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Frank-Matthias Hofmann
Johanna-Wendel-Straße 15, 66119 Saarbrücken

 

 

 

Manfred Gailus: „Mir aber zerriss es das Herz“ – Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht), 320 Seiten, geb., ISBN 978-3525550083

 

Erst 1999, also 22 Jahre nach Elisabeth Schmitz’ Tod, enthüllte Dietgard Meyer, eine ehemalige Schmitz-Schülerin und Freundin, das wahre Geheimnis dieser jungen Frau, die während der ersten Jahre des Dritten Reiches auf die Barbarei der Judenverfolgung aufmerksam gemacht und so mutig Widerstand geleistet hatte.

 

Elisabeth Schmitz ist die Verfasserin der berühmten „Denkschrift“ von 1935/36, deren Autor lange als unbekannt galt. Die „Denkschrift zur Lage der deutschen Nichtarier“ war auch in den Kreisen der Bekennenden Kirche bekannt. Aber wegen der deutlichen Sprache und der Brisanz des Inhalts wagte man aus Angst vor Repressalien nicht, diesen schriftlichen Aufschrei gegen das Unrecht an den Juden in Deutschland zu verteilen. Die Kirche fürchtete sich vor den Folgen einer solch deutlichen Stellungnahme.

 

Das vorliegende Buch enthält nicht nur den vollständigen Text dieser Denkschrift, sondern rekonstruiert das Leben und Wirken dieser lange in Vergessenheit geratenen Studienrätin aus Hanau, die in Berlin nach 1933 wieder und wieder den Dialog mit Theologen und der evangelischen Kirche gesucht hatte. In Appellen, Memoranden und Briefwechseln mit Gollwitzer, Niemöller, Karl Barth und Friedrich von Bodelschwingh versuchten sie, die kirchlichen Meinungsführer zu mobilisieren und die offizielle Haltung der Kirche zu dem Skandal der Judenverfolgung zu ändern. Ohne Erfolg.

 

Die „Denkschrift“ von 1935/36 gilt als frühes Zeugnis der historischen Tatsache, dass man in Deutschland bereits sehr früh wissen konnte, dass die systematische Ausgrenzung und Verfolgung der Juden (bzw. Nichtarier) nicht nur auf eine „Endlösung“ der rassischen, ökonomischen und kulturellen Säuberung der deutschen Gebiete abzielte, sondern auch die physische Vernichtung der Juden in Deutschland und anderswo zum Ziel haben könnte.

 

Die Autorin nennt in ihrer scharfen Analyse der deutschen Verhältnisse Ross und Reiter. Sie spricht von einem „Meer von Hass, Verleumdung und Gemeinheit“, das sich vor den Nichtariern im Dritten Reich auftut. Die Beispiele rassistischer Propaganda und Polemik sowie offener Aggression gegen jüdische Mitbürger lassen auch dem heutigen Leser noch kalte Schauer über den Rücken laufen. Wie viel stärker muss diese Schrift jedoch auf die Zeitgenossen Schmitz’ gewirkt haben, die in dieser Gesellschaft und Un-Kultur lebten?

 

In etwa 200 Exemplaren vervielfältigt, galt die Denkschrift als eine genaue Analyse der innenpolitischen Verhältnisse im Dritten Reich. Schritt für Schritt werden die einzelnen Maßnahmen der nationalsozialistischen Rassenpolitik in allen Details aufgeführt und die Schlussfolgerungen daraus gezogen.

Jedem Leser dieser Denkschrift musste klar sein, dass die Nazis mit diesen Maßnahmen letztlich nur einen Zweck erfolgten: die totale Auslöschung nichtarischen Lebens in Deutschland. Die abwartende Haltung der Kirchen wurde kritisiert, die Kirche zum Handeln aufgerufen. Aber nichts passierte zu einer Zeit, in der eine durch die Kirchen angestoßene Wende in breiten Teilen der Bevölkerung vielleicht noch möglich gewesen wäre. Doch diese Vermutung ist rein hypothetisch. Die Nürnberger Gesetze führten direkt in die Pogromnacht vom 9. November 1938 und danach in die Gaskammern der KZs von Auschwitz, Bergen-Belsen und Buchenwald.

 

Die klare Sprache und die erschreckende Prognose der Vernichtung der Juden in Deutschland sorgten dafür, dass der Text „Zur Lage der Nichtarier in Deutschland“ von der Kirche zwar zur Kenntnis genommen wurde, man jedoch nicht wagte, den Text im eigenen Namen zu veröffentlichen oder klar Position zu beziehen.

 

Der Urheber dieser Schrift blieb lange unbekannt. Erst über sechzig Jahre nach Erscheinen wurde Elisabeth Schmitz als Autorin enthüllt.

 

Elisabeth Schmitz hat jedoch nicht nur diese Schrift verfasst, sondern auch mit anderen Mitteln in offener und verborgener Weise gegen die Politik des Dritten Reiches Widerstand geleistet. Der 9. November 1938 ist der letzte Tag, an dem sie als Lehrerin die Schule betrat. Die Reichspogromnacht mit den brennenden Synagogen und den verfolgten und offen angefeindeten Juden ist für sie der letzte Anstoß, der sie in ihrer Entscheidung bestätigt, den Schuldienst aus eigenem Antrieb zu quittieren. Sie musste sich von der unerträglichen Pflicht befreien, ihren Schülern das nationalsozialistische Gedankengut in den Fächern Geschichte, Deutsch und Religion nahe bringen zu müssen.

 

Die Entscheidung, von sich aus den Schuldienst zu quittieren, war 1938 nicht ungefährlich. Diese Dienstverweigerung kam einem offenen Widerstand nahe und konnte zu schweren Sanktionen führen. Überraschender Weise wurde ihre Kündigung kommentarlos angenommen und ihr sogar eine kleine Pension gewährt.

 

Elisabeth Schmitz half seit der Machtübernahme 1933 ihren jüdischen Freundinnen und Bekannten. So gewährte sie der Ärztin Dr. Martha Kassel jahrelang Unterkunft in ihrer Wohnung. Dr. Kassel konnte 1938 nach den ersten Pogromen noch emigrieren. Doch bereits ein Jahr zuvor wurde Schmitz denunziert und wegen dieses Vergehens vernommen.

 

Elisabeth Schmitz blieb bis 1943 in Berlin und unterstützte weiter jüdische Mitbürger in ihrer Wohnung und in dem kleinen Häuschen in Wandlitz. 1943 ging sie zurück nach Hanau, wo sie das Kriegsende erlebte.

 

Nach dem Krieg nahm sie in Hanau wieder den Schuldienst auf und wurde 1958 pensioniert. Sie lebte bis zu ihrem Tod 1977 in Hanau und engagierte sich im Hanauer Geschichtsverein, in dem sie auch die Forschung zur Geschichte des jüdischen Lebens in Hanau beförderte.

 

Manfred Gailus ist Professor für Neuere Geschichte in Berlin. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte der protestantischen Kirchen seit dem Kaiserreich. Mit dem Buch „Mir aber zerriss es das Herz“ legt er die erste Biografie von Elisabeth Schmitz vor.

 

Gailus hat sehr viel Material zum Leben der Elisabeth Schmitz zusammengetragen. Auf 220 Seiten mit zahlreichen Abbildungen finden wir das Leben dieser „protestantischen Heiligen“ anschaulich nachgezeichnet und ihr Handeln in den historischen Kontext gestellt. Es war ein stilles Leben, ein Wirken im Verborgenen, das deswegen jedoch nicht weniger wichtig ist für die Erkenntnis der Nachgeborenen, dass Widerstand gegen die Nazi-Diktatur durchaus möglich war.

 

Wer seinen Verstand nicht am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtergreifung, wie einen Hut an den Nagel hing und erst 1945 wieder aufsetzte, der konnte genau hinsehen, Eins und Eins zusammen zählen und dann überlegen, was er gegen das Unrecht tun könnte.

 

„Mir aber zerriss es das Herz“ ist die bewegende Lebensgeschichte einer mutigen Frau, die versuchte, die Kirchen zum Widerstand gegen die Nazi-Diktatur zu bewegen, und die aus eigenem Antrieb und mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gegen das Unrecht kämpfte. Es ist die Geschichte eines vorbildlichen Handelns unter dem Schatten einer Diktatur und einer zutiefst von Nächstenliebe geprägten Haltung gegenüber den Verfolgten und Geschändeten. Es ist die Geschichte der Elisabeth Schmitz.

 

Das vorliegende Buch wird die Erinnerung an dieses tapfere Leben für die Nachwelt bewahren.

 

Autor: Manfred Gailus
Titel: “Mir aber zerriss es das Herz – Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz”
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
ISBN-10: 3525550081
ISBN-13:


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