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Oliver Jaehn
Weidstraße 2, 67227 Frankenthal

 

Debatte über die Regionalisierung

 

Kein K.O.! Keine Operation! Aber wirkliche Kooperation!

Ein Einwurf aus Frankenthal zur aktuellen Strukturentwicklung unserer Landeskirche[1]

 

Ich habe die Aufgabe übernommen, uns in aller Kürze zusammenzufassen, warum wir eigentlich heute hier zu diesem Presbyteriumsnachmittag für den ganzen Kirchenbezirk eingeladen haben und zusammen gekommen sind. Es hat einen Grund und ein Ziel und es ist wichtig, dass wir dabei alle auf dem gleichen Stand sind.

 

Ich möchte dies nun nicht tun, indem ich einfach den Ablauf von Ereignissen referiere oder juristische Urteile abgebe. Ich möchte dieser Aufgabe nachkommen, indem ich die Entwicklung in unserer Kirche aus meiner persönlichen Sicht als Gemeindepfarrer darstelle, genährt aus vielen Gesprächen  mit Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus unseren Gemeinden.[2]

Aber so kompliziert ist es auch nicht. Man kann es eigentlich in drei Sätzen zusammenfassen:

 

1. Wir wollen nicht, dass die Kirche K.O. geht!

 

Das hört sich jetzt ja eigentlich ganz selbstverständlich an. Und natürlich meine ich mit „Kirche“ hier nicht die eine, weltweite Kirche Jesu Christi, die Zeit und Raum umspannt und zu der wir uns im Glaubensbekenntnis bekennen. Die dürfen wir heute mal getrost und im Gebet der Wirkung des Heiligen Geistes überlassen.

 

Nein, wenn ich sage: „Wir wollen nicht, dass die Kirche K.O. geht!“, dann meine ich die konkrete Form und Ausgestaltung dieser einen Kirche  und zwar in der Gestalt der Evangelische Kirche der Pfalz, unserer Protestantischen Landeskirche, oder noch genauer in der Gestalt unserer Kirchengemeinden vor Ort.

 

Und dann ist dieser Satz „Wir wollen nicht, dass die Kirche K.O. geht!“ eine zugegebener Weise vielleicht etwas flapsige, aber trotzdem zutreffende Beschreibung dessen, was der Landeskirchenrat und die Landessynode und die Kirchenregierung in Speyer als Aufgabe haben, aber auch, was wir als Presbyter/Presbyterinnen und Pfarrer und Pfarrerinnen hier vor Ort zu tun haben. Wir wollen nicht, dass die Kirche K.O. geht!

So selbstverständlich das ist: das ist nicht immer leicht. Und die Herausforderungen, die einem dabei begegnen, sind vielfältig und ändern sich im Laufe der Zeit. Völlig klar, wir sind nicht mehr der bunte Haufen, der damals am Pfingstfest in Jerusalem zu Christus fand. Wir sind zwar immer noch ein bunter Haufen, aber ansonsten hat sich da viel geändert.

 

Was sind die Herausforderungen heute? Da gäbe es sicher viel zu nennen und zu sagen und anzugehen,

* an theologischen Fragen,

* was das Gemeindeleben vor Ort angeht,

* die Ökumene,

* die Zusammenarbeit mit den Kommunen,

* die weltweiten wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen und, und, und.

 

Die Gefahr ist: wenn ich zuviel aufzähle, bin ich so erschlagen, dass ich gar nichts von den Herausforderungen mehr angehen will. Von daher ist es gut und wichtig, sich immer wieder zu konzentrieren.

 

Unsere Landeskirche hat nun u.a. drei Herausforderungen in den Blick genommen:

1. Die erste Herausforderung: Die Mitgliederzahlen werden seit vielen Jahren immer kleiner. Dafür sind viele Gründe anzusetzen, und es spricht einiges dafür, dass dies weitergeht: Unsere Kirche schrumpft, was die Gemeindeglieder angeht – man könnte es als Schlagzeile schreiben – um zwei Gemeinden pro Jahr.

 

2. Damit hängt die zweite Herausforderung zusammen: Das Geld wird deutlich knapper. Wir haben als Gesellschaft und eben auch als Kirche lange, lange Jahre aus dem Vollen schöpfen können: Häuser gebaut, uns ins gesellschaftliche Leben vielfältig eingebracht z.B. mit Kindergärten, Krankenhäusern –um einfach mal zwei Schlagworte zu nennen, Pfarrstellen wurden errichtet – wir haben aus dem Vollen geschöpft und haben dabei zumindest gemeint, wir könnten dies und es ging immer so weiter. Die Gelder sind tatsächlich ja auch einfach so geflossen.

 

Das ist nun definitiv nicht mehr so! Es stehen deutlich weniger und v.a. immer weniger finanzielle Mittel zur Verfügung, um kirchliche Arbeit zu finanzieren. Und die kostet Geld.

 

3. Und die dritte Herausforderung: Es gibt immer weniger Pfarrer und Pfarrerinnen, die als hauptamtliche Seelsorger, Prediger, Lehrer und mit der Gemeindeleitung (zusammen mit dem Presbyterium) beauftragt sind – drastisch weniger!

 

Also: Weniger Gemeindeglieder, weniger Geld, weniger Pfarrerinnen und Pfarrer. Das alles hat wie immer viele Gründe und es gibt vielfältige Möglichketen darauf zu reagieren. Und ich will auch betonen: das muss ja nicht immer so der Trend bleiben. Dass wir noch mehr zu einer missionarischen Kirche im besten evangelischen Sinne werden können, das ist auch eine Herausforderung, vor der wir stehen. Und was wir in 20 oder 30 Jahren diskutieren werden, ist völlig offen. Aber aktuell sind das große, wichtige Herausforderungen, die die Gestalt und die Arbeitsfelder der Kirche treffen und auf die man reagieren muss.

 

Aber wie? Dazu komme ich zum zweiten Satz:

 

2. Wir wollen keine Operation!

 

Ich will Ihnen ganz laienhaft beschreiben, was ich unter „Operation“ dabei verstehe: Eine Operation ist notwendig, wenn ein Körper krank ist und die Selbstheilungskräfte nicht mehr ausreichen, und wenn diese Selbstheilungskräfte auch durch Medikamente nicht mehr genug gefördert werden können. Dann muss einer von außen kommen, der sagt, was getan werden muss und der dann in den Körper eingreift, damit er nicht K.O. geht. Eine Operation geschieht also durch einen Zu- und Eingriff von außen, durch jemanden, der mit dem Körper eigentlich gar nichts zu tun hat.

 

Nun wissen wir alle: Manchmal ist so eine Operation geboten und gut. Und deshalb gibt es wohl auch immer wieder Überlegungen und Tendenzen, dies auch auf die Kirchengemeinden zu übertragen. Nicht, weil sie krank wären, aber weil die Herausforderungen so groß sind, dass die Gemeinden es von allein, aus sich heraus nicht schaffen. Dann muss – wie ein Chirurg – jemand von außen kommen und eingreifen – im Fall der Gemeinden: bestimmen und regeln, wie man den Herausforderungen begegnen soll.

 

Nach einem solchen System operiert zur Zeit –nach meiner Beobachtung – die katholische Kirche im Bistum Speyer. So hat die Kirchenleitung dort festlegt: 2015 wird unser Bistum ein anderes Gesicht, eine andere Struktur, eine andere Arbeitsweise haben. Für eine Sekunde – wenn ich recht informiert bin – lösen sich die bisherige Struktur des Bistums und die ganzen Kirchengemeinden auf – und in der nächsten Sekunde liegt eine völlig andere Struktur vor: Gemeinden sind aufgelöst, werden neu zusammengelegt und mit einem ganz neuen Zuständigkeitssystem von Priestern und Seelsorgeteams betreut. Die Gemeinden dürfen dabei mit unheimlichem Aufwand und Pressepräsenz eine Vorschlagsliste erstellen, wie die neuen Gemeindegebilde heißen sollen. Die Entscheidung auch darüber fällt der Bischof.

 

Dieses „Pastoral 2015“ geschieht also wie bei einer Operation. Die Kirchenleitung bestimmt von oben: So wird es jetzt gemacht. Der unbestreitbar große Vorteil dieses „Pastoral 2015“ ist: Wenn das alles gelingt, dann wird dies der große Wurf und ein wichtiger Meilenstein für das Bistum der Zukunft sein.

 

Die Verfassung unserer Evangelischen Kirche der Pfalz sieht das so aber nicht vor. Bei uns kann es m. E. verfassungsmäßig keine solche Operation von oben geben, in der die Kirchenleitung in so grundsätzlicher Weise in das Gemeindeleben eingreift. Das Selbstbestimmungsrecht der Kirchengemeinden durch die Presbyterien ist ein hohes Gut unserer Verfassung.

 

Schon ein grober Überblick über die Kirchenverfassung zeigt: In den ersten Paragraphen geht es um grundsätzliche Aussagen zur Landeskirche, um dann sofort im zweiten Abschnitt mit der Kirchengemeinde zu beginnen. Erst dann mit dem Kirchenbezirk und erst dann mit der Landeskirche als Ganzer. Unsere Landeskirche ist von unten nach oben strukturiert – wenn man es so sagen will.

 

Trotzdem gibt es immer wieder Versuche v. a. der kirchenleitenden Gremien oder – ich sage es mal vorsichtiger – von einzelnen Personen in kirchenleitenden Funktionen, diese Struktur umzudrehen und operativ in das Gemeindeleben einzugreifen.

 

Als einen solchen Versuch sehe ich den Weg, der seit dem sog. Strategiepapier der Landessynode vom Mai 2011 versucht wird einzuschlagen, und der dann in einer Handreichung vom Mai 2012, herausgegeben vom Landeskirchenrat, weitergeschrieben wurde. Darin werden die Gemeinden von der Kirchenleitung aufgefordert, festgelegte Kooperationszonen zu bilden, diese vertraglich festzuhalten und auch vertraglich zu regeln, wie die Zusammenarbeit der Gemeinden aussehen soll. Dies soll laut Strategiepapier (Teil II, 4.1.3) bis zum Ende 2014 geschehen sein.

 

Warum dieser Termin? 2014 werden die Presbyterien neu gewählt und danach werden sich auch die Synoden neu zusammensetzen und – so ist wohl die Intention – die neuen Gremien sollen sich damit nicht mehr beschäftigen müssen. (Ende 2014 – also noch vor den Katholiken (!) – soll dieser Prozess abgeschlossen sein!)

 

- Es wurde dann gesagt, dass Gemeinden, die das nicht tun, von der Kirchenleitung einer Kooperationszone zugeteilt werden.

- Es wurde weiter gesagt, dass ein Kirchenbezirk mindestens vier Zonen aus je vier Gemeinden bilden müsse, um weiterhin als Kirchenbezirk bestehen zu können. Oder anders herum, Kirchenbezirke, die diese vier Zonen nicht bilden, werden mit anderen zusammengelegt.

 

Im Einzelnen war und ist es ist manchmal sehr schwer zuzuordnen, wer was gesagt hat und wie verbindlich diese Aussagen sind. Das macht das ganze Verfahren aus Sicht der Basis teilweise so diffus und unübersichtlich. Plötzlich wird ein ungeheurer Druck aufgebaut und auch Ängste erzeugt. Man kann sich dabei auch des Eindrucks nicht erwehren, dass diese geschürten Ängste und dieser Druck bewusst eingesetzt werden, damit das ganze Projekt nicht groß hinterfragt wird, sondern zügig umgesetzt wird.

 

Mir ist wichtig festzuhalten: Nicht die inhaltliche Idee, dass Gemeinden verstärkt zusammenarbeiten können und sollen, ist das Problem, sondern die Verfahrensweise und der aufgebaute Druck sind das Problem und m. E. verfassungswidrig, weil hier von oben – ohne genauer in die Gemeinden zu schauen, ohne Absprachen, ohne Rücksicht – eine neue Struktur für die gesamte Landeskirche eingeführt werden und entstehen soll.

 

Denn man mache sich bewusst:

* Diese Kooperationszonen sollen eine vertraglich festgelegte Struktur haben.

* Sie sollen beispielsweise in die Stellenausschreibungen für Pfarrstellen einfließen, so dass ein Bewerber / eine Bewerberin auf eine Pfarrstelle sich auch immer noch überlegen wird, ob er / sie mit dieser oder jener Gemeinde und diesem Kollegen oder jener Kollegin aus der Kooperationszone zusammenarbeiten möchte.

* Außerdem engen solche festgelegten Strukturen (wie alle Verträge) Gemeindeleben ein und verhindern Lebendigkeit.

 

Bevor ein Gemeindekreis sich etwa auflöst, müssen da unter Umständen erst mal Verträge geändert werden? Entsteht ein neuer Kreis hinzu, muss man da überlegen, ob das Auswirkungen auf bestehende Verträge hat? Man kommt ins Absurde, wenn man das weiterdenkt.

 

Trotzdem machen sich viele in diesem Sinn an die Arbeit. Und auch unser Bezirkskirchenrat hatte im Herbst 2012 schon Überlegungen angestellt, solche Zonen nach Speyer zu melden als „leere Hülsen“ ohne inhaltliche Füllung, aber um der Form und dem Auftrag Genüge zu tun und (leider) auch ohne nähere Rücksprachen mit den Presbyterien.

 

Umso wichtiger erscheint das klare Votum der Bezirkssynode vom November 2012: Die Bezirkssynode gab den Weg vor, statt formaler Zonen der Zusammenarbeit, inhaltliche Kooperationen im Kirchenbezirk zu bilden.

 

Der Pfarrkonvent hatte diesbezüglich schon einmal vorgearbeitet: Wir haben – versuchsweise und auch unvollständig (weil nur auf die Stadtgemeinden bezogen) – Beispiele aufgelistet, wo und wie schon überall Zusammenarbeit  geschieht. Dabei haben wir gemerkt, was eigentlich logisch ist:

 

1. Es geschieht schon viel Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden: Sei es, dass Gemeinden Angebote gemeinsam verantworten, sei es, dass eine Gemeinde etwas anbietet und bewusst dazu andere Gemeinden einlädt.

2. Es sind aber nicht immer die gleichen Gemeinden, die etwas zusammen machen. Einmal betrifft es Gemeinde A und B. Dann bei einem anderen Projekt Gemeinden B und C und dann wieder A und C, mal betrifft es nur Stadtgemeinden, mal Stadt- und Landgemeinden.

 

Diese zwei Beobachtungen unterstreichen die Fragwürdigkeit des ganzen Vorhabens und bestärken den Beschluss der Bezirkssynode. Mit anderen Worten: Wir wollen uns diesem Druck und diesem Verfahren, flächendeckend vertraglich festgelegte Zonen zu bilden, aus verfassungsrechtlichen und aus inhaltlichen Gründen nicht beugen. Wir wollen keine Operation!

 

Kommen wir zum dritten Punkt und ich vermute, Sie haben mein Wortspiel schon längst durchschaut.

 

3. Wir wollen nicht, dass die Kirche K.O. geht! Wir wollen keine OPERATION! Wir wollen echte KOOPERATION!

 

Denn wie gesagt: Inhaltlich steht es außer Frage, dass gelingende Kooperation, die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden,

* Entlastung bringt:

- an Zeit und Kraft, die ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen investieren;

- aber durchaus auch finanzielle Entlastung, wenn man es geschickt angeht: Kosten können geteilt werden, Anschaffungen vielleicht nur einmal gemeinsam getätigt werden usw. – Das kommt auf die Einzelfälle an.

* Und gleichzeitig bringt gelingende Kooperation natürlich eine Bereicherung an Vielfalt, an Buntheit und an Lebendigkeit der Kirche.

 

Insofern ist Kooperation der Kirchengemeinen meines Erachtens schon eine wichtige Antwort auf die eingangs genannten Herausforderungen: weniger Gemeindeglieder, weniger Geld, weniger Pfarrer/innen und Pfarrer.

 

Kooperation bringt viel, aber es braucht etwas: Zeit und Vertrauen. Echte, gelingende Kooperation muss wachsen, Gemeinden, Presbyterien – auch wir als Pfarrerinnen und Pfarrer – müssen uns noch mehr kennenlernen und schätzen lernen. Wir müssen gemeinsam Ideen entwickeln, reifen lassen– und vielleicht auch wieder fallen lassen. Das braucht Zeit, damit Beziehungen und Vertrauen wachsen können.

 

Wenn es dann z.B. um finanzielle Einigungen geht oder es notwendig erscheint, Absprachen festzuzurren, dann ist jeweils ein Presbyteriumsbeschluss ein vorhandenes und ausreichend bindendes Instrument. Es braucht dazu m. E. keine nochmals auszuhandelnden Verträge.

 

Was man aber braucht ist Offenheit, man braucht die Freiheit und das Vertrauen und vor allen Dingen: Man braucht Menschen vor Ort, die von dieser Idee begeistert sind und dahinter stehen. Eine solche Reform – von oben aufgedrückt, am grünen Tisch mit sicher bestem Willen und Gewissen ausgedacht, dann aber mit Druck und Angstschüren durchgesetzt – entspricht nicht dem Geist unsere Kirche. Unsere Kirche ist vom Wachstum von unten nach oben angelegt. Und deswegen sind wir heute auch hier:

 

* um den Nährboden für gute, gelingende Kooperation zwischen unseren Gemeinden zu bereiten,

* um uns wahrzunehmen, näher kennenzulernen, ins Gespräch zu kommen,

* um vielleicht schon erste Ideen zu bekommen

* und vor allem auch, um unserer Kirchenleitung eine Alternative aufzuzeigen: Kooperation muss wachsen, braucht Zeit und Vertrauen.

 


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[1] Leicht überarbeitete Fassung des Einführungsreferats beim Presbyteriumstag des Kirchenbezirks Frankenthal zum Thema „Kooperation im Kirchenbezirk“ am 23.02.2013.

[2] Als Literaturhinweis möchte ich deshalb auch nur auf die sehr eindrücklichen Gedanken von Prof. Dr. Christian Möller verweisen: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ in: Pfälzisches Pfarrerblatt 1/2013, S.19-22.