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Ulrich Kronenberg
Am Anger 5, 67346 Speyer

 

 

Hanns Leiner, Gibt es einen neuen Kirchenkampf? Das Ringen um die wahre Kirche, Nürnberg 2014, 178 Seiten, ISBN: 978-3-941750-77-7.

 

Das Buch aus der Feder des langjährigen Religionspädagogen Hanns Leiner [1] beginnt mit dem legendären Zitat des ehemaligen bayrischen Landesbischofs und EKD-Ratsvorsitzenden Hermann Dietzfelbinger über den zweiten Kirchenkampf. Dietzfelbinger hat 1971 diese Worte gesprochen: „Haben diejenigen ganz unrecht, die von einer Epoche geistlicher Verwirrung und Verzweiflung reden, in deren Anfang wir uns befinden? Anders gesagt: Wenn nicht alles täuscht, so stehen wir heute in einem Glaubenskampf, einem Kirchenkampf, gegenüber dem der Kirchenkampf des Dritten Reiches ein Vorhutgefecht war. Das Unheimliche dabei ist, dass dieser heutige Kampf vielfach kaum erkannt, zu allermeist verharmlost wird und unter Tarnworten wie Pluralismus voranschreitet“ [2].

 

Einem ausführlichen Vorwort seines Schülers Till Roth folgen zehn Aufsätze Leiners, die sich mit dem geistlichen Zustand der evangelischen Kirche befassen. Leiner kommt zu einem sehr kritischen Urteil darüber ohne in Polemik oder Räsonieren zu verfallen. Die Aufsätze stammen aus den Jahren 1996 bis 2013 und stellen die Summe seiner Überlegungen zum Leben der evangelischen Kirche dar. Sie sind die Essenz eines fast 50jährigen Dienstes. Die sehr lesenswerten Ausführungen Leiners gliedern sich wie folgt:

 

1. Ist das noch meine Kirche? Wie mir die Volkskirche fragwürdig wurde (S. 11-34)

2. Was ist bloß mit der Kirche los? Beunruhigende aktuelle Entwicklungen und Fragen (S. 35-45)

3. Bekennende Gemeinde angesichts der Herausforderungen durch den Zeitgeist (S. 46-64)

4. Kleine Herde oder wachsende Kirche? (S. 65-74)

5. Deformationen und Reformationen im Leben der Kirche (S. 75-114)

6. DieWeltin der die Kirche lebt (S.117-121)

7. Was heißt eigentlich Kirche? Was ist christlich? (S. 122-126)

8. Ist die heutige Kirche identisch mit der Gemeinde des Neunen Testaments? (S. 127-140)

9. Kirche im Schlepptau des Zeitgeistes (S. 141-149)

10. Der neue Streit um Ehe und Familie. (S. 150-157)

 

Die Schlussbetrachtung geht der Frage nach, was aus der Kirche werden wird (S. 158-178). Man spürt Leiner ab, dass es ihm hier um sein Herzensanliegen geht: die evangelische Kirche und ihr Weg. Schonungslos analysiert der erfahrene und besorgte Kirchenmann den Weg der Kirche, den er selbst miterlebt hat und unter dem er auch leidet. Seine Sorge gilt dem richtigen Weg angesichts der Entwicklungen in der Kirche, die er als verfallen ansieht. Dem äußerlichen Verfall sieht er den inneren geistlichen Verfall parallel (S. 159f). Er vergleicht dies mit den Potemkinschen Dörfern, bei denen eine schöne Fassade die verfallene Bausubstanz dahinter kaschiert (S. 160). Er zeigt, dass es faktisch zwei Kirchen unter einem Dach gibt: „die kleine Minderheit der Kirche des Christusglaubens und die große Mehrheit eines modernen Christentums light, einer Kuschel- und Wohlfühlkirche, die ihren Auftrag darin sieht, dass es ihr in allem gut geht und sie allen gut tut (civil religion)“ (S. 161). Die immerwährende große Gefahr, der die Kirche ausgesetzt ist, sieht er in der „Veränderung der Christusbotschaft“, die weithin verkürzt oder verwässert wird (S. 163). Er greift hier zu scharfen Formulierungen: „Schwafelkirche in Selbstauflösung“ (S. 166). Ursache ist für ihn das Verlassen der Glaubensgrundlage evangelischer Lehre, sprich der Heiligen Schrift. Den Prozess der „Selbstsäkularisierung“ (Wolfgang Huber) nennt er den Weg der „Selbstzerstörung“ (S. 167).

 

Die sog. andere Kirche und ihr Leben demonstriert er an den kirchlichen Kasualien (S. 168-172), bevor er den „Weg der Anpassung“ geißelt und den Zusammenbruch der Volkskirche mit ihrem „Schönwetter-Christentum“ prophezeit (S. 175). Nach Leiner wird dieser Zusammenbruch sich vollziehen, wenn es zu einer „Situation der Verfolgung“ über Christen und Kirche kommen wird: Der innere Substanzverlust wird dann den Zusammenbruch bedingen. Er bescheinigt mit herausfordernden Worten der evangelischen Kirche eine zum Tode führende Krankheit: „es handelt sich aufs Ganze gesehen um eine entchristlichte, im Glauben verunsicherte Kirche ohne Profil, in der Lehre eigenmächtig und verwirrt, in der Ethik libertinistisch, ungehorsam und verwildert, in jeder Hinsicht verweltlicht und verdiesseitigt, und darum eine Kirche ohne Kraft, ohne Ausstrahlung und ohne Vollmacht, eine heruntergekommene, in innerer und äußerer Auflösung befindliche Kirche“ (S. 175f).

 

Leiner sieht es als „Zeit- und Kraftverschwendung“ an, gegen den Untergang der Volkskirche anzukämpfen (S. 176), sondern sieht in der Stärkung des individuellen Glaubens das Gebot der Stunde. Seine Ausführungen erinnern mich an das Lied des sterbenden Johnny Cash „Personal Jesus“ auf seinem letzten zu Lebzeiten veröffentlichen Album (American IV: The man comes around, 2002). Leiner zeigt, dass nur der individuelle Glauben an den persönlichen Gott, die Individualisierung, die bleibende Aufgabe der Kirche Christi ist (S. 177) – ganz im Sinne des Reformators Martin Luther. Bei aller Kritik an der „anderen Kirche“ sieht er die Verheißung für die „kleine Herde“ als Zusage und Gewissheit an, die ihr ihr Herr versprochen hat und sie bis heute erhalten hat. Bei allen scharfen Worten, sieht Leiner die bestehende Verheißung. Der jetzt beschrittene Weg, der ihm schmerzlich ist – das spürt man ihm ab –, ist für ihn seinem Ende nahe: die prophetischen Worte Dietzfelbingers von 1971 haben sich für ihn traurig bewahrheitet (S. 178).

 

Das Buch ist eine Herausforderung und zugleich ein Muntermacher für alle, die ihre evangelische Kirche lieben und doch oft zugleich an ihr leiden. Kirche soll – so Leiner – wieder erkennbar die „Versammlung der Gläubigen“ werden. Das Buch ist eine Herausforderung.

 


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[1] *12.6.1930 + 20.12.2014. Leiner war Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der bayerischen Gesellschaft für Innere und Äußere Mission im Sinne der lutherischen Kirche und in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) aktiv.

[2] Bericht über die dritte Tagung der vierten Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 18. bis 21. Februar 1971. Hannover 1972. S. 33f.