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Michael Behnke
Oklahomastraße 12, 66482 Zweibrücken

 

 

Eine „ökumenische“ Zeitansage

 

„Von Zeit zu Zeit lese ich den Alten ganz gerne!“, um es frei nach Goethes Faust zu sagen. Schreibt er doch so wunderbare Sätze:

„Die wirklich Glaubenden messen dem Kampf um die Reorganisation kirchlicher Formen kein allzu großes Gewicht bei. (…) Denn die Kirche ist am meisten nicht dort, wo organisiert, reformiert, regiert  wird, sondern in denen, die einfach glauben und in ihr das Geschenk des Glaubens empfangen, das ihnen zum Leben wird. Nur wer erfahren hat, wie über die Wechsel ihrer Diener und ihrer Formen hinweg Kirch die Menschen aufrichtet, ihnen Heimat und Hoffnung gibt, eine Heimat, die Hoffnung ist: Weg zum ewigen Leben – nur wer dies erfahren hat, weiß, was Kirche ist, damals und heute.“

 

Nun, wer hat denn das geschrieben? Es taugte wahrlich zu einer Preisfrage! Doch fehlen mir dazu die Mittel – zumal nach der letzten Besoldungsreform! –  und so will ich dem geneigten Leser etwas auf die Sprünge helfen. Es war Josef, ja, „der“ Josef, der auch so einiges mit seinem alttestamentarischen Namensvetter gemeinsam hat. Allerdings war er nicht Papis Liebling wie jener, auch wurde er nicht von seinen eifersüchtigen Brüdern als Sklave verkauft; nein seine Voraussetzungen waren ungleich günstiger. Doch haben beide schließlich eine beachtliche Karriere hingelegt. Wurde der inhaftierte Sklave kraft seiner Traumdeuterei zum Wesir, also zum Stellvertreter des ägyptischen Gottkönigs, oder besser: des als Sohn des Sonnengottes Ra verstandenen Königs, des Pharao, so wurde „unser“ Josef nach langen Dienstjahren zum „Vicarius Christi“, also auch zu einem Stellvertreter, sozusagen zum Wesir von Gottes Sohn.

 

Aber es gibt noch eine weitere Analogie, denn beide änderten nach Antritt ihres hohen Amtes ihre Namen. Aus „unserem“ Josef wurde „Benedikt, der Gesegnete“ und aus dem ägyptischen Namensvetter wurde „Zafenat Paneach“, was übersetzt soviel wie „Nahrung des Lebens“ heißt, was nun wiederum auf den Dienstherrn „unseres“ Josefs hinzudeuten scheint, der sich selbst einmal als „das Brot des Lebens“ (Joh 6) bezeichnet hat. Die Bezüge scheinen sich zu verdichten. Aber gerade deshalb gilt es auch auf einen möglichen Wehrmutstropfen hinzuweisen: Denn so viel auch Josef, der Wesir, für Ägypten und seine Familie getan hatte, er wurde nicht wirklich zum Erbe der abrahamitischen Verheißung, die mit dem Tode Isaaks ihr vorläufiges Ende fand. Sollte dies auch auf „unseren“ Josef zutreffen?

 

Aber nun genug des müßigen Spekulierens. Kommen wir zurück zu den eingangs zitierten Zeilen. Diese Sätze stammen nämlich vom jungen Josef Ratzinger, als er noch als Professor in Tübingen zu großen Hoffnungen Anlass gab. Er schrieb sie in seiner 1968 veröffentlichten und damals viel beachteten Schrift: „Einführung in das Christentum“, S.326[1].

 

Letzte Woche nun kam der alte Josef, diesmal als Benedikt, wieder einmal in sein Vaterland und blieb trotz viel gehegter Hoffnungen einmal mehr überraschend widerständig. Uns Protestanten schrieb er ins Stammbuch, dass der Glaube keine Verhandlungssache sei und enttäuschte damit einmal mehr Hoffnungen auf einen neuen ökumenischen Aufbruch. Aber seine eigene Kirche wurde auch nicht gehätschelt, vielmehr forderte er von ihr einen harten Kurs. „Die Kirche müsse sich „entweltlichen“, forderte Benedikt, es sei besser, sie wäre „von ihrer materiellen und politischen Last befreit“. Sogar die Säkularisierung vor 200 Jahren lobte der Papst. Die „Enteignung von Kirchengütern, die Streichung von Privilegien“ hätten in der Kirche zur Läuterung und inneren Reinigung wesentlich beigetragen“[2].

 

Was er genau damit meinte, verschwieg der gewitzte Katholikenchef, aber es lag klar auf der Hand, dass er damit den staatlichen Kirchsteuereinzug und die Staatsleistungen meinte, die noch aus dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 herrühren. Nachdem nun aber der Geist aus der Flasche war, liefen die hohen Herrn der katholischen Kirche, die lila und purpurroten Käppchenträger, aufgeregt Sturm gegen eine solche Deutung des päpstlichen Wortes und beteuerten und bekräftigten das pekuniär so fruchtbare Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Doch einige Verunsicherung dürfte wohl geblieben sein. Denn auf ihrer nächsten Vollversammlung wollen die Bischöfe „eine Analyse der Ansprachen des Heiligen Vaters vornehmen.“[3] Die Rechnung dürfte auch hier wieder aufgehen: Die Vergesslichkeit und Trägheit von uns Menschen und die Schnelllebigkeit unserer Zeit wird den Kirchenführern in die Hände spielen. Wer wird sich in ein paar Wochen noch an dieses Papstwort erinnern?

 

Aber kann man diese Ansage wirklich so lapidar unter den Tisch fallen lassen? Und – so sollten wir Protestanten uns fragen – geht das päpstliche Wort nicht über die katholische Sphäre hinaus? Hat es nicht auch Auswirkungen auf die Evangelischen Landeskirchen? Ja, ist seine Aussage von der „Entweltlichung der Kirche“ letztendlich nicht das ökumenische Wort an die katholische und die evangelischen Kirchen? Denn wir hängen doch genauso wie die katholischen Brüder am finanziellen Tropf des Staates und wir profitieren von den gleichen Privilegien. Eine einseitige Entflechtung zwischen Kirche und Staat nur für die Katholiken wird wohl politisch nicht durchzusetzen sein. Es würde mit Sicherheit auch uns treffen.

 

Man hat es ja schon öfters festgestellt: Papst Benedikt ist sich in Vielem treu geblieben. So erscheinen seine 1968 geschriebenen Zeilen auch heute noch aktuell. Sein Desinteresse an Organisations- und Institutionsfragen und seine Konzentration auf Lehre und Glaubensfragen, die er unverrückbar vertritt, bestimmen offenbar auch sein jetziges Amt. Zu den drastischen Strukturreformen, zu der sich der katholische Klerus in Deutschland mangels Priesternachwuchses gezwungen sieht (Pastoral 2015), sind mir keine offiziellen Stellungnahmen des Papstes bekannt. Auch zu den drängenden Fragen bezgl. des Zölibats, des Diakonats der Frau und der Zulassung zur Eucharistie von geschiedenen Wiederverheirateten schwieg der Papst. Für ihn sind solche schmerzlichen Zustände nur im Rahmen eines recht verstandenen Glaubens zu tragen und zu ertragen, der das Leiden an solchen Problemen positiv integriert. So schreibt er z.B. schon 1968 über die Ehe: „Die unscheidbare Ehe ist in der Tat nur vom Glauben an die durch nichts mehr zu zerstörende Entscheidung Gottes in Christus zur ‚Ehe’ mit der Menschheit verstehbar und vollziehbar (vgl. Eph 5,22-33). Sie steht und fällt mit diesem Glauben“ (S. 249).

 

Aber ich bin nun weit davon entfernt, den päpstlichen Glaubensbegriff zu kommentieren. Vielmehr will ich sein inklusives „ökumenische Wort“ einmal auf unsere kirchliche Wirklichkeit anwenden. Auch wir verzetteln und erschöpfen uns seit Jahren in immer neuen Struktur- und Besoldungsreformen, aktuell die Durchführung des von der letzten Synode beschlossene „Strukturpapier“ mit seiner Portfolioanalyse, aber auch der Zukunftskongress vom 3. September lief in die gleiche Richtung. All diese beachtlichen Mühen und Bemühungen sind lobenswert, orientieren sich aber zu sehr an Äußerlichkeiten: Was können wir uns in Zukunft noch leisten? Wie viele Geistliche brauchen wir noch mittel- und langfristig? Wie effektiv lassen sich Gemeindeverbände im Zeichen des demographischen Wandels und der geringeren Einnahmen organisieren und betreuen? Wie lassen sich die unterschiedlichen pastoralen Arbeitsfelder besser vernetzen und evaluieren? Wie können wir unsere Gemeindeglieder besser erreichen und ansprechen?

 

Diese Fragen sind zweifelsfrei wichtig, sie nehmen aber zuviel Raum ein und orientieren sich einseitig auf das Mach- und Herstellbare bzw. auf das Kontrollier- und Planbare von Strukturen und Arbeitsabläufen und verstellen damit uns den Blick auf die theologischen und geistlichen Defizite in unserer Landeskirche. Glauben, Liebe und Hoffnung lassen sich nicht herstellen, sie lassen sich nicht befehlen oder überprüfen. Sie sind unverfügbar und ereignen sich allein in nicht kalkulierbaren Beziehungsgeschehen. Sie sind Geschenk und Wunder. Der Mensch kommt erst zu sich selbst durch das, was er empfängt und nicht durch das, was er tut. Für den christlichen Glauben kommt zunächst die Gnade vor der Leistung, das Empfangen vor dem Tun, der Indikativ der Heilszusage vor dem Imperativ der Heilsbewährung. Erst durch die Gnade der Vergebung sind wir frei, in Gelassenheit und fröhlicher Zuversicht das Notwendige tun.

 

Wer aber nun meint, das alles wäre doch selbstverständliches Handwerkszeug des  Geistlichen, das er in zwei Examina nachgewiesen habe, und wenn er nur gescheit gelernt hätte, dann könnte er das auch effizient und evaluierbar umsetzen; wer so argumentiert, der vermischt die Ebenen, und möchte wohl tatsächlich dem Heiligen Geist Beine machen. Wenn Gott der total Andere ist, wie einst „unser Charly“ so trefflich in seinem Römerbriefkommentar gesagt hat, uns unverfügbar, so wird er in Formen unter uns Gestalt annehmen, die wir eben nicht kalkulierbar vorhersagen können, sondern nur hoffend und betend erwarten können. Gott kommt doch zu uns immer aus dem Unerwarteten, dem Zufall, also dem, was uns zufällt, was uns überfällt und uns durcheinander wirbelt, was uns auf die Probe stellt und unseren Glauben dem existentiellen Zweifel aussetzt. Darum müssen wir darauf achten, dass unsere hysterischen Reformprozesse und Strukturanpassungen nicht die Sicht vernageln für das, was als Advent Gottes – in seinen Segnungen und Forderungen – täglich auf uns zukommt. Zu oft verschließen wir – mit uns selbst beschäftigt – die Tür vor Ihm, so dass sein Kind wieder und wieder in einem Stall weit draußen von den Menschen zur Welt gebracht wird.

 

Immer wieder betonen Kollegen und darunter auch ich, dass die gegenwärtige Krise im eigentlichen Grunde eine theologische Krise ist (siehe Frankenthaler Appell). Wir erreichen nur noch ungenügend die Menschen mit dem, was wir sagen, wie wir mit ihnen leben und wie wir mit ihnen Gottesdienst feiern. Kurz: Unsere geistliche Berufung und Befähigung sowie unsere theologischen und seelsorgerlichen Ansätze, mit und in denen wir leben sollten, stehen auf dem Prüfstand. Hier einen Neuanfang zu starten, wäre kein Kleines und dürfte den Aufwand, den wir strukturellen Problemen widmen, relativieren.

 

Darum noch einmal zurück zum „ökumenischen“ Papstwort von der Entweltlichung der Kirche: Sollten wir uns nicht einmal rein hypothetisch die Frage stellen, wie wir unsere Kirche organisieren wollten, wenn die staatlichen Zahlungen und Privilegien einmal nicht mehr fließen bzw. bestehen sollten? Sollten wir nicht endlich unsere „Behördenkirche“, deren Strukturen noch ins 19. Jahrhundert reichen und die nie aus einer Versorgungskirche mit ihrer typischen „Komm-Struktur“ herausgefunden hat, reformieren, hin zu einer den Menschen zugewandten, auf sie zu gehenden, mit ihnen lebende und auch von ihnen lebende Gemeindekirche? Es wäre zunächst ein reines Gedankenexperiment. Aber auch dafür braucht es Mut! Und ich bin mir der Konsequenzen meiner Rede bewusst, denn allein bei dem Gedanken wird mir schon unbehaglich zumute, geht es doch auch um meinen, noch recht üppigen Brotkorb. Aber der Gedanke muss erlaubt sein und es hat keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken und den Status quo zu beschwören oder zu sich zu sagen: „Das betrifft mich nicht! Für mich reicht’s noch!“

 

Blicken wir zum Schluss noch einmal auf unseren ägyptischen Josef. Er war ein überaus talentiertes Organisationsgenie, der für jedes Problem eine strukturelle Lösung anzubieten hatte: Er organisierte die Getreidevorsorge, er verteilte in den Hungerjahren das Brotkorn und machte damit den Staat zum alles beherrschenden Monopolisten, und er organisierte die Über- und Ansiedlung seiner Familie in der fruchtbaren Provinz Goschen, inklusive Audienz beim Pharao. Die Familie Jakobs wähnte sich wohl schon im gelobten Land, „in dem Milch und Honig fließen“. So überträgt Jakob auf seinem Sterbebett den Segen, den er einst bekam, auf Josef (1.Mose 49, 26), doch Gott bestätigt diesen Segen nicht[4] und mit Jakob stirbt dieser Segen aus und die große Verheißung Gottes an Abraham gerät im Volk Israel in Vergessenheit. Dagegen schlittert Israel an den „Fleischtöpfen Ägyptens“ in eine brutale Gefangenschaft aus Sklaverei und Unterdrückung. In ihrer Not rufen sie nicht mehr zu Adonaj, ihren Gott, sondern schreien allein aus purem Entsetzen und ohne Hoffnung auf Rettung um „Hilfe“[5] (2. Mose 2, 23). Das erwählte Volk Israel verkommt im reichen Ägypten zu einem rechtlosen und gott-losen Sklavenheer. Ihre aus tiefster Verzweiflung ausgestoßenen Hilferufe haben keinen Adressaten mehr, sind nur noch schmerzlicher Ausdruck der hoffnungslosen und elenden Kreatur.

 

Hatte der große Josef, dieser begnadete Organisator und Problemlöser, sich etwa zu wenig um die theologische Erbschaft seines Volkes gekümmert – eines Stammes ehemals landloser aber freier Menschen, die nur ihrem Gott Gehorsam leisteten –, so dass diese Tradition schließlich in Vergessenheit geriet und mit ihr die Verheißung nach Freiheit, bewahrendem Segen und eigenem Land? Sollte uns das nicht zu denken geben? Und hat sich vielleicht der andere Josef dies zur Warnung vor Augen gestellt, indem er so ganz anders handelt?

 

 


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[1] Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI, Einführung in das Christentum. Das Glaubensbekenntnis München 2005 (Neudruck in der Reihe „Zeitgeist“).

[2] Matthias Bartsch et al. , Herr oder Helfer, Art. in: DER SPIEGEL 40/2011, S. 26.

[3] A.a.O., S. 27.

[4] Obwohl sich Jakob in betrügerischer Absicht, den Segen Isaaks erschlichen hat, bestätigt ihn dennoch Gott – gleichsam durch den Betrug hindurch – gleich dreimal: 1. Mose 28, 13-15; 32, 28-31; 35, 9-12. 

[5] Erst diese Hilfeschreie dringen zu Gott vor, der sich sodann auf seinen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob besann (2.Mose 2, 23f.). Der Rest ist bekannt: Mit einiger Mühe musste er sich dem störrischen Mose als Israels Gott offenbaren, den dieser gar nicht kannte (2. Mose 4).