Impressum

 

Dr. Gerhard Vidal
Max-Slevogt-Straße 4, 57141 Neuhofen

 

Debatte

 

 

Es muss nicht immer wie immer sein.  Ein Vorschlag

Nichts für Liturgiker! – oder vielleicht gerade doch?

 

 

1. Gottesdienst darf inhaltlich weniger durch die Ordnung des Kirchenjahres oder die kirchliche Tradition bestimmt sein, als durch die „Tagesordnung der Welt“. Versuchen wir doch einmal, als Leitidee für unseren Gottesdienst ein Problem/ Thema aufzugreifen, das „in der Luft liegt“. Nicht die  Kirchenjahreszeit ist entscheidend, sondern die „Weltzeit“. Nicht der „vorgeschriebene Text“ – mag er auch vor Verkürzungen auf Lieblingsgedanken schützen – ist bindend, sondern die Lebenswirklichkeit.

 

2. Gottesdienst muss von Anfang an seine Besucher in die Thematik hereinholen, sie fesseln. Versuchen wir doch einmal, den Gottesdienst von der einmal gefundenen Grundidee aus – von vornherein, ohne Umwege – möglichst einheitlich zu gestalten. Alle Elemente müssen  erkennbar und folgerichtig dem Thema dienen. Nicht die Agende oder andere Traditionen  bestimmen den Aufbau, sondern die innere Stimmigkeit.

 

3. Vermeiden wir doch einmal alle theologischen Aussagen, deren Sinn und Bedeutung uns – und vermutlich vielen Gemeindegliedern – nicht klar ist. Nicht traditionelle Formeln sind entscheidend, sondern Einsehbarkeit und Überzeugungskraft. Ob ein Gottesdienst „im Namen des Vaters ...“ gefeiert wird, entscheidet sich nicht an der Verwendung liturgischer Formeln, sondern an der verantwortungsvollen und gewissenhaften Planung des Gottesdienstes. Bemühen wir uns – im Sinne Bonhoeffers – um eine „neue Sprache ... vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu ... die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit“.

 

4. Der Mensch lebt nicht vom Kopf allein. Verwenden wir deshalb Elemente, die Sinne und Gefühle ansprechen. Phantasie und Kreativität ist gefragt. Die Palette der Möglichkeiten – die ohne Effekthascherei und immer inhaltsdienlich eingesetzt werden müssen – ist groß: Symbole, Bilder, Anspielszenen, Dialogsequenzen, Augenzeugenberichte, Medien und vieles mehr. Nicht die Vernunft allein ist entscheidend, sondern auch die emotionale Betroffenheit.

 

5. Die Bibel ist kein Fetisch. Nicht der Wortlaut der Bibel ist entscheidend, sondern die Gegenwart ihres „Geistes“. Das wortgetreue Zitieren von Bibelstellen bringt in vielen Fällen Inhalt und Sinn des Textes nicht nahe. Dies gilt insbesondere für das wörtliche Zitieren von Wochen- und Monatssprüchen und für viele Psalmtexte. Verfremdende, elementarisierende oder interpretierende Übersetzungen lassen aufhorchen und nachdenken. Besonderes Augenmerk sollte bei der Auslegung eines Bibeltextes auf überraschende, das Gewohnte in Frage stellende und neue Perspektiven eröffnende Aspekte gerichtet sein.

 

6. Verhaltenssicherheit der Gottesdienstbesucher wird nicht durch agendarische Formulare erreicht, sondern durch klare und nachvollziehbare Ansagen.

Seit Jahren habe ich versucht, Gottesdienste nach diesen Überlegungen zu gestalten. Die Gemeinden – ob Stadt- oder Landgemeinde, ob Schul- oder Gefängnisgottesdienste – haben durchweg positiv reagiert. Im Kollegenkreis dagegen bin ich meist eher auf Unverständnis oder auf mild-nachsichtiges Wohlwollen gestoßen. Ich musste erst auf einen katholischen Priester treffen, der meine Gottesdienste in der von ihm (in einem renommierten theologischen Verlag) herausgegebenen Monatszeitschrift für Familiengottesdienste über zehn Jahre hinweg immer wieder veröffentlicht hat. Nun fand ich zufällig – beim Wiederlesen von John A.T. Robinsons Buch „Honest to god“ – folgende Passagen, über die ich mich gefreut habe:

 

„Gottesdienst ist kein Sich-Zurückziehen vom Säkularen in einen Bereich des Religiösen, keine Flucht aus ‚dieser Welt’ in die ‚andere Welt’, sondern das Sich-Öffnen für die Begegnung mit Christus im Weltlichen, für die Macht, die die Oberflächlichkeit der Welt durchdringt und sie aus ihrer Entfremdung erlöst. Der Gottesdienst hat die Aufgabe, uns diese Tiefe spüren zu lassen; er will unser Verhalten der Welt und anderen Menschen gegenüber, das von vordergründigen Interessen (wie Sympathien, Egoismus, ohne-mich-Standpunkt) regiert wird, vertiefen und auf das letzte Interesse hin ausrichten. Der Gottesdienst will unsere Liebe läutern, und korrigieren im Lichte der Liebe Christi und uns in Christus die Gnade und Vollmacht finden lassen, durch die wir zu einer versöhnten und versöhnenden Gemeinde werden. Alles, was diesem Ziel dient und zu ihm hinführt, ist christlicher Gottesdienst. Alles, was ihm nicht dient, ist nicht christlicher Gottesdienst, auch wenn es noch so ‚religiös’ erscheint“ (John A.T. Robinson, Gott ist anders, Chr. Kaiser Verlag München, 1964, S.92).

 


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