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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

 

Von Herausforderungen und vom Nutzen der Erforschung der NS-Geschichte des pfälzischen Protestantismus

 

 

Will man über Herausforderungen und Nutzen der Erforschung der NS-Geschichte einer Kirche nachdenken, kann es sinnvoll sein, die eigene Methode der Erforschung mit den Methoden anderer großer Organisationen zu vergleichen. Da ich mich, vor allem während großer Fußballturniere, immer mal wieder mit der Geschichte des DFB und überhaupt der Anfänge des Fußballs in Deutschland beschäftigt habe, möchte ich die Art der Aufarbeitung unserer pfälzisch-protestantischen NS-Geschichte mit der des DFB vergleichen.

 

Rechtzeitig bevor 2006 in Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wurde, hatte es der DFB geschafft, eine Hausaufgabe zu erledigen, die er lange vor sich hergeschoben hat. Bereits 1975, als der DFB sein 75jähriges Jubiläum feierte, erinnerte der Festredner Walter Jens an unpassender Stelle (nämlich im Festvortrag) daran, dass die gesellschaftspolitische Verantwortung, die der Sport habe, es erforderlich mache, sich dieser Verantwortung auch institutionell zu stellen. Jens forderte, der DFB solle sich daranmachen, seine politische Geschichte, speziell die während des Nationalsozialismus, aufzuarbeiten.

 

Es dauerte ein Vierteljahrhundert, bis 2001 der Mainzer Historiker Nils Havemann beauftragt wurde, die Geschichte des DFB während der NS-Zeit zu schreiben. Dessen Beauftragung folgte genau jenem Muster, mit dem einige Industriebetriebe vor anstehenden Firmenjubiläen gute Erfahrungen gemacht haben: Die Geschichte soll nach wissenschaftlichen Standards aufgearbeitet werden. Das bedeutet: nichts verschweigen, aber auch nicht unnötig skandalisieren, wo sich der DFB nicht anders verhalten hat als anderen Organisationen. Die Geschichte des DFB sollte nicht als eine besondere Geschichte, sondern lediglich als die Geschichte einer besonderen Organisation erscheinen.

 

Als das Werk mit dem Titel „Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz“ im September 2005 erschienen ist, schrieb der Kultursoziologe Detlev Claussen in den Frankfurter Jüdischen Nachrichten: „Wer sich ein bisschen mit der Geschichte des DFB beschäftigt hat, wird nicht überrascht sein zu erfahren, dass er sich nach 1933 vorbehaltlos in den ‚Dienst des NS-Staates’ stellte. Havemann wird nicht müde zu betonen, wie ‚normal’ dieses Verhalten im Vergleich zur Gesamtgesellschaft war. Die gesamte Darstellung Havemanns durchzieht die Grundannahme vom ‚Faszinosum Hitler’, dessen Zauber die große Mehrheit der Gesellschaft erlegen ist. Der Historiker verteilt am Ende Schuld und Verantwortung mit dem Gestus eines gerechten Richters: Den DFB trifft Schuld wie fast alle in Deutschland außer den verfolgten Juden – aber auch nicht mehr. Wenn fast alle die gleiche Schuld trifft, hat auch niemand das Recht anzuklagen, sondern man kann nur noch feststellen, wie es gewesen ist.“

 

Der DFB signalisierte sofort, dass er mit diesem Ergebnis bestens leben kann. Im April 2006 fand in der Evangelischen Akademie Bad Boll eine Tagung zu diesem Thema statt, bei der nicht nur die DFB-Spitze und der Präsident des Deutschen Sportbundes, sondern auch der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und Joachim Gauck – damals zwar noch nicht im Gespräch als Bundespräsident, als früherer Leiter der nach ihm benannten Behörde zur Aufarbeitung der Stasi-Akten aber beruflich zuständig für einen kritischen Umgang mit der Vergangenheit – anwesend waren. Ebenfalls eingeladen zur Diskussion waren Vertreter der Kirchen sowie des Zentralrats der Juden.

 

Anders als in Bad Boll, wo Havemann ohne Co-Referenten seine Ergebnisse präsentieren konnte und auf wohlwollende Zuhörer traf, kam es im Kloster Irsee im Allgäu zu einer Debatte mit dem Soziologen Arthur Heinrich, der bereits vorher – und ohne offiziellen Auftrag des DFB – über dieses Thema publiziert hatte. Im Jahr 2000 war sein Buch „Der Deutsche Fußball-Bund – Eine politische Geschichte“ erschienen. Einem Bericht in der „Welt“ zufolge warf Heinrich Nils Havemann vor, dass er den DFB in der NS-Zeit „als ein quasi unideologisches Wirtschaftsunternehmen beschreibe und ihm dadurch Immunität bescheinige“.

 

Der vergleichende Blick auf den DFB lässt an fünf Themen erkennen, worin die Herausforderungen der Erforschung der eigenen NS-Geschichte bestehen.

 

1. Die Aufarbeitung nicht zu lange vor sich herschieben. Seit bekannt wurde, dass an einem Buch zur Aufarbeitung der Geschichte der Pfälzischen Landeskirche im Nationalsozialismus gearbeitet wird, war immer wieder der Satz zu hören: „Das wird aber auch Zeit“. Da es bisher keine systematische Darstellung gab, wurde implizit unterstellt, es habe bisher gar keine Aufarbeitung gegeben. Das stimmt nicht, eher ist das Gegenteil der Fall. Bereits 1960 veröffentlichte Richard Bergmann mit der „Documenta“ die wohl früheste kommentierte Dokumentensammlung zur NS-Zeit in einer EKD-Gliedkirche. In den Jahren 2004 bis 2008 veranlasste der Verein Pfälzischer Pfarrerinnen und Pfarrer eine Neuauflage und ließ diese jedem Pfarramt zukommen. Daneben gab es Aufsätze in den Blättern für pfälzische Kirchengeschichte, im Pfälzischen Pfarrerblatt und im Evangelischen Kirchenboten sowie einzelne Monographien, etwa Thomas Fandels Untersuchung über katholische und evangelische Pfarrer bis 1939. Was fehlte, war eine Gesamtuntersuchung, an die sich – aus welchen Gründen auch immer – bisher kein einzelner Historiker herangetraut hatte.

 

2. Die richtigen Personen beauftragen. Der DFB hatte einen einzelnen Historiker mit der Aufarbeitung seiner NS-Geschichte beauftragt. Die Pfälzische Landeskirche ist einen anderen Weg gegangen. Kirchenpräsident Christian Schad hatte im Spätsommer 2010 einen Herausgeberkreis zusammengerufen, aus dem sich zusammen mit mir als Beauftragtem für die verlegerische Betreuung ein Arbeitskreis bildete, der einen formalen Rahmen für die Untersuchung erstellte und Autoren beauftragte. Das Ergebnis kann demnach keine geschlossene Darstellung sein, wie sie ein einzelner Autor vorgelegt hätte. Mancher mag das als Nachteil sehen; der Vorteil besteht jedoch darin, dass unterschiedliche Perspektiven zu erwarten sind, die gerade bei einem so sensiblen Forschungsgegenstand vermeiden helfen, frühzeitig auf einen einzigen wissenschaftlichen Standpunkt festgelegt zu werden.

 

3. Den wissenschaftlichen Standard sichern. Der DFB machte es sich einfach: Er beauftragte einen Fachhistoriker aus dem universitären Umfeld. Deshalb durfte damit gerechnet werden, dass das Werk nach den in der Zunft gültigen methodischen Regeln erarbeitet wird. Im Falle unseres Buches war das schwieriger, und die Sicherung des wissenschaftlichen Standards war die größte Herausforderung für die Arbeitsgruppe. Man konnte wegen der Fülle der benötigten Autoren für die recht kleinteilige Themengliederung nicht nur mit wissenschaftlich ausgewiesenen Historikern arbeiten. Am Ende steht eine Mischung von Fachhistorikern aus dem universitären Bereich, wissenschaftlich arbeitenden Pfarrern und Lehrern sowie Laienhistorikern, die sich durch Publikationen ausgewiesen haben. So wurde – vor allem durch die Redaktionsarbeit der Herausgeber – dem wissenschaftlichen Anspruch Genüge getan und gleichzeitig die Lesbarkeit auch für Nicht-Historiker gewährleistet.

 

Damit sind drei relativ leicht zu bewältigende Herausforderungen benannt, die das methodische Vorgehen betreffen. Es bleiben aber noch zwei Herausforderungen, die eher die Art und Weise des Umgangs mit den Forschungsergebnissen selbst berühren.

 

4. Das Verhalten der damals Handelnden fair bewerten. Ein scheinbar weltanschaulich neutraler Verband wie der DFB kann es sich leicht machen und darauf verweisen, dass man – wie fast alle andere damalige Akteure auch – einer ideologischen Verblendung erlegen ist. Das stimmt zwar nur bedingt, denn der DFB war auch vor 1933 nicht weltanschaulich neutral, sondern ins nationalistische Lager abgerutscht, wo die deutsche Turnerschaft als der damals einflussreichste Sportverband immer schon gewesen ist. Aber das muss man ja in einer Veröffentlichung über die NS-Zeit nicht so deutlich sagen.

 

Die Kirchen haben es schwerer, denn sie definieren sich selbst über ihre Weltanschauung und werden danach bewertet, wie sie diese Weltanschauung auch unter ungünstigen Bedingungen vertreten. Ihre Verfehlungen sind deshalb nicht nur äußerer Natur wie etwa beim DFB, der immer noch Fußballspiele organisiert hat, auch als keine jüdische Spieler mehr dabei wahren, sondern die Verfehlung der Kirche kann eine totale sein – dann nämlich, wenn sie das Evangelium in Wort und Tat verleugnet und etwa die Häresie einer völkischen Religion anstelle des Gekreuzigten predigt.

 

Alle in unserem Arbeitskreis waren erschrocken darüber, wie weit die Pfälzische Landeskirche auf dem Weg hin zu dieser Häresie „mutig vorangeschritten“ ist. Der Titel des Handbuches „Protestanten ohne Protest“ kann als bleibendes Ergebnis dieses Erschreckens gewertet werden. Aber genau hier liegt ein Einfallstor für ein mögliches Versagen bei dieser vierten Herausforderung, das Verhalten der damals Handelnden fair zu bewerten. In den Sachbeiträgen tauchen an vielen Stellen Wertungen und manchmal sogar Verurteilungen auf.

 

Als das Buch am 2. Juni Gegenstand einer Debatte in der Landessynode war, habe ich den gesamten Vormittag über nur ein einziges wirklich protestantisches Statement gehört. Es kam von einem Laiensynodalen aus Ludwigshafen, der sinngemäß sagte, er habe sich beim Lesen immer wieder vorgestellt, dass die damaligen Akteure in dem Bewusstsein gehandelt hätten, das Richtige zu tun. Und dann, so sagte er, sei ihm ein Gedanke gekommen, der ihn so erschrocken hat, dass es ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Er habe daran denken müssen, wie wohl nachfolgende Generationen unser Handeln, das wir doch auch in dem Bewusstsein tun, das Beste für unsere Kirche zu wollen, bewerten werden, welche Fehler sie uns vorhalten werden.

 

Vor dem Hintergrund dieses wahrhaft protestantischen, nämlich von der Möglichkeit des eigenen Schuldigwerdens angefochtenen Gedankens wird klar, worin die eigentliche Herausforderung im Blick auf die Bewertung der damals Handelnden liegt. Aus der Perspektive derer, die wissen, wie die Sache 1945 ausgegangen ist, Menschen, die damals in der kirchenpolitischen Auseinandersetzung standen, nur vom Ergebnis her zu beurteilen, ist zu billig. Aber genau so geschieht die Auseinandersetzung in der Regel. Wir wissen heute: Barmen war der richtige Weg, also haben alle, die nicht nach Barmen zur Bekenntnissynode gegangen sind, falsch gehandelt. Dass das so nicht stimmen kann, ist noch nicht ins kirchliche Bewusstsein eingedrungen.

 

5. Das Ergebnis kommunizieren und sich dem Vergleich mit anderen Publikationen stellen. Das Handbuch wurde in Speyer im Historischen Museum und in Saarbrücken in der Staatskanzlei öffentlich präsentiert und anschließend auf der Landessynode diskutiert. Die Evangelische Kirche der Pfalz hat als Auftraggeber das nicht gerade schmeichelhafte Ergebnis weder verschämt unter Verschluss gehalten noch schönzureden versucht. Mit den Verfehlungen sowohl von Personen als auch Organen, die damals die Kirche repräsentierten, wird offensiv umgegangen.

 

Die Herausforderung besteht nun darin, die Ergebnisse des Buches nicht als abschließende Wahrheit zu verstehen, sondern selbst wiederum zur Diskussion zu stellen. Wir haben nicht unsere Geschichte aufgearbeitet, sondern wir haben einen – hoffentlich gewichtigen – Beitrag zur Aufarbeitung unserer Geschichte geleistet.

 

Andere leisten ähnliche Beiträge zum gleichen Thema. Bei der Präsentation des DFB damals in Bad Boll war Nils Havemann der einzige Referent und präsentierte seine Studie exklusiv, im Kloster Irsee dagegen hatte er mit Arthur Heinrich einen Co-Referenten, der gewichtige Anfragen stellte. Solche Anfragen anderer Autoren, die ohne Auftrag der Landeskirche zum gleichen Thema veröffentlichen, muss sich auch „Protestanten ohne Protest“ stellen, nachdem die Phase der exklusiven Präsentationen nun vorbei sein dürfte.

 

Etwa zeitgleich mit der Fertigstellung unseres Handbuchs erschien von Bernhard H. Bonkhoff dessen ähnlich umfangreiche zweibändige Darstellung über die Geschichte der Vereinigten Protestantisch-Evangelisch-Christlichen Kirche der Pfalz. Im zweiten Band, wo es um die Zeit von 1918 bis 1978 geht, wird auch die NS-Zeit behandelt. Dabei fällt auf, dass Bonkhoff einen völlig anderen Begriff des „Kirchenkampfs“ einführt, als er üblicherweise von Kirchenhistorikern verwendet wird. Der Kirchenkampf der NS-Zeit erscheint bei ihm als vorläufiger Höhepunkt einer Entwicklung, die mit dem Aufkommen des theologischen Liberalismus beginnt, sich nach 1945 fortsetzt und um 1968 einen neuen Höhepunkt erreicht. Es ist sozusagen eine Variation der Barth’schen Sicht auf den Liberalismus, ergänzt durch die Kritik an der innerkirchlichen Wirkung des epigonalen Barthianismus nach 1945. Es wäre gut, wenn eine offene Debatte zwischen diesen unterschiedlichen Konzeptionen stattfinden könnte. Das würde helfen, alte Mythen zu zerstören und verhindern, dass neue Verwerfungen im Stillen kultiviert werden können.

 

Gibt es auch einen Nutzen der Erforschung der Geschichte? Ganz allgemein könnte man sagen: Durch die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen entdeckt man die Lücken der bisherigen Forschung. Das ist vielleicht ihr größter Nutzen. Im Falle von „Protestanten ohne Protest“ gibt es auch so eine Lücke. Es ist die einseitige Barmen-Perspektive des Nachkriegs-Barthianismus. Dieser wertet die Bemühungen des theologischen Liberalismus systematisch ab und findet kein Verständnis für eine Haltung, die zwar die „Deutschen Christen“ ablehnt, aber kein positives Verhältnis findet zum neoklerikalen Bekennertum der Barmer Theologischen Erklärung. Dieses Bekennertum, das damals auch unter Gegnern der Nationalkirchler und der Deutschen Christen nicht gerade populär war, wird aber heute in der Kirchengeschichtsschreibung zum Maß aller Dinge gemacht. Irgendwie auch bei uns.

 

Diese bisher wenig beachtete „Mittelpartei“, der sich nicht nur die meisten Liberalen, sondern auch ab etwa 1935 der Evangelische Bund, der Gustav-Adolf-Verein und der Reichsbund der Deutschen Evangelischen Pfarrervereine zurechneten, war jedoch wesentlich stärker und auch einflussreicher, als es die Mythologisierung des Kirchenkampfs durch den nach 1945 viele theologischen Fakultäten beherrschende Linksbarthianismus wahrhaben will.

 

In diesem Zusammenhang fällt auch als Lücke auf, dass wenig darüber geforscht wird, welchen spezifischen Bildungshintergrund die dem theologischen Liberalismus verpflichteten Theologen damals hatten. Das aber erschließt sich nicht so leicht aus Archiven, man muss sich mit Theologiegeschichte und, mehr noch, mit Fragestellungen der Kultur- und Mentalitätsgeschichte befassen. Der Soziologe Norbert Elias kann zum Selbstverständnis der damaligen Bildungseliten sicherlich mehr beitragen als die Polemiken von Karl Barth über die Liberale Theologie.

 

Um zu verstehen, welche Bildungserlebnisse die damals jungen Pfarrer prägten, muss man einsteigen in die Literatur, die Gymnasiasten am Ende des Kaiserreichs und während der Weimarer Zeit gelesen haben. Wer mit Nietzsche, Oswald Spengler, Stefan George und den Autoren der Konservativen Revolution aufgewachsen ist, transportiert ein anderes Lebensgefühl als wir Spätgeborenen, die Heinrich Böll, Max Frisch und Günter Grass in der Schule gelesen haben. Diese ganzen Einflüsse sind m.E. noch viel zu wenig erforscht und es wäre lohnenswerter, hier weiterzuarbeiten, als noch immer weitere kirchliche Distanzierungen auf den Weg zu bringen.

 

 

Geringfügig überarbeitete Fassung eines Impulsreferats, das am 17. Juni 2016 im „Protestantischen Club“ der Evangelischen Akademikerschaft Pfalz-Saar in Neustadt an der Weinstraße zum Erscheinen von „Protestanten ohne Protest“ gehalten wurde.

 


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