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Bernd Dietsche
Kolmarer Straße 25, 76829 Landau

 

Debatte

 

 

Kein Schweigen in Schweigen und Rechtenbach

 

Am 4. Advent des vergangenen Jahres besuchten meine Frau und ich als kleines Zeichen unserer Solidarität mit Kollegen Ulrich Hauck dessen Gottesdienst in Schweigen. Die näheren „Umstände“ seines Stellenverlustes im Gefolge der allgemeinen „Strukturreform“ unserer Landeskirche sind allgemein bekannt. Mögen die „Vorgänge“ auch formal-(kirchen)rechtlich „korrekt“ abgelaufen sein. Die menschlichen Folgen sind katastrophal. Noch nie haben wir in einem Sonntagsgottesdienst so viele Menschen weinen sehen und gleichzeitig so viel Wärme und Nähe innerhalb der Gemeinde gespürt. So viel Trauer und Enttäuschung. Und, ja, auch so viel Wut über eine für die Gemeinde nicht nachvollziehbare Entscheidung von „denen“ in Speyer.

 

Und auf der Kanzel und am Keyboard ein spürbar mitgenommenes Pfarr-Ehepaar, das sich trotz allem bemühte, sich in dem mit größter Sorgfalt vorbereiteten und geleiteten „bibeltreuen“ Gottesdienst „nichts anmerken zu lassen“; weder die Predigt, noch die Gebete und Lieder „instrumentalisierte“, sondern streng am Text und der agendarischen Ordnung blieb, auch wenn es sie wahrscheinlich innerlich zerrissen hat.

 

Ihr lieben Damen/Kolleginnen/Schwestern und Herren/Kollegen/Brüder in Speyer: War es das „wert“? Es gab keine Alternativen für Euch, die Ihr sonst so kreativ seid im Ersinnen von „Sonder-Regelungen“? Speyer locuta, causa finita? Wie soll denn die „benachbarte“ Kollegin unter diesen „Vorgaben“ ihren Dienst für die Gemeinde und sich auch nur einiger Maßen „be-friedigend“ erfüllen können? Wie steht es mit der „Fürsorgepflicht“ des Arbeitgebers? Was soll denn aus der Gemeinde, ihrem Presbyterium und der Pfarrfamilie werden? Die „Kollateralschäden“ waren vorhersehbar. Jetzt sind sie unabsehbar.

 

Und an anderer Stelle (Evangelischer Kirchenbote, Ausgabe 51/52 vom 22.12.2013) rühmt sich zur genau gleichen Zeit die Kirchenleitung unter der Überschrift „Kirchen sollen ihren Dienst für die Gesellschaft besser vermitteln“, dass es bei „uns“, anders als in der katholischen Kirche, demokratischer, transparenter, offener, menschennäher zugehe. „Angesichts von 'Symptomen eines religiösen Traditionsbruches' müssten die Kirchen stärker deutlich machen, was sie mit ihrem Engagement und ihrem Geld für die Gesellschaft leisteten.“

 

Das ist für mich Realsatire pur: Eine „lebendige“ Gemeinde, die sich seit Jahren dem „religiösen Traditionsverlust“ mit Engagement und Herzblut widersetzt, wird zerschlagen! Ein Kollege, der es offensichtlich verstanden hat, den „Abwärtstrend“ zu stoppen und eine wachsende Gemeinde zu sammeln, wird zwar nicht in die „Wüste“, aber per dienstlicher Anordnung zwei Tage vor Weihnachten und ohne jede Rücksprache mit dem Betroffenen zur „dienstlichen Aushilfe“ nach XY abkommandiert, während die Nachfolgerin trotz eines laufenden Verfahrens vor dem Kirchengericht ihre „Ernennung“ angeblich schon in der Tasche hat.

 

Ich wiederhole mich: Mag ja alles „formalrechtlich“ korrekt gelaufen und „exekutiert“ sein, aber ob unsere Landeskirche damit Menschen „gewinnt“ und „Vertrauen“ in unseren Gemeinden weckt, bezweifle ich doch sehr. Da hilft es auch nichts, wenn sie im Kirchenboten aaO verlauten lässt: „Da immer mehr Bürgerinnen und Bürger den Kirchen beim Umgang mit ihrem Geld misstrauten, gelte es, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.“ So wie jetzt in Schweigen-Rechtenbach?

 

Und es sind dort ja nicht wenige, die jetzt ihr Vertrauen in die Kirchenleitung verloren haben: Am 21. November 2013 fuhren mehr als einhundert Gemeindeglieder mit Reisebussen nach Speyer, um vor der Landessynode für „ihren Pfarrer“ zu demonstrieren. Dabei übergaben sie ca. 500 Unterschriften an den Kirchenpräsidenten mit einer „Protestation“ des Presbyteriums vom 6. November 2013.

 

Darin heißt es u.a.: Dem Einsatz von Pfarrer Ulrich Hauck und seiner Begeisterung „ist das sehr große ehrenamtliche Engagement mit allein 3000 Stunden Arbeitseinsatz während der Renovierung der Rechtenbacher Kirche zu verdanken ... Ihre getroffene Entscheidung missachtet und zerstört den ehrenamtlichen Einsatz.“ Das Presbyterium erachtet diese Entscheidung „als einen gezielten Angriff gegen das Profil unserer Kirchengemeinde und als einen Schlag ins Gesicht eines jeden ehrenamtlich Tätigen“ „Innerhalb sich einer der Liberalität, des Pluralismus, der Transparenz ... verschriebenen Landeskirche kann Ihnen nicht ernsthaft an der Unterbindung lebendiger, missionarischer Gemeindearbeit ... gelegen sein ...“

 

Natürlich, ich weiß: „Andernorts“ gab und gibt es auch „Strukturreformen“ mit schmerzhaften Einschnitten und Veränderungen. Und es gab teilweise vor dem „Vollzug“ auch kräftige Proteste und Beschwerden. Vielleicht ist das ein Grund, warum sich so viele Kolleg/Innen mit Solidaritätsbekundungen für Ulrich Hauck und „seine“ Gemeinde zurückhielten. Warum soll es dem besser gehen als uns? Und aus seinem Dekanat hörte ich auch nicht so viel. Oder ist es eher so etwas wie „Futterneid“, dass sich in Schweigen-Rechtenbach neben der „Kerngemeinde“ auch zusammengefunden hat, was sich wo anders nicht verstanden und geborgen fühlte?

 

Schlimmer noch die durchaus nachvollziehbare „Erklärung“, welche zahlreiche Gottesdienstbesucher und Mitglieder anderer Gemeinden äußerten: Hier soll ein „Exempel“ statuiert werden gegenüber einem notorischen „Querdenker“ und Protestanten aus dem „Netzwerk“, der seine Kirchenleitung in der Vergangenheit immer wieder kritisierte und herausforderte und dem allgemeinen Trend der „political and theological correctness“ widersprach, wie er sich unter uns zunehmend breitmacht. „Meinst Du“, sagte mir ein Kollege, der sich merklich zurück hielt „ich möchte genauso enden wie der Kollege Ulrich Hauck?“

 

Mir scheint, dass wir mittlerweile mit all der plakativen „Strukturreform“ keine Re-Form, sondern allenfalls ein Klima der Einschüchterung, Angst, Überlastung und Verunsicherung geschaffen haben, welche dem schönen Ideal der unerschrockenen, „freien“ Verkündigung und dem mutigen Bekenntnis Hohn spricht! Dafür erinnern wir uns dann umso heftiger und unverbindlicher der „Heldentaten“ einiger weniger unserer theologischen Vorfahren, die im dritten Reich oder andernorts mutig widerstanden haben. Kostet ja nichts, dieses nachträgliche Bekenntnis. Schon klar, Speyer anno 2012 ff ist nicht Speyer anno 1932 ff. Und trotzdem komme ich ins Grübeln und frage mich, warum es jetzt ausgerechnet einen vom „Netzwerk“ getroffen hat – und die anderen sich ducken und den Kopf einziehen.

 

Und plötzlich erschließt sich mir der Begriff „Heimat“ ganz anders, mit welchem unsere Landeskirche seit einiger Zeit äußerst plakativ und kostenträchtig für sich „wirbt“: „Heimat“ wird in Speyer abgewickelt und von der Portfolio-Analyse gedeckelt.

 

„Heimat“ ist dort, wo du kein Zuhause mehr hast. „Heimat“ ist dort, wo du aus deiner Gemeinde vertrieben wirst. „Heimat“ ist dort, wo Tränen fließen und Menschen traurig sind, weil sie „ihren“ Pfarrer verloren haben. Macht ja nichts: Speyer hat 15:0 entschieden. Und das war's und über alles wächst dann Gras.

 

Prost Neujahr!

 


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