Impressum

 

Wolfgang Doll
Konrad-Adenauer-Straße 150, 67663 Kaiserslautern

 

Debatte

 

 

Zentren für Seelsorge und Beratung in den Protestantischen Dekanaten der Pfälzischen Landeskirche

 

Die Wartezeiten zu psychologischen Gesprächen sind oft unendlich lang, die Möglichkeiten, einen Therapieplatz zu erhalten sehr begrenzt, das Schild an der Pfarrhaustür „Sprechstunde mittwochs von 15.00-17.00Uhr“ unterstreicht nicht unbedingt den Stellenwert kirchlicher Seelsorge. Ich möchte dazu einige theologische und implizit psychologische Überlegungen  als Gesprächsangebot formulieren.

 

Seit 2000 Jahren betonen Kirchen, dass sie die Offenbarung Gottes in Jesus Christus als Verkündigungsauftrag in ihrer Selbstrepräsentation bezeugen. Der geoffenbarte Gott, auf den sie sich berufen, starb als Verbrecher am Kreuz, weil sein Lebensentwurf ernst machte damit, dass die Gottebendbildlichkeit Würde und Unverletzlichkeit des Menschen einfordert und ermöglicht. Ein Leben in unverstellter Freiheit und genuiner Identität scheint für interessierte Kräfte ein Gefährdungspotential etwa von Machtinteressen zu sein, weshalb die Rahmenbedingungen zu einem unverfälschten Leben oft verstellt werden.

 

Eine Geschichte leidvollen Widerstands der Kirchen gegen die Verletzung der von Gott garantierten Menschenwürde fordert Respekt ab, wird doch in dieser Geschichte die Begegnung von Menschen in gegenseitiger unverletzlicher Anerkennung und liebevoller Ermöglichung von autonomen Leben gegen jede Form von Fremdbestimmung durchgehalten. Gleichzeitig präsentieren uns die Kirchen auch eine Geschichte leichtfertigen Verrats ihres Auftrags in unangemessener Anpassung an Bedingungen der Lieblosigkeit und verfälschend fremdgestaltender Lebensentwürfe, dass die Positiverfahrungen im Schatz der Kirche zu Seelsorge und befreitem Leben fast verloren zu gehen drohen.                  

Kirche als „communio sanctorum“, als Gemeinschaft der Heiligen, ist der Ort, an dem Heiligung der Welt und der Menschen Platz greifen soll, also Ort der Entdämonisierung der Welt von lügenhaft-ideologischen Fehldeutungen und Unterdrückungsansprüchen und Ort der Verwirklichung der Gotteskindschaft der Menschen, jedes fremdbestimmenden Verfügungsanspruchs entnommen.

Seelsorge trifft auf dieses Geflecht scheinbarer menschlicher Autonomie und verunstaltender Bedingungen von Lebensentwürfen. Ihr analytischer Wahrheitsanspruch ist ausgerichtet an der kritischen Liebe des offenbar gewordenen Gottes.

 

Die Befreiung zum Leben und die Transformation der Bedingungen zur Herstellung eines Lebens in verantwortlicher Freiheit und Liebe und gegenseitiger Anerkenntnis, sind der Leitimpuls.

„Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Denn das Wollen ist zwar bei mir vorhanden, das Vollbringen des Guten aber nicht. Denn nicht das Gute, das ich will, das tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Ich finde also für mich, der ich das Gute tun will, das Gesetz gültig, dass das Böse bei mir vorhanden ist…. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz in meinem Inneren widerstreitet und mich zum Gefangenen des Gesetzes der Sünde macht…. Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!“ (Röm. 7,18-25)

 

Gefangen in Strukturen der Sünde, in Strukturen auch eines gesellschaftlich zu verantwortenden, verstellenden Lebens (strukturelle Sünde), geht es um befreiende Analyse dessen, was ist, und was geworden ist, und um die Transformation zur je erneuernden Freiheit: „Für die Freiheit hat uns Christus frei gemacht; darum stehet fest und lasst euch nicht wieder unter ein Joch der Knechtschaft bringen!“ (Gal.5,1)

 

In diesem Prozess je neuer und befreiender Selbstdefinition und Fremdbetrachtung verläuft der Weg demütiger Beichte und neuer Lebensfreude, neuen Lebensmutes. Ambivalenz schmerzlicher Selbstwahrnehmung und Scheitern gehören immer zu uns, aber es ist nicht mehr eine Determination endgültig struktureller Art, und beides kann in einem offenen Austauschprozess mit Gottes vergebender Liebe bzw. im dialogischen Gegenüber wahrhafter Selbstbetrachtung und Fremdbegleitung überwunden werden.

 

„Denn Ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, sodass Ihr Euch wieder fürchten müsst, sondern Ihr habt empfangen den Geist der Gotteskindschaft, der Euch sprechen lässt: Abba, lieber Vater!“ (Röm.8,15) Also, frei wie Kinder, offen zur Entdeckung des Lebens, voller Vertrauen in einen Gott, der zwar in seiner Allmacht nicht zu erfassen ist, wohl aber als liebender Vater sich uns zuwendet und uns befreit und befähigt zu kritischer, selbstkritischer Liebe, oder frei wie Menschen, die ihr Leben neuer Betrachtung und Bewertung ausliefern, voller Vertrauen in neue Entwürfe, die ihnen entsprechen und ihnen angemessen sind, diese können Wege zu neuer Selbstvergewisserung sein.

 

In unterschiedlicher Akzentuierung gilt dies für therapeutisch-analytische Bemühungen in ähnlicher Weise wie für Seelsorge. Wenn hier von einem Weg souverän wahrgenommener Demut die Rede ist, dann ist das nicht zu verwechseln mit Demütigung, was leider über weite Strecken auch für den Weg kirchlicher Seelsorge bestimmend war zur Steuerung und Unterdrückung von Menschen. Die von Christus her ermöglichte Freiheit bestimmt auch die Rahmenbedingungen eines seelsorgerlich-therapeutischen Prozesses. Ein Hauch von Heiligung, von Würdigung von Schöpfung und Leben weht durch diesen Prozess.

 

In vielen Dekanaten unserer Landeskirche bieten kirchliche Zentren ideale Voraussetzungen zur Begegnung, zum seelsorgerlich-therapeutischen Gespräch. In jedem Dekanat gibt es für Seelsorge besonders aufgeschlossene und befähigte Pfarrerinnen und Pfarrer und einem solchen Vorhaben gegenüber aufgeschlossene (in Freundschaft verbundene) Psychologen und Therapeuten. Zum Angebot solcher Wahrnehmung von verantwortlicher Zuwendung und Offenheit bedarf es nicht eigens dazu berufener hauptamtlicher Kräfte, ein zeitlicher Freiwilligkeitsaufwand von zwei oder drei Stunden pro Woche pro interessierten Mitmacher könnte schon Wunder bewirken. Je nach vorhandenem Mitarbeitsinteresse könnte das Beratungsangebot sehr diversifiziert sein.

 

Es wäre gut, wenn Kirche einmal, etwa mit einem solchen Angebot, auf sich aufmerksam machte und die weitverbreiteten Klischees Lügen straft, ihre Existenz nicht mehr im Bereich vernachlässigenswerter Bedeutungslosigkeit angesiedelt sein lässt, sich wieder deutlicher der ihr seit zweitausend Jahren zugetrauten und zugemuteten Hilfe zum Leben verpflichtet weiß.

 

Die Protestantische Friedenskirche bietet für solcherart definierte Seelsorge und Beratungsarbeit gute Rahmenbedingungen, das Ambiente lädt ein zu ermutigter Freiheit zum Gespräch. Wo man sich öffnet zum Gespräch, wo man das, was einem im Innersten bewegt nach außen zu neuer Selbstbetrachtung und Fremdwürdigung bringt, sind selbstverständlich der Schutz der Person und Integrität gewährleistet.

 

Ehrenamtlich mitarbeitende Pfarrer und Therapeuten sind zu unterschiedlichen Zeiten Ansprechpartner. Zeigt sich die Notwendigkeit längerfristiger Betreuung, kann an entsprechende andere Stellen vermittelt werden.

Es ist gut, wenn die Kirchen mit wachem Bewusstsein für die ihnen Anvertrauten und für alle Menschen guten Willens ihrem Auftrag entsprechend wieder Hilfe zum Leben anbietet, institutionell verankert als Seelsorge und Beratung.

 


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