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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

 

Editorial

Von der evolutiven Besserwerdung der menschlichen Gesellschaft

 

Der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth wird am 20. November den diesjährigen Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen entgegennehmen. In der Tradition des in Ludwigshafen geborenen Philosophen ist es kaum erwähnenswert, dass nur aus linken akademischen Milieus stammende Denker für diesen Preis in Frage kommen. Von daher passt es gut, dass mit dem derzeitigen Geschäftsführer des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt sozusagen der Nachlassverwalter der „kritischen Theorie“ denjenigen Preis erhält, der mit dem Namen des Erfinders eines linken philosophischen Utopismus verbunden ist. So lässt sich auch an den Arbeiten von Axel Honneth nicht nur der gegenwärtige Zustand der „kritischen Theorie“ ablesen, sondern auch erkennen, wie es um die Zukunftsfähigkeit ehemals utopischer Gesellschaftsentwürfe unter den Bedingungen einer alle gegenwärtige Gesellschaften beherrschenden antiutopisch ausgerichteten neoliberalen Diktatur des Ökonomischen steht.

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Um die Zukunftsfähigkeit des theoretischen Gehalts dieser Entwürfe steht es dann nicht besonders gut, wenn man die in den vergangenen Jahrzehnten sich neu herausgebildeten gesellschaftlichen Realitäten theoretisch so zu erfassen versucht, dass sie in ein überkommenes Begriffsschema passen. Genau dieses versucht Honneth in einem Aufsatz in der neuesten Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ (10/2015, S. 93-100) mit dem Titel „Sozialismus reloaded – und revidiert“. Am Ende erreicht er aber nichts weiter als eine neue Form von Geschichtsphilosophie, die mit Begriffen wie „objektiv gewordene Errungenschaften“ und „Umrisse eines Fortschrittprozesses“ operiert, ohne die grundsätzliche Revidierbarkeit einer jeden durch gesellschaftliches Handeln erreichten Errungenschaft ernsthaft in Rechnung zu stellen.

 

Honneths Vor-Vorgänger im Amte und Mitbegründer der „kritischen Theorie“, Max Horkheimer, sah die Dinge realistischer, als er in der 1944 im kalifornischen Exil zusammen mit Theodor W. Adorno verfassten Vorrede zur „Dialektik der Aufklärung“ von der „Selbstzerstörung der Aufklärung“ sprach und jedem Anhänger eines „Fortschritts“ in der Gesellschaft folgendes ins Stammbuch schrieb: „Wir hegen keinen Zweifel (…), daß die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Denken unabtrennbar sei. Jedoch glauben wir, genauso deutlich erkannt zu haben, daß der Begriff eben dieses Denkens, nicht weniger als die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesellschaft, in die es verflochten ist, schon den Keim zu jenem Rückschritt enthalten, der heute überall sich ereignet. Nimmt Aufklärung die Reflexion auf dieses rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal. Indem die Besinnung auf das Destruktive des Fortschritts seinen Feinden überlassen bleibt, verliert das blindlings pragmatisierte Denken seinen aufhebenden Charakter, und darum auch die Beziehung auf Wahrheit.“

 

Angesichts dieser Diagnose der geistigen Lage des Jahres 1944 erscheint Honneths Versuch, die Idee des Sozialismus in die gesellschaftliche Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts zu konvertieren, als wenig erfolgversprechend. Zwar sei der Sozialismus „ein geistiges Kind der Industrialisierung“, doch sei es „schon seit langem (…) irreführend, im Sozialismus nur den intellektuellen Ausdruck der Belange der industriellen Arbeiterschaft oder gar das Sprachrohr eines immer schon revolutionären Proletariats zu erblicken“. Diese „Idee einer fixen Bindung der Theorie an eine einzige Gruppe“ scheint ihm verkehrt, weil damals „von objektiven Interessen“ geleitet und heute „erkennbar widerlegt“. Honneth möchte die Frage nach einem sozialen Träger der sozialistischen Ideale neu stellen und weder wie Hegel nach welthistorischen Persönlichkeiten fragen, noch den Fehler des Marxismus begehen und nach „Repräsentanten einer Bewusstwerdung des Neuen schon im Alten“ suchen. Ein zeitgenössischer Sozialismus dürfe, so Honneth, „überhaupt nicht mehr auf der konkreten Ebene individueller oder kollektiver Subjektivitäten suchen wollen, weil das dem Flüchtigen und Kontingenten inmitten der sich immer rascher vollziehenden Wandlungen ein viel zu starkes Gewicht verleihen würde“.

 

Im Grunde wiederholt Honneth den Fehler der systemtheoretisch orientierten Soziologie der 1980er und 1990er Jahre, indem er sich vom Individuum als Träger gesellschaftlichen Handelns verabschiedet. Was der Systemtheorie die Eigenlogik und Abgrenzungsdynamik gesellschaftlicher Teilsysteme war, sind für Honneth „institutionelle Errungenschaften“, die „als soziale Träger der normativen Ansprüche gelten, die der Sozialismus innerhalb der modernen Gesellschaften anzumelden versucht“. In den Durchbrüchen, die darin zu gesellschaftlicher Wirklichkeit geworden seien, müsse er „die Umrisse eines Fortschrittsprozesses entdecken können, der belegt, dass die eigenen Visionen auch in Zukunft realisierbar bleiben“.

 

Abgesehen von der Unsinnigkeit, „den Sozialismus“ selbst als Handlungssubjekt anzusprechen, befremdet der Optimismus, mit dem Honneth offensichtlich eine evolutive Besserwerdung der menschlichen Gesellschaft unterstellt. Gerade als Nachlassverwalter der „kritischen Theorie“ müsste ihm der oben zitierte Gedanke unhintergehbar sein, dass das aufklärende Denken selbst schon den Keim zu jenem Rückschritt enthält, der sich Horkheimer und Adorno in der Barbarei des Nationalsozialismus präsentierte, und den Honneth in den heutigen Ambivalenzen des Fortschritts ebenso erkennen könnte. Gerade die jüngste Vergangenheit macht deutlich, dass Fortschritte in Richtung Freiheit immer eine latent destruktive Kehrseite haben; gewinnt dann hin und wieder – wie etwa in einigen Ländern des Nahen Ostens nach dem „Arabischen Frühling“ und dem Irakkrieg – die destruktive Kehrseite die Oberhand, erscheint das ganze Unternehmen im Nachhinein als Rückschritt. Deshalb helfen alle geschichtsphilosophischen Versuche, einen „Sozialismus reloaded – und revidiert“ herbeizureden, in der Sache nicht weiter.


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