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Frank-Matthias Hofmann
Johanna-Wendel-Straße 15, 66119 Saarbrücken

 

 

Matthias Freudenberg, Reformierte Theologie. Eine Einführung, Neukirchen 2011, 420 S. , 34,- Euro

 

Der frisch gebackene Saarbrücker Studierendenpfarrer, der nach wie vor Lehrbeauftragter an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal bleibt, hat im letzten Jahr eine flüssig geschrieben und gut gegliederte „Einführung in die Reformierte Theologie“ vorgelegt, die aus meiner Sicht überfällig war. Zwar gab es in den letzten Jahren einige Sammelbände, in denen die reformierte Farbigkeit des Protestantismus und deren Beiträge zu aktuellen Diskussionen in  Kirche und Gesellschaft in großen Linien dargestellt wurden: Zu nennen wären etwa der 1998 erschienene und von Michael Welker und David Willis herausgegebene Sammelband „Zur Zukunft der reformierten Theologie. Aufgaben-Themen-Traditionen“ oder die Monographie von Eberhard Busch „Reformiert. Profil einer Konfession“ von 2007. Aber eine grundlegende Darstellung, die in wesentliche Punkte der reformierten konfessionellen Farbigkeit einführt, hat bisher auf dem „Markt“ gefehlt.

 

Ausgangspunkt für Freudenberg ist, dass die aus der Reformation hervorgehenden evangelischen Konfessionen eine große Vielfalt aufweisen und diese sich über Jahrhunderte hinweg oftmals als ein ausgesprochenes Gegeneinander von unterschiedlichen kirchlichen Konzepten und divergierenden kirchlichen Selbstverständnissen dargestellt hat. Freudenberg knüpft aber bewusst nicht an diese kontroverstheologischen Traditionen an, sondern bezieht sich explizit auf die Barmer Theologische Erklärung von 1934 und die Leuenberger Konkordie von 1973, die in der evangelischen Kirche ein einheitliches Bewusstsein für den theologischen Reichtum der eigenen und auch der jeweils anderen Konfession hätten wachsen lassen.

 

Freudenberg ist daran gelegen, dass reformierte Theologie kein museal zu betrachtender Gegenstand sein will, sondern einen wesentlichen Beitrag zur Zukunft des evangelischen Christentums in seiner ökumenischen Ausrichtung liefert. Dazu bedarf es aber grundlegender Kenntnisse der Traditionen und Grundlinien der reformierten Theologie. Und so versteht der Autor seinen Beitrag als ein Lehr- und Lesebuch, aber auch als Plädoyer, „die konfessionelle Vielfalt innerhalb des Protestantismus weder mutwillig noch nachlässig einzuebnen, sondern sie als einen wertvollen Ausdruck christlichen Lebens zu schätzen. Der gegenseitigen Wertschätzung der Konfessionen versucht die Einführung dadurch Rechnung zu tragen, dass nicht primär die (vermeintlichen) Trennlinien zwischen Protestantismus und Katholizismus herausgearbeitet werden. Statt einer Darstellung und Argumentation in Abgrenzungen sollen die konfessionellen Unterschiede als Potenzial zum weiterführenden Gespräch hervortreten, Hier sind Begegnungsfelder wahrzunehmen und Räume des gegenseitigen Neuentdeckens zu erkunden“ (S. 5).

 

Der Aufbau des Buches ist dergestalt, dass zunächst eine Annäherung an die Frage „Was ist reformiert?“ erfolgt. Hier werden u.a. Die Wertschätzung des Alten Testaments, die zentrale Bedeutung der Offenbarung Gottes in Jesus Christus, der ideologiekritische Umgang mit der Hochstilisierung weltlicher Erfahrungen und Ereignisse, die Sorge um die Gestalt und Gestaltung des kirchlichen  Lebens („Kirchenzucht) sowie der ökumenische und weltumspannende Charakter der Kirche als deren Wesensmerkmal genannt. Reformiert sein  bedeute eine besondere „Art, evangelisch zu sein“: „Reformierte sollen sich nicht als innerevangelische Alternative zu Lutheranern verstehen, (und darin missverstehen), sondern ganz einfach als die konsequenteren und darin eigentlichen Lutheraner erweisen“ (Michael Beintker).

 

Im ersten Abschnitt werden dann die Anfänge reformierter Konfessionalität erkundet: „Tut um Gottes Willen etwas Tapferes“, hat Leben und Wirken von Ulrich Zwingli (1484-1531) zum Gegenstand. „Auf Jesus Christus hört!“ ruft erfreulicherweise Heinrich Bullingers (1504-1575) Werk in Erinnerung. Unter dem Motto „Wir sind Gottes Eigentum!“ wird schließlich Johannes Calvin (1509-1564) dargestellt. Danach werden in diesem Kapitel die Hugenotten und Presbyterianer thematisiert, zum einen wie sie geschichtlich entstanden sind und zum anderen wie sie theologisch und kirchlich gewirkt haben.

 

Im zweiten Kapitel greift Freudenberg bestimmte grundlegende Themen auf, die in der reformierten Tradition und Theologie eine Rolle spielen. Soli Deo Gloria – Gott die Ehre geben; reformierte Bekenntnisse und Katechismen werden vorgestellt und erklärt. Sodann folgen thematische Fokussierungen auf die Schöpfungs- und Bundeslehre, Christologie, Prädestination, Heiligung, das Geschenk der christlichen Freiheit, Ekklesiologie, Gottesdienst und Psalmengesang, das Sakramentsverständnis, das Anliegen des Bilderverbotes, Überlegungen zum Verhältnis von Kirche und Staat und Impulse aus der reformierten Theologie zur Sozial- und Wirtschaftsethik.

 

Im dritten Kapitel schließlich gibt es einige Überraschungen: Natürlich wird die Entdeckung und Neugestaltung der reformierten Theologie durch den „Kirchenvater“ des 20. Jahrhunderts, Karl Barth, beleuchtet und die Konfessionalität und Ökumenizität der reformierten Theologie am Beispiel Barmens aufgezeigt.

 

Überraschend in diesem Kapitel ist, dass vor Karl Barth ein eigener Abschnitt Philipp Melanchthon unter dem Titel „Impulse aus Wittenberg und ihre neuzeitliche Kritik“ gewidmet ist. Das hätte ich nicht unbedingt erwartet, ist doch der Theologe, Pädagoge und Humanist Melanchthon grundsätzlich dem lutherischen Zweig der Reformation zugeordnet. Aber Freudenbergs Anliegen vermittelt er überzeugend, denn das reformatorische Profil Melanchthons überschreitet die Grenzen der lutherischen Konfession. Melanchthon hat wesentliche Bedeutung für den reformierten Protestantismus und wirkt durch seinen Schüler Zacharias Ursinus indirekt auf die zentrale reformierte Bekenntnisschrift, den Heidelberger Katechismus, dessen Jubiläum 2013 gebührend gerade auch auf dem Gebiet der pfälzischen Landeskirche gefeiert werden soll.

 

Calvin und Theodor Beza hatten von Melanchthon eine hohe Meinung, auch fällt die Nähe des reformierten Theologen Friedrich Schleiermacher zu Melanchthon auf, etwa in dessen Lehrkonzentration auf die Soteriologie. Schließlich hat Heinrich Heppe (1820-1879) Mitte des 19. Jahrhunderts entscheidend zur Würdigung Melanchthons beigetragen: In seiner „Geschichte des deutschen Protestantismus in den Jahren 1555-1581“ (Marburg 1852) entfaltet Heppe die Charakteristik der deutsch-reformierten Kirche am Beispiel von Melanchthons Einfluss auf die Bekenntnisbildung in der Pfalz, Hessen und Brandenburg. Gerade die Pfälzer Kirchenreform von 1563 dokumentiere den vermittelnden Lehrtypus Melanchthons.

 

Freudenberg resümiert: „Angesichts der gelegentlich einseitigen Melanchthon-Rezeption vergangener Epochen hat eine reformierte Theologie der Zukunft Grund und Anlass, das am Menschen und seinem Heil orientierte Potenzial von Melanchthons Theologie neu wertzuschätzen. Dabei lassen sich Melanchthons Wirkungen auf Dokumente wie den Heidelberger Katechismus und die Leuenberger Konkordie als Ausdruck seiner überkonfessionellen Inanspruchnahme bedenken, die zugleich die Vielgestaltigkeit der reformierten Theologie widerspiegelt“ (S. 367).

 

Ebenfalls in diesem Kapitel überraschend und erfreulich finde ich, dass Freudenberg den zu Unrecht vergessenen  reformierten Schweizer Ethiker und Wuppertaler Hochschullehrer (und Hugenottennachfahren) Alfred de Quervain „wiederbelebt“, zählt dieser doch nach Hans Scholl zu den profilierten Charakteren der reformierten Kirche des 20. Jahrhunderts. Er folgte dem Ruf an die Niederländisch-reformierte Gemeinde 1931. Ab 1935 arbeitet de Quervain zudem als Dozent für reformierte Dogmatik an der illegalen Kirchlichen Hochschule Wuppertal; Vorlesungen wurden als Gemeindeversammlungen „getarnt“. Er arbeitete als Mitglied der Bekennenden Kirche mit Karl Barth (der Quervain zunächst als Sonderling abtat, später ihn aber wertzuschätzen lernte) die sog. „Düsseldorfer Thesen“ von 1933 aus. Ferner trägt das Bekenntnis der Freien reformierten Synode Barmen vom Januar 1934 (die entscheidend mit beigetragen hat zu dem, was dann später in der Barmer Theologischen Erklärung gesagt wurde, was leider viel zuwenig bekannt ist; man vergleiche einmal die Abschlusserklärungen!) neben der Barths auch deutlich die Handschrift Quervains. Auch seine israeltheologischen Erkenntnisse waren in der damaligen Zeit nicht gerade en vogue: Sofern die christliche Gemeinde Israel vergesse, zerstöre sie sich selbst und tue Christus Gewalt an (S. 390).

 

In diesem Zusammenhang stellt sich bei mir die einzige kleine Kritik ein: Wenn schon die Niederländisch-reformierte Gemeinde Wuppertals Erwähnung findet, wäre es auch angebracht gewesen, das Wirken von Dr. theol. Hermann Friedrich  Kohlbrügge (1803-75) in der dortigen Gemeinde anzusprechen, hat doch auch Kohlbrügge einen wesentlichen Beitrag zur reformierten Konfessionsbildung beigetragen. Zum einen hat er Predigtreihen (lectio continua biblischer Bücher) gestaltet, eine bis heute bei reformierten Predigern beliebte Predigtgestaltung, dann hat er die Theologie Martin Luthers geschätzt und ist auch von daher als ein Grenzgänger anzusehen, der gut zu dem Bemühen Freudenbergs, die Ökumenizität des reformierten Bekenntnisses hervorzuheben, gepasst hätte.

 

Auch findet sich bei dem 1825 in Utrecht Examinierten (in der Stadt in Holland also, in der viele Pfälzer Theologiestudierende ihr stipendium bernadinum absolvierten, wie z.B. der Verfasser dieser Rezension) große Wertschätzung des Alten Testaments und der Zehn Gebote, die er wiederholt auslegte. Geschichtlich interessant ist, dass die Bildung einer von Landeskirchen und Staat unabhängigen freien Gemeinde durch das Toleranzedikt 1847 durch König Friedrich Wilhelm IV. ermöglicht worden ist. Sozialgeschichtlich von Bedeutung ist, dass 1864 in Wuppertal eine neue Armenordnung in Kraft tritt, bekannt als „Elberfelder System“, nachdem 1852 der Stadtrat das Konzept der städtischen Armenpflege bewilligt hatte; richtungsweisend war dabei die Organisation der Diakonie in der Niederländisch-reformierten Gemeinde, die Modellcharakter hatte.

 

Insgesamt ist festzustellen, dass Matthias Freudenberg ein gut verständliches Buch geschrieben hat, dem viele Leserinnen und Leser zu wünschen sind. Es ist so transparent und klar gegliedert aufgebaut, dass man sich auch einzelne Themen gut einmal heraussuchen kann, die einem besonders interessieren. Auch zum Nachschlagen, um wesentliche Daten zu Leben und Werk von Calvin und Zwingli oder Karl Barth schnell zusammengefasst sich zu eigen machen zu können oder um in relativ kurzer Zeit eine Übersicht über Hugenotten und Presbyterianer zu erfahren, ist dieses verdienstvolle Buch geeignet.

 


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