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Rezension


Hermann Timm, Wie kommen wir ins nächste Jahrtausend?
Die Theologie vor dem Millennium des Geistes
Lutherisches Verlagshaus, Hannover 1998, 128 Seiten, 34,80 DM.

Karl Barth hat bekanntlich gegen Ende seines dogmatischen Arbeitens darauf hingewiesen, daß zwar sein theologisches Denken mit aller Strenge dem zweiten Glaubensartikel nachgegangen ist, er jedoch mit gleichem Recht den dritten Artikel zum zentralen Gegenstand seiner Überlegungen hätte machen können. Wie einige Veröffentlichungen zeigen, scheinen sich Theologen verstärkt auf den Heiligen Geist zu besinnen. Es seien hier nur genannt: H. Berkhof, Theologie des Heiligen Geistes, 1988; E. Herms, Luthers Auslegung des Dritten Artikels, 1987; M. Welker, Gottes Geist, 1992. So jetzt auch H. Timm. Er sieht mit der Jahrtausendwende das Millennium des spiritus sanctus anbrechen und möchte Angebote für einige passable Festgedanken über die Geistreligion machen. Geist heißt für ihn die kultivierteste Form der Werbung für akzeptables Leben. Dem Geist gehört das symbolische Reich der Mitte zwischen Fakten und Illusionen. Der Text H. Timms stellt ein vorweggenommenes theologisches Silvesterfeuerwerk des Esprits dar. Ich habe das Buch mit großer Freude gelesen, doch ging es mir damit wie mit einem richtigen Feuerwerk: Wenn sich das Knallen und Zischen beruhigt, wenn die bunten Streifen am Himmel verschwunden sind, fühle ich umso mehr die Stille und das Dunkel. Worum geht es H. Timm in seiner Beschreibung einer Geistreligion? Es geht ihm um Erdung: Es geht erstens inhaltlich um »das für religiöse Familiarisierung in der Welt leitende Dach über dem Kopf«. Ausgehend vom Begriff »oikos« wird ein religiöses Lebensweltbild gezeichnet. Ziel ist dabei eine ökumenische Erdanschauung. Es geht zweitens methodisch um »die charakteristischen Arbeitsformen des Geistes: sein Verfahren des Invertierens, Parallelisierens und Kontrastierens beim Erbauen der Bleibe.« Dabei wird »die Biographie des inkarnierten Gottes« vermittels des Kirchenjahres mit dem solaren Jahreslauf parallelisiert. Es geht drittens programmatisch um »die Erdung der Zukunftsreligion.« Die Abstammung des Geistes stehe auf »der divinen Tagesordnung«, »seine Niederkunft in die Endlichkeit der Welt in die Bedeutungsschwere des Leibeslebens.« Obwohl der Autor ein Meister der begrifflichen Arbeit und der systematischen Konstruktion ist und nebenbei auch viele einzelne spannende Überlegungen und Einsichten darstellt, ist mir der springende Punkt oder die integrierende Einheit des Ganzen leider nicht aufgegangen. Das Buch ist aber dennoch für Freunde einer geistvollen Laudatio auf den Heiligen Geist eine erfrischende Lektüre.

Dirk Kutting
Gartenfeldplatz 10, 55118 Mainz


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