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Gerhard Fritz
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Warum nicht entschiedener und mutiger?

Zur „Stellungnahme" der Synode zu „Europa" und „Wirtschaften im Dienst des Lebens" vom 20. Mai 2005

 

Bei der Lektüre der „Stellungnahme", bei der ich mich im wesentlichen auf den zweiten Schwerpunkt „Wirtschaften im Dienst des Lebens" beziehe, habe ich mich gefragt, ob nicht das im Jubiläumsjahr der Protestation vielseitig und inhaltsreich bedachte Protestantische fast ganz auf der Strecke geblieben ist. Es scheint so, dass volkskirchliche Rücksichtnahme und Verträglichkeit bei der Abfassung des Papiers Pate gestanden haben. Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn man das von der Generalversammlung des Reformierten Weltbundes 2004 verabschiedete Papier „Bund für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit" liest sowie die Arbeitshilfe des ÖRK bezüglich dessen Vollversammlung 2006 mit dem Titel „Wirtschaft(en) im Dienst des Lebens - Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde"(AGAPE) zur Hand nimmt. Diese Arbeitshilfe beruht auf den Ergebnissen einer Reihe ökumenischer Studien und Konsultationen, die in den letzten Jahren in verschiedenen Regionen der Welt zu der betreffenden Thematik durchgeführt wurden. Es scheint so, dass die weltweit erreichten ökumenischen Einsichten und Positionen in der „Stellungnahme" außer acht gelassen worden sind.

Als erstes fällt auf, dass im Unterschied zu den beiden genannten Dokumenten die „Stellungnahme" der Synode fast ausnahmslos auf eine biblisch-theologische Begründung bzw. Aussage verzichtet. Vielleicht ist dies mit ein Grund für die analytische Oberflächlichkeit und Blässe im Blick auf die hinter dem Prozess der Globalisierung stehenden Triebkräfte und Machtkonstellationen. Wird in der „Stellungnahme" davon gesprochen, dass die „Schattenseiten (dieses Prozesses) unverkennbar" seien, so nennen die ökumenischen Dokumente ungeschminkt Ross und Reiter. So heißt es im Dokument des Ref. Weltbundes: „Darum sagen wir Nein zur gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen Kapitalismus aufgezwungen wird. Nein aber auch zu allen anderen Wirtschaftsformen, ... die Gottes Bund verachten, indem sie die Notleidenden, die Schwächeren und die Schöpfung in ihrer Ganzheit der Fülle des Lebens berauben. Wir weisen jeden Anspruch auf ein wirtschaftliches, politisches und militärisches Imperium zurück, das Gottes Herrschaft über das Leben umzustürzen versucht, und dessen Handeln in Widerspruch zu Gottes gerechter Herrschaft steht." Auch die Arbeitshilfe des ÖRK identifiziert den Neoliberalismus als „Die Ideologie, welche die Konzentration von vielschichtigen Machtstrukturen begründet, vorantreibt und zu legitimieren sucht." Diese Ideologie, so urteilt der Ref. Weltbund, „tritt mit dem Anspruch auf, alle Lebenssphären beherrschen zu wollen und verlangt absolute Gefolgschaft, was einem Götzendienst gleichkommt."

Die negativen Einwirkungen des „Imperiums" auf Erde, Menschen und das Leben insgesamt kommen in den Voten aus den Kirchen in den verschiedenen Weltteilen zur Sprache. Das Synodalpapier verweist auf die partnerschaftlichen Beziehungen der pfälzischen Landeskirche und bittet u.a. Gemeinden und Einrichtungen „Anliegen und Äußerungen der Kirchen des Südens aufzugreifen." Es ist anzunehmen, dass die „Stellungnahme" anders ausgefallen wäre, entschiedener und mutiger, wenn die Stimmen der Partner, sowohl der uns in der Pfalz besonders nahestehenden Partner, als auch der Partner in der größeren Gemeinschaft des EMS bzw. des ÖRK, gehört und ernst genommen worden wären. Berichte oder Äußerungen von pfälzischen Partnern der Landeskirche und etlicher Gemeinden z.B. in Ghana, Westpapua/Indonesien, in Bolivien und auf den Philippinen hätten der Synode überdeutlich machen können, welche gravierenden Auswirkungen der Globalisierungsprozess für die allermeisten Menschen und den Lebensraum in diesen Ländern mit sich bringt.

Angesichts der Bedrohungen von „Gottes Haushalt des Lebens" (ÖRK), kommt der „verwandelnden Gerechtigkeit" zentrale Bedeutung zu. Sie, die Kirchen, werden aufgefordert „Gottes Reich der Gerechtigkeit und des Lebens für alle selbst zu verkörpern". Sie werden aufgerufen sich „dem Kampf um Gerechtigkeit anzuschließen, indem sie gegen ungerechte und destruktive Mächte Widerstand leisten und mit anderen Glaubensgemeinschaften, Kulturen und sozialen Bewegungen eine AGAPE-Gesellschaft aufbauen, ganz gleich ob der Kampf auf lokaler, regionaler, kontinentaler oder globaler Ebene stattfindet"(ÖRK). In der „Stellungnahme" wird das Wort „Gerechtigkeit" nur einmal im Zusammenhang mit Frieden und Bewahrung der Schöpfung erwähnt. Das synodale Papier hätte Tiefe erhalten, wenn wie im Dokument des Ref. Weltbundes „die Frage der globalen wirtschaftlichen Gerechtigkeit eine für die Integrität unseres Gottesglaubens und unserer Nachfolgegemeinschaft als Christinnen und Christen grundlegende Frage" angesehen worden wäre. (Es wäre wohl schon, mehr erreicht worden, wenn man sich an die Thesen von M. Gärtner zu „Menschenrechte und Wirtschaftsinteressen" [Pfälzisches Pfarrerblatt, Nr. 5/2005] gehalten hätte.) Dabei wäre vielleicht auch ein Stück „Demut" zum Ausdruck gekommen, in der wie im Dokument des Ref. Weltbundes von der eigenen, der Christen und Kirchen „Gefangenschaft", von „Mittäterschaft und Mitschuld" im gegenwärtigen Wirtschaftssystem gesprochen wird. Eingeständnisse dieser Art kamen in unserer Kirche schon zu Wort. Ich erinnere an das von der Landessynode 1993 verabschiedete „Memorandum zur Pfälzischen Union", in dem man in protestantischer Freiheit feststellte: „Wir sind verstrickt in das Profit- und Konsumstreben, das weltweit unterdrückende Abhängigkeiten geschaffen hat." Ferner, wir sind zum kritischen Einspruch „gegen gesellschaftliche und geistige Verknechtungstendenzen und zur Entlarvung ideologischer Glücksversprechen" befreit. Solche Sätze sucht man vergeblich in der jüngsten Äußerung der Synode.

Wie dramatisch und dringlich die Herausforderungen für unsere Gesellschaft und für den gesellschafts- und weltdiakonischen Dienst der Kirchen sind, mag ein Zitat aus dem kürzlich erschienenen, nachdrücklich zur Lektüre empfohlenen „Report des Wuppertaler Instituts" mit dem Titel „Fair Future" signalisieren. Es heißt da ganz dezidiert: „Es ist hohe Zeit das Wohlstandsmodell der Industriemoderne auf den Prüfstand zu stellen. Mehr Gerechtigkeit in der Welt ist auf dem Verbrauchsniveau der Industrieländer nicht zu erreichen. So steht die Entwicklung an einem Scheideweg: Entweder bleibt die Mehrheit der Welt vom Wohlstand ausgeschlossen oder das Wohlstandsmodell wird so umgestaltet, dass alle daran teilnehmen können, ohne den Planeten ungastlich zu machen."

Die „Stellungnahme" der Synode ist an die Gemeinden und Einrichtungen der Landeskirche verschickt worden. Wie zu hören ist, sollen die gesamtkirchlichen Dienste die in der Synode verhandelten Schwerpunktthemen in ihre Arbeits- und Veranstaltungsprogramme aufnehmen. Es bleibt zu hoffen, dass bei der Umsetzung der Themen die internationalen, ökumenischen Gesprächsergebnisse sowie die aufrüttelnden Fakten und Folgerungen des Wuppertal Reports profiliert präsentiert und diskutiert werden.




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