Impressum

 

Dagmar Peterson
Haßlocher Straße 24, 67459 Böhl-Iggelheim

 

 

Kirche im Wandel – Gestaltungslust statt Frust[i]

 

 

Einführung

 

„Wer bin ich, und wenn ja wie viele?“ Dieser Satz, der durch Richard David Precht bekannt wurde, stammte ursprünglich von Dr. Gunther Schmidt[ii], der mit diesem Satz seine Sicht auf unser Menschsein humorvoll pointiert zum Ausdruck gebracht hat. Gunther Schmidt ist der Begründer des hypnosystemischen Ansatzes für Therapie und Beratung. Was mir an dieser Herangehensweise sehr gut gefällt, ist, dass eine Haltung gefördert wird, mit der Menschen selbst-bewusst handeln und entscheiden können, nämlich gerade auf der Grundlage der Erkenntnis, dass jeder und jede ganz viele „Seiten“ in sich mitführt (sog. „Seitenmodell“). Viele Seiten in sich zu tragen, die Verschiedenes, zum Teil sogar Gegensätzliches wollen und wünschen, wird dabei nicht als etwas Bedrohliches gedeutet, das etwa den „inneren Wesenskern“ des Menschen bedroht. Vielmehr ermöglicht das bewusste Erleben der verschiedenen Seiten in mir, kraftvoll damit umzugehen, dass ich in verschiedenen Kontexten, in verschiedenen Systemen, mit verschiedenen Menschen und in verschiedenen Beziehungen lebe, die jeweils eine völlig andere Seite in mir ansprechen und wachrufen. Dass ich auf verschiedenartige Umstände und Konstellationen mit einer jeweiligen Seite von mir reagieren kann, ohne dabei meine Identität aufzugeben, das ist das, was nach diesem Ansatz die Kraft zum aktiven Gestalten der Lebensumstände gibt.

 

Gestaltungskraft erfordert der Wandel unserer Kirche, der sich ergibt aufgrund der neuen Herausforderungen unserer Zeit. Ich möchte kurz schlaglichtartig umreißen, worin ich diese aktuellen Herausforderungen sehe:

 

Die Bevölkerungszahl in der Pfalz ist rückläufig, es gibt mehr Ältere als Junge. Das Aufkommen der Kirchensteuermittel ist rückläufig, die Rücklagen schmelzen ab. Beides hat zur Folge, dass sich die Frage stellt nach der künftigen Versorgung von Kirchengemeinden sowohl was die Quantität von finanzierbaren hauptamtlichen Mitarbeitern angeht, als auch was den qualitativen Umgang mit der noch zu leistenden Arbeit angeht. Stellenbudgetierung und Haushaltskonsolidierung auf allen Ebenen sind die synodalen Entscheidungen für die künftigen Rahmenbedingungen.

 

Gefragt zu meinen Erfahrungen innerhalb dieser Situation möchte ich, ausgehend vom „Seitenmodell“ Gunther Schmidts, an dieser Stelle zwei Seiten meiner Person vorstellen, die man in dem Fall auch mit Rollen identifizieren kann, die ihrerseits wiederum verschieden Seiten in sich bergen.

 

Eine Seite in mir ist motivierte Gemeindepfarrerin seit neun Jahren in Iggelheim, einem Ortsteil von Böhl-Iggelheim. Gemeindepfarrerin einer Kirchengemeinde, zu der 3200 Gemeindeglieder gehören, eine Kirche, ein Gemeindezentrum, einen Kindergarten und zwei Pfarrhäuser. Ich habe einen Kollegen mit einer vollen Stelle, mit diesem Kollegen bin ich verheiratet.

 

Ich bin als Gemeindepfarrerin dadurch betroffen vom Wandel in unserer Kirche, dass in unserer Kirchengemeinde die strukturellen Veränderungen, wie Personalbudgetierung und die Aufgabenstellung der Kooperation in den vergangenen neun Jahren zum Tragen kamen. 2006 wurde die Stelle der Gemeindepädagogin gestrichen, es wurde ein Modell der Kooperation mit einer anderen Gemeinde versucht, aber nicht weitergeführt. 2011 wurde mein Dienstauftrag in der Gemeinde reduziert von 100 % auf 50 %, was erneut die Erfordernis der Kooperation mit anderen Gemeinden an Haupt- und Ehrenamtliche heranträgt. Darum bemühen wir uns momentan und stehen dazu in Verhandlungen.

 

Die andere Seite in mir arbeitet ebenso motiviert in der Funktion der Leitung der Gemeindeberatung in der Evangelischen Kirche der Pfalz. Hier bin ich involviert in den Wandel in unserer Kirche, indem ich auf den verschiedenen Ebenen strukturelle Veränderungsprozesse begleite. Die Gemeindeberatung arbeitet vom Ansatz her systemisch in Beratung, Moderation, Coaching, Fortbildung. „Systemisch“ heißt dieser Ansatz deswegen, weil er davon ausgeht, dass wir, also jedeR Einzelne, mit dem was wir denken, fühlen und tun Teil eines „Systems“ sind und unser Verhalten immer zu tun hat mit diesem System. Es gibt also nicht nur mich, sondern es gibt immer auch die anderen um mich herum, und was ich tue, beeinflusst das Zusammenspiel der anderen und das Zusammenspiel der anderen beeinflusst wiederum mein Tun, Denken und Fühlen.

 

Ich möchte aus der Perspektive der beiden vorgestellten Seiten, also aus der Perspektive der Gemeindeberaterin und aus der Perspektive der Gemeindepfarrerin, von den Herausforderungen erzählen, die ich wahrnehme, und von den Wegen, die sich meines Erachtens öffnen. Systemisch betrachtet gibt es nicht den richtigen Weg, denn es gibt nicht nur einen Weg. Ich nehme sowohl als Pfarrerin als auch als Beraterin die systemische Herangehensweise ernst. D.h. ich gehe immer davon aus, dass wir mit dem, was wir denken und tun, ein Teil von Anderem sind und das ist ständig im Wandel und daher sind wir selbst es auch. Daher liegt mein Augenmerk auf dem Zusammenspiel zwischen dem Einzelnen mit seinen verschiedenen inneren Seiten und dem Anderen, mit seinen verschiedenen Seiten. Den jeweilig „passenden“ (i.S.v. zielführenden) Weg müssen wir mit anderen zusammen gehen, deshalb müssen wir mit den Menschen, die uns umgeben, die Wege prüfen, alle Seiten sollen dazu gehört werden, um dann den besten Weg gemeinsam zu finden, um ihn gemeinsam zu gehen.

 

 

Teil 1: Herausforderungen wahrnehmen

 

Ich habe die Herausforderungen, denen ich zur Zeit vorrangig begegne in drei Punkte zusammengefasst. Vorrangig begegnen heißt: Die meisten Anfragen an die Gemeindeberatung aus den Gemeinden gehen in eine dieser drei Richtungen. Auch meine Erfahrung als Gemeindepfarrerin bestätigt mir, dass Gemeinden um diese Aufgabenstellungen offensichtlich nicht herum kommen werden, d.h. zu diesen Herausforderungen werden sich Gemeinden m.E. irgendwie verhalten müssen.

 

1. Zusammenführung von organisatorischen Einheiten,

2. Neustrukturierung der Zuständigkeiten und der Arbeitsabläufe,

3. Suche nach Instrumenten, Methoden, Strukturen und Leitlinien in Bezug auf Steuerung und Beteiligung.

 

Bei diesen Aufgabenstellungen sehen sich die Gemeinden herausgefordert vor allem in Bezug auf drei Ebenen: Zum einen auf der Ebene des Kirchenbezirks, d.h. das Verhältnis zwischen Kirchenbezirk und Gemeinden verändert sich und fordert zu Neuem heraus. Zum anderen auf der Ebene des übergemeindlichen kollegialen Verbundes, bzw. des Verbundes der Hauptamtlichen, denn m.E. gewinnt der kollegiale Verbund, bedingt durch den Wandel, deutlich an Bedeutung für die Arbeitsbereiche von Gemeinden. Zum dritten auf der Ebene der Kirchengemeinde selbst, d.h. die Herausforderungen verändern das bisherige System der Kirchengemeinde.

 

 

1. Zusammenführung von organisatorischen Einheiten

Das fundamental Neue an dieser Aufgabenstellung sehe ich momentan für die Pfarrerinnen und Pfarrer darin, dass sie herausgefordert sind, eine neue Identifikation mit ihrer Arbeit zu denken und sich in Bezug auf ihre berufliche Identität neu zu positionieren.

 

Das Bild des Pfarrers/der Pfarrerin beginnt sich aufgrund von äußeren Umständen zu verändern und es ist noch nicht geklärt, wohin die Veränderung führt. Und auch die Ehrenamtlichen sehe ich herausgefordert, ihre Identifikation mit kirchlicher Arbeit neu auszurichten, was sich auch auf ihre Erwartungen und Wünsche auswirkt.

 

Diese Herausforderung zielt also ab auf Identität und Identifikation.

 

Hier möchte ich kurz von meiner Erfahrung in Iggelheim berichten: Bis 2004 habe ich mir die zweite Pfarrstelle in Iggelheim mit meinem Mann geteilt. Dann verließ der bisherige Kollege auf der geschäftsführenden Pfarrstelle Iggelheim und das Presbyter

 

1.Das heißt, mein Mann und ich waren nun mit jeweils einer vollen Pfarrstelle in Iggelheim. Dann wurde die Stelle der Gemeindepädagogin mit 80 % Dienstumfang gestrichen. Es stand an, den Verlust an hauptamtlicher Arbeitskraft aufzufangen. Denn es wurde klar, wenn es dabei bleibt, dass jedeR in seinem bzw. ihrem Bereich für alles verantwortlich ist, dann wird die bis dahin profilierte Projektarbeit, z.B. bei den KonfirmandInnen aber auch in anderen Bereichen, nicht mehr leistbar sein. Nun haben wir durchgeführt, was man das „Zusammenführen von organisatorischen Einheiten“ nennen könnte, wenn auch „nur“ auf der Ebene von Pfarrstellen einer Gemeinde, aber doch mit Auswirkung auf Identifikation und Identität.

 

Wir haben die bis dahin bestehenden Pfarrbezirke aufgelöst und haben die Aufgaben funktional in Arbeitsbereiche eingeteilt und mit den Presbyterinnen und Presbytern Zuständigkeiten verabredet. Pfarramt 1 hat die Geschäftsführung und den Vorsitz im Presbyterium inne und trägt die Verantwortung für den Kindergarten, für die Durchführung der Konfirmandenarbeit, Kinder- und Jugendarbeit. Pfarramt 2 ist verantwortlich für die Seelsorge, Kasualien, Erwachsenen- und Seniorenarbeit, für den Kontakt zu allen Gruppen und Kreisen, ist Repräsentant der Kirchengemeinde im Dorf bei Veranstaltungen und Festlichkeiten, Ansprechpartner für alle Gruppen und Kreise. Diese Form geht über die reine Schwerpunktbildung insofern hinaus, dass ich als Inhaberin der Pfarrstelle 1 keine Beerdigungen, keine Trauungen und keine Geburtstagsbesuche durchzuführen habe, umgekehrt, der Inhaber der Pfarrstelle 2 keine Konfirmandenarbeit zu übernehmen hat.

 

Nach anfänglichen Bedenken im Presbyterium ließen sich alle Verantwortlichen auf diese Form der Zusammenarbeit ein und stellten fest: Die Gemeindeglieder hatten mit der neuen Arbeitsaufteilung wenig Probleme, weil sie erlebten, dass es klare und verlässliche Zuständigkeiten gab, die Pfarrbezirke waren plötzlich nicht mehr relevant. Für uns Pfarrer hat es dazu geführt, dass sich in der Tat die Frage nach der beruflichen Identität stellte und sich ein jeweiliges Profil herausbildete, mit dem man arbeitet. Für mich stellte sich bald heraus, dass ich in dieser Situation in Iggelheim nicht mehr die „klassische“ Dorfpfarrerin war und bin und solches von mir auch nicht erwartet wird. Diese „Rolle“ füllt mein Kollege aus. Und doch habe ich Kontakt zu den Menschen, insbesondere über den Kindergarten und über die Konfirmandenarbeit. Mein Profil hat sich desweiteren auf die Durchführung von Projekten, wie die erforderlichen Sanierungen der Kirche und des Gemeindezentrums und die dazugehörigen Fundraisingmaßnahmen herausgebildet. Durchaus Gemeindeaufbauprojekte, ebenso wie die Kinderbibeltage, Krippenspiele und Konfirmandenprojekte. Bei allen Projekten sind Ehrenamtliche verantwortlich mitbeteiligt, auch dies eine Erfordernis aufgrund der Stellenkürzung.

 

Die Herausbildung des Profils war der Anforderung der Situation der Kirchengemeinde geschuldet. Es war eine für die Herausforderung des plötzlichen Wegfalls der Gemeindepädagogenstelle angemessene Arbeitsform mit den entsprechenden Folgen für das jeweilige Profil der Pfarrstellen. Nun stehen wir, wie gesagt, vor neuen Herausforderungen, aufgrund der Stellenbudgetierung und der daraus resultierenden Kürzung meiner Pfarrstelle. Systemisch betrachtet verändert sich nun also das Gesamtgefüge und es sind neue Formen zu konstruieren.

 

Hier greift für mich das dargelegte „Seitenmodell“. Es ermöglicht mir, die ambivalenten Gedanken und Emotionen in mir wahrzunehmen, die jeweiligen Seiten in mir zur Sprache kommen zu lassen und damit bewusst umzugehen. D.h. konkret: Eine Seite in mir verabschiedet sich nur ungern von dem liebgewordenen Profil der Pfarrstelle. Eine andere Seite in mir lässt sich aber auch gerne auf neue Gedankenexperimente ein. 

 

Als Quintessenz bedeutet das, dass ich in mir eine Neuausrichtung organisiere und erlebe, was auch die Theorie einfordert: Als Pfarrerin mit einer soliden Ausbildung durch Studium und Vikariat, sehe ich mich in der Lage, mich neuer beruflicher Umstände anzunehmen, etwa in einer veränderten Gemeindesituation wieder andere Schwerpunkte zu bilden und auch wieder eine andere Rolle im Gesamtgefüge einzunehmen, eine neue berufliche Identität zu entwickeln.

 

In Bezug auf die Ehrenamtlichen behaupte ich, dass sie sich ebenso auf die neuen Umstände einstellen und sie eine zwar neue, aber gleichwertige Ausrichtung ihres kirchlichen Engagements vornehmen. Voraussetzung dafür ist, dass es wieder eine gemeinsam durchdachte und gemeinsam besprochene Planungsphase gibt, aus der heraus sich das Neue entfaltet auf der Grundlage des Zusammenspiels aller Beteiligten.

 

Die dargestellte Situation ist eine von vielen verschiedenen, der Umgang damit ist ebenfalls eine von vielen verschiedenen Möglichkeiten. Es ist nicht mein Anliegen, von „Königswegen“ zu erzählen, sondern davon, dass die Wahrnehmung von Problemen überführt werden kann in die jeweils eigene Konstruktion von Lösungen in Abstimmung mit den anderen Beteiligten.

 

 

2. Neustrukturierung der Zuständigkeiten und der Arbeitsabläufe

 

Hier geht es für Pfarrerinnen, Pfarrer und Ehrenamtliche m.E. um einen neuen Umgang mit den Aufgaben und deren Verteilung zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, vor allem unter dem neuen Aspekt der Quantität, d.h. es stellt sich in mitunter pointierter Weise die Frage: Wer kann was und welches Pensum leisten?

 

Hier werden wir in der Gemeindeberatung seit geraumer Zeit von Gemeinden angefragt, um Leitbilder bzw. konkrete Möglichkeiten der künftigen Gemeindearbeit vor Ort zu erarbeiten unter den neuen Bedingungen, die da heißen: Stellenbudgetierung und Haushaltsplanung mit Bildung von Instandhaltungsrücklagen. Es kristallisiert sich in diesen Meinungsbildungsprozessen mit den Haupt- und Ehrennamtlichen in den Entscheidungsgremien die Erkenntnis heraus: Wir können nicht mehr alles, und wir können nicht mehr alles alleine.

 

Wir als Beraterinnen und Berater erleben diese weder emotionslosen noch konfliktfreien Prozesse als letztendlich für alle Beteiligten konstruktiv. Es wird in den meisten Fällen deutlich: Wir entwickeln etwas Neues, das anders wird als das, was wir bisher kannten. Gerade dies setzt bei den meisten eine Gestaltungslust frei, aber nur dann, wenn sie auch gefragt sind und mitgestalten dürfen. Gemeindearbeit wird von vielen getragen, PfarrerIn und Presbyterium begreifen sich als „Team“. Des öfteren ergab sich die Situation, dass sich unerwarteter Weise Menschen plötzlich engagieren, die bisher als distanziert erlebt wurden, weil sie den ungewöhnlichen Ernst der Lage wahrnehmen. Befragt nach ihrer Motivation sagen sie: Hier geht es um die Zukunft, hier soll Kirche sich bewähren können und ich will dazu etwas beitragen.[iii] Es entwickeln sich Ideen für Kooperationen mit kommunalen Entscheidungsträgern oder Einrichtungen, katholischen Gemeinden oder Nachbargemeinden. Es entwickeln sich neue Schwerpunkte der Gemeindearbeit mit der selbstbewussten und begründeten Entscheidung, Anderes künftig zu lassen oder nicht mehr im vollen Umfang anzubieten. Meine Erfahrungen in der Gemeindeberatung zeigen mir immer wieder, dass die Menschen vor Ort für ihre Belange motiviert nach Lösungen suchen und dabei kreativ ans Werk gehen. Und im gemeinsamen Diskurs entwickeln sie auch ein realistisches Gespür für Grenzen des Machbaren. Denn sie haben Lust etwas zu tun und merken, dass ein „Zuviel“ an Vorhaben lähmend wirkt.

 

Hier ist allerdings die klare Unterstützung der mittleren Führungsebene gefordert, die die Anliegen von Gemeinden ernst nimmt, die Verantwortliche in der Gemeinde ernst nimmt und ihnen gerechte Rahmenbedingungen schafft. Darauf möchte ich im Folgenden unter dem Aspekt der Qualität und beim Ausblick auf neue Wege näher eingehen.

 

 

3. Suche nach Instrumenten, Methoden, Strukturen und Leitlinien in Bezug auf Steuerung und Beteiligung

 

Herausgefordert in neuer Weise sind Presbyterien, Ehrenamtliche und Pfarrer in den Gemeinden und auf mittlerer Ebene, was die Entscheidungsprozesse in ihrer gemeinsamen Arbeit angeht. Ich erlebe es so, dass die Presbyterinnen und Presbyter, wie auch die Pfarrerinnen und Pfarrer, Ehrenamtliche und Hauptamtliche, eine klare Vorstellung haben, wie eine qualitätsvolle Zusammenarbeit aussehen könnte.

 

Unter dem Aspekt der Qualität der Arbeit, wird als gut bewertet:

>>wenn es mich angeht, das heißt, wo ich gefragt und beteiligt bin;

>>wenn es eine runde Sache ist, d.h. es hat einen Anfang, eine klar umrissene Aufgabe, und ein Ziel mit sinnvollem und erkennbarem Abschluss;

>>wenn es verständlich ist und bleibt, d.h. es gibt transparente Abläufe und Kommunikationswege;

>>wenn es hält, d.h. es gibt verlässliche Absprachen und klare, verbindliche Verabredungen.

 

In der Beratung erleben wir die Haupt- und Ehrenamtlichen als neugierig und aufgeschlossen gegenüber Vorschlägen für bewährte Methoden der gelingenden Zusammenarbeit und als kreativ im Entwickeln von Strategien zur Beteiligung an Gestaltungsprozessen.

 

 

Teil 2: Neue Wege gestalten

 

Ich habe bisher von den Herausforderungen geredet, die mir als Beraterin immer wieder begegnen in meiner Arbeit mit Gemeinden und habe von Erfahrungen aus meiner Gemeinde erzählt. Kurz möchte ich noch darauf eingehen, welche Wege sich nach meiner Ansicht auftun und aktiv gestaltend begangen werden können.

 

Kultur der Ermutigung

Presbyterinnen und Presbyter, Ehrenamtliche und Pfarrer fühlen sich in den Beratungsprozessen, in denen wir sie begleiten, wie befreit, wenn wir ihnen vermitteln, dass sie die Fachleute sind für ihre Gemeindesituation vor Ort. Wir ermutigen immer wieder zur bewussten Annahme der Herausforderungen und die Menschen dazu, eigenverantwortete Entscheidungen zu treffen für ihre Kirche vor Ort und in der Region. In der Regel wissen sie, was sie bräuchten, zum Beispiel fragen viele nach Möglichkeiten der Vernetzung, nach Chatrooms, nach Austausch von Best-Practice-Modellen. Hier sehe ich durchaus eine Ausweitung des Unterstützungsangebotes für sinnvoll an und auch eine ausgeprägte Kultur der gegenseitigen Ermutigung würde uns gut tun.

 

Strategien zur Ermächtigung

Ehrenamtliche wie Pfarrerinnen und Pfarrer brauchen Ermächtigung, Entscheidungen zu treffen. Denn wenn sie erleben, dass ihre Gestaltungskraft schwindet, weil sie den Verdacht in sich hegen, nicht beeinflussbaren „Kräftespielen“ und Ränken zu unterliegen, und dieser Verdacht wird nicht ausgesprochen, bearbeitet, entkräftet, sind alle deprimiert. Wenn sie erleben, dass ihnen nicht begründete Entscheidungen „übergestülpt“ werden, sind sie nicht motiviert. Und wenn sie erleben, dass ihre Gestaltungskraft schwindet, weil sie überlastet werden, dann gehen sie in die innere Emigration.

Ermächtigung ist daher wichtig, denn Verantwortung ist verknüpft mit Macht, „Macht“ im Sinne der Möglichkeit zur Gestaltung und Einflussnahme.

 

Macht ist verknüpft mit Wissen. Das heißt, Ehrenamtliche und Hauptamtliche brauchen m.E. alle Informationen, die relevant sind für die Zukunft der Kirche, z.B. die Entwicklung der Gemeindegliederzahlen, der Finanzen, auch bezogen auf ihre Gemeinde, Informationen über die verschiedenen Erwartungen unterschiedlicher sogenannter Milieus in der Kirche und in ihrer Gemeinde. Und dann brauchen sie Gewissheit, dass sie ermächtigt sind, bezogen auf diese Daten ihre Ziele zu formulieren und an ihren Zielen zu arbeiten. Für dieses verantwortliche Tun brauchen sie Wertschätzung vonseiten der Kirchenleitung.

 

Macht ist außerdem verknüpft mit Stärke, und stark ist man im Kontext der Arbeit, wenn man kompetent ist. Zum Beispiel ist eine Professionalisierung im Bereich von Kommunikation und Teamarbeit ein häufig genannter Wunsch in der Beratung, offensichtlich brauchen hier viele Bestärkung angesichts der Herausforderungen.

 

Denn, auch das ist meine Erfahrung: Teamplay und Kooperation ereignen sich nicht einfach so, sondern daran muss gearbeitet werden, indem alle Beteiligten ihre „Seite(n)“ einbringen können.

 

Fazit

 

Nach meiner Erfahrung brauchen wir eine neue Fokussierung unserer Aufmerksamkeit, nämlich auf die Gestaltungskraft der in der Kirche Tätigen. Hier liegen hohe Potentiale, viele fähige Menschen guten Willens. Hier stehen die Wege offen, ein abgründiger wäre der Weg der Selbstmarginalisierung aufgrund von schwindender Gestaltungslust und nicht ausgeschöpfter Gestaltungskraft, die anderen Wege aber führen in eine zwar veränderte, aber gerade in der Veränderung profilierten und immer noch bedeutungsvollen Zukunft von Kirche.

 

Wer bin ich und wenn ja wie viele? Ich bin überzeugt davon: Ja, wir sind viele, und wir haben die Fähigkeiten, uns auf sich ändernde Situationen einzustellen.

 

 


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[i] Vortrag, gehalten auf der Tagung des Synodalen Gesprächskreises am 9. September 2011 im Chateau du Liebfrauenberg, Goersdorf/Elsaß. Gefragt war die Position meiner Person zum Thema „Pfarramt, Dienste und Ehrenamt im Wandel. Herausforderungen wahrnehmen – Wege gestalten“ aus der Perspektive meiner Funktion als Leitung der Gemeindeberatung und als Gemeindepfarrerin. Daher gehe ich nicht explizit auf die Perspektive anderer kirchlicher hauptamtlicher MitarbeiterInnen ein.

[ii] Dr. med. Dipl.rer.pol.Gunther Schmidt, Begründer des hypnosystemischen Ansatzes von Therapie und Beratung, Mitbegründer des Heidelberger Instituts für systemische Forschung und Beratung, der Internationalen Gesellschaft für Systemische Therapie, des Helm-Stierlin-Instituts in Heidelberg und des Deutschen Bundesverbands Coaching. Heute leitet er das Milton-Erickson-Institut Heidelberg. 2004 erschien das Buch „Liebesaffären zwischen Problem und Lösung. Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten“, 2005 „Einführung in hypnosystemische Therapie und Beratung“.

[iii] Dieser für uns durchaus überraschende Effekt zeigte sich auch im letzten Ausbildungskurs für GemeindeberaterInnen und OrganisationsentwicklerInnen. Vier von 14 TeilnehmerInnen sind keine kirchlichen MitarbeiterInnen (gewesen) und hatten bisher nur „am Rande“ mit Kirche zu tun, erleben aber die momentane Situation der Kirche als spannende Herausforderung in einer neuen Zeit.