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Evi Heck
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Rezensionen

 

 

Eckhard Molsen, Spiritualität in der Krise. Christus-orientierte Begleitung als Unterscheidung von ETWAS, ICH und SEELENGRUND.

Ein Beitrag zu Ich-Psychologie und Menschenbild, Edition Octopus, Münster 2013, 18,80 Euro

 

 

Eckhard Molsen geht es um die geistliche Begleitung von Menschen. Er verbindet dabei theologische und therapeutische Erkenntnisse und orientiert sich an einem Menschenbild, das Körper, Seele und Geist des Menschen in Blick nimmt. Im Prozess des Begleitens bekommt ein Mensch Gelegenheit, diese drei Bereiche seiner Persönlichkeit zu erkunden und ihnen einen authentischen Ausdruck zu verleihen.

 

„Wissen und Unterscheidung“, „Prozess und Übung“ überschreibt der Verfasser die Hauptteile seines Buches, mit dem er Seelsorgern und Therapeuten Ermutigung geben will, die Selbsterfahrung eines Menschen mit seiner Gotteserfahrung in Beziehung zu setzen. Für die Begleitung von Menschen greift er auf Schriften mittelalterlicher Mystiker und die Erkenntnisse von Psychologen und Therapeuten unserer Zeit zurück, dabei nennt er u.a. Carl Gustav Jung, Karlfried Graf Dürkheim und Friedemann Schulz von Thun. Er bekräftigt in seiner Schrift, dass die Synthese von psychologischer und spiritueller Begleitung sinnvoll und notwendig ist. Drängend ist ihm die Vermittlung auch aus dem Grund, dass Klienten sowohl in der Beratung durch Therapeuten und Psychologen als auch bei den Kirchen Begleitung aus dem Wissen über das Wesen und Wirken des Geistes vermissen. Sinn- und Gottsucher möchten aus beiden Quellen des Wissens, psychologischen und theologischen, für ihren Lebensweg schöpfen. In der kirchlichen Welt wird allerdings ein Modell, das die Weiterentwicklung menschlicher Erkenntnis in Stufen beschreibt, kritisch gesehen, weil die Perspektive, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, vorrangig geübt wird.

 

Für Molsen ist entscheidend, dass „Ich“ nicht etwas ist, das quasi objektiv in Blick genommen und benannt werden kann, sondern „Ich“ ist eine Person, jemand, der „Ich“ sagt und fühlt. Der Respekt vor dem Geheimnis-Charakter des Menschen als Person veranlasst ihn, sein Augenmerk darauf zu legen, wie die Personalität eines Menschen in der Begleitung geachtet werden kann. Deshalb trägt für ihn der Begriff des „Ich-Zustandes“ mehr aus als die Rede vom „Ich“. Zum einen wahrt er das Personale, zum anderen erlaubt er, sich die frei fließende personale psychische Energie vorzustellen, die sich in vielfältigen Variationsmöglichkeiten zeigt. Die Energie des Ich-Zustandes gehört immer einer von zwei verschiedenen Atmosphären an: entweder beziehungsfähig, persönlich-belebt, oder rigide, klischeehaft, als unpersönliche Teilpersönlichkeit. Der Ich-Zustand kann aufs Ganze des Geheimnisses des Lebens ausgerichtet sein, mit dem Lebensstrom verbunden, oder eine unpersönliche Energie ausleben, die zwar handelt, denkt, fühlt, sogar interagiert, aber nur am Partiellen orientiert ist.

 

Ein Mensch kann in Bruchteilen von Sekunden zwischen beiden Energien hin und her wechseln. Eine winzige Wahrnehmung, ein Stimulus von innen oder außen, etwa ein „Reizthema“ oder ein „wunder Punkt“, genügen um eine Person wie umzuschalten. Dann dominiert ein ETWAS das Ich-Erleben.

 

Für die Denkweise des Neuen Testaments ist das Herz des Menschen der Ort, an dem die Entscheidung für Fühlen oder Nicht-Fühlen, Denken oder Nicht-Denken, Handeln oder Nicht-Handeln vollzogen wird. Zur Markierung des freien, nicht von ETWAS besetztem Ich-Zustand, hat Eckhard Molsen den Begriff „Königs-Ich“ gefunden. Der Mensch wird dann nicht von ETWAS regiert, von einer partiellen Sichtweise, die vom Lebendigen abtrennt, sondern er kann wie ein „Teamchef“ (Schultz von Thun) die einzelnen Teile in Kontakt und zum Einsatz bringen als lebenstüchtiger Organisator und Überlebenskünstler.

 

Erfahrungen mit dem „Seelengrund“ (Augustin) sind möglich in einem bestimmten Ich-Zustand. Diese Erfahrung wird als „Heiliges“, als „transpersonal“, als „Gotteserfahrung“ gedeutet. Das Konzept der Unterscheidung von Ich-Zuständen erlaubt Gotteserfahrung personal oder transpersonal zu denken. In Zeugnissen dieser Erfahrung ist vom Ergriffen-Werden die Rede, vom Verschmelzen, Einswerden und der Begegnung mit dem göttlichen Du. Der Seelengrund entzieht sich dem Machbaren, dem Willen des Psychischen, weil er der Natur nach Geist ist. Der Geist teilt sich mit, wann, wo und wie er will. Jedoch fällt es in der westlichen Weise des Denkens schwer, in der Innenwelt zwischen Psyche und Geist zu unterscheiden.

 

Eine Wirkung des Seelengrundes beschreibt Molsen als Authentizität. Es wird möglich, eine Haltung einzuüben, aus der heraus ein Mensch sich „erhebt“ und vom Psychischen zum Geistlichen hinüber wechselt, sich ihm öffnet, quasi umschaltet. Selbsterkenntnis und das Losgelöstsein von Ablenkung und Verpflichtung, von jedem ETWAS, ermöglichen diese Erfahrung.

 

Mit einer Fülle von Material aus Theologie, Literatur und Psychologie und der eigenen Praxis zeigt Eckhard Molsen, in welcher Weise sein Konzept von Ich-Psychologie und Menschenbild in der Praxis fruchtbar wurde. Inhalt seiner Begleitung ist die Kunst der Unterscheidung zwischen ICH und ETWAS zu üben, ein Gespür für Authentizität im Ausdruck eines „Ich“ zu vermitteln und die Hingabe an den Seelengrund zu üben.

 


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