Impressum

 

Dr. Michael Großmann
Scherwiller Straße 39, 77855 Achern

 

Rezension

 

Zager, Werner (Hg.): Universale Offenbarung? Der eine Gott und die vielen Religionen, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2013 (ISBN 978-3-374-03298-3), 193 Seiten, kartoniert, 28 Euro. (Mit Beiträgen von Werner Zager, Martin Bauschke, Perry Schmidt-Leukel, Wolfgang Pfüller, Andreas Rössler und Wolfram Zoller)

 

Man hört, man sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da gibt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Notwendigkeit, in der Form ohne Zögern,ich habe nie eine Wahl gehabt.Mit diesen treffenden Worten umreißt Friedrich Nietzsche das Wesen eines Offenbarungsgeschehens und verweist damit zugleich unfreiwillig auf die große Gefahr, die ihm innewohnt: Setzen wir das mit dem Offenbarwerden verbundene Evidenzerlebnis ohne weitere Prüfung absolut, vermag es höchstens einen subjektiven Sinn zu verbürgen, der zu schmerzhaften Kollisionen mit den entgegengesetzten Evidenzen anderer Subjekte führen kann. Mit der daraus folgenden Selbstimmunisierung gegen jegliche Kritik ist im schlimmsten Fall der Weg zum Größenwahn gebahnt, wenn als Quelle der Offenbarung die eigene Person erkannt wird (siehe Nietzsche), und zu einem Gotteswahn, wenn Offenbarung die Gültigkeit von Glaubensaussagen untermauern soll.

 

Wer dem entgehen will, kommt nicht umhin, den Offenbarungsbegriff kritisch zu hinterfragen und zugleich nach Möglichkeiten zu suchen, wie sich Brücken bauen lassen im Gespräch mit Menschen, die sich entweder auf eine andere als die christliche oder auf gar keine Offenbarung berufen. Dieses Ziel setzte sich der Bund für Freies Christentum in seiner Jahrestagung im September 2012. Im daraus hervorgegangenen BandUniversale Offenbarung? Der eine Gott und die vielen Religionen“ werden Beiträge zu dieser Bewegung des Fragens und Suchens versammelt.

 

Einen einleitenden Überblick über Offenbarungskonzeptionen der liberalen Theologie gibt der Herausgeber Werner Zager. Er umreißt dabei u.a. die Ansätze prominenter Theologen wie Ernst Troeltsch und Paul Tillich, stellt aber auch weniger bekannte Ansätze vor. Seine Überlegungen resümierend, erkennt Zager es als notwendig, dass die Religionen ihre jeweiligen Ansprüche auf Absolutheit fallen lassen:Der Größe Gottes entspricht es [], die Religionen als verschiedene Wege Gottes zum Heil zu betrachten(S. 27).

 

In diesem Zusammenhang behandelt Martin Bauschke die jüdische und die islamische Perspektive auf die Offenbarung. Er macht deutlich, dass das Judentum als Volksreligion weniger auf universale Offenbarung als auf moralische Universalien fokussiert ist. Demgegenüber skizziert er den Islam als eine Religion, der der Glaube an eine universale Offenbarung Gottes als selbstverständlich erscheint. In der Judentum, Christentum und Islam verbindenden Gestalt des Abraham erkennt er den Prototypen einesNomaden des Glaubens(S. 43)immer wieder aufbrechend statt Mauern bauend.

 

Perry Schmidt-Leukel beleuchtet die Vorstellungen des Hinduismus und des Buddhismus und weist dabei zunächst auf wichtige begriffliche Unterscheidungen hin: zum einen mit Blick auf die Quelle der Offenbarung (personal oder nicht personal?), zum anderen in Hinsicht auf den Inhalt: Wird Offenbarung als Wahrheit, Lehre, theoretisches Wissen (instruktionstheoretisches Modell) oderkommunikationstheoretischals Selbstoffenbarung im Rahmen eines Beziehungsgeschehens verstanden? Vor diesem Hintergrund macht er deutlich, dass alle vier sich aus der Kombination beider Begriffspaare ergebenden Möglichkeiten in der Geschichte der genannten Religionen verwirklicht wurden. Wir stehen also einer Fülle von Verständnisweisen gegenüber, die den Offenbarungsbegriff in einer Weise auffächern, die es uns verbietet, Religionen unbedacht über einen Kamm zu scheren. Schmidt-Leukels Ausführungen lehren uns auch, genau hinzusehen, ob sich nichtetwa in buddhistischen Strömungenhinter vordergründig pluralistischen Äußerungen ein Inklusivismus verbirgt.

 

Angesichts der Vielzahl möglicher Fallstricke mag man sich fragen, ob es nicht besser wäre, den gordischen Knoten zu lösen, indem man ihn durchschlägtdas heißt: die Rede über Offenbarung aufgibt. Für diese radikale, aber nachvollziehbare Option plädiert Wolfgang Pfüller. Er präzisiert seinen Vorschlag mit der These, dass der Offenbarungsbegriffnachweislich mehr Unsinn als Sinn enthält(S. 66). Pfüller arbeitet klar heraus, dass der mit Offenbarungserlebnissen verbundene Absolutheits- bzw. Endgültigkeitsanspruch insofern problematisch ist, als ihm ein Kriterium zu seiner Rechtfertigung fehlt. Damit ist er Ausdruck eines Fundamentalismus. Sein Beitrag endet mit der Einsicht, dass ein Verzicht auf die Rede von Offenbarung keineswegs zu Resignation führen muss: Denn wer sich eingesteht, dass er nicht im alleinigen Besitz der absoluten Wahrheit ist, kann sich umso unbefangener im Dialog mit anderen auf die Suche begeben.

 

Andreas Rössler richtet den Blick auf die in Relation zu den Angehörigen der großen Religionen stetig wachsende Gruppe der religiös Gleichgültigen. Den Ausgangspunkt seiner Überlegungen bildet die These, dass sich in jedem Menschen ein Transzendenzbewusstsein findet dergestalt, dass wir alle nach dem Letztgültigen, dem Unbedingten fragen. Diese Religion im weiteren Sinne, evtl. in Verbindung mit der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaftder Religion im engeren Sinne, bildet laut Rössler einreligiöses Apriori(S. 103). Mit Bezug auf Kants Postulate der reinen praktischen Vernunft gibt er zu bedenken, dass wir immer schon von der Idee eines Unbedingten ausgehen müssen, wenn wir überhaupt etwas begreifen wollen. Dies kann Christen als Basis eines Dialoges mit Nichtgläubigen dienen, denn auch Atheisten bzw. Agnostiker bekommen bisweilenetwa in Grenzsituationeneine Ahnung davon, dass die sichtbare Welt nicht das letzte Wort haben könnte. Rössler legt Wert darauf, dass das Transzendenzbewusstsein keinesfalls einen Gottesbeweis darstellt, sondern alsSpur(S. 121) zu verstehen istals Frage, die im religiösen Sinne beantwortet werden kann, aber nicht zwangsläufig muss.

 

Wolfram Zoller verfolgt ebendiese Spur weiter, indem er künstlerische Transzendenzerfahrung am Beispiel des Malers Max Beckmann und des Schriftstellers Gottfried Benn ausleuchtet. Beiden gemeinsam ist laut Zoller die Erfahrung einer immanenten Transzendenz. Diese Contradictio in adjecto zeigt die Möglichkeiten und Grenzen ästhetischer Zugangsformen auf: Einerseits mag sich Kunst für manchen Zeitgenossen als einer der letzten verbliebenen Wege erweisen, überhaupt so etwas wie Offenbarung zu erfahren. Andererseits handelt es sich dabei um eine säkularisierte Offenbarung, die nicht notwendig in einen Gottesglauben mündet. Zoller ist sich dieser Grenze bewusst. Sein Beitrag ermutigt zu einer vertieften Auseinandersetzung mit der Frage, wie Theologie und Ästhetik einander befruchten können.

 

Selbstverständlich ist es nicht zu leisten, den Begriff der universalen Offenbarung im Rahmen einer vergleichsweise schmalen Schrift in seiner ganzen Tiefe auszuloten. Die in dem Band versammelten Beiträge sind jedoch sehr hilfreich dabei, Schneisen in das Dickicht der (inter-)religiösen Begriffsvielfalt zu schlagen und den Denkhorizont zu erweitern. Wer gewillt ist, sich in theologischer Bescheidenheit zu üben, und Gotthold Ephraim Lessings berühmtem Diktum beipflichtet, dass die reine Wahrheit nur bei Gott allein sei, wird hier in seiner Zurückhaltung bestärkt werden.

 


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