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Klaus Zech
Hauptstraße 55, 67734 Katzweiler

 

Debatte

 

Alles in einen Topf?

Offener Brief an Dr. Richard Ziegert

 

 

Sehr geehrter Kollege Ziegert,

immer wieder bin ich von Ihrer Belesenheit beeindruckt und stimme Bekannten zu, wenn diese mich darauf hinweisen, wie Sie, Herr Dr. Ziegert, den Finger zielgenau in Wunden bestimmter kirchlicher Probleme und Gefahren legen. Davon halte ich manches für bedenkens- und diskussionswürdig. Zugleich schockiert und ärgert mich aber, wie Sie sich gleichzeitig billigster Polemik bedienen und in unbegründeten Seitenhieben sogar mit der Diffamierung bestimmter Personen und Organisationen arbeiten. Zu einem fruchtbaren, offenen Gespräch „ohne moralische Wertungen“, das Sie – genauso wie ich – eigentlich wünschen,[1] trägt dieses intellektuell unredliche Vorgehen leider nicht bei.

 

Ich möchte Ihren letzten Beitrag im Pfälzischen Pfarrerblatt (6-7/2010) als Beispiel nehmen, auch wenn es sich dabei um einen Vortrag handelt, den Sie bereits vor mehr als drei Jahren gehalten haben und bei dem ich mich frage, warum ihn der Schriftleiter des Pfarrerblatts gerade jetzt aufgenommen hat. Sie verbinden darin Ihre immer wieder geäußerte Theorie der „evangelikal-fundamentalistischen“ Unterwanderung der gesamten EKD mit dem Thema von „Zweitgottesdiensten“ und „anderen Visionen von ´Kirchen-Wachstum´“. Diese Verbindung ist weder zwingend noch gelingt Sie Ihnen argumentativ. Sie ist allerdings typisch für Ihr grundsätzliches Vorgehen. Sie werfen vielerlei, das oft nur lose oder gar nicht zusammen gehört, in einen Topf und machen Ihr eigenes Bild daraus. Das zeigt sich bereits im überlangen Eingangssatz Ihres Vortrags, wo Sie von „modernen Marketinglehren“ über McKinsey bis zum EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ alles über einen Kamm scheren.

 

Den Gipfel erreicht dieses Vorgehen aber dann, wenn es um konkrete Personen geht. In Seitenhieben verbinden Sie mit dem Wust des Gesagten noch schnell ein paar Namen und würdigen damit konkrete Menschen und ihr Werk herab. Wenn Sie zum Beispiel Professor Michael Herbst aus Greifswald als „deutsches akademisches Alibi“ der Willow-Creek-Bewegung diffamieren[2] oder Lektorinnen und Prädikanten als intellektuell und theologisch minder bemittelt darstellen und aus dem hohlen Bauch heraus behaupten, nach „vorsichtigen Einschätzungen“ hätten fast 30% von ihnen eine „evangelikal-fundamentalistische Herkunft“.[3] An so drastischen Gelenkstellen Ihres Vortrags bleiben Sie dann interessanterweise die Belegstellen schuldig, obwohl Sie insgesamt 71 Fußnoten zusammen bringen. Aber auch bei diesen Fußnoten fällt auf, dass sie selten die Werke derjenigen zitieren, die Sie kritisieren. Zum Teil ist bei Zitaten noch nicht einmal erkennbar, wer das Zitierte wirklich sagte (z.B. bei Fußnote 52). Sie übernehmen im Wesentlichen scharfe Urteile anderer und verbinden sie (m.E. sehr willkürlich) miteinander. An den Gelenkstellen stehen Behauptungen statt Begründungen und eine Auseinandersetzung mit dem, was die von Ihnen Kritisierten selbst gesagt haben, findet nicht wirklich statt.

 

So verweisen Sie in Fußnote 4 zum Beispiel auf das Buch „Unter offenem Himmel bauen“ des Berliner Pfarrers Swen Schönheit und nehmen es zum Anlass, die Bewegung, die Sie durch ihn vertreten sehen, dadurch zu diskreditieren, dass Sie sich mit dem presbyterianischen Prediger Charles Grandison Finney auseinandersetzen, der Anfang des 19.Jahrhunderts in den USA lebte und nach dem, was Sie sagen, dazu beigetragen haben soll, die Kirche zu kommerzialisieren. Swen Schönheit bezieht sich in irgendeiner Weise auf diesen amerikanischen Prediger und das genügt Ihnen, um Pfarrer Schönheit und alle, für die er aus ihrer Sicht steht, zu diskreditieren.

 

Sie schlagen den Sack und meinen den Esel. Und Sie machen ein „Punkt-für-Punkt-Malen“, nur dass neben den Punkten keine Zahlen stehen, sondern Sie verbinden diese Punkte wie es Ihnen gerade passt, so dass am Ende Ihr vorgefasstes Bild einer „evangelikal-fundamentalistischen“ Unterwanderung der gesamten deutschen Christenheit heraus kommt. Einzelne Punkte erwischen Sie sehr zielsicher. Das Bild aber, das sie daraus zeichnen, hat mit der Wirklichkeit so gut wie nichts zu tun. Vielmehr diffamieren Sie dabei Organisationen (wie die AMD), Mitarbeitergruppen (wie Lektoren und Prädikanten) und einzelne Menschen (wie Professor Herbst), mit denen Sie besser ins Gespräch kämen, als aus Frust und intellektuellem Hochmut heraus den Stab über sie zu brechen und sie vor anderen schlecht zu machen.

 

Nehmen wir zum Beispiel Professor Michael Herbst. Da ich gerade ein Kontaktstudium (oder genauer gesagt ein das reine Kontaktstudium erweiterndes Summer Sabbatical) in Greifswald gemacht habe, konnte ich ihn dort persönlich erleben, seine Seelsorge-Vorlesung hören und mit ihm sprechen. Und ich kann aus dieser Erfahrung heraus sagen, dass er ganz anders ist, als Sie ihn darstellen, und ganz anders lehrt, als Sie in Ihren Seitenhieben glauben machen. Herbst gehört selbst zu den schärfsten Kritikern dessen, was Sie, Herr Dr. Ziegert, „evangelikal-fundamentalistisch“ nennen. Das hält ihn aber nicht davon ab, zu differenzieren und bedenkenswerte Impulse anderer Christen aufzunehmen. Zum Beispiel die Erfahrungen mit den sogenannten „Zweitgottesdiensten“ oder „Gottesdiensten für Suchende“.

 

Sie, Herr Dr. Ziegert, verbinden dieses Thema ohne Not und Grund mit dem Thema des Evangelikalismus. Gottesdienste, die zusätzlich (!) zu den traditionellen Gottesdiensten angeboten werden, haben aus meiner Sicht aber mit der Kommerzialisierung des Glaubens überhaupt nichts zu tun. Sie sind vielmehr der Versuch, menschenfreundliche Gottesdienste zu gestalten und damit denen, die sich an der Form (!) unserer traditionellen Gottesdienste stoßen, eine Alternative zu bieten – einen Gottesdienst, der genauso Gottesdienst ist wie der sogenannte „traditionelle“. Dass diese Gottesdienste nur Menschen aus den traditionellen Gottesdiensten abziehen, statt neue zu gewinnen, kann man nicht sagen. Auch bei dieser pauschalen Behauptung bleiben Sie wieder handfeste Belege schuldig. Sie bringen nur eine Aussage von Horst Punge, die 17 Jahren zurück liegt.[4] Das Fehlen „eigener kirchlicher Analysen“, das Sie beklagen,[5] stelle ich bei Ihnen selbst fest. Und dort, wo es kirchliche Untersuchungen gibt (z.B. die Milieustudien der EKD oder vom SINUS-Institut), gehen Sie nicht darauf ein.

 

Sollte das daran liegen, dass gerade diese Milieustudien deutlich machen, dass wir in unserer sehr differenzierten, individualistischen Gesellschaft kaum durch eine Gottesdienstform alle Milieus ansprechen können? Wäre nicht schon das ein Grund für unterschiedliche Formen? Über mehr als zehn Jahre hinweg haben wir mit unserem modernen, regionalen „Zweitgottesdienst“[6] diesbezüglich viele Erfahrungen gesammelt. In Katzweiler beispielsweise haben wir aus der Generation der 30- bis 55-Jährigen (darunter einige Konfirmandeneltern) durchaus neue Gottesdienstbesucher gewonnen, die in den traditionellen Gottesdienst nicht kamen.

 

Unser Nach- und Umdenken muss aber viel weiter gehen. Es genügt eben gerade nicht, wenn die Kirche „bei sich selbst bleibt“, wie Sie in Ihren Ausführungen sagen.[7] Bonhoeffer sagte bekanntlich, Kirche sei nur dann Kirche, wenn sie über sich hinaus gehe und „Kirche für andere“ (und eben nicht nur für sich selbst) ist. Inzwischen haben wir neu gelernt, dass der Horizont noch weiter sein muss: Es geht um Gottes Reich und um seine Mission, die missio dei. Gott sandte seinen Sohn und als Folge dieser Sendung (dieser missio) entstand auch die Kirche. Somit ist die Mission nicht eine Funktion der Kirche, sondern vielmehr umgekehrt: die Kirche ist eine „Funktion“ (eine Folge, ein „Vehikel“) der missio dei.

 

Warum – so frage ich mich – sollten wir nicht aus den ökumenischen Erfahrungen lernen, was das konkret für unsere Kirche, ihr Handeln und ihre Strukturen bedeuten könnte? Ich habe da keine Berührungsängste. Vielmehr gehe ich nach dem Motto „Prüfet alles, aber das Gute behaltet“ (1.Thess 5,21). Und an dieser Stelle kommt ein ganz anderer Finney ins Spiel: nämlich der emeritierte anglikanische Bischof John Finney, der im Gegensatz zu dem Finney, mit dem Sie sich auseinandergesetzt haben, noch lebt – was mir übrigens für eine Auseinandersetzung viel lieber ist.[8]

 

Die anglikanische Kirche stand in den 1980er Jahre finanziell, organisatorisch und geistlich am Abgrund. Leitende Persönlichkeiten wie Bischof Finney erkannten darin einen Aufruf zur Umkehr im kirchlichen Denken und Handeln. Es konnte nicht so weiter gehen wie zuvor. Entstanden ist daraus das, was heute unter dem Schlagwort „mission-shaped Church“ verhandelt wird[9] und was auch unserem kirchlichen Denken und Handeln Impulse geben könnte. Dabei geht es – wie immer – nicht um „Kopieren“ sondern um „Kapieren“.

 

Kapieren sollten wir zum Beispiel auch in Deutschland, dass die Probleme, vor denen wir als Kirche stehen, eine geistliche (und damit auch theologische) Herausforderung sind und nicht nur eine strukturelle. Und hier glaube ich, bin ich wieder sehr nahe bei Ihnen, wenn Sie auf Seite 199 (Ende der 2. Spalte) darauf hinweisen, dass wir uns in einer „theologischen Krise“ befinden, „die zuerst auch eine Glaubenskrise“ ist. Und ich bin auch ganz Ihrer Meinung, dass diese Krise eine deistische Krise ist. Wir blenden nämlich die Anwesenheit des lebendigen Gottes aus und meinen, dass wir es ohne ihn selber schaffen müssten. So stolpern wir von einer Strukturdebatte in die andere und erkennen nicht, dass die entscheidende Frage die Glaubensfrage ist, ob wir dem lebendigen Gott trauen: „Ist Gott gegenwärtig und mit uns – oder sind wir auf uns allein gestellt?“

 

Mit Christian Hennecke glaube ich, dass wir uns in einer Situation befinden, in der unsere Kirche „über den Jordan geht“.[10] Das klingt nach Sterben und hat in gewissem Sinn auch damit zu tun. Die Kirche, die über den Jordan geht, ist eine Kirche im Übergang. Was aber liegt jenseits des Jordan? Das Land der Verheißung. Und wie sieht dieses Land aus? Es gibt bereits Exkursionen da hin, es gibt „Kundschafter“, die Früchte von dort mitgebracht haben. Erfahrungen aus Taizé, von denen Sie, Herr Dr. Ziegert, sprechen, gehören ebenso dazu wie Erfahrungen mit alternativen Gottesdienstformen, von denen ich gesprochen habe, oder „fresh expressions of church“ (neue Formen von Gemeinde), von denen die Anglikaner im Rahmen der „mission-shaped Church“ sprechen.

 

Ich sehe keinen Grund, hier falsche Alternativen aufzubauen. In allen Formen geht es um eine menschennahe Kirche, die zu einem Leben mit Gott durch Jesus Christus einlädt und dabei den konkreten Menschen, mit denen sie es zu tun hat, dient. Ihre Erscheinungsformen können und müssen so vielfältig sein wie die Menschen selbst. Wenn ich mich daher auf ihre wie auf meine eigenen Bedürfnisse einstelle, dann ist das keine „Kundenorientierung“, die das Evangelium preis gibt, und schon gar nichts, womit diese Menschen finanziell oder anderweitig ausbeuten werden sollen. Es ist vielmehr eine Form der Nächstenliebe, die „nicht nur das Ihre sucht, sondern auch das, was dem anderen dient“ (Phil 2,4).

 

Vielleicht können wir darüber in ein „wirkliches Gespräch“ kommen, „offen, ohne moralische Wertungen, die Erfahrungen aller wertschätzend, auch und gerade die Erfahrung der Unsicherheit in der Weitergabe des Glaubens“[11], wie Sie und ich es wünschen.

 

 

 


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[1] Pfälz. Pfarrerblatt, 6-7/2010, S.200 (letzter Abschnitt in Spalte 2), wo Sie Rainer Bucher zitieren

[2] aaO, S.201 (Mitte der 2.Spalte)

[3] aaO, S.198 (2.Spalte)

[4] aaO, S.208 (Fußnote 59)

[5] aaO, S.199 (zu Beginn von Punkt 3)

[6] Seit 1999 wechselte dieser 11-Uhr-Gottesdienst (ohne Orgel aber mit Kinderprogramm) zwischen Otterbach und Katzweiler und hieß etwas missverständlich „Gospel-Gottesdienst“ (obwohl nur vier von zehn Mal der Gospel-Chor mitwirkte), zukünftig wird er „Mittel-Punkt-Gottesdienst“ heißen und auf eine neu gebildete Regionalgruppe aus mehreren Gemeinden im Otterbacher Kirchenbezirk ausgedehnt werden.

[7] aaO, S.211, 1. Spalte unterhalb der Mitte (im Grund sogar und noch drastischer schon S. 194, 2.Spalte, wo Sie überhaupt nur die „Christen“ nennen, die den Gottesdienst besuchen und ihren Glauben „für sich selbst bewahren“)

[8] Wer einen eigenen (!) Eindruck von Finney haben möchte, dem empfehle ich zum Beispiel Finneys ebenso kurzen wie wegweisenden Vortrag bei der Eröffnung des „Zentrums Mission in der Region“ (www.zmir.de/wp-content/uploads/Vortrag-John-Finney-dt.pdf)

[9] vgl. dazu die deutsche Übersetzung des gleichnamigen anglikanischen Papiers: „Mission bringt Kirche in Form“, Neukirchen-Vluyn 2006

[10] Christian Hennecke: Kirche, die über den Jordan geht. Expeditionen ins Land der Verheißung, Münster 42010

[11] vgl. Fußnote 1