehorsam und Treue schuldete und neben dem es keine andern Götter haben durfte, also die Geburtstunde des israelitischen Monotheismus. Diese prophetische Verkündigung hat sich aber bei den Zeitgenossen nicht durchgesetzt. Die Propheten wurden verfolgt und ermordet, wie es in einem Kapitel dargelegt wird. Erst bei Esra um 520 v. Chr. ist diese Idee zur staatstragenden Politik und Religion erhoben worden und aus dieser Zeit stammt auch die Priesterschrift, die für die Endfassung der beiden ersten Bücher des Pentateuchs verantwortlich ist und die einen großen Bogen beschreibt von der Schöpfung zum Tempelbau als dem Ort, an dem Gott und sein Volk miteinander wohnen. Diese literarische Konzeption wird ausführlich dargestellt und begründet.

 

Das Scheitern der Propheten mit ihrer Verkündigung von der Ehe Gottes mit dem Volk, die die Abkehr von dieser Idee in der Verehrung anderer Göttern als Hurerei bezeichneten, wird bei Sigmund Freud als ein traumatisches Erlebnis des Volkes dargestellt, das verdrängt wurde und bei Esra wiederkehrt („Frühes Trauma – Abwehr – Latenz – Ausbruch der neurotischen Erkrankung – teilweise Wiederkehr des Verdrängten: so lautete die Formel, die wir für die Entwicklung einer Neurose aufgestellt haben.“ Freud 1939, zitiert bei Assmann S. 327). Freud geht sogar so weit, dass er die Ermordung Moses an den Anfang der Geschichte von der Verfolgung der Propheten setzt und sich dabei auf den Alttestamentler Ernst Sellin beruft, der das Verbrechen in Schîttim, das Hosea erwähnt, als dieses traumatische Ereignis ansieht. Assmann gibt Sellins Position wie folgt wieder: „Hinter dem Mord des Pinhas an Zimri und der Midianiterin Kosbi, deren fürstliche Herkunft Num 25,14 ff eigens hervorhebt, verberge sich in Wahrheit der Mord an Moses und seiner midianitischen Frau, als dieser die Umsetzung von Gottes grausamem Befehl verlangt hatte, die Oberen des Volkes ‚im Angesicht der Sonne’ aufzuhängen oder zu pfählen“ (S. 330).  Jedoch Assmann, für den Moses keine historische Gestalt, sondern eine des kulturellen Gedächtnisses ist im Gegensatz zu Echnaton, der eine historische Gestalt und keine Gestalt des kulturellen Gedächtnisses ist, lehnt den Mord an Moses folgerichtig ab; denn eine Person, die nicht historisch ist, kann auch nicht ermordet werden, womit er allerdings das Argument Sellins nicht ganz entkräftet, der mit einer Urfassung von Num 25 rechnet, die Hosea noch gekannt habe: „Hosea kennt die Fortsetzung von Num 25,3.5 noch in ihrer ursprünglichen Gestalt, er weiß, dass Moses in Schîttim, im Heiligtum seines Gottes, von seinem eigenen Volke nach dessen Abfall zum Baal Peor, wegen dessen er es zur Buße gerufen und jedenfalls Sühne verlangt hatte, hinterlistig getötet ist. Mit ihm haben vielleicht seine Söhne den Tod erleiden müssen. Das Ganze ist eine tragische, ergreifende Schilderung sondergleichen“ (Ernst Sellin, Mose und seine Bedeutung für die israelitisch-jüdische Religionsgeschichte, S. 49f).

 

Freud greift Sellins These auf und sagt: „Der Mord an Mose sei verdrängt worden, was zu einer mehrhundertjährigen Latenz der mosaischen Botschaft geführt habe. So erklärt Freud den zeitlichen Abstand zwischen seinem Moses, der als Zeitgenosse Echnatons im 14. Jahrhundert lebte, und dem Auftreten der Propheten vom späten 8. Jahrhundert an. Allmählich sei die Erinnerung an den von Moses verkündeten Monotheismus zurückgekehrt und habe sich mit einer unwiderstehlichen Durchschlagskraft im Volk durchgesetzt, wie sie nur der Wiederkehr des Verdrängten eignet: weil jedes aus der Vergessenheit wiederkehrende Stück sich mit besonderer Macht durchsetzt, einen unvergleichlich starken Einfluß auf die Menschenmassen übt und einen unwiderstehlichen Anspruch auf Wahrheit erhebt, gegen den logischer Einspruch machtlos bleibt. Nach Art des Credo quia absurdum“ (S. 328).

 


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