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D. Dr. Friedhelm Borggrefe
Horst-Schork-Straße 66, 67069 Ludwigshafen

 

Rezensionen

 

 

Heiderose Gärtner-Schultz, Altern. Lebenstexte aus dem Sonntagsblatt der Pfalz. Mit Bildern von Anne-Marie Sprenger, 72 Seiten, 9,90 Euro, ISBN 978-3-939512-66-0.

 

Heiderose Gärtner-SchultzBüchlein mitLebenstexten aus dem Sonntagsblatt für die Pfalz, das 2015 im Verlagshaus Speyer gerade erschien, ist nicht, wie der Titel erwarten lässt. ein typisches Buch über Alterskrankheiten wie Demenz, Schlaganfall, Diabetes oder Krebserkrankungen, und auch nichts, was man in einem Zug liest, sondern eher ein Meditationsbuch. Ich selbst als alter Mensch schlage es auf, blättere, verweile zunächst bei den Bildern mit der Alterstreppe, den ausgetretenen Schuhen und dem Geldberg des Geizigen, die die Malerin Marie Luise Sprenger zur Illustration beigesteuert hat.

 

Ich fange an nachzudenken und frage mich: Starke Farben, aber warum so viele Grautöne? Das macht mich betroffen. Das erinnert mich, wie betagt ich selbst bin. Doch gleich auf den ersten Seiten der Schrift finden sich auch die acht Überschriften, unter denen die 48 Texte der Autorin selbst schön gegliedert sind. Sie locken mich zum Meditieren und Stöbern. Vonneuem Alternist da die Rede, von der Einstellung zum Altwerden, von Vollendung und Geborgenheit. Das macht mich neugierig. Und ich erfahre von Menschen, die ihr Alter bewusst zu gestalten vermögen.

 

Ich lese von einer Krankenschwester zum Beispiel, die in ihrem Leben auf Vieles verzichtet hatte und jetzt als pensionierte Frau viel Zeit hat, die sie verschenkt an Menschen, die Zeit brauchen. Ich blättere und finde die Geschichte von einem querschnittsgelähmten Mann, der zum Rollstuhltänzer wurde. Ich finde Großväter, die ihr Lebensziel erreichten, weil sie das Alter alsGesundheitsleistungverstanden; und ich werde belehrt, dass dies ein Missverständnis von Leben sei.

 

Da tauchen Fragen auf, die mich angehen: Was bleibt? Was ist nötig? Wie überwinde ich Einsamkeitsgefühle? Und es werden vorsichtige Antworten formuliert. Das macht mich froh, immer dann wenn fröhlich davon erzählt wird, wie es gehen kann im Alter.

 

Als Theologe ärgert es mich aber, wenn die Autorin mir dogmatisch daher kommt, wenn sie abstrakt formuliert und spricht vonVerwirklichung von Werten, vonVernetzungsmöglichkeiten und Infrastruktur der Kirchengemeindenim Blick auf alte Menschen und vonVerschiebung traditioneller Wertvorstellungen, wie Pflichterfüllung und Ordnung zu einer modernen Lebensauffassung, die sich durch Individualisierung und Selbstverwirklichung auszeichnet. Doch erfreut und gleich in einem Zuge lese ich das Kapitel vomAltern in der Bibel. Da begeistere ich mich und entdecke:Gott lässt mich gar nicht alt aussehen. Da tauche ich ein in die poetische Sprache der Psalmen:Wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch grünen und blühen(Ps 92,15). Da beginne ich zu träumen mit dem Propheten Joel und bin glücklich mit dem alten Simeon und der Prophetin Hannah aus dem Lukasevangelium und lasse mir gerne zusagenIn Christus sind alte und junge Menschen gleich.

 

Aber das Büchlein zeigt sich auch durchaus kompetent im Blick auf die Fachliteratur: Heiderose Gärtner-Schultz ist belesen. Sie kennt nicht nur ihre Bibel und die theologische Literatur, sondern auch die Sprache der Psychologie und Soziologie, und sie weißdas ist ihre Stärke – zu erzählen beispielsweise vomweisen Kaiser Suleiman, der das Wasser besitzt, mit dem man nicht alt werden kann (S. 48).

In der neueren Literatur hat sich etwas verändert. Sie spiegelt unsere vom Kampf gegen das Alter geprägte Lebenswirklichkeit. Aber Heiderose Gärtner-Schultz' Büchlein ist anders: es macht Mut zum Altwerden und will Freude schenken.

 


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