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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

 

Wolfgang Ohler, Hin geht die Zeit – her kommt der Tod. Kriminalroman. Echo Verlag Zweibrücken, 2012, 336 Seiten, Broschur, 11,90 Euro, ISBN 978-3-924255-30-5.

 

Kirchenkrimis haben oft etwas Peinliches. Etwa ein Jahrzehnt ist es her, dass das Gütersloher Verlagshaus einen Versuch mit einer Krimireihe wagte und dabei eine furchtbare Bauchlandung machte; die Autoren, allesamt durch frühere Publikationen zu religiös-kirchlichen Themen dem Verlag verbunden, waren mit dem Genre Kriminalroman sichtbar überfordert.

 

Offensichtlich muss der Weg von einer anderen Seite beschritten werden. Gegenwärtig macht das Wolf Schreiner vor, der in mittlerweile drei Krimis aus dem Bayrischen Wald den katholischen Pfarrer Balthasar Senner in Mordfällen ermitteln lässt, die diesem eher zufällig vor den Altar fallen, und der die Beamten von der Mordkommission der Kripo Passau ziemlich alt aussehen lässt.

 

Bei Ohler ist es ähnlich: Der pensionierte Richter am Oberlandesgericht Zweibrücken und langjährige Presbyter bleibt auch in der Ich-Erzählung seines Alter Egos Wolf pensionierter Richter und Presbyter. Zur Polizei pflegt er ein entspanntes Verhältnis, schließlich ist sein bester Freund Panter pensionierter Kriminalkommissar. Genau dieser beste Freund stirbt beim Abendmahl am Sonntag Okuli an vergiftetem Wein aus dem Einzelkelch – aber nur dieser eine Kelch ist vergiftet.

 

Wolf will den bald zur Gewissheit werdenden Mord an seinem Freund Panter aufklären, und dabei wird ihm dieser tote Freund zum wichtigsten Gesprächspartner und Impulsgeber für die Ermittlungen – ein Trick, auf den man erst einmal kommen muss! Aber gerade das Gespräch mit dem toten Freund – meist zurückgezogen im Arbeitszimmer bei einem Glas Whiskey – treibt die Handlung, die, einschließlich der Rückblenden, vom Sonntag Estomihi bis Ostern reicht, voran. Wolf und Panter sind auch nach Panters Tod ein eingespieltes Team, und nur gemeinsam gelingt es ihnen, den Mord an Panter aufzuklären.

 

Mehr soll hier gar nicht über die Handlung gesagt werden, denn der Rezensent, der es gewohnt ist, Fachliteratur zu besprechen, könnte zu sehr vom Ergebnis her berichten, was für einen Krimi unzweckmäßig wäre. Meine Befürchtung, Ohler wolle einen Regionalkrimi aus der Westpfalz schreiben, zerstreute sich schnell. Die Stadt, in der die Handlung spielt, wird niemals mit Namen genannt, auch wenn sie in etwa die Größe von Zweibrücken hat; und die Kirche, die in mehrfacher Hinsicht zum entscheidenden Ort der Handlung wird, bleibt so unbenannt wie die Benediktinerabtei in Umberto Egos „Der Name der Rose“. Ohler baut nicht auf regionale Folklore und Lokalpatriotismus, sondern auf literarisches Können, intellektuellen Anspruch sowie auf eine starke und letztlich auch überzeugende Handlung.

 

Überhaupt brauchen gute Krimis – für erkennbar regional angesiedelte Krimis gilt das ganz besonders – ein Moment der Distanzierung vom regionalen Brauchtum, um nicht im Folkloristischen unterzugehen. Am meisten überzeugt dabei die Einsicht, dass ein erfolgreicher Ermittler durch die Wahl eines die Ermittlungen fördernden stimulierenden Getränkes oder einer anderen Substanz größtmögliche Distanz zu seiner Umgebung schaffen muss: Pfarrer Balthasar Senner gelingt das im bierseligen Bayrischen Wald sehr überzeugend durch das Inhalieren exotischer Weihrauchmischungen, die er selbst zusammenstellt. Auch die Kommissare Ann-Kathrin Klaasen und Frank Weller von der Polizeiinspektion Aurich in Klaus-Peter Wolfs Ostfriesenkrimis sind in bislang sechs Fällen mit dieser Methode gut gefahren: Weller trinkt, obwohl überzeugter Ostfriese, im entscheidenden Moment kein Jever, sondern greift zum französischen Rotwein; seine Kollegin und Lebensgefährtin Ann-Kathrin Klaasen kann, auch das ist für ihre Umgebung gewöhnungsbedürftig, nichts mit Tee anfangen, sondern bleibt beim Kaffee, der sie mit dem Rest der Republik verbindet und den Radius ihrer Ermittlungen im direkten Vergleich mit den Kollegen in Aurich deutlich erweitert.

 

Wenn Ohler seinen Richter Wolf irischen Whiskey der Marke Tullamore Dew (oder, zum Erstaunen seines toten Freundes Panter, neuerdings Bourbon) trinken lässt, ist er auf der richtigen Seite: Eine Anbiederung an den regionalen Biergeschmack an der Grenze zwischen Pfalz und Saarland bleibt aus und Wolf kann seine kritische Distanz, die er als Ermittler braucht, wahren.

Neben der spannenden Handlung sind es die literarischen Register, die Ohler zu ziehen weiß, die diesen Krimi als genial erscheinen lassen. Obwohl Action und Nervenkitzel bis zuletzt reichlich vorhanden sind, zeigt Ohler, dass Nachdenken und Kombinieren nach wie vor Kerntugenden eines guten Ermittlers sind und wohl auch bleiben werden.

 

Es fällt schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Das ideale Geschenk für Menschen, denen man die besinnliche Weihnachtszeit mit Spannung auf höchstem Niveau verschönern möchte. 

 


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