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Karl Graupeter
Hahnenbalz 38, 67663 Kaiserslautern

 

 

„Reformationsgedenken“ und der „Schmerz der Trennung“

 

Es ist wohl doch ein Unterschied, ob wir ein Fest für das 500. Jubiläum der Reformation feiern oder ein „Gedenken“: Das Gedenken ist immer bezüglich eines abgeschlossenen Vorgangs. Eine Feier blickt – hoffentlich – darauf, dass die Geschichte weitergeht: ecclesia semper refomanda! Daran halten wir doch hoffentlich fest, oder?

 

Wenn wir bereit sind, die Namen zu verändern, auf ökumenische „Partner“ soweit einzugehen, dass wir sogar in ökumenischen Gottesdiensten von „Gedenken“ reden, dann haben wir meines Erachtens den Erfolg und das Bestreben der Reformation schon verlassen. Wir feiern die Reformation.

 

Ökumene kann doch nicht so weit gehen, dass die Protestanten ihre Basis aufgeben, nur damit eine Einheit angestrebt wird, die doch wohl eschatologisch zu verstehen ist: Wer stellt denn die Einheit her? Sobald wir meinen, wir könnten sie selbst herbeiführen, erliegen wir der Versuchung einer Hybris – oder der Verwirrung einer falsch verstandenen Harmonie.

 

Ich freue mich von Herzen über die Vielfalt der christlichen Denominationen. Menschen sind nämlich in ihren Charakteren, Eigenheiten, psychischen Befindlichkeiten sehr unterschiedlich. Ich begrüße es, dass es eine christliche Denomination und Kirche gibt, die den Gedanken der Taufe so kritisch betrachtet, dass sie sagt: Man muss sich dieser Taufe in die christliche Gemeinschaft schon bewusst sein, also als Erwachsener getauft werden. Ich freue mich für die Mennoniten und die Baptisten! Wenn jemand meint, er brauche einen schützenden Rahmen von Ordnungen, dann findet er bestimmt eine Denomination, in der man sehr aufeinander achtet und sich – hoffentlich auch freundlich und in christlicher Liebe – auf Verfehlungen aufmerksam macht. Ich freue mich für evangelikale Gemeinschaften, dass es sie gibt. Wenn jemand eine Kirche braucht, die von oben nach unten organisiert ist, die Männern im Amt uneingeschränkt den Vorzug gibt, dann freue ich mich, dass es für diesen Menschen eine solche Kirche auch gibt.

 

Und ich freue mich ebenso über meine protestantische Kirche, in der ich in freier Verantwortung vor Gott stehe und mein Gewissen und die Bibel Grundlage meines Handeln sein sollen – nicht aber die Anweisungen von Vorgesetzten, soweit es die Glaubensfragen betrifft. Ich freue mich, dass vor 500 Jahren ein Mensch – und vor ihm waren es noch andere, die gescheitert sind – den Gedanken einer Kirche weitergetragen hat, die es herzlich wert ist, erneuert und reformiert zu werden. Zu dieser Kirche gehöre ich und kann niemals zu einer anderen Kirche gehören, sicherlich, weil ich in meiner Art so strukturiert bin. Aber das sei mir doch gegeben, so wie es anderen nach ihrer Art gegeben ist.

 

In diesem Zusammenhang von einer „heilsamen Erinnerung“ zu reden, wenn es um die gemeinsame Feier der Reformation geht – gemeinsam von Protestanten und Katholiken –, dann ist dieser Gedanke schlichtweg falsch: Die „Heilsame Erinnerung“ betrifft in ihrem Ursprung noch lebende Opfer und Täter. In den vergangenen dreißig Jahren haben sich aber Katholiken und Protestanten auf einen guten Weg gemacht, miteinander zu teilen, was teilenswert ist und zu respektieren, was an der jeweils anderen Seite anders ist. Verletzungen gegenseitig einzugestehen, die hier geschehen sein sollen, ist nicht der Rede wert.

 

Sollte es aber bei dieser „heilsamen Erinnerung“ um Polemik und Streit, vielleicht sogar um Tilly und Gustav Adolf gehen, dann meine ich: Das ist keine Folge der Reformation und auf keinen Fall in Zusammenhang mit der Reformation zu sehen. Was an Gräueltaten Katholiken und Protestanten historisch nach der Reformation geschehen ist, ist nicht Folge der Reformation selbst, sondern Folge der allgemeinen Sündhaftigkeit von Menschen – und damit hoffentlich sauber von dem Geist der Reformation zu trennen. Der Geist der Reformation war aber in seinem Ursprung ein Geist der Freiheit und Wahrheit und hat mit Gewalt nichts zu tun.

 

„Heilsame Erinnerung“ ist auch insofern über einen Zeitraum von mehr als zwei Generationen hinaus ein Unsinn, weil ich unmöglich noch die Verantwortung für diejenigen übernehmen kann, die vor mir an dem Ort gelebt haben, an dem ich lebe.

 

Ich kann Gräueltaten bedauern, ich kann mich davon distanzieren und meinem Wunsch Ausdruck verleihen, dass es nicht mehr zu solchen schlimmen Dingen kommt. Aber ich kann keine Verantwortung übernehmen für das, was in der Auseinandersetzung zwischen Katholizismus und Protestantismus wechselseitig als Gemeinheiten ausgetauscht worden ist. Ich lasse mir deshalb auch kein Schuldgefühl aufdrängen.

 

Ich begegne Christinnen und Christen aus anderen Denominationen – hoffentlich – mit dem gebührenden Respekt und der Achtung vor Menschen, die ihren Glauben sehr ernst nehmen – und das ist recht. Wo ich diesen Respekt und diese Achtung mangeln lasse, mache ich mich schuldig und hoffe, dass ich dies auch erkennen würde im Alltag.

 

Ich werde aber das Reformationsfest nicht in dem Gedanken verfälschen und verraten, indem ich von der Schuldhaftigkeit und der gegenseitigen Vergebung anfange zu reden: Dafür sind mir bei dem Festgedanken die Errungenschaften der Reformation doch hoffentlich wichtig und nicht etwa die allgemeine und unleugbare Fehlerhaftigkeit von Menschen, die für ihr Leben gerne einfach nur recht haben und das Recht des anderen bestreiten – das hat es wirklich zur Genüge gegeben.

 

Ich trauere auch nicht über die Trennung! Diese Trennung verursacht in mir keinen Schmerz. Ich freue mich vielmehr über die Vielfalt christlicher Glaubensgestaltung und die Tatsache, dass für verschiedene Menschen mit höchst unterschiedlichen Prägungen auch höchst unterschiedliche Kirchen da sind, um ihnen eine gute Heimat zu bieten.

 

Sollten wir uns darauf einlassen, gerade im Zusammenhang mit dem großen Jubiläum 2017 über Verletzungen und Trennung mehr nachzudenken, als über die Errungenschaften der Reformation, dann sind wir vielleicht auch bereit, die Einheit der Kirchen als diejenige unter dem katholischen Vorstand zu verstehen – dann hätten wir aber die Reformation aufgegeben. Das Jahr 2017 kann nicht zu einem Rückschritt in diesem Sinne umgedeutet werden.

 

Ökumene hat ihren guten Sinn: Wir gehen gemeinsam einen Weg, wir gestalten gemeinsam, was wir gemeinsam gestalten können und wir respektieren die Verschiedenheit, die jede einzelne der christlichen Gemeinschaften und Kirchen aufweist, weil sie einer bestimmten Perspektive und einem bestimmten frommen aber sehr wohl christlichen Bedürfnis entspringt. In all dem behalten wir hoffentlich unser eigenes Profil im Auge und stehen dabei zu dem Bekenntnis, das uns wichtig ist und uns selbst die „Kirche der Freiheit“ beschert, die wir als Protestanten brauchen.

 


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