Über Mörder, Verführer, Verräter und die Liebe

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Michael Behnke

Oklahomastraße 12, 66482 Saarbrücken

Marc und Tim

Marc und Tim waren seit ewigen Zeiten Freunde. Schon im Kindergarten lernten sie sich kennen und waren seitdem unzertrennlich. Die Familien der beiden wohnten in derselben Straße, und so war es ganz selbstverständlich geworden, dass Tim oft im Hause von Marc und Marc im Hause von Tim ein und aus gingen. Auch die Urlaube verbrachten sie miteinander, mal mit der einen, mal mit der anderen Familie. Zusammen wechselten sie auch von der Grundschule auf dasselbe Gymnasium, wo sie wieder in derselben Klasse nebeneinander saßen.

Die harmonische Freundschaft wurde sehr lange nicht getrübt. Doch eines Tages, sie waren beide in der 12. Klasse, kam eine neue Mitschülerin in ihren Stammkurs. Chiara, so hieß sie, kam mit ihrer Familie aus Italien, wo ihr deutscher Vater lange lebte und wo er eine Italienerin heiratete. Da Chiara in eine deutsche Schule in Italien ging, sprach sie fließend Deutsch mit einem kleinen italienischen Akzent. Chiara war nicht nur hinreißend schön, sondern verfügte auch über ein überschäumendes Temperament. Ihre großen braunen Augen strahlten und ihr fröhliches Wesen brachte auf einmal neues Leben in die eher tröge deutsche Kursgemeinschaft. Tim und Marc waren wie verzaubert und verliebten sich sofort in Chiara; und diese ließ sich die Aufmerksamkeit ihrer beiden Verehrer gerne gefallen, so dass sie bald immer zu dritt unterwegs waren. Doch eines Tages verliebte sich Chiara in Marc und die beiden wurden ein Paar. Tim war dadurch zutiefst verletzt und in ihm entflammte eine schmerzliche Eifersucht, die immer stärker in ihm brannte. Da Chiara jedoch den Kontakt mit Tim nicht verlieren wollte, traf sie sich ab und zu mit Tim ohne Marc, und sie gingen in ein Eiscafé oder bummelten gemeinsam durch die Stadt. Doch für Tim waren diese Treffen bedeutsamer als für Chiara, die nur die Freundschaft mit ihm nicht verlieren wollte. In Tim hingegen keimte die Hoffnung auf, dass sich Chiara vielleicht nun ihm zuwenden würde.

In den Sommerferien, als Chiara mit ihrer Familie zu den Großeltern nach Italien fuhr, verbrachten Tim und Marc wieder miteinander ihre Zeit am nahe gelegenen Weiher, an deren Ufer Tims Familie ein Wochenendhaus besaß. Da sich Tims Vater auf einer Geschäftsreise befand, waren nur seine Mutter, er und Marc in der kleinen Hütte. Marc und Tim verstanden sich wieder prächtig, allerdings lag nun ein dunkler Schatten auf ihrer Freundschaft, der die alte Unbefangenheit von früher nicht mehr aufkommen lassen wollte.

An einem Morgen gingen sie sehr früh an den Weiher um dort zu angeln. Zu dieser Zeit war keine Menschenseele dort zu finden. Sie saßen eine Weile still nebeneinander, jeder seine Angelrute in der Hand, bis auf einmal Tim ein Gespräch über Chiara anfing und Marc von den gemeinsamen Treffen berichtete. Tim schilderte diese Begegnungen in so übertriebener Weise, dass Marc den Eindruck gewann, dass Chiara ihn mit Tim betrogen haben musste. Ein wütender Streit begann, der sich in eine wilde Prügelei steigerte, bei der Tim einen Stein zu fassen bekam, mit dem er Marc niederschlug. Beim Hinfallen krachte dessen Kopf zudem auf eine Betonkante des Steges, so dass es hörbar laut knackte. Tim beugte sich sofort zu Marc nieder, rief ihn an und schüttelte ihn. Als er den Puls fühlen wollte, war nichts mehr zu spüren. Er presste sein rechtes Ohr auf Marcs Brust, doch er konnte sein Herz nicht mehr schlagen hören. Tim geriet in Panik und in seiner Verzweiflung band er einen schweren Stein um Marcs Hals und zog dessen Körper an eine tiefe Stelle des Teichs, wo der leblose Körper langsam auf den Grund des Sees versank. Als er sich etwas beruhigt hatte, ging er zur Hütte zurück, wo er seiner Mutter erzählte, Marc wäre nach Hause gegangen, weil er dort etwas mit seiner Schwester unternehmen wollte.

Einige Tage später fanden Angler Marcs Leichnam. Die Polizei wurde eingeschaltet und deren Ermittlungen konzentrierten sich sehr schnell auf Tim. Als Tims Mutter bemerkte, dass sich die Schlinge um den Hals ihres Sohnes immer enger zusammenzog, ging sie zur Polizei und gestand den Mord an Marc. Sie legte ein umfassendes Geständnis ab, das zu den Fakten passte, die die Kripo ermittelt hatten. Der Fall wurde an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, Tims Mutter kam in Untersuchungshaft. Der Fall schien eindeutig, eine Verurteilung war abzusehen…

Eine Unschuldige übernimmt stellvertretend die Strafe für einen Schuldigen. Aus Liebe und großer Sorge um das Leben und die Zukunft ihres Kindes opfert eine Mutter ihre Lebenszeit, ihren Ruf und die Integrität ihrer bürgerlichen Existenz um für ihren Sohn die Schuld zu übernehmen. Tim ist dadurch von jedem Verdacht befreit, seine Unschuld ist erwiesen und er steht gerecht und als Gerechtfertigter da – und das ohne jedes Zutun seinerseits, einfach „gratis“.

„Aber das geht doch nicht!“ Haken hier meine Schüler ein. „Er muss doch für seine Tat bestraft werden! Was, wenn er wieder jemanden umbringt?“ Das Bedürfnis nach Gerechtigkeit und gerechter Strafe scheint uns allen „angeboren“ zu sein. Es geht hier doch auch um den Schutz der Allgemeinheit vor einem erwiesenen Mörder. Ihn frei zu wissen, das macht uns Angst!

Andere Schüler fragen tiefer: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Tim damit psychisch klarkommt. Er hat gerade seinen besten Freund umgebracht und seine Tat frevlichst vertuscht, und nun soll er auch noch akzeptieren, dass seine eigene Mutter die Strafe dafür auf sich nimmt? Verdoppelt er dadurch nicht seine Schuld, indem er nicht nur den Mord, sondern auch noch die Strafübernahme seiner Mutter und der damit verbunden Skandal um sie vor seinem Gewissen verantworten muss? Wie soll man damit leben“

Die Schüler haben Recht! Tims Freiheit von Schuld und seine Unbescholtenheit beschreiben ja nur einen äußerlichen Zustand: Aufgrund der Tat seiner Mutter gilt er vor den Menschen und dem Gesetz als gerecht. Die Frage, wie er dies alles innerlich verarbeitet, ist davon gänzlich unberührt. Wenn er nun kein Soziopath ist, wovon wir ausgehen sollten, dürfte es um sein Inneres wahrlich nicht gut bestellt sein. Sich klarzumachen, dass er imstande war, seinen besten Freund aus reiner Eifersucht und Wut zu erschlagen und dessen Leiche schmählich zu beseitigen, danach zu lügen und jeden zu täuschen, dürfte ein sehr schmerzlicher Prozess der Selbsterkenntnis sein: „Wie elend und nichtswürdig, wie feige und verantwortungslos bin ich doch! Ich bin es nicht mehr wert, ein Mensch genannt zu werden!“ Und trotzdem kämpft er verbissen um einen Rest von Selbstachtung, der darin besteht, dass er wenigstens nach außen hin als unschuldig gelten mag. Und nun übernimmt seine Mutter die Schuld für ihn. Einfach so! Er hätte sie nie darum gebeten.

In der Regel dürfen wir nun annehmen, dass Tim seine Tat gestehen wird. Es geht nicht darum, dass er die Schuldübernahme seiner Mutter nicht annehmen möchte, um nicht an einer doppelten Schuld leiden zu müssen. Nein, der Beweggrund ist viel positiver. Er, der an sich selbst Verzweifelte, der sich als Versager und als nichtswürdigen Menschen sieht, erkennt nun an der Tat seiner Mutter, dass sie ihn nicht verurteilt hat, sie glaubt weiter an ihn, liebt ihn mehr als ihr eigenes Leben, vergibt ihm seine Schuld, sosehr sie sie auch verabscheuen mag. Da ist also jemand, der viel mehr in mir sieht, als ich selbst. Da ist jemand, der mir etwas vergibt, das ich mir selbst nie vergeben könnte. Da ist jemand, der mir durch sein selbstloses Handeln zeigt, dass sie versöhnt ist mit mir, dass Frieden ist zwischen uns beiden, weil sie mich so sehr liebt. Da ist jemand, der gerade jetzt in dieser schlimmen Zeit zu mir stehen wird, egal was da komme!

In der Folge stürzt sein mühsam errichtetes Verteidigungs- und Lügengespinst in sich zusammen wie die Mauern von Jericho und er kann seine Verantwortung und Strafe innerlich frei auf sich nehmen. So könnte die Geschichte ausgehen.

Kreuz und Rechtfertigung: Ein „alter Hut“

Es lässt sich unschwer erkennen, dass die Geschichte von „Marc und Tim“ in Analogie zum theologischen Topos „Kreuz und Rechtfertigung“ geschrieben wurde. Manche werden wohl meinen, das sei reichlich weit hergeholt, jedoch wer eifrig TV-Krimis sehen sollte, dem wird das Motiv der „Stellvertretung aus Liebe“ schon oft begegnet sein [1]. Daran kann man sehen, dass der Gedanke der „Stellvertretung“ kein Proprium der Theologen ist.

Ich will hier aber auf einen ganz bestimmten Punkt aufmerksam machen: In der Rechtfertigungslehre bleibt mE die oben beschriebene „innere Wandlung“ Tims durch die erfahrene Liebe seitens der Mutter vollkommen unterbelichtet. Dass wir im Glauben an das Heilswerk Christi am Kreuz unsere Schuld vergeben bekommen, dass wir dadurch gerecht und versöhnt mit Gott sind, haben wir ja alle mal gelernt, und wir plappern diesen Satz nach „wie die Heiden“, wenn wir danach gefragt werden. Dabei beschreibt das Rechtfertigungsgeschehen lediglich einen äußeren Zustand: Aufgrund Seiner stellvertretenden Schuldübernahme sind wir nun schuldlos und gerecht „allein aus Gnade“. Nur wie gehen wir innerlich damit um? Fühlen wir uns denn überhaupt schuldig vor Gott und den Menschen? Fühlen wir uns von einer quälenden Last befreit, sind wir beschämt und freudig zugleich ob dieses Heilsgeschehen? Wohl eher nicht! Oder doch?

Dass da viel Schuld in der Welt ist und vor unserer Haustür passiert, sehen wir ja wohl alle, jedoch sind wir daran schuld? Fühlen wir uns in unserer satten Bürgerlichkeit nicht vielmehr mit fast allem und jedem im Reinen? Wozu also noch diese ulkige Lehre von einer Rechtfertigung des Sünders allein durch Gnade? Und wozu – bitteschön – brauchen wir dazu noch dieses unappetitliche Sühnegeschehen am Kreuz, wo ein brutaler Gott seinen eigenen Sohn opfert für die Schuld der Menschen? Will Gott Menschenopfer? Gründet Gottes Liebe in Sadismus gegenüber dem Sohn? Konnte Gott das nicht eleganter lösen? Ist Gottes Liebe und Gnade nicht viel besser im Gleichnis vom verlorenen Sohn ausgedrückt? Der Vater nimmt ohne jede Vorbedingung und voller Freude den Ausreißer wieder in sein Haus auf und schmeißt ne Party. Da wird kein Sohn geschlachtet, sondern nur das Mastkalb, damit es allen gut schmecke beim fröhlichen „wellcome dinner“! Dazu will ich zwei weitere Geschichten erzählen:

Tolstoi – Auferstehung

Tolstoi erzählt in seinem Buch „Auferstehung“ die Geschichte des Fürsten Nechljudow. Als junger Mann besucht dieser während der Sommerfrische seine beiden Tanten auf dem Lande. Dort trifft er auf die schöne und charmante Waise Katja, die von den Tanten aufgenommen wurde und bei der Bedienung hilft. Beide verlieben sich sofort ineinander. Einige Jahre später kommt Nechljudow wieder in das Haus der Tanten und entflammt erneut für Katja. Jedoch bedrängt er sie diesmal und schläft mit ihr. Am nächsten Tag gibt er ihr Geld und verabschiedet sich brüsk, ohne jemals wieder zurückzukehren. Katja wurde aber schwanger. Als die Tanten es merken, werfen sie sie aus dem Haus. Katja versucht in mehreren Stellungen Fuß zu fassen. Vergeblich! Immer wieder sieht sie sich von den jeweiligen Hausherren bedrängt und flieht deshalb. Das Kind stirbt kurz nach der Geburt. Kurze Zeit später landet sie in einem Bordell und arbeitet dort mehrere Jahre.

Nechljudow hingegen genießt sein reiches privilegiertes Leben in den höchsten Kreisen. Nach dem Tod der Mutter übernimmt er das riesige Erbe und ist dabei eine Frau aus besten Kreisen zu ehelichen. Sein Glück scheint perfekt! Ehrenamtlich arbeitet er als Geschworener am Gericht. Als er eines Tages in dieser Funktion wieder bei Gericht ist, findet er Katja als Beschuldigte auf der Anklagebank. Mittels einer Intrige wurde sie beschuldigt, einen Gast vergiftet zu haben.

Während der Verhandlung erinnert er sich an seine Beziehung zu Katja und ihm fällt es wie Schuppen von den Augen. Innerlich zerknirscht versteht er: Nicht sie müsste auf der Anklagebank sitzen, sondern er, denn er hatte es erst möglich gemacht, dass Katja in diese Lage geriet. In Nechljudow vollzieht sich in der Folge eine innere Wandlung. Voller Selbstvorwürfe und Reue beschließt er sein Leben zu ändern und es ganz in den Dienst von Katja zu stellen. Zunächst kann er zwar nicht verhindern, dass sie unschuldig verurteilt  und zu vier Jahren in Sibirien verurteilt wird.  Doch er setzt nun seine ganze Macht und Geld ein, um das Urteil revidieren zu lassen. Er besucht sie fast täglich im Gefängnis, obwohl sie das nicht will und sie ihn zum Teufel schickt. Er verspricht ihr die Ehe und steht auch in der Öffentlichkeit dazu, die konsterniert über diese „Romanze“ den Kopf schüttelt. Er verschafft ihr Erleichterungen in der Haft, besticht zahllose Wärter und Offiziere und folgt ihr schließlich in die Verbannung nach Sibirien.

Tolstoi nennt die innere Wandlung Nechljudows „Auferstehung“. Ein Leben, das fast ausschließlich den sinnlichen und gesellschaftlichen Freuden sich hingab und keinen Lockungen widerstand, verwandelt sich durch innere Reue in eine „geistige Existenz“, wie es Tolstoi nannte. Die Anerkenntnis der eigenen Schuld gegenüber Katja und aller schlimmen Folgen, die für sie daraus erwuchsen, macht ihn zu einem neuen Menschen, dessen alleiniger Sinn nunmehr darin besteht, ihr zu dienen. Dabei kümmert er sich auf ihre Bitte hin auch um viele andere Gefangene, deren Schicksal er mittels seiner Kontakte erleichtern kann. Das Gefühl der Vergebung fühlt er nie direkt, obwohl Katja ihn insgeheim wieder liebt. Allerdings entspannt sich ihr Verhältnis immer mehr und er wird innerlich ruhiger.

Für eine verurteilte Hure seine glänzende Zukunft aufzugeben? Kein Gericht hätte jemals Nechljudow für seine Schuld an Katja verurteilt. Hier gibt und gab es keine gesetzliche Grundlage, wie es oben bei Tim der Fall war. Es geht hier allein um persönliche Schuld, die nur von dieser Person verantwortet werden muss. Nechljudow sieht sich von seinem Gewissen verurteilt, seinem alten Leben das Todesurteil zu sprechen und ein neues Leben der sühnenden Buße zu gehen. Dadurch kam er mit dem Elend von vielen Menschen in Berührung, das er im Auftrage Katja so weit als möglich zu lindern half. Seine Empörung über soviel Unrecht, das diese Geschöpfe im Namen einer korrupten Gesellschaft zu leiden hatten, wich immer mehr einem Mitleiden mit diesen Menschen, die ihr Schicksal als oft unschuldig Verurteilte meist leichter annahmen, als er es verstehen konnte. Auf diesem neuen Weg des selbstlosen Dienens hat er seinen, von allen gesellschaftlichen Kräften geförderten und bejahten Egoismus überwunden und lebt nun ganz für die Gefangenen. Er erkennt dabei, dass sowohl die Strafgefangenen als auch die politisch Verurteilten eigentlich nur aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse in ihre Lage gerieten. Bei den „Politischen“ trifft er viele aus hohen gesellschaftlichen Kreisen. Alle haben sich aus Edelmut und Empörung für die Belange des geknechteten Volkes eingesetzt, indem sie alle Privilegien dafür aufgaben. Sie durchlebten wie Nechljudow eine „Kenosis“ im Sinne Phil 2: Sie gaben ihr Herr-Sein auf und wurden „Knechte“ für die entrechteten Menschen. Dafür akzeptierten sie auch Strafe und Erniedrigung. Dagegen sieht Nechljudow in den regierenden Kreisen allein einen brutalen Egoismus am Werk. Der Dienst dieser Menschen geschieht allein im Interesse des persönlichen Strebens.

Kurzum: Durch seine Auferstehung, sieht Nechljudow, dass die Welt in der Sicht eines geistlichen Verstehens „verrückt“ ist. Sie steht auf dem Kopf. Schuld im Sinne des menschlichen Gesetzes und Schuld im Sinne des göttlichen Gesetzes stehen diametral entgegen.

Saulus von Tarsus

„Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ (Apg 9,4) In dieser Theophanie „stirbt“ der rigoristische Pharisäer [2] und brutale Christenverfolger Saulus und es beginnt das neue Leben des christlichen Heidenapostels Paulus. Auch hier handelt es sich demnach um eine Auferstehung im Sinne Tolstois!

Saulus kommt in Tarsus als Spross einer begüterten jüdischen Familie in der Diaspora zur Welt. Da er schon als römischer Bürger geboren wird, muss dieses äußerst kostspielige Bürgerrecht schon mindestens eine Generation im Besitz seiner Familie sein. Als junger Mann geht er nach Jerusalem und wird Schüler des Pharisäers Gamaliel. Dabei wendet er sich der rigoristischsten Gruppe innerhalb des Pharisäismus zu und wird ein Eiferer – heute würden wir sagen „militanter hardliner“ – für das jüdische Gesetz. Von Anfang an ist er entschieden gegen das Christentum. Er ist  dabei, als Stephanus gelyncht wird, nimmt aber nicht an der Steinigung teil. Danach verfolgt er mit größtem Einsatz den „neuen Weg“ der Christen und bringt viele ins Gefängnis. Ob er Schuld am direkten Tod von Christen hat, ist unbekannt. Dennoch dürften mittelbar durch sein Wirken auch Christen ihr Leben verloren haben.

Auf dem Weg nach Damaskus, wo er wieder Christen gefangen setzen wollte, kommt es zur erwähnten Theophanie. Blind wird er nach Damaskus geführt, wo er von einem Christen besucht wird. Bald danach lässt er sich taufen und beginnt sofort mit seiner Missionstätigkeit.

Radikaler kann man sich eine Wandlung nicht vorstellen: Er verliert mit einem Schlag alle seine vielfältigen Bindungen zum Judentum, dessen Grundlage, das Gesetz, er jetzt „verrät“ und deren Anhänger ihn von nun hassen und verachten werden, andererseits begegnen ihm die Christen mit Misstrauen und äußerster Vorsicht. Das Elend, das er über sie brachte, werden die meisten ihm nie vergessen. Saulus ist sich jedoch seiner Situation bewusst, aber für ihn geschieht sein Wandel nicht von ihm aus, sondern er sieht sich von Christus selbst als „Sklave“ in Dienst genommen. Viel radikaler als bei Nechljudow führt ihn seine Wandlung in die „Kenosis“: Er gibt sein bisheriges Herr-Sein auf, verzichtet auf alle Privilegien und wird zum „Knecht“ für Christus. Giorgio Agamben [3] weist in diesem Zusammenhang auf den Namenwechsel hin, denn nachdem er seinen königlichen Namen „Saulus“ ablegt, nimmt er den Knechtsnamen „Paulus“ an, was übersetzt „der Kleine, der Geringe“ bedeutet. Entsprechend nennt er sich in 1.Kor 15,9 als „den kleinsten/geringsten (elachistoi) der Apostel“. Der neue Name wird somit äußeres Zeichen seiner Berufung, die er als „Erniedrigung“ um Christi Willen versteht. Der „ebed“ (Knecht) der Gottesknechtslieder (Jes 42-53) des AT klingt hier an: Der von Gott berufene Knecht führt ein unscheinbares, von Leiden und Verachtung geprägtes Leben, wird aber gerade dadurch „die Vielen erlösen“. Wenn Paulus mit seinem ganzen Leben daran erinnern will, bedeutet „Sklave/Knecht-Sein“ nichts anderes als „messianische Existenz“ in der Nachfolge des Herrn.

Aus Apg ist nicht erkennbar, ob er seine Wandlung als eine Sündenvergebung im Sinne der Rechtfertigungslehre erlebt hat. Die Beschreibung bleibt äußerlich: Die Sündenvergebung erfolgt bei ihm einfach durch die Taufe. Wichtiger ist wohl die Berufung, die er aus dem Munde Hananias erfährt: „Dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug!“ (Apg 9,15). Allerdings geht aus seinen Briefen deutlich hervor, wie wichtig für ihn das Problem von Gnade und Vergebung gewesen ist. Darum muss man annehmen, dass er seine Wandlung als Gnade der Berufung und der Vergebung erfahren hat, denn dies wird sein Lebensthema sein, predigt er doch von nun an die „Freiheit des Glaubens vom Gesetz“ (Gal 5) und die „Vergebung aus Glauben allein“ (Röm 3,21-31). Dabei wird das Kreuz für ihn zum zentralen Heilsgeschehen, denn hier endet die „Kenosis“ des Christus in der tiefsten Entäußerung, nämlich im Tode Gottes am Kreuz, des Gottes, der für die Menschen „Knechtsgestalt“ angenommen hat (Phil 2,6-8).

Betrachtet man das Leben des Apostels nach seiner Berufung, so ähnelt es einem geradezu besessenen und rastlosen Leben der tätigen Buße. Nicht er entscheidet, nein Christus drängt in ihm (2.Kor 5,14), nicht er lebt mehr für sich, nein Christus lebt in ihm (Gal 2,4). Er erträgt unzählige Leiden, Verfolgungen und Verleumdungen, allein um das Evangelium soviel Menschen als möglich zu bringen.

Ähnlich wie bei Tim und Nechljudow wird bei Paulus deutlich, dass das äußere Rechtfertigungsgeschehen in der Vergebung der Sünden durch Gott innerlich zu einer Wandlung des ganzen Menschen führt. Gegenüber Gott sind Sünden bleibend vergeben, mit Ihm ist durch Christus alles im Reinen, von Seiner Liebe kann uns niemand trennen (Röm 8,38f). Bestimmte der Tod seit Adam als „Sünde Sold“ unser Leben, so ist nun durch die Hinwegnahme der Sünde uns neues, ewiges Leben verheißen.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille, denn die Vergebung von Gott her, die im Kreuz ein für alle Mal geschehen ist, betrifft allein das Verhältnis Gott – Mensch: Hier herrscht Versöhnung und Frieden. Aber für den Glaubenden ergibt sich nun eine andere Schuld, nämlich die, allen Menschen immer die gegenseitige Liebe zu geben. Und wie diese Liebe strukturiert ist, hat sich am Kreuz entschieden: Wir sollen stellvertretend für alle, die sich selbst nicht mehr helfen können, Verantwortung und Fürsorge übernehmen. Wir sollen nicht nur aus Vergebung leben, sondern sie immer wieder an unsere Mitmenschen weitergeben, wir sollen in allen möglichen Konflikten Versöhnung predigen und bewirken, sollen mit allen in Frieden leben und sollen allen Trauernden und Bedrückten stets neuen Mut zum Leben machen und: Wir sollen den Menschen das Evangelium weitersagen, denn dies ist der Grund von allem!

Der Zusage des Heils, folgt die Beauftragung im Sinn des Heils, dem Indikativ folgt der Imperativ, der Gabe folgt die Aufgabe. Dem Zuspruch der Vergebung allein aus Glauben muss eine innere Wandlung im Sinne dieser Gabe folgen, die nun als Aufgabe das neue Leben bestimmen wird. Eigentlich ein alter Hut das alles! Ganz einfach nur das kleine „Einmaleins“ christlicher Dogmatik!

Kreuz und Liebe oder das Kreuz mit der Liebe

Wir kommen zur Ausgangsfrage zurück: Beschreibt das Kreuzesgeschehen weiterhin das zentrale Heilsereignis im Christentum und kann es uns heute noch Wege zu einem christlich motivierten Leben zeigen?

An den drei Geschichten habe ich ja schon versucht, Argumente dafür zu finden: Am Kreuz wird Gottes Heilshandeln für uns Sündern gerade in seiner umfassenden Liebe für die Menschen und seine Schöpfung in Stellvertretung, Vergebung, Versöhnung, Frieden und in der Verheißung auf ein ewiges Leben offenbar. Diese Liebe soll nun unsere Liebe entzünden, soll uns zu einer „Kenosis“ von unserem alles bestimmenden Egoismus führen und im Sinne von Stellvertretung, Vergebung, Versöhnung, Frieden und Lebensmut gelebt werden als „Sklave/Knecht-Sein“ für Christus und die Menschen.

Gerade an diesem Nacheinander von Heilsgeschehen und Indienstnahme des Menschen wird der Unterschied zu den Verkündigungen Jesu während seines Wirkens deutlich: Im „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ wird zwar das Heilsgeschehen von Liebe Gottes, Vergebung, Versöhnung und Frieden dargestellt, doch bleibt die Frage offen, was denn dieser begnadete „Lauser“ nun im Haus Gottes tun soll. Andererseits kann man zB vom „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“ und der „Bergpredigt“ sehr gut eine christliche Ethik ableiten. Allerdings bleibt offen, wie Menschen zur Feindesliebe befähigt werden sollen, bevor ihnen am Kreuz Gottes Liebe sogar gegenüber den Menschen offenbar wird, die ihn gekreuzigt haben, also gegenüber seinen Feinden.

Es bleibt dabei: Am Kreuz auf Golgatha hat in der Geschichte des Menschen ein definitiver Wechsel stattgefunden: Aus dem Todeszeichen, dem Hinrichtungsinstrument Kreuz wurde ein Lebenszeichen. Aus der Sündenschuld aller Menschen vor Gott wird nun eine Liebesschuld aller Menschen füreinander. Der Schuldbegriff wird ähnlich wie das Kreuz ins Positive gewendet: Die Schuld der Liebe lässt frohe und lebendige Gemeinschaften entstehen, in denen alle füreinander einstehen sollen. Die Schuld der Liebe lässt sich nicht verrechnen, wie eine Geldschuld: Sie bleibt ein Leben lang Gabe und Aufgabe. Die Schuld der Liebe lässt sich nicht ablösen wie ein Kredit, denn sie ist ja Schuld im positiven Sinne: Aktiva und Passiva in einem. Insofern sind wir Christen auf ewig „verschuldet“, und darüber sollten wir uns freuen, Denn unsere Schuld steckt ja in allen menschlichen Beziehungen, die wir haben und die wir eingehen werden; sie ist Grundlage, „Kapital“, [4] aller menschlichen Gemeinschaft. In diesem Sinne schreibt Paulus: „Bleibt niemandem etwas schuldig, nur die Liebe schuldet ihr einander immer!“ (Röm 13,8).

Erst wenn wir uns dieser Liebesschuld entziehen, werden wir schuldig vor Gott, der uns aber bleibend in seiner Vergebung für diese Liebeschuld öffnen möchte. Auch dürfte diese Liebesschuld uns eigentlich nicht überfordern, denn wir haben ja selbst bleibend Anspruch auf die Liebe unserer Mitmenschen. So dürfte ein ständiger Ausgleich stattfinden.

Es hängt also alles an der Liebe. Darum muss die nun abschließende Frage lauten: Wie liebesfähig sind wir eigentlich? Nun ja, die Liebe hat weiterhin Hochkonjunktur: Sie wird besungen von Pop bis Oper, Liebesgeschichten kann man sich täglich anschauen oder erlesen, jede Nacht sitzen tausende von Singles voller Sehnsucht vor ihrem PC und suchen nach „Mr. oder Mrs. Right“. Wir lieben unsere Freunde, unsere Familie und Kinder usw. Jedoch handelt sich hier um die exklusive Liebe der „Erotik“ oder „Philia“. Jesus dürfte diese Formen auch geschätzt haben, doch waren sie für ihn nichts Außergewöhnliches: „Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn erwartet ihr dafür? Tun das nicht auch die Zöllner?“ (Mt 5,46). Das „perisson“, das „darüber Hinausgehende“, das „Vollkommene“ sah er hingegen in der universalen Menschenliebe, der „Agape“, die auch Feinde und Fernste mit einschloss. Diese Liebe ist uns aber nicht „von Natur“ aus gegeben wie Erotik oder Philia, nein, diese Liebe ist selbst eine Frucht des Glaubens; sie ist somit „vom Glauben“ her geschenkt (Gal 5,6). An ihr entscheidet sich letztendlich, wie stark unser Glaube ist.

Wie sieht es aus mit der Agape bei uns? Eigentlich haben wir das im Rahmen der Arbeitsteilung recht gut hin gekriegt. Der Diakonie und der Charitas hat man sie übergeben, die es professionell machen und mit dem Staat abrechnen. Luther hat uns gelehrt, dass wir durch unsere Berufsarbeit die geschuldete tätige Nächstenliebe während der Woche leisten, und das reicht dann auch. Irgendwann ist Feierabend! Für den Rest spenden wir mal ab und zu etwas, sagen „Guten Tag“ und verschenken manchmal unser Lächeln. Ansonsten schenken wir unsere Liebe unseren Freunden und Liebsten, was Jesus nicht gerade vom Hocker reißen dürfte. Kurz: Unsere Agape ist lauwarm bis kalt geworden. Entweder haben wir sie delegiert an entsprechende Einrichtungen oder wir zahlen widerwillig mit kleiner Münze. Dass wir unseren Glauben dagegen im Gottesdienst nur noch feierlich „bekennen“ und sonst fast nichts, lässt selbst die Eifrigsten herzhaft gähnen. Bonhoeffer nannte dies mit Recht „billige Gnade“!

Der tschechische Ökonom Thomas Sedlacek vermutet in diesem Zusammenhang, dass ein starkes emotionales Engagement im Sinne der Agape in der Industriegesellschaft überhaupt nicht erwünscht ist: „Für eine effektive wirtschaftliche Produktion, für das Wohl der Gesellschaft, reicht es, Mitglied eines Teams zu werden, ohne größeres emotionales Engagement.“ [5] Will man aber etwas Grundlegendes verändern, will man gegen den Mainstream ankämpfen, dann braucht es eine starke Liebe und Freunde, auf die man sich auch dann noch verlassen kann, wenn für niemanden mehr etwas Positives zu erwarten ist. Wir ziehen dagegen die lauwarme Beziehung zu unseren KollegenInnen vor. Sie verpflichtet zu wenig. Dennoch: eine Menschenliebe, die begeistert und trägt gibt es immer wieder. Und wir verehren jene, die sie uns vorgelebt haben: Jesus, Franziskus, Gandhi, Bonhoeffer, Albert Schweitzer, M. L. King, Mutter Teresa, Abbè Pierre, Roger Schutz, Coluche, Mandela u.v.a.

Eine Ahnung, ein kleiner Rest von Menschenliebe scheint demnach doch in uns zu wohnen! Der Mythenforscher Joseph Campbell [6] erzählte dazu eine Geschichte: Eine Polizeistreife patrouillierte abends in New York. Als die beiden Polizisten auf der Brooklyn Bridge fuhren, sahen sie eine Gestalt auf der Brüstung stehen. Offenbar ein Selbstmörder! Der beifahrende Polizist stürzte aus dem Wagen und lief auf den Mann zu. Gerade als er vor ihm stand, sprang dieser los. Im letzten Moment konnte der Polizist den Arm des Mannes erwischen und festhalten. Der Selbstmörder war aber so schwer, dass der Polizist nun seinerseits über die Brüstung gerissen wurde. Mit der freien Hand und den Füßen konnte er sich gerade noch retten. So hielt er in der einen Hand den Mann und mit der anderen sich selbst. Endlich kam sein Kollege und zog beide hoch.

Nach dieser Rettungsaktion fragte ein Reporter den Polizisten, warum er sein Leben aufs Spiel setzte für jemanden, den er gar nicht kannte. Die Antwort des Polizisten: „Wenn ich ihn nicht hätte retten können, hätte mein Leben keinen Sinn mehr gehabt!“

Eine erstaunliche Geschichte! Ein „Wunder“? Jedoch gibt es mehr von solchen Geschichten, als man glauben möchte. So berichten Soldaten, Feuerwehrleute, Polizisten, Rettungssanitäter, Ärzte, Bergretter, aber auch einfache Menschen, die in einer Ausnahmesituation menschlich Großes geleistet haben immer wieder von solchen Ereignissen, in denen sie für vollkommen Unbekannte ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, wo sie jedes Eigeninteresse und jeden Selbstschutz aufgaben, um sich ganz für den in Todesgefahr Schwebenden hinzugeben. (Ich denke z.B. an all jene, die während des Krieges Juden oder andere Verfolgte bei sich versteckt haben.) Das alles ist Agape!

Schopenhauer hat dieses Phänomen einmal sehr schön erklärt. Er sagte, dass im Augenblick der Selbstopferung überhaupt keine Zeit mehr sei, darüber nachzudenken, was wir da tun. Denn gerade im spontanen Handeln des Rettenden bricht eine metaphysische Einsicht durch, „dass der andere Mensch, der in Gefahr ist, gar kein anderer ist, sondern dass ich selbst es bin oder dass der andere ein Aspekt von mir selbst ist… Jedenfalls bricht hier eine spontane Intuition durch, die in der Einsicht von der Einheit allen Lebens gipfelt.“ [7]

Dieser Gedanke führt uns zurück ins NT, denn auch dort entdecken wir selbstloses und spontanes Handeln. Im „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“ hilft der Samariter, weil „ihm sein Herz vor Mitleid aufging“ und er dabei seine Angst vor den Räubern oder seine eigenen Interessen vergisst. Er sieht in diesem hilflosen, nackten „anthropos“, Menschen sich selbst und tut alles, um die Not zu wenden. Der Priester und Levit hingegen sind wohl eher mit ihren Interessen beschäftigt: Blutgenuss macht kultisch unrein, wir sind für die Opfer am Tempel, also die Gottesliebe zuständig, nicht für die Nächstenliebe. Da soll sich ein anderer drum kümmern!

Im „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ reagiert der Vater wie der Samariter: Als er den Sohn sieht, „geht sein Herz auf in Mitleid“ [8], spontan lässt er ihm Geschenke bringen und geht ihm freudig selbst entgegen. Der ältere Sohn hingegen ist wütend und denkt wesentlich rationaler: Dieser Nichtsnutz soll erstmal Rechenschaft ablegen! Was ist denn mit dem ganzen Geld passiert, für das ich heute noch schuften muss? Und du schmeißt ihm auch noch einen goldenen Ring und das Mastkalb hinterher! Wo hat er sich denn herumgetrieben, bei den Huren? Und für so einen machst du eine Party?

Unser rationales Denken und die christliche Agape – das gilt aber auch für jede Art von Liebe! – stehen also in einem prinzipiellen Widerstreit. Unsere Ratio – „ratio“ hieß übrigens ursprünglich „Rechnung“ [9] – erwägt nur kühl die Vor- und Nachteile einer Handlung im Bezug zu unseren eigenen Interessen. Agape hingegen entsteht intuitiv in unserem „Herzen“ und lässt uns spontan, sozusagen: aus dem Bauch heraus handeln. Die universale Nächstenliebe, wie sie Jesus gepredigt und vorgelebt hat, fließt aus dem Herzen und äußert sich in Mitleid, Empathie und Verständnis, aber auch in Vergebung, stellvertretende Fürsorge, in Versöhnung und Frieden. „Sie sucht nicht ihren Vorteil!“ (1.Kor 14,5) Da Gott selbst Agape ist, sind wir ihm nur nahe, wenn wir in dieser Liebe bleiben (1.Joh 4,16).

Das Übergewicht der kühlen Rationalität, wie sie uns in Schulen und Ausbildung nicht nur gelehrt, sondern regelrecht eingetrichtert wird, bestimmt dagegen unseren Alltag in der Moderne. Die Bedürfnisse des „Herzens“ werden ins „Private“ verschoben. Doch da sitzt ja schon seit einiger Zeit die „Religion“, wenigstens hat man sie dorthin verwiesen. Im Verständnis der Moderne ist sie dort am rechten Platz, und so drängeln sich Emotio und Religio in trauter Zweisamkeit mit traurig schmollendem Antlitz am heimischen Küchenherd. Hier ist es warm, hier wird gekuschelt, hier darf man Mensch sein! Doch draußen weht der Wind so kalt!

Mir geht es wie Nechljudow: Irgendwie ist die Welt verrückt! Das Wichtigste, das was uns leben lässt, wird in eine Ecke, ins Private abgeschoben. In der Welt der Arbeit und Produktion  regiert dagegen eine kühle bis kalte Ratio, die allein Interesse geleitet uns Menschen am liebsten in effektive emotionslose Maschinen verwandeln möchte. „Denn das Menschliche – so die Erfahrung des Ökonomen Sedlacek – geht in Industrie und Dienstleistungsbereich immer auf Kosten der Effizienz“ (…) Man betrachtet „die Domäne des Menschseins (Menschliche Beziehungen, Liebe, Freundschaft, Schönheit, Kunst usw.) oft als unproduktiv, vielleicht mit Ausnahme der Reproduktion (Fortpflanzung)“ [10].

Aber nicht nur in der säkularen Arbeitswelt scheint es so zu laufen. Auch Kirchens sind dabei im Namen der Effizienz das Menschliche aus ihren Strukturen zu vertreiben. Die Schrift „Kirche der Freiheit“ atmet ganz und gar diesen Geist. Erwähnen müsste man hier auch die technische Modulisierung aller Arbeitsabläufe in der Kranken- und Altenpflege, die auch in kirchlichen Häusern eingeführt wurde. Aber auch im schulischen Bereich sehe ich durch die Umstellung auf eine einseitige „Kompetenzorientierung“ im RU ähnliche Wirkungen.

„Auch wir wollen sein wie alle anderen!“ (1.Sam 8,20) Israel hat Gott mit diesem Begehren immer wieder aufs Äußerste heraus gefordert. Wie weit können wir in unserer Kirche diesem Wunsch folgen, ohne das Evangelium und uns dabei zu verlieren?

[1] Wer eigene Kinder hat, dürfte dem auch zustimmen.

[2] Siehe dazu: Detlev Dormeyer, Florencio Galindo, Die Apostelgeschichte. Ein Kommentar für die Praxis, KBW Stuttgart 2003, 144-150.

[3] Giorgio Agamben, Die Zeit, die bleibt. Ein Kommentar zum Römerbrief, Frankfurt/Main 2006, S. 20.

[4] Ansätze zu diesem Gedanken fand ich auch bei David Graeber, Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Bertelsmann 2012, S.406f.

[5] Tomas Sedlacek, Die Ökonomie von Gut und Böse, München 2012, S. 61f.

[6] Joseph Campbell, The Power of Myth, with Bill Moyers, Anchor Books Edition 1991, S. 137ff)

[7] Zit. bei Michael Brück, Wie können wir leben? S. 54.

[8] In beiden vorgestellten Gleichnissen erscheint hier das seltene griechische Verb „splagchnizomai“, das übersetzt wird mit: „sich erbarmen, Mitleid empfinden. Etymologisch hängt es mit dem Nomen „splagchma“ zusammen: „Gebärmutter“, was wiederum auf das hebräische Nomen „rächäm“ Gebärmutter zurückverweist. Vom Nomen „rächäm“ leitet sich sodann „rachamin“ ab, was in der Regel göttliches Erbarmen meint. Im Grunde kann man im Zusammenhang mit den o.a. Stellen sagen: Bei dem Anblick des Überfallenen, des Sohnes geht ihnen die mütterliche Gebärmutter auf, erkennen sie ihren Bruder bzw. erkennt er sein Kind. In der spontanen, auf Transzendenz offenen Liebe verwirklicht sich somit beim Menschen Gottes eigene rettende Liebe. Wir hätten also im rettenden Handeln eine Art mystischer Einheit von Gott und Mensch.

Übrigens! Im Arabischen heißt Erbarmen „rahman“ und ist ebenso abgeleitet von der Grundbedeutung „Gebärmutter“. So gesehen tritt uns im „rahman/rachamim“ die mütterliche Liebe Gottes/Allahs entgegen. Sehr schön kommt dieser Aspekt in Hos 11 zum Vorschein.

Siehe dazu: Sylvia Schroer, Thomas Staubli, Die Körpersymbolik der Biebel, Darmstadt 1998, S.79-91; H. Eßer, Art. „splagchma“ in Theol. Begriffslexikon zum NT, Bd.1, Wuppertal 1971, S. 56-59.

[9] Der kleine Stowasser 1971, S. 416:  I. Rechnung, Rechenschaft, Geschäft, Vorteil, Isnteresse, Verfahren, Maßregel, Plan usw. – II. Vernunft, Grund, Argument usw.  Durch einen kleinen Blick ins Wörterbuch „entmythologisiert“ sich dieser Begriff von ganz alleine. Warum machen wir heute nur ein solches Getue um so eine ursprünglich triviale Sache? Aber offenbar ist uns heute die „ratio“ wichtiger als Menschenliebe, Mitleid, Spontaneität, Intuition usw.

[10] Sedlacek, a.o.a.O., S. 36, 61.

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Michael Behnke
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