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Dr. Ludwig Burgdörfer
Westbahnstraße 4, 76829 Landau

 

Zum Überdenken

 

Sitzverlegenheit

Böse Beobachtungen eines Wanderpredigers

 

Ich will und kann die Frage nicht länger auf mir sitzen lassen: Warum, um Gottes und der Menschen Willen, müssen wir in der Kirche so schlecht sitzen? Nach gut 10 Jahren Wanderschaft quer durch unsere Landeskirche muss ich diese Sitzverlegenheit einfach thematisieren.

 

Ich habe so oft schon Platz genommen mit dem tiefen Bedürfnis mich etwas anzulehnen, und fühlte mich direkt abgelehnt. Da ist doch wirklich und wahrhaftig genau an der Stelle, wo sich der Rücken gerne anschmiegen will, eine bösartig ausgearbeitete Ausbeulung in der Bank, sodass man beim leisesten Versuch, sich bequem hinzusetzen, eine körperliche Züchtigung erfährt.

 

Da hat man noch kaum eine Orgelpfeife vernommen, da ist noch kein falscher Ton ertönt, noch kein Evangelium aufgeschlagen – und doch schon die geschreinerte Predigt gehalten, die da heißt: Christsein hat nichts mit Wohlfühlen zu tun. Gottesdienst ist kein Vergnügen. Achtung! Bei dieser Veranstaltung soll es gefälligst einem jeden ins Kreuz fahren, weil es schließlich eine Leidensgeschichte ist, die uns das Heil bereitet.

 

Gnade ist, wenn dann der Schmerz nachlässt. Das nenne ich: erlebnisorientierte Bußfertigkeit, versessene Verkündigung mit nachhaltiger Schmerzgarantie, homiletisch-hölzerne Foltermethode, ganzheitliche Körpererfahrung mit spiritueller Anleitung zum Wehklagen.

 

Sollte der Heilige Geist am Ende doch ein Quälgeist sein?

 

Wie kann man nur eine innenarchitektonische Menschenverachtung so massiv installieren? Wer um alles in der Welt kann diese Botschaft entkräften oder länger auf die lange Bank schieben?

 

Da muss etwas gehobelt werden. Da müssen Späne fallen.

 

Zum Glück erlaubt uns die Liturgie, ab und zu aufzuerstehen, um das „Kyrie eleison!“ zu singen. Hoch motiviert.

 

Ein Kollege hat versucht, mir die Notwendigkeit dieser Spaßbremse so zu erklären: Damit solle vermieden werden, dass die Leute einschlafen. Was für ein Unsinn. Wie hätte jemals aus jahrhundertelanger Erprobung ein Sprichwort gerinnen können, das da sagt: Der Kirchenschlaf ist der beste Schlaf!

Ich frage mich allerdings, wie diese Erfahrung zustande kommen konnte, wenn doch das Inventar eine derartige Schlafverhinderung war.

 

Womöglich stammt es aus der Zeit, in der die Kirche noch aufgeräumt und offen und weit und breit ohne Bank und Namen gewesen ist, ohne Sitz im Leben der platz  nehmenden Gemeinde. Da konnte man sich dann im Trubel der Meute in eine Kuschelecke hauen und seine Seele baumeln lassen. Ganz ohne sich was zuschulden kommen zu lassen: Denn: Wer schläft, sündigt nicht!

 

Aber heute setzt es was! Heute setzt es mir ordentlich zu, vermöbelt mich und schickt mich gebeugt auf den Heimweg. Was für ein Bankgeheimnis. Wie soll sich etwas setzen, wenn die Leute so schlecht sitzen?

 

 

 


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