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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

Die prekäre Zukunft des Protestantismus

 

Während sämtliche evangelischen Landeskirchen auf das Lutherjubiläum 2017 fixiert sind, wird in der Pfalz bereits über das nächste Großereignis nachgedacht: das Jubiläum der Pfälzischen Kirchenunion von 1818. Während jedoch im Blick auf 2017 in der EKD seit Jahren eine Debatte darüber geführt wird, was eigentlich im Jubiläumsjahr gefeiert werden soll, fehlt eine solche Debatte in der Pfalz im Blick auf 2018 vollständig. Dieser Zustand stimmt nachdenklich. Zwar lässt sich argumentieren, dass es 2018 nur um den 200. Jahrestag einer Regionalkirche geht, und, weil es damals lediglich um die Neuorganisation der evangelischen Kirchen auf dem Gebiet des Bayrischen Rheinkreises ging, keine konkurrierende Deutung der katholische Kirche Grund für Auseinandersetzungen bietet. Diese im Gegensatz zum Reformationsjubiläum unkomplizierte Ausgangslage kann allerdings kaum darüber hinwegtäuschen, dass eben überhaupt keine Debatte über die zur Sprache kommenden Inhalte geführt wird.

 

Dieser Zustand lässt nach dem Profil einer bekenntnisunierten Kirche fragen. Unionskirchen haben nicht die Möglichkeit, wie etwa lutherische, orthodoxe oder altorientalische Kirchen, ihre Identität durch liturgische Abgrenzungen, die nicht von jedem verstanden werden müssen, zu sichern, sondern sind darauf angewiesen, dass die Prinzipien der Union verstanden und mit Leben gefüllt werden. Wenn die Prinzipien der Unionstheologie nicht mehr verstanden werden, ist der Protestantismus als besondere Verwirklichungsform evangelischer Kirchlichkeit erledigt.

 

Diese Prinzipien sind in dem Satz der Präambel der Unionsurkunde zusammengefasst, dass es „zum innersten und heiligsten Wesen des Protestantismus gehört, immerfort auf der Bahn wohlgeprüfter Wahrheit und echt religiöser Aufklärung mit ungestörter Glaubensfreiheit mutig voranzuschreiten“. Jeder einzelne Christ wird angesprochen als Adressat der Wahrheitsprüfung und der religiösen Aufklärung. Was damit ausgeschlossen wird, ist eine stellvertretende Übernahme dieser den religiösen Vollzug begleitenden gedanklichen Arbeit durch irgendwelche kirchlichen Organe. Man kann es auch deutlicher sagen: Weder eine autoritativ vorgetragene kirchliche Glaubenslehre noch eine mit klerikalem Habitus verkündete Handlungsanleitung zum Umgang mit wirtschaftlichen und politischen Problemen passen zur Theologie der Pfälzischen Union.

 

Tatsächlich ist es den kirchenleitenden Organen der Pfälzischen Landeskirche immer gut gelungen, diese beiden Klippen zu umschiffen, und auch zukünftig dürfte die Gefahr der Anmaßung eines Lehramtes nahezu gegen Null gehen. Größer ist die Gefahr der Klerikalisierung im Gegenüber zur Gesellschaft – und zwar in genau dem Maße, wie der reale Einfluss auf gesellschaftliche Entscheidungen abnimmt. Die Erfahrung, nicht mehr mit den besseren Argumenten wahrgenommen zu werden, verleitet dazu, durch „kirchliches“ Auftreten verlorenen Einfluss zu kompensieren. Die Folge ist eine unprotestantische Wagenburgmentalität, die Wert legt auf Erkennbarkeit und geschlossene Reihen. Wenn „wir als Kirche“ von der Politik ein bestimmtes Gesetz fordern, und wenn „wir als Kirche“ Vertreter der Wirtschaft dazu aufrufen, eine bestimmte Praxis zu unterlassen, dann wird schon semantisch deutlich, dass bei dieser Form kirchlichen Auftretens die „wohlgeprüfte Wahrheit“ und die „echt religiöse Aufklärung“ hinter den Interessen kirchlicher Verbandspolitik und der dazugehörenden Lobbyarbeit bis zur Unkenntlichkeit zurücktreten.

 

Der durch die ökumenische Zusammenarbeit sich selbst auferlegte Zwang, auch noch gemeinsame Positionen mit der römisch-katholischen Kirche gegenüber Politik und Wirtschaft formulieren zu müssen, führt zumindest in denjenigen Bereichen, in denen diese Selbstbindung exekutiert wird, zur Aufgabe sämtlicher protestantischer Prinzipien auf Kosten einer Fiktion von „Einheit“, die noch nie zu den protestantischen Tugenden gezählt hat. Aufgrund der inneren Logik des katholischen Ökumenismus steht zu befürchten, dass für jeden zukünftigen „Fortschritt“ in der Ökumene der Protestantismus die Zeche zahlen muss. Ökumenische Zusammenarbeit bedeutet für den Protestantismus, sich geschlossener als Kirche profilieren zu müssen als es seinen eigenen Prinzipien entspricht und der Identität der Protestanten gut tut.

 

Einziger Adressat der Unionstheologie war das fromme Individuum. Die Formen kirchlicher Vergemeinschaftung haben sich in den vergangenen 200 Jahren immer wieder gewandelt, ohne dass sich das innere Glaubensleben notwendig davon beeindrucken lassen musste. Noch im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde das kirchliche Vereinswesen prägend, mit der Lutherrenaissance und dem Barthianismus wurde im 20. Jahrhundert die Gemeinde zur Normalform von Kirchlichkeit. In Folge der Strukturreform des vergangenen Jahrzehnts wird die Gemeinde ihre exklusive Stellung zugunsten übergemeindlicher Kooperationen verlieren. Anders als für die katholische Theologie sind für den Protestantismus solche Organisationsfragen eher uninteressant – solange die jeweiligen Strukturen ihren Sinn erfüllen, eine herrschaftsfreie Kommunikation des Evangeliums nach den Prinzipien des protestantischen Freiheitsverständnisses zu ermöglichen. Sobald jedoch institutionelle Belange Begrenzungen für den Inhalt des Evangeliums errichten, ist aus protestantischer Sicht Einspruch geboten. Wird dieser Einspruch nicht mehr erhoben – sei es, dass die Notwendigkeit nicht mehr erkannt wird, oder sei es, dass man aus Rücksicht auf den ökumenischen Partner darauf verzichtet –, verliert die Bezeichnung „protestantisch“ ihren Sinn und die ehemals protestantische Religiosität driftet ab in eine Normalform evangelischer Kirchlichkeit. Das kann man wollen, muss es dann aber auch deutlich sagen.

 

Letztlich gibt es zwei Grundkategorien, nach denen sich kirchliches Leben organisieren lässt: Einheit und Wahrheit. Der katholische Ökumenismus ordnet jede kirchliche Lebensäußerung dem Ziel der Einheit unter; der Protestantismus aber ist vor 500 Jahren entstanden, weil einige unbelehrbare Personen bereit waren, die Einheit der Kirche für den Preis der Wahrheit aufs Spiel zu setzen.

 


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